Montag, 17. Mai 2021
Freitag, 27. Oktober 2017

Tabu-Thema sexueller Missbrauch

In Leipzig sprachen Experten über den sexuellen Kindesmissbrauch in der DDR. Foto: Gedenkstätte Jugendwerkhof

von unserem Redakteur Christian Wendt

Torgau. Sexueller Missbrauch war in der DDR ein Tabu-Thema. Die Heimatzeitung sprach darüber mit Gabriele Beyler von der Torgauer Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof.

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Torgau. Die Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs lud vor wenigen Tagen nach Leipzig, um dem Thema „Sexueller Kindesmissbrauch in der DDR“ öffentlich Gehör zu verschaffen. Betroffene sowie Experten aus Politik und Wissenschaft sprachen dabei über Strukturen des Missbrauchs in der DDR und den Umgang mit betroffenen Kindern und Jugendlichen. Mit dabei war auch Gabriele Beyler von der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau. Mit ihr sprach die Torgauer Zeitung darüber, wie verbreitet sexueller Missbrauch im Geschlossenen Jugendwerkhof war.

TZ: Frau Beyler, wie war die Situation damals in der Torgauer Einrichtung?
Gabriele Beyler:
Auch hier sind Fälle sexuellen Missbrauchs bekannt geworden. Betroffene haben unabhängig voneinander teilweise ähnliche Vorfälle geschildert.

Um wie viele Fälle handelt es sich?
Bis heute haben sich in unserer Einrichtung 232 Betroffene von sexualisierter Gewalt und Missbrauch gemeldet. Dies umfasst übrigens sämtliche DDR-Heime. Neben den Spezialkinderheimen und Jugendwerkhöfen, die ausschließlich der Umerziehung dienten, meldeten sich auch Betroffene aus normalen Heimen. Auffällig war dabei ebenso der Missbrauch in sogenannten Pflegefamilien, in denen Kinder über kurze oder längere Zeit untergebracht waren.

Gab es innerhalb der verschiedenen DDR-Heimeinrichtungen Unterschiede?
Mit Blick auf die Berichte und Gespräche mit Betroffenen lässt sich dies zunächst nicht erkennen. Es braucht dringend Forschung und Aufarbeitung, um auch diese Frage endgültig beantworten zu können. Wir können heute nur dankbar sein, dass sich im Zuge der Missbrauchsdebatte im Jahr 2010 auch ehemalige DDR-Heimkinder erstmals öffentlich zu sexuellem Missbrauch geäußert haben – den wir übrigens aufgrund der zahlreichen Zeitzeugengespräche seit 1996 schon immer vermutet haben. Allerdings haben die Betroffenen selbst auf Nachfrage bis dahin geschwiegen.

Wie gingen die Opfer mit der Pein um?
Es gab für sie gerade in den Heimen keine Möglichkeit, sich irgendwohin zu wenden. Wenn sie sich doch einem Heimleiter oder Erzieher anvertrauten, wurde ihnen oftmals nicht geglaubt. Erst wenn Vorfälle offensichtlich wurden oder drohten öffentlich zu werden, hat man reagiert. Es kam zu Ermittlungen, die unter anderem mit Versetzungen des Täters endeten. In der Regel aber haben die Betroffenen geschwiegen. Es gibt immer noch eine extrem hohe Dunkelziffer, was vergangenen und heutigen Kindesmissbrauch anbelangt.

Wie haben die Opfer die Situation verarbeitet?
Aus Angst vor erneuter Stigmatisierung oder Schuld- und Schamgefühlen verdrängen viele Betroffene diese traumatischen Erlebnisse bis heute. Wie gesagt, erst mit der öffentlichen Präsenz des Themas im Jahre 2010 haben sich auch die Missbrauchsopfer aus DDR-Heimen erstmals geäußert. Ihrem Mut ist es zu verdanken, dass damit ein dunkles Kapitel der DDR-Heimerziehung öffentlich wurde. Leider wurden sie im Zuge der Anerkennung und Unterstützung von Missbrauchsopfern erneut als Opfergruppe degradiert.

