Mittwoch, 12. August 2020
Freitag, 24. April 2020

NORDSACHSEN

In Zeiten von Corona…#31

In Zeiten von Corona…Foto: Repro: TZ

von unserem Chefredakteur Sebastian Stöber

…sehnen sich viele von uns nach einem Besuch im Café oder Restaurant. Doch wird es die Gastro-Landschaft Torgaus nach Corona noch in der Form geben, wie wir sie kennen? Weil ich das wissen wollte, habe ich bei Beatrix Dörge angerufen.

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In Zeiten von Corona…

…hat sich wahrscheinlich jeder von uns schon mal gewünscht, außerhalb der eigenen vier Wände einen Schluck Kaffee samt Kuchen zu konsumieren, in gediegenem Ambiente die voller Vorfreude von einer gut gefüllten Speisekarte zu bestellen, oder gemütlich ein Bierchen zu veratmen.

Seit Wochen ist das alles nicht mehr möglich. Doch während wir Kunden einfach nur verzichten, geht es für die Gastro-Branche um die Existenz. Circa 10 000 gastgewerbliche Betrieben mit circa 60 000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von rund 3 Milliarden Euro gibt es laut  DEHOGA Hotel- und Gaststättenverband Sachsen im Freistaat. Auch Torgau verfügt über ein breites gastronomisches Angebot.

Wird das auch noch so sein, wenn die Corona-Auflage so weit gelockert sind, dass die Restaurants, Kneipen und Cafés wieder öffnen dürfen?

Weil ich wissen wollte, wie es um Torgaus Gastronomie und die Stimmung der Wirte bestellt ist, habe ich bei Beatrix Dörge angerufen. Am 5. Juni ist sie 20 Jahre im (Torgauer) Geschäft, betreibt „Herr Käthe“, das Schlosscafé und die Kostbar und ein geachtetes Mitglied im Wirteverein ist sie auch.

Für mich legte sie eine Pause vom Biergarten-Möbel-Aufarbeiten ein und in einem sehr offenen Gespräch gab mit die Torgauerin Einblicke in den Umgang der Gastronomen mit dem verordneten Corona-Stillstand, formuliert klar, wie die Politik helfen kann und vermittelte trotz der prekären Situation nicht zu überhörenden Optimismus.

Beatrix Dörge
TZ: Frau Dörge, wie geht es der Torgauer Gastronomie?
Beatrix Dörge:
Schwer zu beschreiben. Auf der einen Seite ist die Situation ein finanzielles Desaster und absolut deprimierend. Gleichzeitig fangen jetzt aber alle langsam wieder an zu öffnen – zumindest im Außer-Haus-Verkauf.
 
Man merkt, sie haben Lust auf ihren Beruf und das Putzen so langsam satt. Das Carpe Diem beispielsweise verkauft Eis-Familienpackungen, ich mache über Mittag die Kostbar auf. Ganz schlimm ist es freilich für Karli Potzelt im Entenfang, weil alle Konzerte und Festivals abgesagt sind.
 
Das klingt nach mehr Hoffnung als ich erwartet hätte.
Ja, noch haben wir Hoffnung – noch mehr natürlich, wenn das Geld vom Bund und von der SAB so schnell kommen würde, wie angekündigt. Ich kenne mehreren Beispiele, mich einbegriffen, in denen das einfach nicht passiert. Dabei wäre dieses Geld so wichtig, um durchzuhalten und überhaupt wieder arbeiten zu können. Es überlebt doch niemand zwei Monate komplett ohne Einnahmen. Die Kosten laufen ja weiter.
 
Loben muss ich an dieser Stelle das Jobcenter Nordsachsen. Denn für Selbständige wie mich gibt es die Möglichkeit, in dieser Zeit Hartz IV zu beantragen. Das habe ich am Freitag gemacht und die waren ganz schnell. Innerhalb kürzester Zeit hatte ich einen Anruf mit der mündlichen Zusage und dem Ausblick, dass der Antrag innerhalb dieser Woche bearbeitet und das Geld ausgezahlt wird – so lange, bis der Gewinn wieder auf dem Niveau ist, wie er mal war. Das ist eine richtig gute Unterstützung für Leute, die durch ihren unternehmerische Belastung arg an ihre Grenzen kommen und so wenigstens ihren Lebensunterhalt finanzieren können.
 
Wie ist der Lockdown bei den Gastronomen abgelaufen?
 
Es ging nicht von 100 auf 0 zurück. Schon als es im Februar die ersten Corona-Fälle in Heinsberg gab, gingen die Umsätze in der Gastronomie spürbar zurück. Schon da haben wir begonnen, uns auf die Situation einzustellen. Viele  haben ihr Personal in Kurzarbeit geschickt. Ich habe mein Team außerordentlich wegen Corona gekündigt, was das Arbeitsamt schweren Herzen akzeptieren musste. Mir war das Risiko zu groß, nicht flexibel genug zu sein. Wer die Lösung Kurzarbeit wählt, muss die Mitarbeiter zunächst selbst bezahlen und bekommt dann das Geld von der Arbeitsagentur. Die Vorfinanzierung kann ich, können viele nicht stemmen. Nicht bei diesen Umsatzeinbrüchen.
 
Sind Gastronomen finanziell so akut auf Kante genäht?
Es trifft vor allem die, die zuletzt investiert haben. Ich habe beispielsweise die Kostbar aufgemacht. Ohne diese Investition, wäre es sicher heute leichter für mich.
 
