Montag, 30. November 2020
Donnerstag, 12. April 2018

TORGAU

"Die Stasi setzte statt auf Akademiker auf Loyalität"

Dr. Helmut Müller-Enbergs (rechts)Foto: TZ/Ch. Wendt

von unserem Redakteur Christian Wendt

Torgau. Mit dieser Resonanz hatte das Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Torgau am Dienstagabend nicht gerechnet: Selbst die zusätzlich herbeigeschafften Stühle konnten die Zuhörerschar nicht fassen.

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Wer Glück hatte, ergatterte noch einen hölzernen Schemel. Wer Pech hatte, fand keinen Einlass mehr.Auch drei Jahrzehnte nach der politischen Wende 1989/90 fesselt ein Thema nach wie vor: Nach dem großen Interesse an seinem ersten Stasi-Vortrag über Inoffizielle Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes der DDR in Nordsachsen im Okto ber 2017, hatte Dr. Helmut Müller- Enbergs am Dienstag noch deutlich mehr Besucher ins DIZ gelockt.

Der langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde BStU (Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik) und Professor an der Universität Odense in Dänemark hatte es diesmal konkret auf die Kreisdienststelle Torgau des Ministeriums für Staatssicherheit abgesehen. Anhand überlieferter Stasi-Akten wurden deren Struktur und Arbeitsweisen der Überwachung thematisiert.

Es war ein sehr unterhaltsamer Abend, der sich den Zuhörern bot. Bestand die Gefahr, dass das Vortragen eigentlich belangloser Anhäufungen von Beobachtungsergebnissen die Sache sogar ins Lustige abgleiten ließ, hob der Referent warnend den Zeigefinger: „Natürlich hatte die Arbeit der Stasi ernsthafte Folgen für Betroffene.“ Was er meinte waren psychischer Terror, Haft oder gar Zwangsübersiedlungen in den Westen.

Doch rein analytisch betrachtet sei die Dienststelle Torgau mit den drei Dutzend hauptamtlichen Mitarbeitern eine sehr kleine innerhalb der ehemaligen DDR gewesen. Dies lasse darauf schließen, dass hiesige „Problemlagen“ als gering eingeschätzt wurden. Ebenso habe es in der Kreisstadt bei Weitem nicht jene Repressionshärte gegeben, die andere Dienststellen aufgewiesen hätten.
Obgleich die Genossen 1989 noch einen Großteil der Akten vernichtet hätten und es dadurch zu empfindlichen Lücken in der Aufarbeitung der Geschichte der Kreisdienststelle gekommen sei, konnte sich Müller-Enbergs dennoch aus einem Füllhorn persönlicher Akteneinträge bedienen.

Dabei wurde deutlich, dass die Stasi nicht nur Republikgegner im Visier hatte. Angesichts des Flako-Beispiels ging es der „Firma“ beispielsweise auch um eine Optimierung der Produktion. So sollte Torgau einst 85 Prozent des in der DDR benötigten Tafelglases herstellen und Westimporte damit obsolet machen. Doch jene Steigerung habe es nie gegeben. Gründe waren Fahrlässigkeiten und technische Mängel. Das Besondere an der Torgauer Kreisdienststelle sei jedoch gewesen, dass diese mitunter auch den Mut aufbrachte, das Fehlverhalten leitender Funktionäre zu benennen und auf Korruption aufmerksam zu machen.

Dies sei nach Angabe Müller-Enbergs in anderen Dienststellen nur ganz selten vorgekommen. Der Experte sprach’s und setzte mit dem Satz „da hatte Oberstleutnant Karl-Heinz Böhm Mut“ dem noch eins drauf. Böhm war drei Jahrzehnte Chef der Torgauer Kreisdienststelle. Als gelernter Tischler konnte er keine akademische Ausbildung vorweisen. Erst nach und nach seien in der Kreisdienststelle auch Studierte eingezogen – so zum Beispiel Jürgen Pabst, Böhms späterer Stellvertreter.

Dass der Verzicht auf akademische Titel kein Zufall war, belegt auch der Fall Wolfgang Weck, der im Referat 3 (eines von insgesamt vier) unter anderem für Kirche, den Rat des Kreises sowie die Stadtverwaltung zuständig war. „Nach vier Jahren MfS-Tätigkeit hatte dieser seinen 8.-Klasse-Abschluss nachgeholt“, sagte Müller-Enbergs.

Die Stasi habe bewusst nicht bei den Eliten angepackt. Für sie zählte in erster Linie Loyalität. Wohl auch deswegen waren manche von Müller-Enbergs vorgetragene Berichte sehr holprig, verschachtelt und fernab korrekter Grammatik und Rechtschreibung. Zudem war bei Weitem nicht jede Information ein Goldkorn. Unter 100 zusammengetragenen Infos waren zwei, die Repressionsopfern galten.
Seine willkürlich aus dem Aktenschrank gezogenen Beispiele bezogen sich indes nicht nur auf die Kreisstadt.

