Montag, 27. Mai 2019
Dienstag, 7. Mai 2019

TORGAU

Gedenkstätte Jugendwerkhof schafft Zeitzeugenarchiv

Dr. Mario Wenzel.Foto: TZ/C. Wendt

Von TZ-Redakteur Christian Wendt

Torgau. Bis zum kommenden Jahr will Dr. Mario Wenzel etwa 100 Interviews geführt und ausgewertet haben. Geschichte, so der Berliner Historiker, solle „von unten“ geschrieben werden.

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Ein überaus erfolgreiches Veranstaltungsjahr 2018 liegt hinter der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau. Etwa 16000 Besucher machten nach Angabe von Gabriele Beyler, der Vorsitzenden des Trägervereins, von den Bildungsangeboten Gebrauch. Höhepunkt waren die Feierlichkeiten zum 20-jährigen Bestehen der Einrichtung sowie die Besuche von Bundespräsident a.D. Joachim Gauck und des Sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer in der Gedenkstätte.

Passend zum Jubiläumsjahr der Einrichtung kam im Juni schließlich die Zusage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, dem Thema in der wissenschaftlichen Aufarbeitung des SED-Unrechts eine stärkere Rolle als bislang einzuräumen. Bis zu 40 Millionen Euro fließen dabei über vier Jahre gestreckt in die Arbeit von 14 Forschungsverbünden bundesweit. Die Gedenkstätte und die TU Dresden bilden zusammen einen Forschungsverbund, der sich in den nächsten Jahren intensiv mit dem Thema DDR-Heimerziehung und deren Auswirkungen bei den Betroffenen auseinandersetzt. Zudem ist die Gedenkstätte Kooperationspartner in einem weiteren Forschungsverbundprojekt mit der Universität Leipzig.

Seit Mai 2018 wird indes am Aufbau eines Zeitzeugenarchivs (siehe dazu auch der Sprössig-Artikel) gearbeitet. Der Berliner Historiker Dr. Mario Wenzel zeichnet bis April 2020 hierfür verantwortlich. Seine Aufgabe: Die lebensgeschichtliche Dokumentation der Umerziehung in Spezialheimen der DDR. Gefördert durch den Ostbeauftragten der Bundesregierung soll das Projekt helfen, die Stimmen der Betroffenen dauerhaft zu sichern, den nachfolgenden Generationen zugänglich zu machen und dafür zu sorgen, dass das düstere Kapitel der Heimunterbringung nicht in Vergessenheit gerät. „Vor allem als Gegengewicht zu den institutionellen Akten und Dokumenten, die eine ,Geschichte von oben‘ schreiben, sind die Erfahrungsberichte und Erinnerung ehemaliger Heimkinder unverzichtbar“, berichtet Wenzel. Im besonderen Fokus stehen neben der Kindheits- und Heimgeschichte die Folgen des Heimaufenthalts, unter denen viele Betroffene noch heute schwer leiden. Zwar existierten etwa 1200 Personendossiers, doch nur etwa 40 Interviews, welche bislang nur innerhalb verschiedener Projekte entstehen konnten. Wenzel spricht von einem Missverhältnis zwischen dem Behördenblick und der Lebenswelt der Betroffenen.

Die im Rahmen des Projektes geführten, lebensgeschichtlich angelegten Audio-Interviews (Ziel sind etwa 100, deren Dauer bis zu 8 Stunden gehen kann) bilden die Grundlage für das Zeitzeugenarchiv ehemaliger DDR-Heimkinder, das die Stimmen der Betroffenen dauerhaft sichert und für Besuchern der Gedenkstätte als auch Betroffenen und deren Angehörigen sowie der wissenschaftlichen Forschung verfügbar sein wird. „Dabei geht es nicht nur um Probleme in den mehr als 600 Normal- und Spezialheimen der DDR, sondern auch um die Zeit, die sich danach anschloss“, sagt Wenzel, der seinen Blick darauf richtet, welche Wirkung die Umerziehung hatte. Sein Part bei den Interviews ist es nicht, stur Fakten abzufragen. Ihm geht es vielmehr darum, bei den Betroffenen Erzählungen zu generieren, die dann wissenschaftlich ausgewertet werden. Die Schirmherrschaft über jenes Projekt hat Dr. Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident a.D.. Der hält es für außerordentlich wichtig, dass die Opfer der sogenannten Jugendhilfe der DDR ihre Geschichten erzählen und diese der Öffentlichkeit und insbesondere nachfolgenden Generationen zugänglich gemacht werden, sagte er gegenüber der Torgauer Zeitung.