Was ist mit den Vorräten geworden? Ist viel verdorben?
Als der Shutdown begann, habe ich zwei Tage lang in der Küche gestanden und habe mein Lager leer gekocht: Tomaten zu Tomatenmark verarbeitet, Paprika zu Paprikamark; ganz viel habe ich als Antipasti eingelegt und eingefroren. Eine komplette Kühltruhe voll.
Das sind natürlich gute Grundlagen für den Start, wenn es wieder losgeht.
 
Welchen Start-Punkt haben Sie im Auge?
Ich denke, wir werden uns an Österreich orientieren. Am 15. Mai soll dort die Gastronomie wieder öffnen dürfen, dann werden wir hoffentlich nachziehen.
Inwieweit es gleich wieder das komplette Angebot wird, weiß ich nicht. Das vernünftigste wäre in Anbetracht des Wetters jetzt die Biergartenvariante: Tische auseinander, alle haben ja den Platz und wo nicht, können vielleicht die Behörden etwas entgegenkommen. Die Stadt bei den Freisitzen auf dem Markt oder das Landratsamt bei denen im Schlosshof. Ich denke, alle wären dann so vernünftig, bei schlechtem Wetter zu schließen.
 
Die eine oder andere Hygieneregel wird es sicher auch geben.
Natürlich lasse ich meine Leute mit Mundschutz und Handschuhen arbeiten. Auch die Abstandsregeln werden eingehalten. Es gibt auch Überlegungen, die Essen auf einem separaten Tisch abzustellen, von wo sie sich die Gäste selbst holen.
 
Schwer vorstellbar…
…und dem Erholungseffekt eher abträglich, aber die Leute wollen raus! Ich denke lange ist der jetzige Zustand nicht mehr aufrecht zu halten.
 
Am Kundenzuspruch wird der Neustart also nicht scheitern?
Nein! Ich hatte natürlich wahnsinnig viele Absagen bis in den Mai hinein. Aber die meisten, die abgesagt haben, haben auch in Aussicht gestellt, später zu kommen. Ganz viele Leute sagen mir auch: Wir haben die Nase voll, wir wollen endlich wieder mal irgendwo außerhalb unserer vier Wände hinsetzen und gepflegt einen Wein oder ein Bier trinken. Ich denke schon, dass wir Kundschaft haben werden.
 
Genug, um das Verlorene aufzuholen?
Das glaube ich nicht. Ich erwarte, dass wir in der Gastronomie als erste profitieren, wenn es wieder nach oben geht. Auslandsreisen werden dieses Jahr wohl noch flachfallen, also wird sich viel in Deutschland abspielen. Ostesee und Alpen sind irgendwann mal voll, deshalb rechne ich mit vielen Kurzurlaubern, die zum Beispiel auch den Elberadweg entlang kommen.
 
Es gibt aber eine Maßnahme, mit der die Politik uns hilft, tatsächlich die Umsatzeinbußen wieder auszugleichen: Die Senkung der Umsatzsteuer auf 7 Prozent zumindest im Corona-Jahr. Damit haben wir eine echte Chance.
 
Beim Anlocken der Touristen kann doch auch die Stadt helfen.
Sicher. Wir brauchen vor allem Werbung für Torgau im brandenburgischen und Berliner Raum. Von dort kommen sehr viele Menschen nach Torgau. Deutschlandweit muss klar sein, dass der Elberadweg an Torgau vorbei führt.
 
Wird die Torgauer Gastro-Landschaft durch Corona nachhaltigen Schaden nehmen?
Ich hoffe es nicht. Soweit ich das beurteilen kann, können alle überleben, wenn die Hilfen von Bund und Land kommen, wenn die Umsatzsteuer-Absenkung kommt, und wenn sich die aktuelle Situation nicht noch über zwei weitere Monate hinzieht, sondern wir in zwei, maximal drei Wochen wieder richtig arbeiten können. Dann wird es zwei bis drei Jahre dauern, um wieder auf das wirtschaftliche Niveau von vor Corona zu kommen.
 
Gibt es schon Gedanken zum Weihnachtsmarkt?
All die Veranstaltungen, die im Frühjahr gestrichen wurden, dienen eigentlich mit als Finanzierungsgrundlage für den Weihnachtsmarkt. Als Interessengemeinschaft, die den Markt betreibt, haben wir deshalb Unterstützung vom Bund beantragt, habe aber noch keine Information dazu erhalten. Wenn das Geld kommt, dann wäre der Weihnachtsmarkt theoretisch durchführbar. Wir wissen freilich nicht, welche politischen Entscheidungen bis Weihnachten noch fallen.
 
Etwas eher im Terminkalender liegt Torgau leuchtet,…
…das die Stadt organisiert. Letztes Jahr war es richtig gut mit 15 bis 20 000 Besuchern. Ich bin relativ skeptisch, ob es stattfinden kann. Gerade erst wurde das Oktoberfest abgesagt. Das ist zwar eine ganz andere Größenordnung, aber ein deutliches Zeichen.
 
Gibt es schon heimliche Planungen für die erste große Corona-adé-Party?
Auf alle Fälle. Vielleicht reden wir dafür mit den Geharnischten und gehen auf deren Festplatz und machen ein Corona-Feuer – irgend sowas!
 
Kreativität ist auch in der Küche gefragt. Haben Sie in den erzwungenen Mußestunden der letzten Wochen neue kulinarische Ideen geboren?
Ich schleife jetzt gerade meinen Biergarten ab und Streiche die Tische und Stühle neu. Die meisten nutzen die Zeit um das aufzuarbeiten, was in den zurückliegenden Jahren liegen geblieben ist.
 


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