Freitag, 27. November 2020
Dienstag, 7. April 2020

TORGAU

Hahnemann im Angesicht der Cholera-Epidemie

Das Ölgemälde wurde 1835 von Dr. Samuel Hahnemanns Ehefrau Mélanie gemalt. Foto: Privat

von Siegfried Letzel

Torgau/Köthen. Das Leben und Wirken Samuel Hahnemanns: Im Rahmen einer neuen Serie wirft die TZ einen Blick in die Zeit von Torgaus bekanntestem Homöopathen.

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Diese Tage werden wohl möglicherweise als „Corona-Krise“ in die Geschichtsbücher eingehen – weniger aus medizinischer, sondern eher aus volkswirtschaftlicher Sicht. Bei all den Einschränkungen und Opfern, die die breite Gesellschaft heute erbringen muss, damit die medizinische Versorgung der Bevölkerung mit ausreichend vielen Intensivbetten und Beatmungsgeräten gewährleistet werden kann, darf man sich schon einmal die Frage stellen, wie es in vergleichbaren Szenarien wohl damals war, als es noch keine wissenschaftliche Medizin in der Form gab, wie wir sie heute kennen.

Cholera nicht aufzuhalten

Epidemien und Pandemien, Infektionskrankheiten generell, hat es in der Menschheitsgeschichte schon immer gegeben. Bakterien und Viren waren noch nicht bekannt – nicht einmal Hygiene, wie sie heute für uns selbstverständlich ist. Vorwiegend in städtischen Gebieten und vor allem zu ,schlechten’ – und zu Kriegszeiten, waren Infektionskrankheiten, akut und chronisch, ständige Begleiter des menschlichen Lebens.

Zu Zeiten, als Seuchen grassierten, waren ihnen die Menschen ziemlich hoffnungslos ausgesetzt. Ärzte versuchten, ihre Patienten mit allen möglichen Therapieverfahren zu helfen, die Sterberate war jedoch oft unerträglich hoch.
So war es auch im Jahre 1831, als eine menschenmordende Seuche mit ungeheurer Schnelligkeit und Tödlichkeit von Russland kommend (rund 200 000 Todesopfer) Europa erfasste. Das Baltikum, Polen (1100 Tote alleine in Warschau) und Galizien waren schon betroffen. In Preußen und Österreich wurden die Grenzen geschlossen. Quarantänestationen wurden eingerichtet. Dennoch ließ sich diese asiatische Cholera nicht aufhalten.

In ihrer Unwissenheit waren die Ärzte hilflos. Aderlass war eine sehr verbreitete Behandlungsmethode, Blutegel und Schröpfköpfe wurden eingesetzt, aber auch Arzneien wie Kalomel (ein giftiges Quecksilberpräparat). Diese Arznei war zu jener Zeit das wesentliche Standard-Brech- und Abführmittel und quasi in jeder Arzttasche vorhanden. Man sieht es schon: bei den meisten Therapieversuchen wurden die Patienten weiter geschwächt, was nicht wirklich förderlich war. Eine „Pharmacopoea anticholerica“ (ein Arzneibuch mit Arzneien gegen die Cholera) enthielt 238 Arzneimittelbeschreibungen, die aus heutiger Sicht allesamt wirkungslos waren.

Zu dieser Zeit der Agonie und Hoffnungslosigkeit war es der ehemalige Torgauer Bürger, Chemiker, Pharmakologe und Arzt Dr. Samuel Hahnemann, Begründer der Homöopathie, der seinen eigenen Therapieansatz in vier Schriften veröffentlichte.

Von „mörderischer Art“

Schon zu dieser Zeit vermutete er, dass das sogenannte Choleramiasma „in einem unsern Sinne entfliehenden lebenden Wesen menschenmörderischer Art” besteht. Laut Philosoph Fechners Untersuchung von 54 angeführten Forschern war Samuel Hahnemann der Einzige, der Kleinlebewesen annahm und der Krankheitsursache nahe kam.

Hahnemann blieb seinem inzwischen angenommenen Grundsatz treu, auch Cholera als „feststehende Krankheit“ entsprechend feststehend zu behandeln, indem er gleichförmig Kranken dasselbe Mittel verabreichte. Mit seiner „therapia magna sterilisans“ empfahl er als erster Arzt, mit Kampferspiritus als Heilarznei – aber auch Schutz- und Desinfektionsmittel –, eine Anwendung gegen die Choleragefahr. In fortgeschrittenen Krankheitsstadien empfahl er den Symptomen entsprechende  homöopathische Arzneien.

