Freitag, 29. Mai 2020
Donnerstag, 30. April 2020

TORGAU

"Tag der denkwürdigen Begegnung"

Gedenken am Denkmal der Begegnung mit Schloss und Elbbrücke im Hintergrund.Foto: TZ/Stöber

von unserem Chefredakteur Sebastian Stöber

Der Elbe Day 2020 stand als Nummer 75 nicht nur unter dem Vorzeichen eines Jubiläums. In die Geschichtsbücher wird er auch als Corona-Elbe-Day eingehen. Die TZ war von der ersten bis zur letzten Minute dabei. Ein Reportage:

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Von Sebastian Stöber
Torgau. Seit 20 Jahren stellt der Torgauer Bestattungsunternehmer Claus Höfner die Ständer zur Verfügung, auf denen im Laufe der Elbe-Day-Zeremonie Jahr für Jahr die Kränze abgelegt werden. Als er am Sonnabend kurz nach halb neun am Denkmal der Begegnung in der Elbstraße vorfährt, ist alles anders als sonst.

Nichts deutet darauf hin, dass hier von 9 Uhr an zum 75. Mal des historischen Handschlags der Leutnants Silwaschko und Robertson gedacht wird, dieses denkwürdigen Ereignis am Ende des Zweiten Weltkriegs als sich symbolisch Fronten schlossen und die Nazi-Herrschaft nur noch wenige Tage dauern würde. 75 Jahre lädt Claus Höfner die Ständer am Rande des Platzes ab und fährt wieder.

Auf einer Bank hinter dem Denkmal der Begegnung liegt bereits ein Kranz. Desant, steht darauf zu lesen. Zum Kranz gehört Aleksej Lykasov. Der Torgauer erklärt, dass sich in Desant aktive und ehemalige Falschirmspringer aus der Sowjetunion und später der Russischen Förderation vereinen, außerdem gehöre man zum Internationalen Fallschirmjägerverband. Mit seinen beiden Begleitern ist Aleksej Lykasov zum Denkmal gekommen, um gemeinsam mit dem Russischen Generalkonsul des Elbe Days zu gedenken.

Generalkonsul Andrej Dronov kommt kurz vor 9 Uhr am Denkmal an. Begleitet wird er von seiner Frau einen Mitarbeiter und zwei Vertretern des Militärattachés der Russischen Botschaft in Berlin. Auf dem Fuß folgt der Gruppe zudem ein Team des russischen Fernsehens, das, genau wie ein Kameramann des MDR, von nun an den 25. April 2020 in bewegten Bildern festhält.

Nachdem der Mitarbeiter des Konsulats zwei Ständer für die Kränze hergerichtet hat, beginnt der erste offizielle Akt. Es ist ein merkwürdiges Bild, wie der Diplomat, nur beobachtet von den Kameras, die Würde des Augenblicks bewahrt und die Niederlegung absolviert. Ein Bild, das an diesem Tag noch wiederkehren wird.

Dieser Tag sei ein Symbol der Hoffnung und des Friedens, sagt Dronov anschließend. Leider habe sich die Welt nicht so weiterentwickelt, wie es die beiden Leutnants 1945 erhofft hatten. Er sei aber überzeugt, so der Generalkonsul, dass der Geist der Elbe in den Völkern nach wie vor lebendig sei. Gerade in den aktuellen Zeiten sei der Weg miteinander der richtige.

Der Vormittag am Denkmal ist eigentlich durchgeplant. Doch gerade ist der Generalkonsul weg, rollt ein schwarzes Rolls Royce Cabriolet langsam die Elbstraße entlang, dreht auf dem Parkplatz am Griechen und hält direkt vor dem Denkmal.

