Freitag, 29. Mai 2020
Samstag, 25. April 2020

NORDSACHSEN

In Zeiten von Corona…#32

In Zeiten von Corona…Foto: Repro: TZ

von unserem Chefredakteur Sebastian Stöber

…ist mir einmal mehr bewusst geworden, wofür unsere Zeitung steht. Am 25. April 1990 erschien die erste Ausgabe des Neuen Torgauer Kreisblatts, der heutigen Torgauer Zeitung. Was vor 30 Jahren genauso war, wie heute und warum ich Sandro Oschkinat angerufen habe, lesen Sie hier.

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In Zeiten von Corona…

…darf der Wochenrückblick auch mal eine Vorschau sein. Heute vor 30 Jahren ist die erste Ausgabe Ihrer Heimatzeitung erschienen, liebe Leserinnen und Leser. Eigentlich wollten wir das gemeinsam mit Ihnen feiern und uns für Ihre zum Teil jahrzehntelange Treue bedanken.

Weil es mit dem Feiern in Zeiten von Corona aber so eine Sache ist, verschieben wir diese Feier, aber ich lade Sie heute schon ein, wenn es so weit ist, dabei zu sein!

Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, gerade jetzt 30 Jahre zurück zu schauen auf die Zeit, als sich das Neue Torgauer Kreisblatt, so hieß unsere Zeitung bis zum Jahr 2000, zu formieren begann. Ich habe diese Zeit als Kind erlebt, die damalige Dynamik eher als Abenteuer empfunden, denn als Bedrohung.

Wie tiefgreifend die Umwälzungen damals waren und wie viele Menschen damals vor den Scherben ihrer Existenz standen, ist mir erst viel später aufgegangen.

Und heute, im Jahr 2020, stehen wir wieder vor einer existenziellen Herausforderung. Erneut verändern sich die Dinge rasend schnell. Erneut weiß niemand, wohin die Reise geht. Dieses Mal sind alle Deutschen betroffen, alle Europäer, die ganze Welt. Dieses Mal ist es meine Generation, die entscheiden muss, ob sie der Krise eine Chance abtrotzen will und anschließend das Engagement aufzubringen muss, diese Chance auch zu nutzen.

Im 30. Jahr der Torgauer Zeitung bin ich dankbar, dass wir dafür auf die Erfahrungen von Menschen zurückgreifen können, die in dieser Situation bereits einmal alles richtig gemacht haben.

Die TZ-Mediengruppe ist in den vergangenen drei Dekaden vieles gewesen: Preisverleiher, Großveranstalter, Buchverlag, Messeveranstalter, Magazin-Innovator, CD-Verkäufer, Kino-Organisator, Akademie-Beflügler, Jobvermittler … die Liste ist sicher nicht komplett.

Die richtigen Ideen zur richtigen Zeit und eine motivierte Belegschaft, die sie mit Leben füllte – das war das Erfolgsgeheimnis.

Doch egal, was dazu kam oder was aufgegeben wurde, im Kern blieb immer die eine Mission stehen, mit der die Unternehmensgründer 1990 angetreten waren: Torgau und der Region eine eigene Zeitung zu geben. Eine Zeitung, die das Leben vor Ort widerspiegelt, eine Zeitung, die sich für diese Region und die Menschen die hier leben, einsetzt. Eine Zeitung, die mit Herzblut gemacht wird, weil sie und ihre Macher sich als Teil dieser Region begreifen und sie kritisch wie auch konstruktiv voranbringen möchten.

Daran hat sich in 30 Jahren nichts geändert. Dies ist unser Markenkern und bleibt unser zentraler Wegweiser, auch in Zeiten von Corona.

Die haben, wohl oder übel, auch die Berichterstattung in der zurückliegenden Woche dominiert. Mir fällt auf, wie diszipliniert das Gros der Menschen die aktuellen Auflagen erfüllt.

Fast jeder trägt Maske aber gleichzeitig fragt fast jeder – mehr oder weniger offen – ob das wirklich notwendig ist. Angesichts von gerade mal etwas mehr als 40 Covid-19-Patienten im gesamten Landkreis Nordsachsen ist das eine naheliegende Frage. Mein Kritik am deutschen Flickenteppich bei den großen Entscheidungen rund um die Corona-Maßnahmen habe ich bereits mehrfach angebracht. In diesem Fall neige ich jedoch tatsächlich zu einer unterscheidenden Betrachtung: Was in Metropolen hilft, muss im ländlichen Nordsachsen nicht gut sein.

Der Erklärungsbedarf steigt also. Und auch die Stimmen derer werden lauter, die den Umgang mit der Corona-Pandemie generell infrage stellen. Das halte ich für unproblematisch und in einer Demokratie sogar für geboten, sofern die Spielregeln des gegenseitigen Respekts dabei bestehen bleiben.