Inwiefern?
Obwohl die Missbrauchsopfer in DDR-Heimen maßgeblich zur Einrichtung des Fonds Missbrauch beigetragen haben, bleiben ihnen bis heute Hilfeleistungen aus dem Fonds versagt. Eine Gleichbehandlung der Missbrauchsopfer unabhängig von Raum und Zeit des erlebten Missbrauchs findet nicht statt.

Gab es in den Heimen bevorzugte Opfergruppen?
Das lässt sich so genau noch nicht sagen, schließlich steht die Aufarbeitung noch ganz am Anfang. Erst im vergangenen Jahr kam es durch die Bundesregierung zur Einrichtung der Unabhängigen Aufarbeitungskommission. Bei einer ersten Auswertung der Berichte und Aussagen von Betroffenen, die sich 2010/2011 in der Gedenkstätte gemeldet haben, war jedenfalls auffallend, dass die Betroffenen oftmals keine familiären Bindungen mehr hatten, sie sexuellen Missbrauch bereits vor der Heimeinweisung erlebt haben oder schon sehr lange Zeit im Heim waren.

Waren die Missbrauchsfälle unter den Insassen des Torgauer Jugendwerkhofs eigentlich bekannt?
Auch das kann noch nicht eindeutig beantwortet werden. Auffällig und erschreckend ist, dass die Betroffenen selbst untereinander geschwiegen haben. Man hat sich, anderes als man vermuten würde, nicht über diese Vorfälle untereinander ausgetauscht. Auch hier spielen ganz sicher Schuld- und Schamgefühle in Verbindung mit der Drohung des Täters eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Wurden die Täter bestraft?
Fakt ist, in der DDR gab es offiziell keinen sexuellen Kindesmissbrauch. Es wurde weder privat noch öffentlich darüber gesprochen. Sexueller Kindesmissbrauch war einfach kein Thema. Erste grundsätzliche Erkenntnisse dazu liefert jetzt eine erste Expertise von Dr. Christian Sachse, Stefanie Knorr und Benjamin Baumgart, die bei der Gesprächsrunde in Leipzig vorgestellt worden ist.

Welchen Anteil machen die Opfer sexueller Gewalt in den vielen Gesprächsrunden in der Torgauer Gedenkstätte aus?
Das ist schwierig zu sagen, aber von 156 Heimkindern, die sich beispielsweise im vergangenen Jahr erstmals bei uns gemeldet hatten, berichteten gut 30 auch von sexuellem Missbrauch. Wir haben als Gedenkstätte bereits im Oktober 2011 für diese Betroffenen mit der Einrichtung einer Selbsthilfegruppe ein erstes Hilfsangebot auf den Weg gebracht. Sie ist bis heute die bundesweit einzige Selbsthilfegruppe für Missbrauchsopfer in DDR-Heimen. Sie trifft sich nun schon seit sechs Jahren regelmäßig einmal monatlich in Begleitung eines Trauma-Therapeuten in der Gedenkstätte. Durch die öffentliche Präsenz des Themas melden sich immer mehr Betroffene. Unabhängig davon muss die Mehrfachbetroffenheit der Missbrauchsopfer in DDR-Heimen endlich in der Politik erkannt und anerkannt werden.

Hier wird immer noch mit zweierlei Maß gemessen?
Jene Mehrfachbetroffenen müssen neben den Folgen repressiver Heimerziehung noch ein weiteres Trauma bewältigen. Dazu braucht es dringend Hilfe und Unterstützung. Sie haben den gleichen Anspruch über den Fonds Missbrauch wie alle anderen Betroffenen von sexualisierter Gewalt und Missbrauch im familiären und institutionellem Bereich.  Nur weil die Opfergruppe der DDR-Heimkinder im Einigungsvertrag 1990 vergessen und kein Rechtsnachfolger für die DDR-Heime benannt wurde, kann man diese Betroffenen heute nicht von möglichen Hilfeleistungen ausschließen. Schließlich verweigert man ihnen damit auch die öffentliche Anerkennung des ihnen widerfahrenen Unrechts in der Kindheit und Jugend.


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