Montag, 30. November 2020
Mittwoch, 25. April 2018

TORGAU

Todesurteile noch bis kurz vor Kriegsende

Am Nachmittag des 25. April 1945 kletterten die drei amerikanischen Soldaten William Robertson, George Peck und Frank Huff über die zerstörte Elbbrücke.Foto: Quelle: Archiv StSG/DIZ Torgau.

Elisabeth Kohlhaas/DIZ Torgau

Elbe Day (Teil 2): Zum Vermächtnis der Elbe-Begegnung gehört auch der Schwur der befreiten Torgauer Wehrmachtshäftlinge

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Torgau. Nach den Evakuierungen am 14./15. April 1945 brachen die letzten Kriegstage in Torgau an, bevor die Stadt am 25. April friedlich von amerikanischen und sowjetischen Soldaten eingenommen wurde. Manfred Bräunlich, zu dieser Zeit als Jugendlicher bei der Feuerwehr und später einer der wichtigsten fotografischen Chronisten Torgaus, gehörte in den zehn Tagen zu den wenigen Torgauern, die in der Stadt zu bleiben hatten. Aus seinen Schilderungen wissen wir beispielsweise, dass sich am Markt eine Volksküche der Stadtverwaltung befand, die kostenlos Essen ausgab.

Torgau war am 14. April zur Festung erklärt worden, der Festungskommandant hatte sich mit seinen Männern im Schloss eingerichtet. An verschiedenen Stellen der Stadt waren Panzersperren aufgebaut und um die Stadt Panzergräben gezogen worden. Die Brücken waren mit Sprengladungen versehen, Geschützstellungen errichtet worden.

Im Wehrmachtsgefängnis Fort Zinna wurden in diesen Tagen die letzten Häftlinge festgehalten. Es waren noch mehr als eintausend an der Zahl. Der größte Teil von ihnen waren deutsche Soldaten und Offiziere, die meisten krank und deshalb von den Evakuierungen ausgenommen. Aber auch ausländische Häftlinge, etwa Kriegsgefangene, befanden sich unter den im Fort Zinna Verbliebenen. Sie waren unter anderem Untersuchungshäftlinge des Reichskriegsgerichts oder bereits verurteilt. Etliche Häftlinge, deutsche wie ausländische, waren zum Tode verurteilt worden.

Der Amerikaner George Peck war ein solcher Kriegsgefangener. Sein Name ist heute noch bekannt, weil er am 25. April 1945 einer der Ersten war, auf den die Robertson-Patrouille bei ihrer Ankunft in Torgau in der Nähe des Fort Zinna stieß. Er beschrieb die Lage im Fort Zinna später so: „Vor der Evakuierung des Forts {…} waren dort 35 alliierte Offiziere und Mannschaften, 71 Franzosen und über 100 Polen, {…} 4 Luxemburger, ungefähr 250 deutsche Offiziere und über 1000 deutsche Mannschaftsdienstgrade interniert“.

Unter den ausländischen Häftlingen befanden sich auch zwangsrekrutierte Soldaten aus dem Elsass, aus Lothringen, Luxemburg, Slowenien und Polen. Wenn die jungen Männer aus diesen Ländern beziehungsweise Regionen versucht hatten, sich dem erzwungenen Kriegsdienst für die Wehrmacht zu entziehen, und wenn ihr Vorhaben entdeckt worden war, dann wurden sie von deutschen Militärgerichten verurteilt – häufig zum Tode.

So waren aus diesem Grund mehrere Hundert Luxemburger im Zweiten Weltkrieg in den Torgauer Wehrmachtsgefängnissen inhaftiert. Unter ihnen befand sich der 22-jährige Jean Müller. Er gehörte zur Gruppe der letzten Wehrmachtshäftlinge, die sich am 25. April 1945 noch im Fort Zinna befanden.

