Freitag, 29. Mai 2020
Montag, 4. Mai 2020

NORDSACHSEN

In Zeiten von Corona…#38

In Zeiten von Corona…Foto: Repro: TZ

von unserem Chefredakteur Sebastian Stöber

…beginnt die Woche mit Lichtblicken. Spielplätze öffnen, Sportvereine dürfen wieder draußen trainieren, Frisör & Co. dürfen wieder ran an die Kunden. Eine Branche, die keine Extra-Lichtblicke braucht, ist die Logistik-Branche. Das dachte ich zumindest bis zum Anruf bei Kraftverkehr-Geschäftsführer Konrad Theobald.

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In Zeite von Corona…

…beginnt diese Woche mit einem Lichtblick für viele Kinder. Die Absperrungen an den Spielplätzen verschwinden und die Sportvereine dürfen unter Auflagen das Training unter freiem Himmel wieder anschieben.

Damit bekommen auch einige der Kinder, die noch länger auf den Wiederbeginn der Schule warten müssen, eine Chance, Zeit mit Gleichaltrigen zu verbringen und so ein Stückchen Normalität zurückzugewinnen.

Ein positives Signal hat auch Torgaus OBM mit ihrer Ankündigung ausgesendet, Gastronomen zeitweise die Flächennutzungsgebühr zu erlassen, wenn diese wegen der Hygiene-Beschränkungen mehr Platz brauchen.

Neben den großen Linien der Politik, ist es genau diese Beweglichkeit an der Basis, die gebraucht wird, um die Folgen von Corona zu überstehen. Ich prophezeie an dieser Stelle einfach mal, dass noch viele solcher Entscheidungen gebraucht werden, um unsere Region wieder anzuschieben.

Dass dazu auch die Kaufentscheidungen der Torgauer selbst gehören, ist auch die These von Konrad Theobald. Ihn habe ich eigentlich angerufen, um über die aktuell guten Zeiten für die Logistikbranche zu sprechen.  Als Inhaber und Geschäftsführer verantwortet er die Geschicke des Torgauer Kraftverkehrs sowie der Kraftverkehr Torgau Citypost GmbH. Herausgekommen ist ein sehr differenziertes Bild und die Erkenntnis, dass Wirtschaft auch in Torgau nicht ohne Europa, aber eben auch nicht ohne lokal denkende Menschen funktioniert.

Konrad Theobald

TZ: Die Menschen bestellen auf Teufel komm raus, der Dieselpreis ist im Keller. Stellen Sie jeden Abend eine Kerze ins Fenster, oder gibt es für Ihre Branche auch schlechte Nachrichten?
Konrad Theobald:
Richtig schlecht für uns die Unkenntnis sowohl in der Politik, als auch in der Bevölkerung darüber, wie eng verzahnt wir in der Logistik in Europa sind. Gemeinsam mit unseren Kunden wie Flachglas, Hitholz oder Torgau Kuvert erleben wir jeden Tag, dass offene Grenzen, freier Warenverkehr und eine europäische Währung für uns lebenswichtig sind. Jetzt gerade erleben wir knallhart, wie zerbrechlich dieses ganze Gefüge ist. Plötzlich gibt es wieder Personenkontrollen an Grenzen – wir wussten doch gar nicht mehr, wo Grenzen sind! Wir müssen höllisch aufpassen, dass hier nichts nachhaltig zerstört wird.

Jetzt bitte ein Lichtblick!
Am Markt gibt es definitiv ein Überangebot an Fahrzeugen. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung haben wir nicht mehr zu tun, sondern viel weniger.

Punkt eins: Lebensmittel.
Die Leute essen nicht mehr.  Vielleicht kochen sie jetzt mehr zu Hause – es wird also mehr für den Haushalt gekauft. Aber vorher sind sie dafür öfter ins Restaurant gegangen. Deshalb fällt jetzt die komplette Logistik für die Gastroversorgung aus. Die Mengen bleiben gleich, vielleicht bis auf einen kleinen Hamster-Effekt. Aber den gab es nur kurz.

Wirklich tragisch für uns ist Punkt zwei: der komplette Wegfall der Automobilindustrie. Alle Werke waren zu. Wir merken aber schon in normalen Jahren, wenn Volkswagen im Sommer Betriebsferien macht, gibt es im Raum Hanover keine Fracht. Und diesen Effekt haben wir nun deutschlandweit.

Unter dem Strich haben Sie also im Lebensmittelbereich normal zu tun, können dort aber nicht aufsatteln und müssen gleichzeitig die Rückgänge wegen der Automobilindustrie verkraften…
…und mit zeitlichem Versatz, so ist unsere Befürchtung, werden auch andere Industriebetriebe folgen, die jetzt noch ihre bestehenden Aufträge abarbeiten. Was danach kommt, weiß niemand.
Die Gesellschaft für Konsumforschung hat zumindest im Privatkundenbereich sehr deutlich dargelegt, dass der Kunde aktuell nicht nachfragt.

Der Privatmann hält sein Geld zusammen. Er kauft jetzt eben kein Auto, weil die Lage unsicher ist und er nicht weiß, ob Kurzarbeit kommt oder gar Arbeitslosigkeit – oder wird ein E-Auto für ihn interessant, weil ohnehin keine Auslandsreisen mehr möglich sind. Da gibt es viel zu durchdenken, deshalb glaube ich auch nicht, dass der Konsum sofort wieder ansteigt, wenn die Exit-Strategie auf dem Tisch liegt.