Der Münsteraner am Steuer vertritt sowohl den europäischen als auch den US-amerikanischen Club der Besitzer der britischen Edelkarossen. Er sei hier, um die Heldentaten bei der Befreiung Deutschlands zu ehren und die internationale Völkerverständigung zu unterstützen. Deshalb gerade nach Torgau ist er gekommen, weil er die Stadt bereits auf Luthers Spuren besucht hat und er eine Verbindung sieht zwischen dem Freigeist der Reformation und dem Geist der Elbe. Ein Kranz des RREC – des Rolls-Royce Enthusiast‘s Club.

Doch damit ist die Zeit bis 11 Uhr, dann steht offiziell die Kranzniederlegung durch die Reservisten der Bundeswehr auf dem Plan, noch nicht gefüllt. Karl-Friedrich Potzelt und Michael Bagusat-Sehrt, beide sind Stadträte der Partei die LINKE, kommen im Niederlegungsplan der Stadtverwaltung zwar nicht vor, lassen sich davon aber nicht abhalten, ebenfalls Blumen am Denkmal niederzulegen.

Im anschließenden MDR-Interview bringen beide die Forderung an, Torgau solle endlich der Initiative Mayors for Peace beitreten – Bürgermeister für den Frieden.

Während das LINKE-Duo interviewt wird, sammeln sich am Denkmal der Befreiung auf der anderen Straßenseite Anhänger der DKP. Sie haben Schleifen dabei und drapieren Friedensfahnen am Denkmal aus den 60er Jahren. Zeitweise sind es fast 20 Frauen und Männer, die vielfach atemschutzmaskiert auf dem Podest vor dem Denkmal sitzen oder stehen.

Keine 100 Meter Luftlinie von ihnen bereitet sich ebenfalls zeitgleich eine Gruppe von sieben Männern und einer Frau auf ihren Part an diese Tag vor. Sie vertreten die Nachtwölfe, den größten russischen Motorrad- und Rockerclub und sind durch ihre schwarzen Westen gut erkennbar.

In den vergangenen Jahren waren die russischen Biker schon öfter in Torgau zu Gast, diesmal haben die geschlossenen Grenzen aus sie ausgebremst. „Uns ist es wichtig, an diesem Tag hier zu sein und um Völkerverständigung zu werben“, sagt Holger Schulze, der zur deutschen Gruppe gehört. Nachdem jeder eine Blume am Denkmal niedergelegt hat und das obligatorische Gruppenfoto im Kasten ist, folgt der nächste – diesmal geplante Akt des Tages.

Für den organisiert Steffen Bräutigam zunächst einen Kranzständer. Auf dem kommt wenig später der Ehrenkranz des Reservistenverbands zum Liegen, nachdem Bräutigam und Oberstleutnant Torsten Pötzsch die letzten Handgriffe angelegt haben.

Kurz nach 10 Uhr ist es, als Siegfried Seidel den Fuß des Denkmals der Begegnung erklimmt. Der 86-Jährige ist ein Zeitzeuge. Als sich in Torgau die Fronten schlossen, lebte er in Bad Liebenwerda. Das treffen mit einem sowjetischen Soldaten sollte ihn dort entscheidend prägen.

Denn der Offizier verhielt sich dem damals Elfjährigen alles andere als feindselig gegenüber. „Er ließ mich auf seinem Panjewagen mitfahren und bot mir Brot und Speck an“, erinnert sich Seidel, den diese Menschlichkeit nachhaltig beeindruckte.

Eigentlich, so verrät er im Gespräch, hatte er während des Elbe Day ein Familientreffen in Torgau geplant, das habe er jetzt auf Pfingsten verschoben. Auf die Frage hin, ob das nicht sehr optimistisch sei, winkt er ab. „Es muss doch weitergehen, 1945 ging es auch weiter.“

Währenddessen legen der Ukrainische Verteidigungsattaché Oleksandr Koliesnikov und Andrii Dotsenko, Luftwaffen- und Marineattaché, einen Kranz in den Farben ihrer Nation nieder. Der MDR fragt anschließend bei Koliesnikov nach, was er darüber denkt, dass am ostelbischen Fahnenmonument nur die russische Flagge weht – „kein Kommentar“.