Hinrichtungen von Wehrmachtshäftlingen in Torgau bis in die letzten Tage
Zur Schreckensbilanz der Wehrmachtsjustiz in Torgau gehört, dass noch bis kurz vor dem Ende Todesurteile ausgesprochen und vollstreckt wurden. Zuletzt verhängten das Reichskriegsgericht und andere militärische Gerichte in Torgau die Todesstrafe im Schnellverfahren und ließen die Verurteilten ebenso rasch hinrichten.
So erhob das Reichskriegsgericht gegen den 26-jährigen Grenadier Martin Herbst aus Thüringen am 4. April 1945 Anklage wegen Fahnenflucht. Noch am selben Tag war die Verhandlung angesetzt, an deren Ende das Todesurteil stand. Einen Tag später wurde das Urteil bestätigt. Am Abend des Folgetags war Martin Herbst bereits erschossen.

Die letzten Hinrichtungen von Wehrmachtshäftlingen aus dem Torgauer Fort Zinna sind für den 19. April 1945 belegt. Sie fanden also zu einem Zeitpunkt statt, als die Evakuierung des Gefängnisses bereits begonnen hatte und die Wehrmachtsjustiz in Torgau sich in Auflösung befand. Zwischen Januar und April 1945 wurden mindestens 60 Gefangene der beiden Wehrmachtsgefängnisse Fort Zinna und Brückenkopf in Torgau exekutiert. Beigesetzt wurden sie auf dem Torgauer Gemeindefriedhof. Dort liegen die Gebeine von einigen noch heute.

Am 25. April 1945 war das Wehrmachtsgefängnis Fort Zinna von seinem Wachpersonal verlassen. Die verbliebenen Gefangenen waren nun frei, sie blieben jedoch noch im Fort Zinna. Das Kommando übernahmen der französische Kriegsgefangene André Levacher, wegen Flucht aus dem Kriegsgefangenenlager zum Tode verurteilt, und Vilmos Korn, der wegen Kriegs- und Hochverrats angeklagt war und im Fort Zinna auf seine Verhandlung gewartet hatte.

Die Häftlinge, die nun keine Häftlinge mehr waren, hissten die Rot-Kreuz-Fahne, erkundeten vorsichtig die Lage in der Stadt und warteten ansonsten ab. Im Verlauf des Nachmittags trafen die amerikanischen Soldaten in ihrem Jeep ein. Sie brachten den Häftlingen die letzte Gewissheit, dass der Krieg in Torgau zu Ende war.

Bevor die ehemaligen Gefangenen des Fort Zinna sich als freie Menschen auf den Weg von Torgau in ihre Heimat machten, verfassten fünf von ihnen noch eine Verlautbarung: die „Proklamation der politischen Gefangenen des Reichskriegsgerichts Fort Zinna-Torgau“. Es war diesen fünf Deutschen wichtig, festzuhalten, welche Lehren sie aus der Katastrophe des nationalsozialistischen Regimes und des Krieges zogen.
Sie formulierten, welchen Idealen sie sich nach den Erfahrungen von Verfolgung und Gefangenschaft verpflichtet sahen, und schworen, dafür einzutreten.
„Wir schließen uns zusammen zu einem inneren Bund, der für ewig abschwört den furchtbaren Symbolen der Gewaltherrschaft und des räuberischen Krieges“, heißt es in der Proklamation. „Wir geloben, mit allen Kräften zu arbeiten {…} an der Aufrichtung eines neuen moralischen Bewusstseins, an der Rettung der Deutschen aus dem moralischen Sumpf und der Religion der Gewaltanwendung, um uns alle wieder zurückzuführen in die sittliche Gemeinschaft der menschlichen Gesellschaft“, steht dort weiter geschrieben.
Auch diese Worte gehören zum Vermächtnis des symbolträchtigen „Handschlags an der Elbe“, dessen Geist von Frieden, Völkerverständigung und Gewaltlosigkeit nicht überholt, sondern aktueller denn je ist.
Elisabeth Kohlhaas/
DIZ Torgau


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