Damit stand er alleine auf weiter Flur. Die von Hahnemann empfohlene Behandlung zeigte sich bald als außerordentlich wertvoll und erfolgreich. Sogar Medizinalbehörden mussten sein Verfahren widerstrebend empfehlen.
Aber Hahnemann dachte noch weiter, um weitere Ansteckungen und eine weitere Verbreitung unmöglich zu machen: er verlangte, dass alle in Quarantäne oder dort in Kontakt tretende Personen „ihre Wäsche usw. zwei Stunden lang einer Backofen-Hitze von 80 Grad aussetzen. Dies sei eine Hitze, in welcher alle bekannten Ansteckungsstoffe und so auch die lebenden Miasmen vernichtet werden. Währenddessen wird ihr Körper durch schnelles Waschen gereinigt und mit reiner, leinener oder barchentner (dick baumwollene) zum Hause gehöriger Bekleidung versehen.”

Dies war schlichtweg revolutionär in der abendländischen Medizin.

Dieses Bild entstammt der 1922 erschienenen Hahnemann-Biografie von Richard Haehl und zeigt Köthen zur Zeit Hahnemanns.

Wenn man bedenkt, dass Hahnemann weder die Mikroskopie in dem Maße zur Verfügung stand wie der neuzeitlichen Wissenschaft, noch die persönliche Beobachtung von Cholerakranken möglich war, sodass er ausschließlich auf die eingehenden Krankheitsschilderungen und Symptomenbeschreibungen seiner Freunde und Schüler angewiesen war, die er um solche ausdrücklich und dringend ersucht hatte, so ist es geradezu erstaunlich, mit welcher Bestimmtheit und Sicherheit er, wohl als erster, auf das Choleramiasma als auf ein „Lebewesen niederer Ordnung, das in seiner Kleinheit unsern natürlichen Sinnen entrückt sei”, hinwies, und wie er dann, aus dieser Erkenntnis schließend, die ansteckende Eigenschaft der Krankheit, die durch persönliche Berührung weiterverbreitet werde, mit aller Bestimmtheit behauptete und festhielt. Aus dieser seiner Auffassung kamen dann auch seine für die damaligen Verhältnisse so auffallend wirksamen Gegenmittel.

So sorgte die Choleraepidemie von 1831 zu einer sprunghaft gesteigerten Akzeptanz der Homöopathie, die in den Jahren 1805 bis 1810 in Torgau entwickelt wurde und bis zum heutigen Tag weltweit im Wesentlichen unverändert praktiziert wird.

 

Info:

Dr. Samuel Hahnemann und die von ihm ins Leben gerufene Heilkunde der Homöopathie sind ein wichtiger Teil von Torgaus Geschichte.  Mehrere Jahre seines Lebens verbrachte er in der Elbestadt und verfasste hierzahlreiche Artikel über die Homöopathie und gab im Jahr 18010 auch die erste Ausgabe des „Organon“ heraus. In diesem hielt er die Prinzipien seiner neuen Heilmethode fest, das Werk ist heute in seiner erweiterten 6. Auflage auf jedem Schreibtisch eines Homöopathen zu finden.

Seit 2014 beherbergt Torgau außerdem den Verein „Internationales Hahnemann-Zentrum Torgau“, der das gleichnamige Zentrum in der Wintergrüne betreibt und dort in einer Ausstellung zahlreiche Exponate aus der Zeit Hahnemanns präsentiert.

Der Kurator dieser Ausstellung, Siegfried Letzel, wird Ihnen, liebe Leser in den kommenden Wochen regelmäßig Geschichten aus dem Leben und Wirken Hahnemanns näherbringen und Sie so über die Geschichte der Homöpathie, und damit auch die Geschichte Torgaus, aufklären. Letzel ist Bachelor of Science in Biologie, nicht mehr praktizierender Heilpraktiker und war Mitglied der Gründungsredaktion der heute am mit 65 000 Abonnenten am weitesten verbreiteten Homöopathiezeitschrift „Homeopathy4Everyone“.

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