Dienstag, 26. Mai 2020
Donnerstag, 16. April 2020

DOMMITZSCH

"Wenn es hier mal brennt, gibt es ein fürchterliches Inferno"

Das einstige Werksgelände mit Gebäuden und Hallen. Ein Teil der Dächer ist bereits eingestürztFoto: Nico Wendt

von unserem Redakteur Nico Wendt

Dommitzsch. Die Ruine der Tonwarenfabrik im Töpferweg in Dommitzsch bereitet vor allem Anwohnern Sorgen. Die Dächer sind eingestürzt, in den Hallen stapelt sich Unrat. Was, wenn hier mal ein Feuer ausbricht – womöglich durch spielende Kinder?

 

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Dommitzsch. In der Rubrik „Vor 20 Jahren“ hatte TZ im März über das Töpferfest in der Deutschen Tonwarenfabrik Dommitzsch berichtet. Damals war das Areal ein beliebter Anlaufpunkt für Hunderte Besucher. Heute steht hier eine Ruine. Eine, die den Anwohnern richtig Sorgen bereitet. 

Die Dächer der Fabrikhallen sind teilweise eingestürzt. Holzbalken klaffen aus großen Löchern, umsäumt von dicken Lagen Dachpappe. „Wenn das mal brennt, gibt es ein fürchterliches Inferno“, meldete sich eine Nachbarin nach dem TZ-Artikel und zeigte ihre Betroffenheit. In den Sommermonaten seien auf dem ehemaligen Werksgelände schon spielende Kinder gesichtet worden. Offenbar hat es schon alarmierende Vorfälle gegeben.

 

Farben und Lacke 

 Die Brandgefahr sieht auch Stadtwehrleiter Bernd Schlobach. Denn es gibt im Inneren der Gebäude noch jede Menge Hinterlassenschaften wie alte Farben und Lacke, vereinzelt auch Autoreifen. Denn Bereiche des Grundstückes wurden nach der Elbeflut im August 2002 als Hilfs- und Materiallager genutzt. Damals kamen Baustoffe und Reparaturmittel in die Gebäude. Mancher entsorgte seinen Unrat. „Das Gelände ist nur notdürftig gesichert. Da kann viel passieren“, schätzt Wehrleiter Bernd Schlobach ein. Bürgermeisterin Heike Karau bedauert, dass der Verfall auf dem einstigen Industriegelände soweit fortgeschritten ist und dass sich in den vergangenen Jahren niemand mehr richtig verantwortlich zeigte. Der westdeutsche Eigentümer war insolvent gegangen, die Forderungen der Stadt liefen ins Leere. „Wir haben versucht, die Schulden einzutreiben. Doch der Betreffende kannte die Schlupflöcher, wusste sich geschickt aus der Affäre zu ziehen“, so Heike Karau. 

Über die Jahre war ein sechsstelliger Betrag angewachsen. Nicht nur durch die Grundsteuer der Stadt, sondern auch durch Beitragsforderungen des AZV. „Der insolvente Eigentümer hat die Fläche wohl irgendwann an das Land Sachsen abgegeben. Jedenfalls meldete sich vor einiger Zeit eine Gesellschaft, die das Anwesen für Photovoltaik nutzen wollte. Wir sollten auf jegliche Forderungen verzichten. Doch das haben auch meine Stadträte mehrheitlich abgelehnt. Es ist eine riesige Fläche, die städtebaulich noch einmal wertvoll werden könnte. Die kann man nicht einfach so abschreiben“, macht die Bürgermeisterin deutlich. In der Vergangenheit waren alle Bemühungen, eine neue Nutzung für die Tonwaren-Fabrik zu finden, vergeblich. 

 

Kleine Töpferei 

So hatte beispielsweise mal der frühere Vorsitzende des Vereins Mitteldeutsche Kirchenstraße, Lysander Pötzsch, darüber nachgedacht,  hier ein technisches Denkmal unter Einbeziehung traditioneller Handwerkskunst zu etablieren. Die Lage direkt am Internationalen Elberadweg erschien günstig. Man hätte eine kleine Töpferei, eine Schauwerkstatt mit Brennöfen und Dreherei einrichten könnten. Zu jener Zeit, im Jahr 2011, war die Liegenschaft noch nicht derart runter gekommen. Allerdings fanden sich keine Mitstreiter. Erschwerend kam hinzu, dass Gläubiger noch auf Geld warteten und das Grundstück belastet war. Während man auf ostelbischer Seite mit der Rettung des historischen Ringbrandofens Großtreben eine Erfolgsgeschichte schrieb, geriet die Dommitzscher Initiative rasch wieder in Vergessenheit. 

Dabei reicht die Geschichte der Tonwarenfabrik weit zurück. Die Gründung erfolgte vor 110 Jahren. Ausschlaggebend für den Standort dürften die Tonlager im Labaun (Stadtwald) und ausgebildete Töpfer im Ort gewesen sein. Im Oktober 1909 bildete sich eine GmbH mit zehn Gesellschaftern, die den Bau in Auftrag gab. Im Mai 1910 begann die Produktion. Es gab mal Zeiten, da arbeiteten hier über 100 Menschen (1951 – 115 Mitarbeiter, 1964 – 78 Mitarbeiter). Sie produzierten eine Vielzahl von Gebrauchsgegenständen: Töpfe, Schüsseln, Tassen, Krüge, Wärmflaschen, Kaffeekannen und ähnliches. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm der Betrieb schon 1946 die Arbeit wieder auf. Die Produkte gingen sogar ins Ausland, darunter nach Belgien, Dänemark und Polen. Die Eingliederung des Dommitzscher Werkes in den VEB Steingutwerk Torgau erfolgte 1963. 

 

Seltenheitswert 

Nach der Wende 1996 kam das Aus. Einige Enthusiasten sowie der Geflügelzüchterverein und die Feuerwehr veranstalteten trotzdem noch weiterhin ein jährliches Töpferfest.  Noch zur Jahrtausendwende schätzten Denkmalschützer den Bestand als wertvoll ein. Die Anlage mit ihrer weitestgehend vollständig erhalten gebliebenen Ausstattung besitze Seltenheitswert. Die Fabrik sei mit Anlieferung, Aufbereitung, Eindreherei, Transportanlage und drei Brennöfen in einer größeren Hallen noch erhalten, hieß es da. Ein Kulturdenkmal. 

Erwähnenswert ist noch, dass der Eingangsbereich vom Dahlenberger Künstler Bruno Kubas gestaltet wurde. Ähnlich wie Heike Karau hofft auch Stadtwehrleiter Bernd Schlobach darauf, dass sich das Schicksal dieses Industriegrundstückes irgendwann doch noch mal zum Guten wendet. Derzeit deutet aber leider nichts daraufhin.


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