Freitag, 29. Mai 2020
Mittwoch, 29. April 2020

TORGAU

Gegen kulturelle Vereinsamung gemeinsam auf die Tonne gehauen

Helmut Olschner (li.) und Stefan Bräuer rocken die Sindelfinger Straße. Foto: Thomas Keil

von unserem Volontär Thomas Keil

Torgau. Ruft ein Eventmanager einen CDU-Politiker an – was wie der Anfang eines launigen Witzes klingt, könnte aber auch für gute Laune trotz und gegen Corona sorgen.

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Um 14.37 Uhr schiebt Stefan Bräuer die Regler nach oben. „Wir sind heute hier, um ein wenig gute Laune zu verbreiten“, verkündet er über die Lautsprecher den Beginn des ersten Hofkonzerts an diesem Samstag. Dafür hat ihn im Vorfeld Marian Wendt, Abgeordneter im Bundestag, extra gebucht. Solche Konzerte tätige Stefan Bräuer schon zu Hause in Oschatz, wollte die gute  Laune aber auch nach Torgau bringen. „Bei der Kärung mit den Behörden habe ich ihn unterstützt“, erläutert der CDU-Politiker. Weitere Unterstützung bekamen die beiden von WBG-Geschäftsführer Axel Klobe und Andreas Huth, dem Geschäftsführer der Torgauer Wohnstätten, auf deren Gelände die drei Konzerte stattfinden.

Strandbadweg

Die Boxen sind auf Anschlag, erste Verzerrrungen nicht zu überhören. „Naja, die eine muss ich jetzt mal wirklich zur Reparatur geben“, gibt Bräuer zerknirscht zu. Doch auf der Wiese hinter den Gebäuden an der Ecke Sindelfinger Straße und Strandbadweg tut dies der Stimmung keinen Abbruch. Begeistert von der unerwarteten Abwechslung in kulturarmen Zeiten klatschen und tanzen die Bewohner auf den Balkonen und hinter den Fenstern mit. So ist auch Familie Betge komplett auf dem Balkon vertreten. „Wir wollen rocken“, sind sich die Jungs Hannes und Moritz einig. Vater Danny und Mutter Heike sind auch zufrieden. „Das ist mal eine Abwechslung, richtig schön“, sagen sie unisono.
Stefan Bräuer ist an diesem Nachmittag voll in seinem Element. Singend und klatschend hüpft das Oschatzer Energiebündel über den Rasen, wo sonst die Wäsche trocknet. Derweil dreht Thomas Zausch vom Ordnungsamt seine Runde über die Wiese. Er schaut, ob die Veranstaltung auch im angemeldeten Rahmen bleibt und sich das Publikum an die Allgemeinverfügung hält. „Das fetzt schon, nur leider sind es zu wenige Leute“, lautet sein Urteil zur Aktion Bräuers. Tatsächlich ist nichtmal jeder zweite Balkon besetzt. Schätzungsweise 50 Leute hören von den Blöcken aus zu.

Familie Betge im Strandbadweg verfolgt das Konzert vom Balkon aus.

Doch die sind ganz aus dem Häuschen. Mittlerweile füllt sich auch der Fußweg hinter den Blöcken mit Spaziergängern und gassigehenden Hundehaltern und sogar Jugendlichen, obwohl die Musik mit Helene Fischer, Andreas Gabalier und Roland Kaiser eher an die ältere Generation gerichtet ist. Nach ungefähr 15 Minuten präsentiert Stefan Bräuer zwei 120-Liter-Mülltonnen und einen blauen Eimer, alles aus Kunststoff. Dazu noch Schlagzeugstäbe. Damit drischt er zu „Live is Life“ wie ein Verrückter auf die Tonnen. So animiert er das Publikum und – tatsächlich – legen die Zuschauer in Sachen rhythmisches Klatschen und Feiern noch eine Schippe drauf. Bald darauf ist die halbe Stunde auch schon vorbei, Bräuer verabschiedet und bedankt sich bei seinem Publikum. Da werden Rufe nach einer Zugabe laut, welcher der DJ nicht widerstehen kann. Noch einmal Roland Kaiser, dann ist wirklich Feierabend. Schnell ist die Technik abgebaut und im Transporter verstaut. Im Prinzip geht die Fahrt nur um den Block.

Sindelfinger Straße

Etwa 300 Meter westlich, vor der Haustür der Sindelfinger Straße 18, ist an diesem Nachmittag die nächste Gute-Laune-Station. An Balkonen und Fenstern sind in etwa genau so viele Schaulustige zu sehen wie an der ersten Station. Wie zuvor ist auf einem Balkon im Erdgeschoss eine junge Familie mit zwei Buben versammelt. Schlager und Volks-Rock‘nRoll – bluten jetzt die Ohren? „Nein, gar  nicht. Das ist doch toll“, ordnet Mutter Katharina Haas ein. Das fetze doch und sei richtig schön, sagt sie auch im Namen ihrer drei Männer danke. Zusätzlich wird die Ansammlung Neugieriger auf der Straße größer. Auch Amely und Oscar Potratz gehören zu den zufälligen Passanten. Die nichtmal drei Jahre alten Geschwister wollten nur mal kurz zu ihrer Uroma ans Fenster, wie die Mutter verrät. Während die Kleinen noch ungläubig staunen, schreien die Boxen, man solle gefälligst die Hände zum Himmel heben und dann auch noch fröhlich sein. Stefan Bräuer macht es vor und sein Auftraggeber Marian Wendt lässt sich nicht lange bitten und tanzt mit ihm gemeinsam vor den Blöcken. Der Oschatzer braucht auch nicht lange, um die Stimmung zum Kochen zu bringen.

