Mittwoch, 3. Juni 2020
Montag, 10. Februar 2020

NORDSACHSEN

Die 7 Erfolgsgeheimnisse einer Landesgartenschau

Andreas Kretschmar und Oschgar.Foto: TZ/Stöber

von unserem Chefredakteur Sebastian Stöber

Oschatz. 2006 veranstaltete Oschatz eine der bisher erfolgreichsten Landesgartenschauen. Die TZ begab sich auf die Suche nach den Gründen für diesen Erfolg.

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Wer nach erfolgreichen Ex-Ausrichtern Sächsischer Landesgartenschauen sucht, muss nicht weit reisen. Oschatz war 2006 Heimstätte der Blütenschau und zehrt noch heute davon. Doch was waren vor 14 Jahren die Erfolgsfaktoren?

Die TZ hat sich mit dem Oschatzer Oberbürgermeister Andreas Kretschmar getroffen und sieben Erfolgsfaktoren notiert. Eins noch vorweg. In Oschatz sprach niemand von der Lago, dort prägte man den Begriff Lago, für die Landesgartenschau Oschatz.

1. Der Masterplan

Die Ausrichtung einer Landesgartenschau ermöglicht den Zugriff auf zahlreiche Fördermitteltöpfe, die sonst nur schwer zu knacken sind. Das wusste Anfang des Jahrtausends auch Andreas Kretschmar. In Oschatz entwarf man deshalb einen Masterplan, der alle Maßnahmen umfasste, die im Rahmen des Projekts Lago 2006 realisiert werden sollten.

„Darin enthalten war natürlich das eigentliche Lago-Gelände, aber auch der ÖPNV – für uns ganz wichtig die Döllnitzbahn, die Sanierung der Schule, die direkt an das Lago-Gelände grenzt, sowie Infrastrukturmaßnahmen wie Straßen, Radwege und eine Stadthalle.“

Zu jeder Maßnahme wurde eine Finanzierung ausgearbeitet und mit der Kommunalaufsicht abgestimmt.
Am Ende wurden 35 Millionen Euro investiert, die Pro-Kopf-Verschuldung stieg auf rund 2000 Euro – heute liegt sie bei 800 Euro.

2. Die Köpfe

CDU-Politiker Frank Kupfer übernahm den Vorsitz des Fördervereins Lago 2006. „Das Amt hat er auch heute noch inne“, berichtet Andreas Kretschmar. Außerdem arbeitete der Landtagsabgeordnete im Aufsichtsrat der Lago-GmbH mit.

Ein weiterer wichtiger Partner und ebenso wie Kupfer ein professioneller Netzwerker war Christian Steinbach. Den damaligen Chef des Regierungspräsidiums Leipzig konnte Andreas Kretschmar ebenfalls als aktiven Unterstützer gewinnen: „Über unseren Masterplan haben wir viele verschiedenen Förderstellen aktiviert. Christian Steinbach hat sie alle vierteljährlich an einen Tisch geholt, damit wir gemeinsam die Maßnahmen abstimmen konnten.“

In diesen Treffen sei koordiniert und justiert worden, bis alles passte. „Dafür bin ich ihm noch heute dankbar“, sagt Kretschmar. Das Regierungspräsidium ist heute der Landesdirektion gewichen. Die Leipziger Niederlassung leitet als Vize-Präsidentin Andrea Staude.

Ein hier bekannter Name führte auch die Geschicke der Gartenschau-GmbH, Jochen Heinz nämlich, der vergangene Woche auch in Torgau seine Arbeit als 2. Geschäftsführer aufgenommen hat.  Während er an der Elbe mit Bettina Klein das Führungsduo bildet, stand ihm in Oschatz Hans-Jürgen Haaser zur Seite.
Jörg Bringewald ist Beigeordneter der Großen Kreisstadt, Kämmerer und wurde von Kretschmar als Prokurist in die Lago-GmbH geschickt.

„Dadurch hatten wir direkten Zugriff auf die Gesellschaft und die kompletten Zahlen im Blick“, erläutert Kretschmar den Schritt, den auch Torgau mit Kämmerin Katrin Arndt gegangen ist.

An die Mitglieder im Aufsichtsrat der Lago-GmbH hat der Oschatzer OBM ebenfalls gute Erinnerungen. „Das Gremium war top besetzt und hat uns viel geholfen.“ Neben dem bereits genannten Frank Kupfer gehörten Vertreter des Galabau-Verbands, des Regierungspräsidiums, Stadträte und örtliche Unternehmer dazu.

3. Die Stadthalle

„Wir brauchten die Stadthalle unbedingt, um unabhängig vom Wetter zu werden“, erklärt der Oschatzer OBM. Doch nicht nur für die Auftritte der bei Zeiten gebundenen Künstler war das Vorhandensein der Halle sinnvoll.

„Wir haben frühzeitig alle nur denkbaren Vereine, Verbände und Unternehmen nach Oschatz eingeladen, um bei uns ihre Jahrestagungen zu absolvieren.“ Der Plan: erst in der Stadthalle tagen, dann die Gartenschau besuchen. Eine Stadtmarketing-Idee, die funktionierte.

