Mittwoch, 21. Oktober 2020
Mittwoch, 15. April 2020

TORGAU

"Wir sind kein Bremsklotz für den Hafen"

Mario Reiß hat sich intensiv mit der Problematik „Bedienstelle Hafen Torgau“ aus Sicht der Deutschen Bahn befasst. Foto: privat

von unserem Redakteur Nico Wendt

Torgau. Im großen TZ-Interview spricht Mario Reiß, DB-Betriebsratsvorsitzender und Mitglied des Aufsichtsrates DB Cargo AG, darüber, was passieren muss, damit die Bahn die "Güterverkehrsstelle Hafen Torgau" endlich in ihr Bedienkonzept aufnehmen kann. 

 

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 „Bremst die Deutsche Bahn den Hafen Torgau aus?“ Unter dieser etwas provokativ gehaltenen Überschrift hatte TZ im März über die stagnierende Entwicklung des neu sanierten Hafens in Torgau geschrieben. Darin enthalten die scharfe Kritik von Heiko Loroff, Geschäftsführer der Sächsischen Binnenhäfen Oberelbe GmbH: Man könne bislang nur mit privaten Eisenbahnverkehrsunternehmen agieren. Im Angebotsnetz der DB Cargo suche man eine „Güterverkehrsstelle Hafen Torgau“ vergeblich. Die Bahn reagierte. Mario Reiß, Betriebsratsvorsitzender und Mitglied des Aufsichtsrates DB Cargo AG, stellte sich für ein Interview zur Verfügung. 

TZ: Ist es richtig, dass der Hafen Torgau bislang noch im Bedienkonzept der DB fehlt? 

M. Reiß: Der Torgauer Hafen, wie auch alle anderen Gleisanschlüsse, sind aktuell im Netz der DB AG und demnach auch im Angebotsnetz der DB Cargo vorhanden. Hier besteht offensichtlich ein kleines Missverständnis, das ich gern ausräumen würde. Wenn mit der Frage gemeint sein sollte, in wie weit sich die DB Cargo eine Bedienung des Hafens vorstellen kann, darf ich Ihnen heute mitteilen, dass die DB Cargo sehr interessiert daran ist, die Städte und Gemeinden wieder viel stärker über den Schienenweg in ökologisch lohnende Versorgungsketten einzubinden. Hier stehen wir an einem Wendepunkt, der durch politische Entscheidungen endlich befördert wurde. 

Heißt, die Bahn will sich einbringen? 

Ja. Die Deutsche Bahn und für den Güterverkehr speziell die DB Cargo AG nimmt sehr wohl das wachsende Interesse auf und möchte nicht nur das Angebot in die Welt setzen, sondern tatsächlich auch griffige Konzepte anbieten. Hierzu sollten sich Städte und Gemeinden aktiv mit einbringen. Sie sollten als Vermittler im Interesse der regionalen Verkehrssteuerung und gemeinsam mit der ansässigen Wirtschaft die Konzeption vorhandener und auch neuer Güterverkehrspunkte diskutieren. Aber auf die Frage zur Anbindung des Torgauer Hafens hier gleich die klare Antwort: Wenn der Bedarf besteht, wird die DB Cargo auch den Torgauer Hafen bedienen!

Sie haben eine breite Diskussion erwähnt. Wie soll diese laufen? 

Man könnte im direkten Gespräch erörtern: Welcher Bedarf ist denn in der Region überhaupt vorhanden? Was könnte man sich vorstellen, auf die Schiene zu bringen? Welche Angebote kann die DB konkret machen? Man muss jetzt auch gründlich hinterfragen, wie genau man den Hafen Torgau – der ja für über 18 Millionen Euro saniert wurde – nutzen will. 

Wie soll sich die Politik einbringen?

 Manchmal entsteht ein falscher Eindruck, wenn so mancher Politiker auf der einen Seite ein stetiges Angebot von Verkehrsleistungen in den Regionen fordert und genau derselbe Politiker beim nächsten Termin im Bundestag in Berlin über eine effiziente und nach privatwirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten ergebnisorientierte Güterbahn fabuliert. Hier muss sich die Politik als Anteilseigner entscheiden, ob die in den 90 ziger Jahren auf Börsengang getrimmte Strategie noch zu halten ist. 

