Dienstag, 26. Januar 2021
Mittwoch, 20. Juni 2018

TORGAU

Grenzgeschichten für Gauck

Die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau.Foto: TZ/C. Wendt

von unserem Redakteur Christian Wendt

Torgau. Auch wenn es in den vergangenen Tagen rund um die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau nur noch ein Thema zu geben schien, ging und geht die tägliche Arbeit trotz des Besuchs von Bundespräsident a.D. Joachim Gauck am 21. Juni weiter.

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Dazu zählt unter anderem die Arbeit mit Schülern aus Hessen, die sich seit Montag in der Gedenkstätte mit der staatlichen Repression von Kindern und Jugendlichen in der SED-Diktatur auseinandersetzen und dem Wert der Freiheit auf den Grund gehen. Unterstützt wird dieses Projekt von der hessischen Landeszentrale für politische Bildung.

Parallel dazu weilen Schüler des Beruflichen Schulzentrums Grimma, die über das Storytellingportal www.grenzgeschichten.net Geschichten zu den Schicksalen von Betroffenen repressiver DDR-Heimerziehung erstellen, in der Gedenkstätte. Hintergrund ist das bundesweite Medienprojekt „Grenzgeschichten – crossing borders“ der Stiftung Zuhören. „20 Projektgruppen in vier Bundesländern sowie in Tschechien haben sich bereits mit Geschichten, die aus Ländergrenzen heraus entstehen, befasst und dabei historisch wie politisch relevante Themen für grenzgeschichten.net aufgearbeitet“, erklärt Manuela Rummel, Bildungsreferentin in der Torgauer Gedenkstätte.

In Torgau setzen sich diesbezüglich 12 Jugendliche mit der Heimerziehung in der DDR und den verschiedenen Gründen von Heimeinweisungen auseinander. Dabei treffen sie auf drei Zeitzeugen, die davon auf unterschiedliche Weise betroffen waren.

Bekannt als die „Frau vom Checkpoint Charlie“ berichtet Jutta Fleck (ehemals Gallus) von ihrem gescheiterten Fluchtversuch in den Westen. Sie war inhaftiert worden, ihre beiden Töchter Claudia (11) und Beate (9) wurden zunächst in einem DDR-Kinderheim untergebracht. Tochter Beate Gallus, als weitere Zeitzeugin, spricht darüber und schildert ihre Heim-erfahrungen.

Als dritter Zeitzeuge kommt Alexander Müller mit den Jugendlichen ins Gespräch. Er musste verschiedene DDR-Heimeinrichtungen, so auch den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau durchlaufen. Über ihre „Grenzgeschichten“ werden die Schüler dabei auch mit dem Bundespräsidenten a.D. ins Gespräch kommen.

Das gesetzlich verankerte Erziehungsziel in der DDR war die Herausbildung „sozialistischer Persönlichkeiten“. Unangepasste und verhaltensauffällige Jugendliche galten schnell als schwererziehbar und konnten in sogenannte Spezialheime zur Umerziehung eingewiesen werden. Endstation in diesem System war der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau.

Innerhalb weniger Monate sollte hier die Persönlichkeit junger Menschen bewusst gebrochen werden, um die „individualistische Gerichtetheit“ in einer Art Schocktherapie zu beseitigen sowie die Bereitschaft für eine Umerziehung zur „sozialistischen Persönlichkeit“ herzustellen. Bis November 1989 durchliefen insgesamt 4046 Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren diese einzige geschlossene DDR-Heimeinrichtung.

Die Schülergruppe des Beruflichen Schulzentrums Grimma erarbeitet durch Gespräche mit den Zeitzeugen, durch das Studium der Ausstellung der Gedenkstätte und im Umgang mit Archivmaterial eigene multimediale Erzählungen über die Formen der sozialistischen Erziehung und deren Folgen für den Einzelnen. Unterstützung erhalten sie dabei nicht nur von Manuela Rummel sondern auch von zwei Mediencoachs der Sächsischen Ausbildungs- und Erprobungskanäle Torgau (SAEK).

Stichwort „Umerziehung zu sozialistischen Persönlichkeiten“: Vor wenigen Tagen fiel am Staatsschaupiel Dresden der letzte Vorhang für die Aufführung von „Der Weg ins Leben“. Das Stück, welches am 23. September vor ausverkauftem Hause Premiere feierte, thematisierte eben jene „Umerziehung“ in den Spezialheimen der DDR. Eine wichtige Rolle spielten dabei die Aussagen von Betroffenen der DDR-Heimerziehung. Zudem wirkten Zeitzeugen auf der Bühne mit.

