Freitag, 29. Mai 2020
Donnerstag, 23. April 2020

TORGAU

Es scheint, als habe jemand in der Elbe den Stöpsel gezogen

Dieses Schubschiff mit Ladung machte am Mittwochabend an der ausgewiesenen Liegestelle am östlichen Ufer in Torgau Station. Es könnte eines der letzten gewesen sein, die beim derzeitigen Niedrigwasser noch unterwegs waren.Foto: Nico Wendt

von unserem Redakteur Nico Wendt

Torgau. Nicht nur die Landwirte haben mit der Trockenheit zu kämpfen. Auch für die Binnenschiffer ist die Witterung alles andere als günstig. Der Wasserstand der Elbe ist in nur sechs Wochen um zwei Meter gefallen. 

 

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Die große Trockenheit macht derzeit nicht nur den Landwirten zu schaffen. Sie hat auch den Schiffsverkehr auf der Elbe fast wieder zum Erliegen gebracht. Dabei hatte TZ erst vor vier Wochen darüber berichtet, wie der regenreiche Februar die Transporte zu Wasser beflügelte. Plötzlich sah man beinah im Stundentakt schwere Konvois mit Containern, mit Schüttgut oder sperrigen Gütern, die von Riesa, Dresden oder anderswo gestartet waren und nun Torgau passierten. 

 

Schlechte Aussichten 

„Wir können die wegen der Corona-Krise wegfallenden Transportwege auf diese Art und Weise ausgleichen“, freute sich Heiko Loroff, Geschäftsführer der Sächsischen Binnenhäfen Oberelbe GmbH. Selbst weitere Schwertransporte beispielsweise mit Generatoren, Turbinen, Ölanlagen und Transformatoren wurden angekündigt und sollten in Kürze auf die Reise bis Hamburg gehen. Daraus wird zumindest jetzt vorläufig nichts mehr. Der Pegel ist innerhalb von nur vier bis sechs Wochen dramatisch gefallen. Die Elbe führt nun etwa zwei Meter Wasser weniger als noch Ende Februar/Anfang März. Und der Trend geht weiter in diese Richtung. Das lässt selbst Fachleute erstaunen. „In dieser Häufung und zu dieser Jahreszeit ist es schon ungewöhnlich“, bezieht sich Roland Siering, Leiter des Außenbezirkes Torgau des Wasser- und Schifffahrtsamtes, auf das erneute Niedrigwasser. Schließlich hatte man gerade erst 2015 sowie 2018 und 2019 solche lang anhaltenden Phasen. Die „Ebbe“ in der Elbe ist auch für die Entwicklung des neu errichteten Torgauer Hafens alles andere als dienlich. Die Binnenschifffahrt erlebt schwere Zeiten. Noch ist der Verkehr nicht vollends zum Erliegen gekommen. Erst am Mittwochabend hatte ein Schubschiff auf östlicher Seite gegenüber des Elbanlegers Halt gemacht, um hier die Nacht zu verbringen. Spaziergänger beobachteten das Manöver mit Interesse. „Es handelt sich um eine ausgewiesene Liegestelle, wie es sie im Bereich Torgau mehrere gibt“, lieferte Roland Siering die Erklärung. 

 

Mit Radar 

Zwar könnten die Kapitäne mit Radar und entsprechendem technischen Gerät auch nachts auf der Elbe fahren. Aber oft gäbe das die Besatzung personell nicht her, so dass abends Feierabend gemacht und am nächsten Tag wieder abgelegt wird. Bei  einem Pegel von etwa 95 Zentimetern muss der Schiffsführer derzeit aber alle Vorsicht walten lassen. Das Fahrzeug muss „flach beladen“ sein, wie es in der Fachsprache heißt. „Die Fahrrinne hat derzeit in Torgau etwa eine Tiefe von 1,50 Metern. Der Tiefgang des Schiffes beträgt etwa 1 Meter“, so der Leiter des Außenbezirkes. Der Kapitän bekommt täglich die aktuellen Werte und müsse dann selber entscheiden, ob er unter diesen Umständen weiterfährt. Noch können die Verantwortlichen auf tschechischer Seite hin und wieder für ein bisschen Hilfe sorgen, indem sie über ihre Staustufen und Stauseen Wasser in die Elbe zugeben. Zum Beispiel sorgen immerhin 24 Staustufen – weitere sind bei Decin geplant – sowie Talsperren an Moldau  und Nebenflüssen dafür, dass eine Abflusssteuerung funktioniert. „Damit kann man dann den Pegel der Elbe mal kurzzeitig 20 bis 30 Zentimeter erhöhen. Das wurde in letzter Zeit öfter gemacht. Aber irgendwann fehlt auch bei den Nachbarn das Wasser“, lächelt Roland Siering. Er befürchtet, dass sich die Situation in den nächsten Wochen nicht wirklich entspannt, wenn es so trocken bleibt. Schon in 14 Tagen könnte der „Hungerfelsen“ unterhalb der Straßenbrücke wieder auftauchen. Er wird bei einem Pegel von etwa 55 Zentimetern sichtbar und kündet von extremen Niedrigwasser. 

 

Keine Attraktion mehr 

Noch 2015 war es eine Attraktion, diesen zu erklimmen und Fotos zu schießen. Inzwischen haben sich viele Torgauer an diesen Anblick längst gewöhnt. „Hungersteine“ oder „Hungerfelsen“ wurden solche Stellen in früheren Zeiten genannt, weil sie mit Dürre und einer schlechten Ernte in Verbindung standen. Das Schubschiff am Mittwochabend in Torgau könnte eines der letzten gewesen sein, das die Chance noch genutzt hat, unter diesen Bedingungen auf der Elbe unterwegs zu sein. „Sollte der Pegel noch 20 bis 25 Zentimeter sinken, wonach es derzeit aussieht, wird bald gar nichts mehr gehen“, glaubt Roland Siering. Gut möglich, dass es dann wieder bis zum Herbst dauert, bis die Güterschifffahrt einen neuen Boom erlebt.


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