Leipzig. Am Donnerstag, dem 9. Mai, 18 Uhr, sind ehemalige DDR-Heimkinder und interessierte Zeitgenossen in die Behörde des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen (BStU), Außenstelle Leipzig, Diettrichring 24, zur Podiumsdiskussion und zum Zeitzeugengespräch eingeladen. Die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, Dr. Mario Wenzel aus Berlin (Projektleiter) und Dr. Angelika Censebrunn als Moderatorin wollen die Zuhörer für den Aufbau eines „Zeitzeugenarchivs ehemaliger DDR-Heimkinder“ sensibilisieren.

Für Sonja Sprößig birgt dieser Termin eine besondere Herausforderung: Sie wird  als Zeitzeugin den Zuhörern nahebringen, warum dieses Projekt so überaus wichtig ist. Die heute 51-jährige Frau war einst selbst zehn Jahre lang in unterschiedlichen Einrichtungen der  repressiven DDR-Heimerziehung ausgeliefert. Gegenüber der TZ bekundet sie: „Bis heute erlebe ich, dass Menschen voller Vorurteile sind, wenn ich von dieser Zeit erzähle oder gar das Wort ,Jugendwerkhof‘ erwähne. Das ist ein unsägliches Nicht-Wahrhaben-Wollen eines Schicksals, das Zehntausende Kinder und Jugendliche unterm DDR-Regime erlitten haben. Das können wir als Betroffenen so nicht hinnehmen. Ich möchte mithelfen aufzuklären und die Vorurteile abzubauen, dabei auch die Zustände in den Heimen benennen.“

In Begleitung von Manuela Rummel, Referentin der GJWH Torgau, unterstützt Sonja Sprößig seit vielen Jahren die Aufklärungsarbeit in Form von Zeitzeugengesprächen. Doch diese seien nicht genug: „Wir brauchen noch mehr Stimmen von Betroffenen. Aber nicht jeder kann oder mag vor einer Gruppe sprechen. Deshalb sollen entsprechende Aussagen – auch anonymisiert –  in einem Archiv gesammelt werden. Das ist eine Möglichkeit, diesen Teil der DDR-Geschichte vor dem Vergessen zu bewahren, denn irgendwann wird es uns nicht mehr geben! Fakt ist aber: So etwas darf sich unter keinen Umständen und egal unter welchem Vorzeichen wiederholen.“

Was kaum jemand weiß: In den Archiven sind bisher lediglich Akten der DDR-Heime und der DDR-Jugendhilfe vorhanden, die nur die damals offizielle Sichtweise aufzeigen. „Ich selbst habe erst vor drei Jahren meine komplette Akte von zehn Jahren DDR-Heimerziehung lesen dürfen. Sie war ein Schock! Meine Aussagen von damals fehlten völlig. Dieses Bild verzerrt die Realität. Deshalb müssen unbedingt auch die Stimmen der Betroffenen gesichert werden!“

Sonja Sprößig wohnt in Jessen/E. und arbeitet seit vielen Jahren im Sonderpädagogischen Bereich. Mit psychologischer Begleitung, durch ihren Beruf, ihr Engagement als Zeitzeugin und ihr Hobby, die Musik, schafft sie es, ihr Leben zu meistern. gzn


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