Es hieß zuletzt, die DB Cargo hätte mit zahlreichen Firmen im Umkreis gesprochen und es sei kein Interesse dagewesen? 

Ich habe intensive Recherchen betrieben und mich beim Vorstand der DB Cargo bei Frau Dr. Siegrid Nikutta und den regional zuständigen Vertriebsleuten erkundigt.  Bereits vor vier Jahren gab es intensive Gespräche und sogar einen Termin bei Torgaus Oberbürgermeisterin. Der Vertrieb hat die bekannten Firmen auf bestehendes Interesse – mit der Bahn einen Teil des Gütertransportes zu organisieren – abgefragt. Das Interesse war vorsichtig ausgedrückt zurückhaltend bis nicht vorhanden. Zugegebenermaßen hat sich inzwischen in der Wettbewerbsfrage und in den Preisangeboten einiges zu Gunsten des Bahntransportes bewegt. Ich gehe davon aus, dass es auch hieraus resultierend lohnend sein könnte, eine neue Initiative zu starten. Hier biete ich gern an – gemeinsam mit der Politik, der Stadt und Unternehmen – einen sogenannten runden Tisch zu begleiten, der diese Diskussion neu und vielleicht auch endlich zielführend mit Umsetzungsmöglichkeiten ins Auge fasst. 

Welche Perspektiven sehen Sie?

Man hat einen Hafen in Torgau, in den viel Geld investiert wurde und man sieht, dass das Konzept nicht ins Laufen kommt. Die DB Cargo hat ein neues Angebotsbewusstsein und ist jetzt, soviel Eigenwerbung sei mir gestattet, ein sehr verlässlicher Partner für seine Kunden. Cargo bietet nicht nur attraktive Logistiklösungen für Schütt- und Massengüter, sondern stellt sich immer mehr auf Kundenbedürfnisse ein.  In der Region haben wir eine Vielzahl von Firmen, die von den Logistikketten der DB Cargo profitieren könnten. Egal ob wir da an die Holzindustrie mit der Firma HIT Holz denken oder Saint-Gobain Flachglas, das Thema Baustoffhandel, den Transport von Kies und Wasserbausteinen oder an den Bereich Metallrecycling. Ich glaube, dass sich hier eine Menge an Beispielen finden lässt, die derzeit die Vorteile einer veränderten Transport- und Logistik-Kette in Anspruch nehmen könnten. 

Geben Sie Einblicke, wie viele Firmen abgefragt wurden?

Es wurde ein Firmen - Screening vom Vertrieb vorgenommen. Diese Untersuchung ergab insgesamt aber keine Mengen, um Torgau als Güterverkehrsstelle im Bedienkonzept der DB Cargo nach den alten Regeln der Bedarfsermittlung aufnehmen zu können. Kontaktiert wurden beispielsweise:… die Annaburger Nutzfahrzeug GmbH; die Antolin Massen GmbH; die Colep Bad Schmiedeberg GmbH, die EBAWE Anlagentechnik GmbH, FEBO Maschinenmontagen und Anlagenbau GmbH; Feintool System Parts Jessen GmbH, Filzfabrik Wurzen GmbH, Gilles & Wagner Transport GmbH, Himmelsberger Mineralbrunnen GmbH, PCW GmbH, Schulz Systemtechnik GmbH, die Tube Technology Systems GmbH, die Wurzener Dauerbackwaren GmbH, GALFA GmbH & Co. KG und die Profiroll Technologies GmbH, die TWB Tief- und Wasserbau GmbH Boblitz/Spreewald; die Schade Logistic GmbH, Lösch-Depot Leipzig GmbH.  

Gab es darüber hinaus Bemühungen?