Auf beiden Seiten, möchte ich betonen.

Ganz bewusst habe ich deshalb einen der, man möchte sagen, Berufsoppositionellen unserer Region angerufen. Einige Antworten von Sandro Oschkinat haben mich dabei wirklich überrascht.

Sandro Oschkinat ist ein politischer Aktivist und jemand, der sich gerne gegen Konventionen stellt. In diesen Tagen übt er scharfe Kritik an der Corona-Politik der Bundesregierung.

Als Mitbegründer und amtierender Vorsitzender des Spektrum Aufrechter Demokraten hat Oschkinat den Leitspruch „Weg vom Links und Rechts, hin zum Verstand“ geprägt. Nach Auftritten als Legida-Redner, musste er sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, ins rechtsextreme Millieu abzugleiten, sein Ausflug in die AfD endete beizeiten. Jetzt ist er parteilos.

Fünf Jahre saß Sandro Oschkinat im Mockrehnaer Gemeinderat und Anfang dieses Jahres forderte er Amtsinhaber Peter Klepel bei der Bürgermeisterwahl heraus und hinterließ beim Wahlforum der TZ einen starken Eindruck, ohne am Wahltag jedoch den Sieg zu erringen. Aktuell ist der Audenhainer im Lebensmittel-Einzelhandel tätig. Mit der TZ sprach er über die Gründe für seine Regierungskritik und positive Aspekte der Corona-Krise.

Sandro Oschkinat

TZ: Sie sind ein durchaus regelmäßiger Kritiker der aktuellen Bundespolitik. Reiben Sie sich am Umgang mit der Corona-Pandemie schon aus Prinzip?
Sandro Oschkinat: Ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Bundesregierung schwingt natürlich mit. Aus meiner Sicht sind in den zurückliegenden Jahren immer wieder falsche Entscheidungen gefällt und Sachverhalte einseitig dargestellt worden. Beispielsweise war der Ukraine-Konflikt für mich ein präsentes Beispiel dafür.

Bei Corona hat sich mir zunächst die grundsätzliche Frage gestellt, ob es ein gefährliches Virus oder eine ganz normale Form der Grippe ist, die jemandem mit gut arbeitendem Immunsystem keine Probleme bereitet.

Hätte es sich um ein hochgefährliches Virus gehandelt, dann wäre es doch ein fataler Fehler gewesen, die ganze Faschingssaison noch zuzulassen. Als die Menschen in der Toilettenpapier- und Nudelhysterie unseren Markt fast überrannt hatten, kamen mir noch mehr Zweifel. Denn wo sonst, wenn nicht in den proppevollen Supermärkten, hätte sich so ein Virus perfekt verbreiten können? Zu dem Zeitpunkt gab es weder Abstandsregelungen noch Scheiben.

Und während in den Supermärkten die Post abging, wurden die kleinen Geschäfte zugemacht. Das habe ich nicht verstanden. Da wurden Blumenläden geschlossen und deren Kunden trafen sich ebenfalls im Supermarkt, um dort einen Strauß zu kaufen. Wenn es solch ein gefährliches Virus gibt, dann muss ich als Kanzler doch genau dort eingreifen und nicht noch vorschlagen, auch sonntags die Supermärkte zu öffnen!

An dieser Stelle war für Sie klar, dass das Virus keine Gefahr ist?
Entweder das, oder die Regierung handelte grob fahrlässig. Bei einer wirklich ernsten Bedrohung hätte es den grundsätzlichen Beschluss geben müssen, alles für drei Wochen lahm zu legen und nur im Freien Ausgabestellen vor den Supermärkten für die nötigsten Dinge einzurichten. Natürlich wären dann Staatshilfen notwendig gewesen, wie jetzt auch. Wäre es um Leben und Tod gegangen, hätte das die Bevölkerung aber verstanden.

Sie kritisieren also nicht unbedingt die Richtung der Entscheidung, sondern die inkonsequente Umsetzung?
Genau so ist es. Und diese Inkonsequenz wird jetzt immer weiter getrieben, obwohl inzwischen klar ist, dass das Virus nicht so gefährlich ist, wie anfangs vermutet. Dabei könnte die Politik doch jetzt auch zugeben, dass die bisherigen Entscheidungen falsch waren.

Aber nein, da bleiben eben die Gasthäuser und andere öffentliche Einrichtungen weiter geschlossen, obwohl jeder Regierung doch klar sein sollte, dass die langfristigen Verluste dort nicht mehr wettgemacht werden können.

Ist nicht auch der Schluss zulässig, dass Deutschland vom Corona-Virus deshalb nicht so hart getroffen wird wie andere Länder, weil es all diese Maßnahmen gab?
Das wäre nur die halbe Wahrheit. Die großen Wellen hätten auch in anderen Ländern nicht so stark gewirkt, wenn die ein ordentliches Gesundheitssystem gehabt hätten.

