Freitag, 29. Mai 2020
Donnerstag, 30. April 2020

NORDSACHSEN

In Zeiten von Corona…#36

In Zeiten von Corona…Foto: Repro: TZ

von unserem Chefredakteur Sebastian Stöber

…werden die Forderungen immer lauter, endlich wieder Normalität einkehren zu lassen. Und das ist keine schlechte Idee. Natürlich bedeutet Normalität nicht, dass alle wieder so ist, wie früher. Wie es im Krankenhaus Torgau um die Normaliät steht, habe ich mit Chefarzt Dr. Müller besprochen.

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…werden die Forderungen immer lauter, endlich wieder Normalität einkehren zu lassen. Und das ist keine schlechte Idee. Natürlich bedeutet Normalität nicht, dass alle wieder so ist, wie früher.

So, als hätte es die zurückliegenden Wochen nicht gegeben.

Normalität könnte aber bedeuten, dass wieder eine Verlässlichkeit in unser Leben einzieht. Auf dem Grünschnitt-Platz der A.TO beispielsweise ist diese Normalität wieder eingekehrt. Sowohl geschlossene Tore, als auch endlos lange Warteschlangen gehören der Vergangenheit an. Für die ersten Schüler samt Familien gibt es diese Normalität seit dieser Woche, oder für Menschen, die den Busverkehr nutzen.

Für sie alle ist es aber auch normal geworden, Abstand zu halten oder Masken zu tragen.

Ein Stückchen weg vom normalen Alltag war zuletzt auch unser Torgauer Krankenhaus. Aufgerüstet zum Verteidigungswall warteten Ärzte und Pfleger dort auf die Corona-Welle. Doch die kam nicht. Chefarzt Dr. Müller spricht von Innehalten, aber nicht von Entwarnung. Ich habe im Krankenhaus nachgefragt, ob dennoch Normalbetrieb in Sicht ist, und gleich noch ein paar Gerüchte abgeklopft.

Dr. Müller


TZ: Wann kehrt das Krankenhaus Torgau wieder in den Normalbetrieb zurück?

Dr. Joachim Müller: Nach wie vor sind wir an die geltende Allgemeinverfügung gebunden. Der Alarm- und Einsatzplan ist aktiv, um einen erneuten Ausbruch, sofern die Region schwerer getroffen wird, zu bewältigen.

Bei den Vorbereitungen profitieren wir stark von den Erfahrungen aus dem März. Da gab es nur sehr wenige Vorgaben. Wir haben viele eigene Ideen entwickelt und in die Tat umgesetzt.

Festzuhalten ist, dass wir gerade vielleicht einen Moment des Innehaltens erleben, aber keine Entwarnung.
 
Das Wort Normalbetrieb können wir also streichen?

An oberster Stelle steht für unser Haus und seine Mitarbeiter, die Patientensicherheit zu gewährleisten. Das bedeutet, wir weisen niemanden ab.

Stattdessen müssen wir jeden Tag aufs Neue eine Balance zwischen dem dringend gebotenen Infektionsschutz und der Sicherstellung der ambulanten und stationären Versorgung der Region finden.

Denn eins darf auf keinen Fall passieren: dass wegen ausgelassener Behandlungen vermeidbare Folgeschäden entstehen.

Das heißt, wer operiert werden muss, wird operiert?

Allen Operationen voraus, lassen wir Notfälle an dieser Stelle außen vor, geht eine Sprechstunde mit dem behandelnden Arzt. In dessen Entscheidungshoheit fällt es, ob eine Operation stattfinden muss oder nicht.

In diese Entscheidung fließen dann beispielsweise die Entwicklung der Beschwerden und die Frage ein, ob der Patient nach der OP auf der Intensivstation behandelt werden muss.
 
Gibt es auf der anderen Seiten eine wahrnehmbare Zurückhaltung der Patienten, auf eigene Initiative das Krankenhaus aufzusuchen?

Gefühlt ist das so, in Zahlen lässt sich dieses Gefühl aber nicht kleiden.
Wir bemerken jedoch etwas anderes, und zwar, dass Patienten Operationen absagen, obwohl es einen anderslautenden Rat des Arztes gibt.

Das ist riskant, denn zum einen muss den Patienten klar sein, dass die Gefahr, wegen der ausgelassenen OP später Schäden zu erleiden größer ist als die Gefahr einer Ansteckung mit Corona.

Zum anderen wächst dadurch der Versorgungsstau noch weiter an, der durch ausgesetzte Kontroll- und Vorsorgetermine entstanden ist.
 