Ja am 23. April 2019 fand im Industriepalast in Leipzig ein Termin mit Herrn Made und Herrn Thiele vom Hafen Torgau statt. Dort hatte man sich über die gegenseitigen Akquisen in Bezug auf mehr Schienenverkehr abgestimmt. Potenziale für den Hafen Torgau wären: Walzdraht aus Italien monatlich 300 Tonnen,  Stabstahl aus Lübeck vierteljährlich 2 000 bis 3 000 Tonnen,  Kieswerk Liebersee , Reiling Torgau  (Behälterglas/ Sand für Glasfabrik Torgau). 

Wie sieht es mit dem Glassektor konkret aus?

 Saint Gobain war bei den Kunden dabei, die angesprochen wurden. Da kann man sich mehr vorstellen. Der Glas-Sektor ist damals von der Bahn unter anderem abgerückt, weil nicht die richtigen Umlademöglichkeiten geboten wurden. Da hat sich Vieles bei uns weiter entwickelt. Auch beim Thema „Preis“ gab es massive Veränderungen. Das Geschäftsgebahren von DB Cargo ist jetzt ein komplett anderes. Wir gehen nun offensiv hinein in die Region, möchten ein flächendeckendes Netz im Einzelwagenverkehr auf die Beine bringen. 

Wie steht es mit der Landwirtschaft? 

Die Landwirtschaft ist ein großer Kunde. Es gab zum Beispiel einen Anschluss in die Zuckerfabrik Brottewitz bei Mühlberg, die nun geschlossen wurde. Fakt ist: Viele Unternehmen haben derzeit die Bahn als Transporteur gar nicht im Blick. Solange nicht genug Kunden da sind, wird der Hafen in Torgau aber nicht in Gang kommen. 

Die nächste Zuckerfabrik ist 100 Kilometer entfernt in Zeitz. Die Bahn könnte Zuckerrüben dorthin transportieren! 

Steht die Frage, wie das verladetechnisch möglich ist. Man braucht lange Gleisanlagen und viel Platz, um die Rüben zu großen Mieten zusammenzufahren. Dann ist die Frage, wie lange sie dort zwischengelagert werden können. Man müsste Anschlussgleise aktivieren. Es fehlt im Flächennetz an Verladegleisen. Zu DDR-Zeiten war das alles mal vorhanden: Wegen Rationalisierung wurden solche Gleisanbindungen über viele Jahre abgeschnitten und abgemeldet. 

Eben aus Gründen der Kostenminimierung– richtig? 

Genau. Deshalb sehe ich als wesentlichen Punkt die Notwendigkeit, dass die gesamte Infrastruktur mit allen regionalen Anschlüssen und Umlade- Terminals als öffentliches Eigentum dem Bund ohne den Anspruch auf Profitzwang übertragen wird und als eine der Lebensadern für Deutschland verstanden wird. Alle Infrastruktur ist der Allgemeinnützigkeit zu unterstellen und wir sollten als Bürger darauf bauen können, dass Straßen, Autobahnen, Wasserwege, Energie und Wasserversorgung, Funk und Kabelnetze usw. durch die alleinige Verwaltung des Bundes entgegen aller Profitgedanken für alle bereitgestellt und unterhalten werden. Nur so können auch Klimaziele verfolgt und die Zukunft abgesichert werden. Über solch einen Weg könnte man die Städte und Gemeinden wieder besser mit einem flächendeckenden Netz versorgen. Alles andere – was  im Sinne einer Gewinnerwartung über Jahre betrieben wurde – wird ein weiteres Ausdünnen in strukturschwachen Regionen nach sich ziehen.  

Wie sollen nun aber Interessenten aus der Wirtschaft auf die DB-Angebote im Torgauer Hafen aufmerksam werden, wenn der Standort im Bedienkonzept nicht enthalten ist? 