Obwohl schon viel kaputt gespart worden ist, haben wir ein solch gutes System in Deutschland noch. Und dort, wo es ähnlich ist, in den Niederlanden, in Schweden oder in Österreich, kann das Problem relativ gut abgefangen werden.

Spanien, Italien, China, oder den USA fallen jetzt ihre Gesundheitssysteme auf die Füße und sie wären gut beraten, aus diesen Defiziten direkte Lehren zu ziehen. Jedes Land ist dafür selbst verantwortlich. Auch die Politik vor Ort muss zur Verantwortung gezogen werden. Es ist beispielsweise seit Jahren bekannt, dass es in vielen italienischen Krankenhäusern Hygiene-Mängel gibt, dass die Tiermärkte in China Seuchenherde sind und die USA ein Problem mit ihrem System der Krankenversicherung haben.

Wenn diese Krise etwas Gutes hat, dann vielleicht, dass nun endgültig klar sein sollte, dass es ein Irrweg ist, am Gesundheitssystem zu sparen. Dieses Mal hatten wir Glück, das nächste mal vielleicht nicht mehr.

Die Menschen vergessen immer recht schnell, dass Deutschland in diesem Zusammenhang vor der Corona-Krise schon einen dramatischen Weg eingeschlagen hatte. Ich erinnere nur an die Schließung der Geburtenstation im Oschatzer Krankenhaus, um Geld zu sparen.

Warum hält die Regierung an diesem, Ihrer Meinung nach falschen Kurs, fest?
Regierungen und Politiker allgemein haben es schon immer verstanden, sich in Krisenzeiten zu profilieren. Denn in realen oder suggerierten Ausnahmesituationen wollen die Menschen jemanden, auf den sie sich stützen können. Sie haben dann die Hoffnung, dass die da oben es richten werden. Schmidt hatte die RAF, Kohl hatte die Einheit, Schröder hatte die Flut.

Politiker wollen wiedergewählt werden. Indem man die Krise weiter treibt, um im nächsten Moment Hilfe verkünden zu können, kann man bei der Bevölkerung unheimlich punkten.

Andererseits: Wie wären die Reaktionen, würden Politiker jetzt sagen, es sei nicht so schlimm gewesen und die ersten Reaktionen rund um Corona waren übertrieben? Also geht alles so weiter und nur ab und zu wird dem Druck einer Lobbygruppe nachgegeben und eine kleine Lockerung veranlasst.

Dazu kommt meine generelle Kritik an vielen Politikern, dass sie noch nie außerhalb des Politikbetriebs gearbeitet haben. Nicht genug Erfahrung haben, wie hart und bürokratisch der Existenzkampf in der freien Wirtschaft ohnehin schon ist. Ich behaupte, dass viele Entscheidungen sonst anders fallen würden.

Letzter Punkt zu dieser Frage: Unsere Kanzlerin ist ein Machtmensch, das hat man bei der Asylkrise gesehen, den Russland-Sanktionen, beim Atomausstieg oder bei der Thüringenwahl,– und nun auch bei Corona. Nach so vielen Jahren an der Macht ist es nachvollziehbar, dass jemand gerne demonstriert, alles im Griff zu haben.

Nun fällen ja tatsächlich Politiker die Entscheidungen, aber dahinter steht die Expertise einer Heerschar von Virologen und Epidemiologen. Die lässt sich nicht so einfach wegdiskutieren.
Auch unter den Wissenschaftlern gibt es unterschiedliche Meinungen. Genauso wie beim Klimawandel. Mich haben andere überzeugt, als die, auf die sich die Regierung verlässt.

Ich habe aber das Gefühl, dass öffentlich eher die zu Wort kommen, die ein dramatisches Bild zeichnen. Und wenn die anderen Raum bekommen, dann eher unter dem Vermerk abseitiger Spinner. Aus meiner Sicht berichten die Medien tendenziös mit der Grundausrichtung, dass es schon richtig sein wird, was die Regierung entscheidet.

Was nehmen Sie, nehmen wir alle, aus der Corona-Zeit mit?
Ich sehe tatsächlich eine positive Entwicklung. Plötzlich interessieren sich Menschen für Politik, die das früher nie getan hätten. Denn sie merken in diesen Tagen unmittelbar, wie sich politische Entscheidungen auf ihr Leben auswirken.

Corona macht sehr klar, dass man sich Politik nicht entziehen kann, dass man Politik nicht denen da oben überlassen darf, sondern als mündiger Bürger die Politik und die Politiker kritisch hinterfragen muss. Denn sie sind nicht unfehlbar.

Ich hoffe, dass sich künftig mehr Menschen trauen, ihre Meinung zur Diskussion zu stellen, auch wenn sie die Feststellung beinhaltet, dass unsere Regierung unrecht hat.
 


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