Samstag, 3. Dezember 2022
Mittwoch, 12. September 2018

"Die Instrumentalisierung ist infam"

Debatte "Chemnitz und die Folgen"

Torgau. Nachdem sich Dr. Günther Medicus in der TZ-Ausgabe vom 5. September (Seite 14) über die jüngsten Ereignisse in Chemnitz und deren Folgen äußerte, meldete sich auf diesen Debatten-Beitrag gestern Norbert Tomczak zu Wort

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Zunächst einmal möchte ich Herrn Dr. Medicus für seinen Diskussionsbeitrag danken, denn der demokratische Diskurs lebt bekanntlich vom Wettstreit der Ideen und nicht von der Lautstärke oder dem Gewaltpotential der verschiedenen Lager. Danke also, dass Sie diesem Presseformat Ihr Vertrauen geschenkt haben, auch wenn die neuen (?) Weggefährten der AFD dafür sicher wenig Verständnis zeigen.

Der Tod von Daniel H. hat das Dilemma der traditionellen Linken in der anhaltenden Flüchtlingsdebatte weiter befeuert und die Selbstgefälligkeit beziehungsweise Entkopplung der etablierten Parteien von der Gedankenwelt der Wählerschaft als Ursache für Politikverdrossenheit beziehungsweise die beginnende Radikalisierung von Normalbürgern bis hin zum Extremismus aufgezeigt. Immer schnellere Prozesse in teils globalen Dimensionen nähren diffuse Existenzängste und die Bereitschaft, wie Pippi Langstrumpf Abweichungen zwischen virtueller Realität und der eigenen Lebenswelt zu ignorieren.

Im Gegensatz zu Ihnen empfinde ich die Instrumentalisierung des Tatopfers durch die selbsternannten Vaterlandsretter von Chemnitz infam und abstoßend. Als wacher Geist und Familienvater gehörte der Sohn eines kubanischen Gastarbeiters weder zum klassischen Klientel der sächsischen Hooliganszene, noch zum Wunschkandidaten der völkisch-identitären Bewegung. Das Wir-sind-mehr-Konzert am Dienstag hätte ihm sicher viel bedeutet und war gewiss nicht nur aus meiner Sicht der bessere Weg, sein Andenken zu ehren.

Ich teile ausdrücklich wie hoffentlich jeder Bürger in diesem Land die Auffassung, dass wir nach diesem krassen Bruch der zivilisatorischen Regeln menschlichen Zusammenlebens nicht einfach zur Tagesordnung übergehen können. Trauer, Ohnmachtsgefühle, Verunsicherung, Angst und auch Wut müssen unmittelbar artikuliert und auch diskutiert werden, um das Geschehene einordnen und mit der Verarbeitung beginnen zu können.

Eine juristische Aufarbeitung hingegen gründet auf behördlichen Ermittlungen und obliegt nicht umsonst strengen gesetzlichen Vorgaben folgend den staatlichen Institutionen. Gruppierungen wie Kaotic Chemnitz stehen dem Namen nach definitiv nicht für Gesetzestreue oder lassen zumindest nur bedingt eine Affinität zu Recht und Ordnung jenseits des Faustrechts vermuten. Die Energie und Entschlossenheit dieser Leute in solch schnellen Momenten sind sicher verblüffend, zielen aber ganz und gar nicht auf einen noch so losen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt und sind in dieser Form auch ganz bestimmt nicht mit Artikel 20 unseres Grundgesetzes vereinbar.

Herr Höcke und seine Anhänger – zu denen Sie, Herr Dr. Medicus, offenbar nicht gezählt werden möchten – hingegen wollen ihre neue alte Welt, opportun die ungebändigten Kräfte der kampferprobten Straßensoldaten nutzend, notfalls im Handstreich mit Blut und Eisen schmieden. Und die bestehende Ordnung ist ihnen dabei Gott sei Dank ein Hindernis… Noch. Historische Vergleiche hinken, ich weiß. Erinnert uns dieses Szenario nicht aber vielleicht doch an die tragischen Tage der Weimarer Zeit? Und ist diese Erinnerung nicht zugleich eine Verpflichtung?

Antifaschismus ist genauso wenig eine Frage des Parteibuches, der Ethnie oder der Religion, wie Faschismus, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und Sexismus rein deutsche oder gar sächsische Probleme sind. Diese würde ich lieber als Altlasten der menschlichen Entwicklung und teure Hypotheken auf jegliches Miteinander bezeichnen. Antifaschismus ist jedoch definitiv der Ausdruck eines liberalen Menschen- und Weltbildes. Kein Dogma, sondern Essenz der Menschheitsgeschichte. Ohne Fahneneid oder sonstige vorgekauten Phrasen. Einfach Menschlichkeit minus Angst mit all ihren Facetten und Nebenwirkungen. Punkt.

Merken Sie was? Deshalb kann ich Ihnen, Herr Dr. Medicus, leider die Frage nicht ersparen, wie Sie Ihr persönliches Verhältnis zum deutschen Gruß beschreiben. Würden Sie einen Demonstrationszug verlassen, wenn dort offen Volksverhetzung betrieben wird oder den Schulterschluss fortsetzen und wofür auch immer marschieren? Welche Haltung empfehlen Sie Ihrer Partei diesbezüglich zumindest für die Öffentlichkeit? Und für die AfD noch viel wichtiger: Mit welchem Gefühl sehen Sie dem Tag entgegen, an dem die Kanzlerschaft von Frau Dr. Angela Merkel als ihr Feindbild Nr. 1 endet, ohne dass ein Galgen dabei eine Rolle spielt?

Vielleicht entdecken Sie und Ihre Parteifreunde bis dahin ja noch das Interesse „Ihres“ Volkes an solch profanen Dingen wie Steuer-, Renten- oder Umweltpolitik… Aber selbst wenn auch dieses Wunder ausbleibt, sollte zumindest der gute alte deutsche Begriff „Anstand“ einer gründlichen innerparteilichen Diskussion unterzogen werden. Dabei wünsche ich Ihnen und all denen in Ihrer Partei, die sich noch nicht gänzlich vom dumpfen Populismus vereinnahmen lassen insbesondere mit Blick auf die Wahlen 2019 die nötige Courage und viel Erfolg!

 

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