Wir können den Hafen nur in unser Portfolio mit hinein nehmen, wenn ein Bestellerbedürfnis vorhanden ist. Wir stellen ja nicht nur die Anbindung, sondern die gesamte Infrastruktur bereit. Unser nächster Standort ist in Halle. Nur Fahrzeuge wie Lok und Waggons in Torgau vorzuhalten, ohne zu wissen, ob es ein Kunde in Anspruch nimmt, wäre ein Handicap. Die Bahn ist angehalten, ergebnisorientiert zu arbeiten. Ein Angebot der Bahn in die Regionen Deutschlands so einzupflanzen, dass es zunächst erst einmal ohne Kunden flächendeckend ein Transport auf der Schiene ermöglicht, welches dann nach und nach wachsen kann, wird nicht unter den derzeitigen Regeln zu stemmen sein. Derzeit ist sehr viel von systemrelevanten Berufen bzw. wichtige Strukturen im Sinne einer Daseinsvorsorge die Rede. Ich habe die Hoffnung, dass wir in den nächsten Monaten noch einige grundlegende Diskussionen und hoffentlich auch noch einiges an richtigen Entscheidungen erwarten dürfen. 

Die Bahn hat aber leider als Transorteur nicht den besten Ruf! 

Was ich teilweise sogar verstehen kann, weil wir in der Vergangenheit jeden Gleisanschluss abbestellt haben und es an guten bedarfsgerechten Angeboten mangelte. Dadurch fehlt bei vielen Kunden der Glaube, dass man tatsächlich mit der Bahn etwas bewegen kann. Die Frage ist, wie man das Vertrauen der Kunden zurückgewinnen kann. 

Der Verein Elblandbahn Dommitzsch versucht, die alte Strecke Torgau-Pretzsch neu zu beleben. Diese führt weitgehend parallel zur Elbe entlang in Richtung Wittenberg und könnte bei Niedrigwasser als Alternative genutzt werden. Was sagen Sie zu dieser Idee? 

Ehrlich gesagt, habe ich anfangs geschmunzelt, als ich davon hörte. Aber inzwischen ist es tatsächlich ein Thema, wenn man aus dem ökologischen Gedanken heraus verstärkt Transporte von der Straße auf die Schiene verlagern will. Es braucht intelligente Konzepte und es ist jeder Strang in Betracht zu ziehen, wenn wir tatsächlich auf die Schiene kommen wollen. Bevor man darüber nachdenkt, neue Netzstrukturen in die Landschaft zu setzen, sollte man eher die alten nutzen. Aber zurück zum Hafen: Man braucht am Standort Torgau ein etabliertes Tagesgeschäft, um wirtschaftlich zu sein. Es ist auf jeden Fall nicht so – das möchte ich betonen – dass wir als DB den Hafen ausbremsen. Im Gegenteil. 

Wie ist die DB in anderen Häfen involviert beispielsweise in Dresden und Riesa? Funktioniert es da besser?

Grundsätzlich funktioniert die Zusammenarbeit (aus Sicht des RV East) mit den anderen Häfen in Bezug auf die dort ansässigen Firmen ganz gut.

Aber auch hier passiert darüber hinaus zu wenig. Es gibt bisher zu wenig Transportzuwächse auf der Schiene. Beispiel: Der Hafen Riesa und eine Kollegin aus dem Vertrieb haben unabhängig voneinander versucht, den dort ansässigen Reifenproduzenten (Goodyear Dunlop) für die Schiene zu gewinnen. Bisher waren auch hier alle Versuche leider vergebens. 

Wie geht es jetzt weiter, nachdem wir Ihre Seite gehört haben?

Ich kann mein Angebot sehr gern wiederholen und stehe zur Verfügung, wenn man einen Kreis von Interessenten findet, der dieser Thematik „regionaler Bahnumschlagpunkt Torgau“ tatsächlich Leben und Kraft für die Umsetzung einhauchen möchte. Das Thema ist aber tatsächlich nur über gemeinsame Anstrengung der Stadt Torgau, der Landes - und Bundespolitik, der Bahn und der Unternehmen in der Region zu beleben. Ich habe hier keine Sorge, dass wir die Landespolitik und die Bahn mit ins Boot bekommen, da wir hier bereits einige gute Erfahrungen in Sachsen gemacht haben.


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