Freitag, 29. Mai 2020
Sonntag, 26. April 2020

TORGAU

"Die Wölfe finden hier eine völlig unnatürliche Situation vor"

Wölfe in freier Wildbahn im Mai 2019. Foto: Heiko Anders

von unserem Volontär Thomas Keil

Torgau. Drei Angriffe in der Woche nach Ostern auf Wildgehege in der Gemeinde Mockrehna, diese Woche Angriffe auf Schafkoppeln im Bereich Torgau – der Wolf ist im Umkreis präsent. Doch warum hinterlässt er jedesmal ein Schlachtfeld, reißt er mehr Beute als er fressen kann?

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Die Wölfe streifen im Bereich des Großen Teiches, finden die Schafkoppel von Karl-Friedrich Potzelt. Der Zaun ist einen Meter hoch, und von Metalldrähten durchzogen. Diese Drähte enden an einer gut geladenen Batterie. Der Elektrozaun hält die Wölfe davon ab, den Zaun zu untergraben oder einfach umzurennen. Die Schafe werden langsam unruhig und rennen in der aufkommenden Panik den Zaun nieder. Jetzt ist der Weg frei, jetzt schlägt Isegrims Stunde: Innerhalb kürzester Zeit reißen die Wölfe neun Schafe und verletzen fünf weitere. So oder so ähnlich muß sich der Wolfsangriff laut Potzelt in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch zugetragen haben.

Ernährungsgewohnheiten

Ein Wolf benötigt pro Tag vier Kilogramm Fleisch, wobei er im Einzelfall auch bis zu zehn Kilogramm am Tag vertilgen kann, wenn er längere Zeit nichts gefressen hat. „So schaffen zwei Wölfe an einem Tag durchaus ein ganzes Reh“, sagt Vanessa Ludwig von der Fachstelle Wolf des Landes Sachsen. Zum Erlegen der Beute beißen Wölfe hauptsächlich in die Kehle. Auch wenn schwer beschädigte Kadaver manchmal wie ein Massaker im Blutrausch aussehen, so sind es doch in den überwiegenden Fällen Fraßspuren, die nicht allein vom Wolf stammen. „Man weis nicht, wann der Wolf das Tier attackierte und wer noch daran gefressen hat, wenn man das Opfer früh findet“, ordnet Vanessa Ludwig die meist brutal wirkenden Verletzungen ein. Ebenso verstörend ist die Anzahl getöteter Nutztiere. „Die Wölfe finden hier eine völlig unnatürliche Situation vor“, erläutert Vanessa Ludwig von der Fachstelle Wolf des Landes Sachsen. So werde zwar das erste Tier gerissen, aber der Rest der Herde flüchte nicht weit genug.  Wenn nun das nächste Tier sich wieder flüchtend bewege, löst es den Jagdreflex des Wolfes erneut aus und er lasse von seiner ersten Beute ab, um die nächste zu greifen. Surplus Killing nennt der Fachmann diesen Vorgang. Dieses Verhalten ist für den Wolf zwar anstrengend, schafft ihm aber einen großen Vorrat an Fleisch, der er später verzehren will.

Schutzmöglichkeiten

Die Fachstelle Wolf empfiehlt für Elektro-Zäune eine Mindesthöhe von 120 Zentimetern und einer anliegenden Spannung von 4000 Volt. Um Schadensausgleich beantragen zu können, reichen jedoch schon 90 Zenitmeter und 2000 Volt aus. Dabei werden alle Kosten im Zusammenhang des Angriffs übernommen, egal ob Hobbytierhalter oder Profi.

Bewegungsprofile

Mittels Monitoring werden die Bewegungen und Besiedlung von Gebieten über die Zeit erfasst. Dies läuft über die drei Säulen Wolfsspuren, Kameras und besenderte Wölfe. Außerdem wird das Monitoring durch Genetikproben von Wolfsrissen unterstützt. Sollten sich in einer Region die Angriffe häufen, so kann mit Hilfe der Genetik untersucht werden, ob es immer der gleiche Wolf ist. Rund um Torgau ist der Wolf bereits in vier Territorien zu finden. In den zwei sächsischen und je einem sachsen-anhaltinischen und brandenburgischen Rudeln wurde im Monitoringjahr 2018/2019 Nachwuchs beobachtet. Allein im Gebiet der Dahlener Heide wurden seit 2017 insgesamt neun Wölfe geboren.

Wolfsterritorien in Nordsachsen.    Grafik: Fachstelle Wolf, Sachsen

Vergrämung

Auffällig gewordene Wölfe sollen durch für sie unangenehme Erfahrungen zur Verhaltensänderung bewegt werden. „Zu auffälligem Verhalten zählt unerwünschtes oder problematisches Verhalten von Wölfen in Bezug auf Menschen“, führt Vanessa Ludwig aus. Zur Vergrämung werde das auffällige Tier mit Gummi-Projektilen beschossen und ein Schmerzreiz ausgelöst. „Dabei wird darauf geachtet, das Tier nicht zu verletzen“, so Ludwig. Auch Elektrozäune können ein Lernen durch Schmerz auslösen und den Wolf vergrämen. „Sollten Wölfe wiederholt Schutzmaßnahmen überwinden und Nutztiere erlegen, wird eine Vergrämung mit Gummigeschossen als nicht zielführend erachtet“, schränkt die Pressereferendarin ein. Im Extremfalle könne ein auffälliger Wolf auch ohne vorherige Vergrämung getötet werden, um extreme wirtschaftliche Schäden zu vermeiden und die Gesundheit der Menschen zu schützen.

Aktuelle Vorfälle

In diesem Jahr wurden in Nordsachsen bis zum 20. April bereits elf Fälle untersucht. Davon ist bei neun der Wolf als Ursache hinreichend sicher. Er erlegte dabei 24 Tiere (Dam- und Muffelwild, Schafe).

Entwicklung der Wolfsterritorien und der Übergriffe auf Nutztiere in Sachsen.
Grafik: Fachstelle Wolf, Sachsen

 


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