Die Brüche in den Biografien der ehemaligen DDR-Heimkinder konnten aufgezeigt und der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau als Endstation im Erziehungssystem der DDR dargestellt werden. Auch Auszüge aus Dokumenten der DDR-Jugendhilfe waren in das Stück eingebunden. Die Erziehungsmethoden des Sowjetpädagogen Makarenko, dessen Grundprinzipien die DDR-Pädagogik Anfang der 1950er Jahre übernahm, wurden imposant vermittelt.

Die Heimatzeitung kam hierzu mit dem Chefdramaturgen Dr. Jörg Bochow ins Gespräch:

TZ: Was waren Ihre Beweggründe, sich jener Problematik anzunehmen?

Dr. Jörg Bochow: Das Thema ist durch die persönliche Bekanntschaft zwischen Regisseur Volker Lösch und Andreas Richter hochgekommen. Richter verbrachte  seine gesamte Kindheit in Heimen der DDR. Ich selbst habe das Wort „Jugendwerkhof“ als eine Art Drohung aus der Kindheit in Erinnerung, ohne selbst jemanden zu kennen, der dort gewesen war. Der Umgang mit Kindern und Jugendlichen kennzeichnet eine Gesellschaft. Deshalb ist Torgau für mich auch einer der dunkelsten Flecken in der Geschichte der DDR. Torgau reiht sich aber auch in Disziplinierungsmodelle ein, die sich durch die gesamte Moderne ziehen.

Wie gelangten Sie an die Informationen, die in dem Stück verarbeitet werden?

Zunächst über die ehemaligen Jugendlichen von Torgau, die sich heute für die Gedenkstätte und die Erinnerungsarbeit engagieren. Manuela Rummel hat uns bei unserer Recherche unterstützt.  Wir konnten neben 30 Gesprächen mit Betroffenen auch umfangreiches Aktenmaterial einsehen – bis hin zur sogenannten Diplomarbeit von Herrn Kretschmar, dem Leiter des Geschlossenen Jugendwerkhofs in der DDR.

Vier Zeitzeugen standen mit auf der Bühne. Wie gestaltete sich der Umgang mit den Laiendarstellern?

Es waren sogar fünf Zeitzeugen, vier davon saßen in Torgau ein. Wir haben darauf geachtet, dass die Zeitzeugen ihre Geschichte mit ihren eigenen Worten und Emotionen erzählen können. Zwischen den Schauspielern und den Zeitzeugen hat es sehr schnell Beziehungen gegeben. Sie unterstützten sich bei den Vorstellungen. Die Zeitzeugen brachten durch ihre Darstellung ein Stück gelebte Geschichte in die Inszenierung. Das sind ganz besondere Momente, die die Zuschauer auch so wahrnahmen.

Haben Sie auch mit damaligen Mitarbeitern oder Erziehern der Torgauer Einrichtung gesprochen?

Wir haben uns um Kontakte bemüht. Leider war niemand für ein Gespräch zu gewinnen. Desto stärker reagierte das Publikum – ältere, aber auch viele junge Menschen, die nicht von der Heimerziehung betroffen waren oder sind, konnten sehr gut nachempfinden, was es für die Einzelnen bedeutet hat, das durchzustehen. Das Publikum gab den Zeitzeugen die Solidarität und das Mitgefühl, das ihnen in der Kindheit und Jugend verwehrt wurde.

 

Jörg Bochow

Chefdramaturg und stellvertretender Intendant wurde 1963 in Budapest geboren. Studium der Theaterwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, gleichzeitig eigene Regiearbeiten am Kleist-Theater Frankfurt/Oder und am carroussel-Theater-Berlin. Von 1994 bis 2000 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Theaterwissenschaft/Kulturelle Kommunikation an der Humboldt-Universität Berlin, wo er 1995 promovierte. Von 2000 bis 2005 war er als Assistant Professor für Theater- und Vergleichende Literaturwissenschaft an der University of Toronto tätig und wurde 2004 Geschäftsführender Direktor des University College Drama Program. Von 2005 bis 2013 arbeitete er als Chefdramaturg und Stellvertretender Intendant am Staatsschauspiel Stuttgart. Von 2007 bis 2013 war er Vorstandsmitglied und Vize-Präsident der ETC European Theatre Convention sowie Studiengangsleiter und Dozent für Dramaturgie an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg. Zudem veröffentlichte er zahlreiche Publikationen, u. a. zu den Theatertheorien Meyerholds und zum russischen Film der Zwanziger Jahre. Seit der Spielzeit 2013/2014 war Dr. Jörg Bochow Leitender Dramaturg am Deutschen SchauSpielHaus Hamburg. Seit der Spielzeit 2017/2018 ist er als Chefdramaturg und stellvertretender Intendant am Staatsschauspiel Dresden tätig.

 

 


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