Und ein Projekt, für das es genau der richtige Zeitpunkt war: Damals, so erinnert sich Andreas Kretschmar, „haben wir eine Ratssitzung für die Auswahl des Architekten fürs das Müntzer-Haus gebraucht. Heute benötigen wir ein Jahr, um das Gleiche für einen Schulneubau hinzubekommen“, erklärt er drastisch die Auswirkungen der gewachsenen Bürokratie, die sich bei Baumaßnahmen unter anderem in der Pflicht zur europaweiten Ausschreibung der Leistungen niederschlägt.

4. Die Oschatzer

Als einem zentralen Bestandteil der Lago griffen die Organisatoren den Rosensee auf. Der, das hatte ein Ideenwettbewerb aufgezeigt, war den Oschatzern eine Herzensangelegenheit. Diese Zuneigung ging soweit, dass eine Aktion 40 000 Euro in die Kasse des Fördervereins spülte, bei der die Oschatzer per Rosensee-Aktion einen Quadratmeter des Gewässers „kaufen“ konnten.

Gleichzeitig war dieses Vorhaben aber auch planerisch eines der anspruchsvolleren. Am Ende spielte den Döllnitzstädtern das Hochwasser 2002 in die Hände. Denn der Rosensee wurde intelligent in das Hochwasserschutzkonzept der Stadt eingebunden.

Tapfer hingenommen haben die Oschatzer die Einzäunung ihres Stadtparks – selbst die Bewohner des Stadtteils Kleinforst lernten nach anfänglichem Unmut, einen kleinen Umweg in Kauf zu nehmen. Ticket-Ausnahmen für die Einheimischen gab es 2006 nicht.

„Wir brauchten jeden Euro“, macht der OBM klar. So habe er es auch kategorisch abgelehnt, einen Freier-Eintritt-Tag für Bürger der Stadt anzubieten. Am Ende zählte die Landesgartenschau in Oschatz eine halbe Million Besucher und als am Ende alle Zahlen auf dem Tisch lagen, „haben wir eine schwarze Null geschrieben“, ist Andreas Kretschmar nach wie vor stolz.

5. Transparenz

Nachdem die Pläne für die Lago bestätigt waren, tingelte der OBM in Abstimmung mit dem Förderverein hinweg tagtäglich durch die Vereine und Verbände der Stadt, erklärte, hörte zu, begeisterte.

Ziel war es, so vielen Menschen wie möglich, so viele Informationen wie möglich zur Verfügung zu stellen. Dieser Idee folgte auch die Bürgermeister-Radtour zu aktuellen und kommenden baulichen Schwerpunkten, die so gut ankam, dass sie bis heute fortlebt.

Transparent mussten Kretschmar auch 2003 vorgehen, als die Steuereinnahmen eine Delle bekamen und klar wurde, dass nicht alle Lago-Wünsche Wirklichkeit werden können. Gemeinsam und am Ende mit Zustimmung der Stadträte einigte man sich auf die Einschnitte – unter anderem wurden die geplanten Radwege gestrichen.

6. Nachhaltigkeit

„Bei jeder Investition haben wir uns gefragt: Was kostet das später in der Unterhaltung und können wir uns das dann leisten?“,  erinnert sich Andreas Kretschmar. So habe es bereits damals Überlegungen gegeben, den Bahnhof zu erwerben. Weil es mit der Bahn keine Einigung über die Nutzung gab, fiel diese Idee für lange Zeit flach – mit einer Idee und Mietern in der Tasche kam sie 2018 wieder auf den Tisch und seit letztem Jahr hat Oschatz eine Mobilitätszentrale.

Die Landesgartenschau 2006 ist auch im Oschatz des Jahres 2020 stets präsent. Und das nicht nur wegen der entsprechenden Schilder an den Ortseingängen. Die Lebenshilfe hat mit der Stadt einen Erbbaupacht-Vertrag über den O-Schatz-Park abgeschlossen und bewirtschaftet das Areal mit finanzieller Hilfe der Stadt. Der Park hat sich als Familien-Ausflugsziel über die Stadtgrenzen hinaus etabliert.

Mit der Kleinen Gartenschau 2016 lockte Oschatz zudem rund 46 000 Menschen an, die nächste Auflage steigt ein Jahr vor der Torgauer Lago. „Bis dahin wollen wir das Gelände nocheinmal aufpeppen“, verspricht Andreas Kretschmar, dass sich ein Besuch dann lohnt.

7. Der Oberbürgermeister

Antreiber, Verkäufer, Netzwerker: Ein Teil des Oschatzer Erfolgs geht ganz sicher auch auf die Kappe des OBMs. Der ist Überzeugungstäter und brennt jetzt schon wieder lichterloh für die Kleine Gartenschau 2021.

Seine Bürger nehmen ihm das ab (96 Prozent bei der OBM-Wahl 2015) und auch die überörtlichen Behörden müssen dem Mann im Oschatzer Rathaus einen gewissen Charme zugestehen.

Ob Schlaglöcher in Staatsstraßen oder ergraute Fassaden an Landgericht und Polizeirevier – „ich habe die Behörden darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Stadt zur Landesgartenschau das Aushängeschild Sachsen sein wird“, sandte er eindeutige Hinweise, die tätig aufgegriffen wurden.

Letzter Punkt: gute Nerven. „Als wir vorne mit dem Ministerpräsidenten die Lago eröffnet haben, ist hinten der letzte Arbeiter mit der Schubkarre raus.“


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