Mittwoch, 28. Juli 2021
Donnerstag, 24. Januar 2019

Das Westgeld entschied, wie schnell der Handwerker fertig wurde

Von Günther Fiege

Begriffe wie „Forum geht es?“ oder „Aluchips“ waren auch im einstigen Kreis Torgau üblich

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Torgau. Zu DDR Zeiten ließen sich auch im Kreis Torgau viele Bürger etwas einfallen, um bestimmte Waren und auch Handwerker zu bekommen. Wer Westgeld hatte, bekam auch Forumschecks. Eine längst bekannte Redensart war „Forum geht es?“. Abgeleitet von Forumscheck, umgangsprachlich genauso wie „Westwegen kommen Sie?“ war im Handwerk gebräuchlich. Für die Ausführung eines Auftrages privater Handwerker, die mit Spitzensteuersätzen von mehr als 90 Prozent gesegnet waren, war mangels vorheriger Bilanzierung im Planjahr  häufig die Zahlung von Schmiergeldern oder „Bakschisch“ in Westgeld notwendig.

Da die Planung von Personal bei Privataufträgen praktisch nicht möglich war, aber für die Installationsarbeiten bei Heizung, Sanitär, Elektro immer mindestens ein Fachmann gebraucht wurde, konnten fachkundige Monteure häufig sogar staatlich sanktioniert als Feierabendbrigade arbeiten. Wollte der Auftraggeber den Auftrag schnell erledigt haben, weil zum Beispiel das Dach undicht war und das Wasser in die Wohnung floss oder die Rohre geplatzt waren und er seine Toilette nicht mehr benutzen konnte, dann war für dessen schnelle Abarbeitung der Anteil des Westgeldes oder von Forumschecks maßgebend.

Eine andere Variante war die Zahlung mit Naturalien, wie Armaturen, Autoersatzteile, Exportbier, Fliesen und manchmal auch Raufasertapete. Nach 1981 konnte auch mancher DDR-Bürger im Intershop mit Forumschecks einkaufen. In Torgau hatte die volkseigene Handelsorganisation (HO) Torgau zwei Intershopläden, in der Leipziger und in der Fischerstraße.

Die Intershops waren die Konsumparadiese der DDR. Gegen konvertierbare Währung kauften DDR-Bürger hier Dinge, die es in gewöhnlichen Läden nicht oder nur zu horrenden Preisen gab: französischen Cognac, brasilianischer Kaffee, westdeutsches Waschpulver, elektrisches Gerät und Textilien aus westlicher und aus ostdeutscher Produktion. 200 amerikanische Zigaretten zum Beispiel kosteten hier 16 Mark (West) – im normalen Tabakladen zahlte man für 20 Stück 8 Mark (Ost).  Die Mark der DDR wurde im Volksmund auch Aluchips genannt, eine Währung entschieden weicher als der harte sozialistische Alltag. Die DDR-Mark war auch als Holzdollar bekannt. Das Torgauer VEB Dienstleistungskombinat hatte in  verschiedenen Städten Komplexannahmestellen, eine Annahmestelle für reinigungs- und reparaturbedürftige Dinge, nicht für Komplexe. Hier wurde so manches repariert, was heute seltener möglich ist.

Auch in der Musik gab es Begriffe mit politischem Hintergrund, wie Quintett, ein DDR-Sinfonieorchester nach einem Gastspiel im westlichen Ausland. Für das Parteilehrjahr wurde oft Rotlichtbestrahlung verwendet. Wenn der Plan in einem Betrieb nicht erfüllt wurde, sprach man von untererfüllt. Und die Tilgung eines Darlehens für junge Eheleute wurde abgekindert. Wenn man heiratete, ging man nicht zum Standesamt, sondern zum Eheschließungsobjekt.

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