Dienstag, 23. April 2019
Mittwoch, 18. Oktober 2017

TORGAU

Ein großer Tag für Elaha

Übergabe der Sprachzeugnisse durch die Hochschule Zittau.Foto: privat

Von Jochen Hesse

Torgau/Leipzig. Elaha Fakhri hat es geschafft. Seit dem 1. Oktober ist sie Studentin der Hochschule für Technik, Wissenschaft und Kultur Leipzig im Masterstudiengang für Bauingenieure.

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Vor drei Jahren und drei Monaten kam sie als Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland – über das Aufnahmelager in Chemnitz sofort nach Torgau – und hatte immer den festen Willen, dieses Ziel zu erreichen. Bis zum August 2016 lebte sie in der Kreisstadt, am Dr.-Külz-Ufer 14. In den beiden Jahren hatte sie sich gut eingelebt, dolmetschte unter anderem für das DRK oder die Ausländerbehörde, war bei der Interkulturellen Woche im KAP dabei und hat auch ein paar Wochen das Berufliche Schulzentrum im Fach Deutsch besucht.   

In dem Jahr, als sie eigentlich eingeschult werden sollte, marschierten die Taliban in Kabul ein und verboten den Schulbesuch von Mädchen. Ihre Mutter wurde gezwungen, die Burka zu tragen. Elaha blieb dies erspart, da sie noch zu jung war. Eine Lehrerin unterrichtete sie zu Hause. Und so konnte sie später ab Klasse 6 die High School in Afghanistan besuchen und ohne Zeitverzug 18-jährig mit dem Abitur abschließen.

Der Berufsweg war ihr wohl in die Wiege gelegt, Mutter und Vater sind Bauinge-
nieure. So nahm auch sie das Studium als Bauingenieur auf, lernte dort auf Englisch nach amerikanischem Lehrmaterial und schloss nach drei Jahren an der Universität in Kabul erfolgreich mit dem Bachelor (Sc.) ab. Eine Zeit der Berufstätigkeit in der Projektierung folgte. Als ihre Familie beschloss, das vom Krieg gezeichnete Land zu verlassen, hatte Elaha Fakhri den festen Willen, ihren beruflichen Weg fortzusetzen.
Es war ein völlig neuer Anfang. Sie kannte kein Wort Deutsch.

Als sie auf der Straße „Morgen!“ hörte, ahnte sie, dass dies etwas mit dem englischen „Good morning“ zu tun haben könnte. Elahas Muttersprache ist Dari, eine Variante des Neupersischen.  Sie lernte relativ schnell, sich etwas auf Deutsch zu verständigen. Dabei half auch ihr Vermögen, ersatzweise fließend auf Englisch zu kommunizieren.

Nach ein paar Wochen Sprachkurs in der Volkshochschule kam ein Aus. Die Bundesrepublik beschloss, nur noch Menschen aus wenigen ausgewählten Ländern eine bessere sprachliche Ausbildung zu gewähren. Afghanistan war nicht dabei. Elaha Fakhri gab nicht auf: Mit viel Fleiß erarbeitete sie sich selbstständig den Stoff zweier umfangreicher Deutschbücher. Vor allem aber halfen ihr deutsche Freunde, darunter ein Bauingenieur i.R., der ihr deutsches Fachwissen und Fachlexik vermittelte. So konnte sie schließlich, ohne an einem Kurs teilgenommen zu haben, die Sprachprüfung Deutsch B1 an der Volkshochschule in Torgau mit sehr gutem Ergebnis abschließen.

Dies war der Schlüssel zur nächsten Etappe ihres Lebens. Eine erfüllte Voraussetzung für die Studienbewerbung. Weil Bauingenieure in ihrem Beruf auch mobil sein müssen, erarbeitete sich Frau Fakhri den Pkw-Führerschein und das zugehörige Deutsch. Gedankt sei der Fahrschule Schnabel aus Zinna. Gedankt sei auch den Firmen Straßenbau EZEL und Bau- und Brandschutzplan Hirschmüller, wo sie einen Einblick in die Arbeit deutscher Baubetriebe erhalten konnte. Mittlerweile kennt sie auch schon die Konstruktion der Talsperre Wendefurth nebst messtechnischen Kontrollvorrichtungen von innen, das wieder aufgebaute Dresdener Schloss, die riedgedeckten Häuser des Spreewaldes und Umgebindehäuser der Oberlausitz, verschiedene Kirchen und Kathedralen.

Elaha beim studentischen Vermessungspraktikum in Kabul.

Die DDR-typischen Plattenbauten waren für sie nichts Neues. In Kabul gibt es die Stadtteile namens Makrorayon mit ebensolchen Bauten. Rayon? Älteren Bürgern mag dies bekannt im Ohr klingen. Richtig, das russische Wort für „Kreis“, und die Bauten sind ein Erbe der sowjetischen Besatzungszeit in Afghanistan.

Bereits Anfang 2016 nahm Elaha Fakhri die Gelegenheit wahr, die HTWK Leipzig am Tag der offenen Hochschultür kennenzulernen. Ihr afghanisches Hochschulzeugnis wurde geprüft. Die bedingte Zulassung zum Studium folgte. „Bedingt“ – das hieß, zur Aufnahmeprüfung zu einem einjährigen Deutschkurs an der Hochschule in Zittau delegiert zu werden. Elaha Fakhri bestand sie und wurde mit harten Anforderungen konfrontiert. Insbesondere bei der Transformation von gegebenen Sachverhalten in verschiedene grammatische Strukturen wurden auch Dinge verlangt, die wohl nicht einmal im Deutschunterricht für Deutsche eine Rolle spielen. Weil wir sie mit der Muttermilch einsaugen. Deutsche Zeitungen und das deutschsprachige Fernsehen halfen ihr beim Lernen der deutschen Sprache und beim Kennenlernen unserer Gesellschaft. 

Nach der Immatrikulationsfeier im Gewandhaus Leipzig. Fotos: Privat

Am 7. Juli 2017 war es so weit. Der prächtige holzgetäfelte Saal des Zittauer Rathauses war mit vielen Menschen gefüllt: Vertreter der Hochschule, der Stadt, angehende Gaststudenten aus Ländern wie Polen, Russland, Brasilien, Indien, Nepal, Japan, Vietnam, Marokko und auch Migranten. Verwandte und Freunde waren angereist. In einer großen Feierstunde erhielt Elaha Fakhri die Urkunde zur bestandenen Prüfung des Kurses DSH-2 (Deutsche Sprache für den Hochschulzugang).

Nur fünf von 13 Kursteilnehmern ihrer Gruppe hatten den hohen Anforderungen Stand gehalten. Und sie war die einzige Migrantin unter ihnen, die es geschafft hatte. Die Zulassung zum Masterstudium folgte auf dem Fuße. Sie hat die Spezialisierungsrichtung Hochbau/Bauwerkserhaltung gewählt. Die Immatrikulationsfeier im Gewandhaus Leipzig war ein lang ersehnter Höhepunkt in ihrem Leben. Und für die Augen einer Bauingenieurin ein ganz besonderes Erlebnis. Elaha Fakhri ist angekommen.


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