Samstag, 17. April 2021
Donnerstag, 21. März 2019

Wem kann man heutzutage noch vertrauen?

Der bekannte Medienwissenschaftler Prof. Dr. Michael Haller Foto: Kreuzkam/HMS

von unserem Redakteur Nick Leukhardt

Torgau. Die TZ im Gespräch mit dem Medienwissenschaftler Prof. Dr. Michael Haller zur Entstehung von Fake News, dem Umgang damit und einem schützenden Werkzeug.

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„Fake News“ sind heutzutage in aller Munde. Sei es als Thema bei diversen Diskussionen in allen gängigen Medien oder als tatsächliche Falschnachrichten, vor allem verbreitet in sozialen Netzwerken und auf privaten Internetblogs. Immer wieder sorgen Fake News für provozierte Debatten im Netz, machen zu einem bestimmten Thema Stimmung oder bringen bestimmte Leute in Verruf. Doch was kann man dagegen tun? Wie geht man gegen Fake News vor, wie kann man sich schützen und wem kann man heutzutage im Internet überhaupt noch vertrauen? All diese Fragen stellte die Torgauer Zeitung dem bekannten Medienwissenschaflter Professor Michael Haller, der sich mit diesem Thema auch bei der nächsten Schlossvorlesung am Mittowch, 27. März, um 17 Uhr auf Schloss Hartenfels auseinandersetzen wird.

TZ: Hallo Herr Dr. Haller,
zu Beginn direkt eine ganz provokative Frage: Wem kann man heutzutage überhaupt noch Vertrauen?
M. Haller:
Das ist eine schwierige Frage. Denn nach dem eigentlichen Sinn des Wortes kann man Medien gar nicht vertrauen. Menschen kann man vertrauen, Institutionen nicht. Ich würde daher lieber von Glaubwürdigkeit sprechen. Und die hat merklich gelitten. Für die letzten 10 bis 15 Jahre muss man konstatieren, dass sich die meinungsführenden Leitmedien – also das öffentlich-rechtliche Fernsehen, die führenden Tageszeitungen und Magazine – von einem Großteil der Gesellschaft entfernt haben. Sie vermitteln oftmals ein einseitiges Bild. Und ihre Berichte und Kommentare tönen in einer moralisierenden, abgehobenen Tonlage.

Ich gebe Ihnen ein  Beispiel: Anhand der Flüchtlingsthematik des Jahres 2015 haben wir in einer großen Studie nachgewiesen, dass die tagesaktuellen Medien überwiegend die Politik der Bundeskanzlerin und der Großen Koalition vertreten haben; abweichende Positionen oder kritische Stimmen kamen praktisch nicht zu Wort. Mit der Haltung dieser Mainstreammedien konnten sich viele Menschen nicht identifizieren. Sie fanden, dass ihre Sorgen und Nöte übergangen werden. Sie fühlten sich im gesellschaftlichen Diskurs ausgegrenzt. Von daher ist eine Art Vakuum entstanden. Und dieses haben nun viele Blogger, auch populistisch aufgemachte Websites sowie politisch extreme Gruppen in den Sozialen Netzwerken gefüllt. Die verbreiten oft auch Lügen, also Fake News, und erzielen damit große Reichweiten. Das ist derzeit ein ernst zu nehmendes Problem.

Wer muss sich dann also ändern? Die Medien oder die Konsumenten?
Diese Frage lässt sich aktuell nicht beantworten, da sich Änderungen nur langfristig vollziehen. Wir brauchen jetzt kurzfristige Lösungen, die den Menschen, gerade den Jüngeren, dabei helfen, die Spreu vom Weizen zu trennen, also Informationen und Nachrichten richtig einzuschätzen und Lügengeschichten zu durchschauen.

Und zwar wie?
Mit einem Werkzeug, an dessen Entwicklung wir aktuell arbeiten. Unter dem Titel „Fit for News“ arbeiten wir (ein Team des Europäischen Instituts für Kommunikations- und Journalismusforschung in Leipzig; Anm. d. Red.)  an einem Pilotprojekt für Berufsschulen, welches den Lehrern die Vermittlung so genannter Informationskompetenz ermöglichen soll. Hierzu haben wir mehr als 500 Berufsschüler und rund 30 Berufschullehrer ausgiebig befragt. Gerade über die sozialen Netzwerke mit dem stärker werdenden Fokus auf Video-Inhalte sind junge Menschen leicht zu beeinflussen und mit Fake News und Stimmungsmache zu beeindrucken.

Wie kann man sich dieses Werkzeug vorstellen?
Es handelt sich um ein Lehrprogramm, welches innerhalb von zwei bis vier Doppelstunden die Berufsschüler dazu bringen soll, Nachrichten anders wahrzunehmen. Sie lernen zum Beispiel, warum die Ermittlung und Prüfung der Quellen wichtig ist. Oder wie man den Unterschied zwischen einem Sachverhalt und einer Meinung erkennt. Sie sollen mit Nachrichten, egal woher diese kommen, kompetent umgehen können. Wir erarbeiten einen Mix aus Beispielen, Szenen mit Erläuterungen, Erklärungen und Hintergründen, verbunden mit verschiedenen Übungen. Zudem werden wir eine spezielle Plattform aufbauen, die Lehrern und Schülern weitere Übungstexte und Hintergrundinformationen bereithält. Wir wünschen uns, dass die Schüler aus dieser Unterrichtseinheit mit einem anderen Bewusstsein herausgehen als sie reingekommen sind.