In den nächsten Minuten entspinnt sich noch ein längeres Gespräch zwischen Siegfried Seidel, der eine Elbe-Day-Publikation des Torgauer Geschichtsvereins dabei hat, und den Ukrainern, das russische Fernsehen und auch der MDR filmen mit.

Inzwischen hat der Technikaufbau für die offizielle Gedenkfeier begonnen, Mikroständer werden entfaltet, Lautsprecherboxen auf Stative gehievt. Dazwischen ist die Torgauer SPD für ihr Gedenken an der Reihe. Die Stadträte Dr. Frank Henjes und Timo Thieme legen ein Gesteck nieder.

Für sie alle sei es enorm wichtig, an diesem Tag an dieser Stelle dabei zu sein, bekennt die fünfköpfige SPD-Gruppe, zu der noch Marianne Henjes sowie Hagen und Doris Albrecht gehören. Letztere erinnert sich an den Elbe Day 1985, als sowjetische und amerikanische Soldaten streng voneinander getrennt wurden und das Gefühl der Freiheit, dass die Elbe-Tage nach der Wende versprühten, als die alten Barrieren der Geschichte angehörten.

„Ich hätte mir 1990 nie träumen lassen, dass wir 30 Jahre später wieder diese Konflikte und eine aufgeheizte Atmosphäre haben, die an den Kalten Krieg erinnert.“

Nach der SPD ist die CDU an der Reihe. OBM Romina Barth und Fraktionschef Henry Goldammer legen Blumen nieder; der Kranz der nordsächsischen CDU wird von der Landtagsabgeordneten Dr. Christiane Schenderlein und dem Bundestagsabgeordneten Marian Wendt zum Denkmal getragen.

Dann ist es Zeit für den ganz offiziellen Teil, Romina Barth und Regionalbischof Probst Johann Schneider wenden sie vom Fuß des Denkmals an ihre Publikum, dessen Anzahl menschlicher Beine nur geringfügig höher ist, als die der Kamera-Stative. Die TZ sendet live in die ganze Welt.

Man sei an dem Ort, so eröffnet Romina Barth, wo Stadtgeschichte sich mit Weltgeschichte verbinde. Gerade in diesen Tagen sei es wichtig, die Erinnerung an das Kriegsende und den Friedensgedanken lebendig zu halten. Anzeichen für Irrwege in der Gesellschaft müsse man entgegentreten, sagt sie und nannte als Beispiele Fremdenfeindlichkeit, Verschwörungstheorien und Hassbotschaften.

„Wir können zwar in diesem Jahr kein großes Fest der Völkerverständigung und keine internationale Begegnung feiern, aber wir fühlen uns mit unseren Freunden und Wegbegleitern weltweit verbunden“, sagt Romina Barth und weist auf eine neue Online-Publikation hin, die auf www.elbeday.de zu finden ist.

„In dieser Zeit begehen wir den Tag der denkwürdigen Begegnung“, eröffnet Probst Johann Schneider seine Ansprache. Er rückt Joe Polowsky in den Mittelpunkt, dessen Mehrsprachigkeit der Schlüssel zur Verständigung an der Elbe gewesen sei.

Es sei bemerkenswert gewesen, dass  er als jüngstes Kind jüdischer Migranten aus der Ukraine überhaupt russisch lernte, da in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts die Herkunft eher verleugnet wurde. So aber sei er zum Mahner zwischen den Sprachen geworden.

Schneider erinnerte daran, dass Torgau dafür stehe, dass sich immer Brücken bauen lasse und selbst wenn Brücken im Streit abgebrochen oder im Krieg zerstört würden, könne man ganz vorsichtig über sie aufeinander zugehen.

Ein ganz besonderer Elbe Day geht 12.30 Uhr seinem Ende entgegen. Noch einmal tritt Claus Höfner in Erscheinung. Diesmal als Stadtrat der Freien Wähler. Gemeinsam mit Mandy Jäckel setzt er einen Kranz auf den letzten verbliebenen Ständer.

 

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