Mittwoch, 21. Oktober 2020
Donnerstag, 26. Oktober 2017

TORGAU

Der jüngste IM war erst elf Jahre alt

Müller-Enbergs vor Schülern des JWG. Foto: DIZ

Elisabeth Kohlhaas, DIZ Torgau

Torgau. Vor zahlreichen Besuchern sprach Dr. Helmut Müller-Enbergs in der vergangenen Woche im DIZ Torgau über die Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS).

Facebook Twitter WhatsApp Mail Drucken

Dabei traf er auch einige Aussagen über IM in Torgau. Als wissenschaftlicher Referent bei der Stasi-Unterlagen-Behörde und Honorarprofessor an Universitäten in Dänemark und Schweden wertet Müller-Enbergs seit 25 Jahren die Akten von IM aus.

Auf dieser breiten Quellenbasis hat er sich ein umfängliches Bild der IM erarbeitet. Sowohl in Bezug auf die Motive als auch auf das Handeln der IM, so lautete seine wesentliche These, müsse man genau hinschauen. Es komme auf den Einzelfall an, wolle man die Beweggründe und die Wirkung der IM richtig einschätzen. Nicht nur der Staatssicherheitsdienst nutzte IM zur konspirativen Beschaffung von Informationen.

Es gab weitere Nachrichtendienste in der DDR, über deren Informelle Mitarbeiter heute nur wenig bekannt ist, weil ihre Akten 1989 vernichtet wurden. So unterhielt beispielsweise die Kriminalpolizei (Kripo) einen eigenen Nachrichtendienst, dem etwa 15 000 IKM – Inoffizielle kriminalpolizeiliche Mitarbeiter – zuarbeiteten. Sie waren insbesondere auf Religionsgemeinschaften angesetzt.

Rede man über die IM der Stasi, so Müller-Enbergs, so rede man also nur über einen Teil aller IM. Jedoch über den größten Teil: 189 000 IM hatte die Staatssicherheit zum Schluss. Das sei nach Müller-Enbergs im Verhältnis zur Bevölkerungszahl der DDR eine sehr hohe Zahl. Unter ihnen waren Minderjährige, davon viele 16- und 17-Jährige. Der jüngste IM stammte übrigens aus dem heutigen Nordsachsen. Er war nur 11 Jahre alt.

Anhand von Einzelbeispielen verdeutlichte Müller-Enbergs unterschiedliche Motivlagen der IM für eine Verpflichtung als heimlicher Stasi-Zuträger. Etwa ein Drittel der vom MfS Angesprochenen lehnte ab. Etwa drei Prozent der IM wurden tatsächlich erpresst, um die Zusammenarbeit mit dem Staatssicherheitsdienst zu erzwingen. Mehr als die Hälfte aller IM stimmte aus der Angst heraus zu, dass ihnen nach einem „Nein“ schwerwiegende Nachteile erwachsen würden – nach den heutigen Erkenntnissen eine weitgehend unbegründete Angst, so Müller-Enbergs.

Viele IM verbanden mit der heimlichen Stasi-Kooperation ideelle Motive. Die lagen nicht unbedingt in ihrer Verbundenheit mit dem Sozialismus. Oft war es auch das Motiv, Schaden abwenden zu wollen, beispielsweise von der Familie oder von Mitarbeitern. So hatte es ihnen das MfS zumindest vorgegaukelt. Die Zahl der Informellen Mitarbeiter in Torgau war nach Müller-Enbergs mit über 400 vergleichsweise hoch.

Unter den verschiedenen Kategorien der IM sind besonders die sogenannten IMB hervorzuheben: die „Inoffiziellen Mitarbeiter der Abwehr mit Feindverbindung bzw. zur unmittelbaren Bearbeitung im Verdacht der Feindtätigkeit stehender Personen“. Sie bespitzelten direkt diejenigen Menschen, die das MfS als feindlich gesinnt einstufte. „Diese IM produzierten Haftstrafen“, so Müller-Enbergs. Von ihnen gab es in Torgau sechs.

Der gelungene Abend zeigte, dass auch fast 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution das Interesse der Besucher groß ist, Näheres über das Vorgehen und die Wirkungsweise des Ministeriums für Staatssicherheit zu erfahren. Zusätzlich zu seinem Vortrag im DIZ Torgau sprach Müller-Enbergs am folgenden Tag auch vor den Schülern der Jahrgangsstufe 12 des Johann-Walter-Gymnasiums über dieses Thema.


Das könnte Sie auch interessieren

TZ-ePaper

ePaper lesen

Lesen Sie das ePaper der Torgauer Zeitung bequem zu Haus oder unterwegs.

Jetzt 14 Tage lang unverbindlich testen!

 
Verlademöglichkeiten im Hafen Torgau
03.11.2020, 15:00 Uhr - 18:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
04.11.2020, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Treffpunkt für Unternehmen: Online-Bewertungen
04.11.2020, 09:00 Uhr - 10:30 Uhr
12. Leipziger Personalforum
05.11.2020, 14:00 Uhr - 18:00 Uhr
Informationsveranstaltung: Export für Einsteiger
09.11.2020, 09:00 Uhr - 17:00 Uhr
Ausbilder-Stammtisch der IHK zu Leipzig
23.11.2020, 14:00 Uhr - 16:00 Uhr
Die neuen GoBD in der Praxis
23.11.2020, 15:00 Uhr - 17:00 Uhr
Steuerliche Informationen für Existenzgründer
24.11.2020, 15:00 Uhr - 18:00 Uhr
So unterstützt der Staat bei der Fachkräftesicherung
25.11.2020, 16:30 Uhr - 18:00 Uhr
Workshop LinkedIn Marketing
30.11.2020, 17:00 Uhr - 19:00 Uhr
ÖPNV-Sprechtag: Mobilitätsberatung für Unternehmen
01.12.2020, 14:00 Uhr - 17:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
02.12.2020, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Der GmbH-Geschäftsführer
10.12.2020, 17:00 Uhr - 19:30 Uhr

Weitere Veranstaltungen unter:
www.leipzig.ihk.de
 

Aktuelle Bildergalerien

AKTIONEN

TZ-Probelesen

Torgau-Plus

Wanderführer

Feste und Gäste

INFOS & EMPFEHLUNGEN

laga