Nun befindet sich dieses Tool ja aktuell noch in der Pilotphase und wird dann auch erst nach und nach an allen Schulen verfügbar sein. Gibt es denn auch allgemeingültige Tipps, wie man sich eine solche Informationskompetenz aneignen kann?
Ich fürchte, dass ich diese Frage verneinen muss. Wenn wir wüssten, wie jeder für sich das erreichen kann, müssten wir ja diese Lehrmaterialien nicht entwickeln. *lacht* Tatsächlich ist es so, dass hinter der Informationskompetenz ein angeleiteter Lernprozess stehen muss - wie bei allen anderen Fertigkeiten auch. Einem Analphabeten kann man ja auch nicht einfach sagen: „Hier hast Du ein paar Tipps, und jetzt bring Dir das Schreiben und Lesen selber bei“. Es hat schon seinen Grund, dass wir Schulen haben.

Am Anfang unseres Gesprächs hatten sie bereits die sozialen Medien wie Facebook, Instagram oder auch YouTube angesprochen, in denen ein Großteil der Fake-News produziert und verbreitet werden. Sollte man sich, wenn man sich vor Falschmeldungen schützen möchte, komplett daraus zurückziehen?
Das würde ich so nicht sagen. Man sollte sich vielmehr bewusst machen, was man will und was solche Medien leisten können und was nicht. Abgesehen vom mangelnden Datenschutz funktioniert Facebook zum Beispiel für die Interaktion zwischen Freunden und Bekannten tadellos. Es dient der Freizeitgestaltung. Doch als tägliche Nachrichtenquelle sollte man solche Plattformen nicht nutzen. Für den User ist hier die Quellenüberprüfung oft nicht möglich. Ähnlich verhält es sich mit der Videoplattform YouTube. Wenn man sich nur unterhalten lassen möchte, hat man ein tolles Angebot. Doch wenn man sich zuverlässig informieren will, sollte man sich besser an die journalistischen Medien halten, zum Beispiel die Newsseite einer soliden Tageszeitung oder der Tagesschau. Für ihre Nutzung kann man sich auf dem Handy eine App installieren. Dann weiß man, von wem die News kommen.

Mit diesem Thema werden sie auch bei der nächsten Schlossvorlesung des MPZ+ auf Schloss Hartenfels vertreten sein. Was kann man dort von Ihnen erwarten?
Es wird ein Vortrag sein genau zu dem Thema, über das wir gerade gesprochen haben. Wir werden auch über Wahrheit und Lügen in der Onlinewelt sprechen und zeigen, warum die Informationskompetenz nicht nur für jüngere Leute immer wichtiger wird. Ich bin guter Dinge, dass es für Mediennutzer aller Altersgruppen ein interessanter Abend wird und freue mich auf jeden Gast, den wir am kommenden Mittwoch dort begrüßen können.

 

 

Schlossvorlesung zu Wahrheit und Lügen in der Onlinewelt

„Wahrheit und Lügen in der Onlinewelt: Warum Informationskompetenz für Berufsschüler so wichtig ist“ lautet der Titel der zweiten Schlossvorlesung am 27. März um 17 Uhr im Torgauer Schloss Hartenfels. Gehalten wird sie von Professor Michael Haller und Martin Hoffmann vom Europäischen Institut für Kommunikations- und Journalismusforschung in Leipzig.

Mit Smartphones und Handys sind junge Leute auf  den Online-Plattformen Tag und Nacht unterwegs, wo sie mit Bildern, Texten und Videos überschüttet werden. Zahllose Apps liefern bunte Unterhaltung, politische Botschaften, Konsumgüter, Games – und dazwischen auch Nachrichten. Wie soll man sich in dieser chaotischen Puzzle-Welt informieren? Wie kann man Wahres von Falschem unterscheiden? Was ist wichtig, was irrelevant? Haller und Hoffmann stellen hierzu eine Schulungseinheit vor, die zeigen soll, wie man sich zuverlässig informieren und eine fundierte Meinung bilden kann. Sie berichten auch über ein Pilotprojekt, mit dem an ausgewählten Berufsschulen des Freistaates Sachsen dieses Lernprogramm getestet wird. Was dabei herauskam, wird ebenfalls Thema ihres Vortrags sein.

 

Das sind die nächsten Themen:

Die Schlossvorlesungen werden vom Medienpädagogischen Zentrum Plus (MPZ+) des Landkreises Nordsachsens in Torgau organisiert und befassen sich mit aktuellen Fragen zu Journalismus und Informationskompetenz. Die nächsten Themen und Referenten stehen bereits fest. Hier der Jahresüberblick für 2019:

25. April, 17 Uhr
„Sport & Medien: Anatomie einer schwierigen Beziehung“ mit Prof. Dr. em. Hans-Jörg Stiehler (Universität Leipzig)

27. Juni, 17 Uhr
„Influencer: Die neuen Stars im Kinderzimmer“ mit Dr. Nils Borchers & Nadja Enke, M.A. (Universität Leipzig)

17. Oktober, 17 Uhr
„Lässt sich (Medien-)Bildung messen? Plädoyer für Kritisches Denken in der Bildung“ mit Dr. Lisa Dühring  (Akademische Gesellschaft für Unternehmensführung und Kommunikation) und Thomas Rakebrandt (Klangumfang – Büro für Medien und Kultur, Leipzig)

5. Dezember, 17 Uhr
„,Fortschrittlich‘ oder ‚reaktionär‘? Deutungsmuster des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus in Dokumentationen des DDR-Fernsehens“ mit Dr. Claudia Böttcher (Hannah-Arendt-Institut, Dresden)


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