Ebenso kam er auf einen Vorfall in Belgern zu sprechen, als im Rahmen einer Demonstration gegen den Fluglärm sowjetischer Militärmaschinen über dem Bombenabwurfplatz Puschwitz am 2. September 1981 zwei offensichtlich angetrunkene Jugendliche mit „Russen raus aus der DDR!“-Rufen die Stasi auf den Plan riefen.

Und dann war da noch ein Vorfall während der Kommunalwahl 1984 in einem Elsniger Wahllokal, bei dem ein Mann – der offensichtlich psychischer Hilfe bedurfte – seine Turnhose herunterzog und eine Kaffeekanne zu Boden warf. Auch damit habe sich die Stasi befasst, sagt Müller-Enbergs, der ob der Arbeitswut der „Firma“ wiederholt den Kopf schüttelte.

Bereits am Mittag hatte der Experte vor 80 Schülern im Johann-Walter-Gymnasium referiert. Auch dort fiel ihm das große Interesse am Thema auf. „In klares Indiz dafür, das viele Geschichten am elterlichen Abendbrottisch noch nicht zu Ende erzählt wurden“, fasste der bekennende Westfale zusammen. Auf Grund des enormen Besucherandrangs hat sich das DIZ dazu entschlossen, den Vortrag – möglicherweise leicht abgeändert – noch einmal anzubieten. Dafür ist derzeit der Herbst vorgesehen. Der genaue Termin wird an dieser Stelle rechtzeitig bekanntgegeben.

Info:

Pro Jahr gab es durchschnittlich ein bis zwei Ermittlungsverfahren gegen Bürger. 50 operative Personenkontrollen wurden zudem durchgeführt. Die Arbeit der Torgauer Kreisdienststelle war vor allem darin überdurchschnittlich „erfolgreich“, dass sehr viele Ausreiseanträge wieder zurückgezogen wurden. Die Kreisdienststelle betrieb 70 sogenannte konspirative Wohnungen, davon allein zehn in der Eilenburger Straße und acht in der Straße des Friedens. In Letzterer zeichnete sich ein Inoffizieller Mitarbeiter zur Sicherung der Konspiration und des Verbindungswesens (IMK „Heini“) vor allem durch sein – laut Müller-Enbergs – lokales enzyklopädisches Wissen aus, das Facebook hätte neidisch werden lassen. Der Grund für die Informationsflut war der stundenlange Blick aus dem Fenster. Die Anzahl aller Inoffiziellen Mitarbeiter lag 1980 noch bei 300. 1989 waren es bereits 430. Dieser Trend war in anderen Kreisdienststellen rückläufig.

Info:

In der heutigen Augenarztpraxis am Glacis (Foto) war einst die Torgauer Kreisdienststelle der Stasi untergebracht. Das Gebäude wurde von 1898 bis 1900 errichtet. Bauherr war der Ziegeleibesitzer Emil Kepzig. In die Eigentümerriege reihte sich von 1917/18 bis 1953 auch die Unternehmer-Familie Emil Stoll ein, die sich der Landwirtschafttechnik verschrieben hatte und nach der Enteignung in den Westen ging. Im April 1945 war in dem Haus vorübergehend die sowjetische Kommandantur untergebracht. 1953 bezog die Stasi hier Quartier und setzte vor allem 1975 und 1984 zu massiven Umbaumaßnahmen an. Ein Fluchtgang sowie eine Waffenkammer (unter anderem Panzerfäuste und Maschinengewehre) wurden errichtet, Notstromanlagen und Vergitterungen eingebaut. Dr. Frank Henjes, der das Haus nach der Wende kaufte, spricht von einem Festungscharakter. Bis zum 5. Dezember 1989 nutzte die Stasi das Gebäude. Beim Auszug sind wohl im Waldgebiet zwischen Puschwitz und Lausa viele Akten verbrannt worden. Fortan übernahm das Landratsamt die Grundstücksverwaltung  und gab diese nur kurze Zeit später an die Treuhand ab. Am 30. November 1991 begannen die Umbauarbeiten für die Augenpraxis, die am 13. April 1992 bereits eröffnet werden konnte. Parallel dazu zogen eine Zahnarztpraxis sowie das Restaurant „Zum Leibarzt“ (später „Daccapo“ bis 2000) ein. 2002 folgte eine urologische Praxis.
Nicht unerwähnt bleiben soll der Umstand, dass hier Anfang der 90er-Jahre das KAP-Kino in den Kellerräumen seinen ersten Film zeigte. Dabei handelte es sich um „Die Blechtrommel“. (Quelle: Aufzeichnungen Dr. Henjes)


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