Braucht es hier eine klare Ansage der Politik, dass Krankenhäuser allen offen stehen?

Eine Exit-Strategie ist aus unserer Sicht nicht zu erwarten. Das würde der aktuellen Situation auch nicht gerecht.

Wir brauchen eine Strategie, und die muss dann auch klar durch die Politik kommuniziert werden, die sowohl den Umgang mit Corona einschließt, als auch die Regelversorgung zulässt, die Häuser wie unseres zu jeder Zeit leisten.

Eine Strategie also, die die neue Normalität abbildet.
 
Wie lässt sich der Umgang mit Corona normalisieren?

Das hängt natürlich stark von der Betroffenheit der Region ab. Ich kann nur für das Krankenhaus Torgau sprechen.

Verdachtsfälle auf respiratorische Virenerkrankungen werden schon immer isoliert aufgenommen. Die dafür nötige Infrastruktur war schon vorher vorhanden und ist jetzt wegen Corona erweitert worden. Innerhalb dieser Isolation wird getestet.

Wenn der Patient positiv und sein Verlauf so schwer ist, dass eine stationäre Behandlung nötig wird, tritt eine Absprache mit der zentralen Leitstelle COVID19 Leipzig in Kraft, wonach der Patient sofort nach Leipzig verlegt wird. Diesen Fall hatten wir bislang ein Mal, und bei dieser Verlegung hat alles perfekt geklappt. Niemand wurde infiziert.

Zur neuen Normalität gehört aber auch, dass das Bewusstsein aller für Hygiene deutlich gestiegen ist. Die Fallzahl gängiger Infektionskrankheiten ist deutlich zurückgegangen.
 
Gehört dazu jetzt auch eine Mundschutzpflicht im Krankenhaus?

Wir haben strenge Hygienerichtlinien. Eine generelle Maskenpflicht ist darin weder für Patienten, noch für Mitarbeiter enthalten.

Natürlich empfehlen wir das Tragen allen Patienten und Gästen, die beispielsweise durch eine Erkältung Viren verbreiten könnten. Unsere Mitarbeiter tragen Mundschutz, wenn sie nah am Patienten arbeiten, aber nicht bei der Ausführung anderer Tätigkeiten.

Auch sollte uns der Mund-Nase-Schutz nicht in die Position einer Sicherheit bringen, denn die gewährleistet er nicht.
 
Wie ist es aktuell um die Ausstattung des Hauses, beispielsweise mit Masken, bestellt?

Deutlich besser als noch vor ein paar Wochen, einmal von den enormen Preissteigerungen abgesehen, die wir bei der Beschaffung spüren. Eine einfache Maske kostete vor Corona 6, jetzt häufig nicht unter 49 Cent.

Unsere Lieferanten können wieder liefern und wir müssen nicht auf die kostenpflichtigen Zuteilungen vom Bund zurückgreifen.
 
Stimmt es, dass die Caféteria so vorbereitet wird, dass dort Patienten untergebracht werden können, wenn der Platz knapp wird?

Nein. Richtig ist, dass im März vom Sächsischen Sozialministerium eine so große Lieferung mit Schutzausrüstung angekündigt wurde, wofür unsere Lagerkapazitäten nicht gereicht hätten. Deshalb haben wir die Caféteria, die ohnehin geschlossen werden musste, geräumt, um ein Ersatzlager zu haben.

Die Lieferung kam nicht, dafür gab es einen Wasserrohrbruch. Der und seine Folgen werden in den kommenden Wochen repariert und wir hoffen, dass die Reparatur beendet ist, wenn die Caféteria wieder öffnen darf.
 
Weil in Erwartung des Corona-Patienten-Ansturms Kapazitäten frei gehalten wurden, musste mancherorts medizinisches Personal in Kurzarbeit geschickt werden, weil es nichts mehr zu tun gab. Ist das in Torgau auch der Fall?

Wir haben nicht auf Kurzarbeit zurückgegriffen. Erstens gehen wir und die Deutsche Krankenhaus Gesellschaft davon aus, dass der Schutzschirm für Krankenhäuser an dieser Stelle wirkt.

Zweitens haben unsere Kollegen die Chancen genutzt, um ihre Stundenkonten auszugleichen oder Urlaub zu nehmen. Alle stehen in diesen Tagen wahnsinnig unter Druck. Da kam diese Möglichkeit, mal herunterzufahren, vielen entgegen.
 


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