Marian Wendt hilft zwar beim Aufbau, hat aber auch ein paar seiner mitgebrachten Desinfektionsmittelflaschen auf dem Technickschränkchen drapiert. Im Prinzip kann man das so machen, wenn da nicht eben Stefan mit seinem 19-Zoll-Technik-Kasten käme, der zuoberst dort stehen soll.

Trotzdem bleiben die Bewohner diszipliniert und in ihren Wohnungen, bis auf das Ehepaar Olschner. „Mein Mann schwerkrank, aber bei Musik ist er nicht zu bremsen“, sagt Karin Olschner entschuldigend. „Er tanzt da vorne.“ Tatsächlich – ausgelassen schwoft Helmut Olschner über den Gehsteig. Hier soll ebenfalls „Live is life“ erklingen. Nun beginnt Stefan an der Tonne Stimmung zu machen. Das Publikum nimmt den Rhythmus auf und organisiert sich kurzerhand aus den jeweiligen Küchen Töpfe, Schüsseln und Kochlöffel als Perkussionsinstrumente. Als Stefan Bräuer die Schlegel mal kurz beiseite legt, schlägt Helmuts Stunde. Mit seinen 82 Jahren Lebenserfahrung nutzt er die Chance, besetzt die Trommelstation und ist bis zum Ende auch nicht mehr davon zu trennen. Mit Verve untermalt nun Helmut bei jedem Lied den Rhythmus, selbst in den Moderationspausen stehen die Stöcke nicht mehr still. „Helmut, stop!“, muss Stefan Bräuer seinen spontan entdeckten Sidekick immer wieder unterbrechen. Dennoch ist er vom Engagement Helmuts mehr als begeistert. „Ich nehme Dich mit auf Tour“, verspricht er ihm.

Amselweg und Ende

Hier ist der Parkplatz am Ende des Amselweges, hinter Nummer 24 des Kiebitzweges, Ort des Geschehens.  Stefan Bräuer überlegt noch wo er sein Equipment aufbaut, da ruft es von einem der oberen Balkone: „Stefan! Grüß Dich, schön dass Du da bist.“ Verdutzt dreht sich der Oschatzer zu seinem Fan um. Man kennt sich vom nahegelegenen PEP, wo Bräuer nahezu jede Veranstaltung moderiert. Nach den Höflichkeitsadressen legt sich Bräuer fest und beginnt mit der Installation. „Tante Erika spendet den Strom“, sagt Marian Wendt, schnappt sich die Kabeltrommel und saust zur entsprechenden Haustür. Tante Erika, die Cousine von Marians Mutter, wohnt im Erdgeschoss. Das macht die Kabelführung einfach. Schnell ist alles verkabelt, sind die Boxen ausgerichtet – eine brüllt Richtung Spielplatz, die andere entgegengesetzt zur Fritz-Schmenkel-Straße. Die Menge auf den Balkonen unterscheidet sich nicht groß von denen der vorigen Stationen. Das Programm ist mittlerweile eingeübt und alles läuft wie am Schnürchen.

Ehepaar Leifke tanzt Arm in Arm zu "Live is life".

Jetzt schlägt auch die Stunde des blauen Eimers. Weitere neun Stück davon verteilt Thomas Grundmann im Publikum, das sich mit fortschreitender Zeit langsam zahlreich auf der Grünfläche zwischen den Blöcken einfindet. Obwohl das Publikum nun etwa 70 Leute insgesamt betragen dürfte, halten doch alle den gebotenen Abstand ein. Näher als auf 15 Meter traut sich keiner ran. Das ist auch gut so, denn den Raum braucht Stefan für seine Tanzeinlagen, egal ob zur Polka „Annemarie“ oder dem russischen Volksliedklassiker „Kalinka“. Letzteres war eine der beiden Zugaben in Nordwest, extra auf Wunsch der anwesenden Kinder. Als allerletztes Lied seiner Gute-Laune-Tour lässt Bräuer nochmal einen Hauch von Kaisermania aufkommen.

Ein voller Erfolg – so lautet das Schlussfazit, nach dem alles wieder im Transporter verstaut ist. Stefan Bräuer, sein Kumpel Thomas Grundmann und Marian Wendt können sich eine Wiederholung vorstellen. „Auch wenn es jetzt in Nordwest langsam grenzwertig wurde“, sagte Wendt zu den Abständen zwischen den Personen auf der Grünfläche. Die Gute Laune ist geliefert worden.

Polka "Annemarie" in Nordwest.

 


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