Wie könnte denn eine aus Sicht der Wirtschaft vernünftige Exit-Strategie aussehen?
Ich denke, wir haben die Krise in Deutschland bislang sehr gut gemeistert. Was ich bemerkenswert finde, ist die unglaublich große Informationsmenge, die jedem zur Verfügung steht. Den Wissensvorsprung der Politiker aus früheren Tagen gibt es nicht mehr. Bürger und Entscheider stehen hier inzwischen auf einer Stufe, das finde ich bemerkenswert.

Was muss eine Exit-Strategie aus Sicht der informierten Unternehmer also liefern?
Wir brauchen klare Regeln. Die haben wir derzeit nicht. Das heißt ganz konkret, wir kommen mit dem Lkw an irgend einem Werk an. Dort steht ein großes Schild mit den Regeln vor Ort, von Mundschutzpflicht bis zum Verbot der Nutzung des Sanitärtrakts. Jetzt steht der Fahrer dort vier Stunden in der Warteschleife…und beim nächsten Unternehmen gibt es wieder ganz andere Vorschriften.

Diese klaren Regeln muss es auch innerhalb Europas geben. Wir haben wochenlang Bescheinigungen geschrieben, mit Botschaften und mit unserem Verband telefoniert, um herauszufinden, ob noch Warenverkehr stattfindet, ob wir unsere Leute guten Gewissens losschicken können, oder befürchten müssen, dass die einen Tag an der Grenze zu Tschechien stehen. Ich wusste auch nicht, ob ich einen Lkw nach Spanien schicken kann und was der Fahrer dazu sagt. An der Stelle vermisse ich Europa, da müssen gemeinsame Regeln getroffen werden. Sonst funktioniert es nicht.

Was uns im Bereich der Postzustellung massiv auf die Füße gefallen ist, war das Thema Notbetreuung, denn bei uns arbeiten viele junge Muttis. Wir sind unbestritten kritische Infrastruktur, gehören in der Zustellung aber nicht zum Hochlohnbereich, das heißt, die Lebenspartner sind die Hauptverdiener. Weil zunächst beide Elternteile in der kritischen Infrastruktur arbeiten mussten, um eine Notbetreuung zu bekommen, sind natürlich unsere Mitarbeiterinnen zu Hause geblieben, um den Nachteil für die Familie geringer zu halten. Das verstehe ich auch.

Inzwischen reicht aber ein „kritischer“ Elternteil aus.
Das stimmt, seit voriger Woche ist das so. Aber die Beantragung ist umfangreich und man tut sich auf Seiten der Kitas schwer – das verstehe ich auch, für uns macht es das aber nicht einfacher.

Zumal es in Ihrer Branche auch nicht möglich ist, den Kolleginnen alternativ die zeitweise Arbeit im Homeoffice anzubieten…
…nächstes Thema! Wie kann ein Bundesminister ein Gesetz ins Spiel bringen, dass einen Anspruch auf Homeoffice festlegt? Denn was passiert am Ende wieder: Ich als Arbeitgeber muss argumentieren und schriftlich gegenüber der Regierung darlegen, warum ich bei 100 Arbeitnehmern keine 50 Homeoffice-Plätze anbieten kann. Das ist so ein Quatsch!

Vor allem in der in der jetzigen Situation, wo allen klar sein muss, wie wichtig Berufe wie Lkw-Fahrer, Supermarktkassiererin oder Pflegekraft sind, sollte doch dämmern, dass nicht alle Menschen im Büro arbeiten können..

Themenwechsel: Schreiben die Menschen jetzt wieder mehr Briefe?
Ja. Wir erleben derzeit in der Post, dass die Gesamtmenge zwar runtergeht, weil wir den Shutdown haben, aber gefühlt schicken insbesondere Private wieder öfter etwas mit der Post.

Was bedeutet Corona für Ihre Mitarbeiter in der Zustellung ganz konkret?
Wir müssen sehr viele Gespräche führen und viel Überzeugungsarbeit leisten. Das begann mit der Frage, ob man sich über das Anfassen von Warensendungen anstecken kann. Dieser Aufklärungsbedarf war da und inzwischen wissen wir, das Virus hält sich auf Papier oder Karton nur sehr kurz.

Klären mussten wir auch, wie wir die Hygienestandards bei der Postabholung durch uns sicherstellen können: Wir suchen jeden Tag 400 Kunden auf, die müssen uns auf einem Tablet die Stückzahl bestätigen. Das bekommen wir hin, aber auch hier gilt: 400 Kunden, 400 verschiedene Regelungen. Deshalb nochmal der Appell: Wir brauchen verbindliche gemeinsame Regeln!

Als der Shutdown begann, schossen allerorten, so auch in Torgau, Helferinitiativen aus dem Boden, um Menschen aus Risikogruppen das Einkaufen abzunehmen. Kam Ihnen da nicht die Idee, das regionale Liefer-Projekt Frischebote wieder aus der Schublade zu ziehen?
Den Frischeboten fanden damals viele toll, nur bestellt hat keiner. Ich finde es nach wie vor eine gute Idee, denke aber, wir waren damit zu früh dran und Torgau ist zu klein dafür. In der jetzigen Corona-Zeit würde noch das Problem der Übergabe dazu kommen – das ist im gewerblichen Bereich deutlich komplizierter, als bei privaten Initiativen. Ja, wahrscheinlich hätte der Frischebote in der jetzigen Zeit einen Boom erlebt, es wäre aber sehr kompliziert geworden.

Ihnen müssten doch Freistaat oder Landkreis die Bude einrennen, um dieses Projekt zu unterstützen. Schließlich ist ein lebenswerter ländlicher Raum DAS große Thema der Politik.
Nachdem ich den Frischeboten eingestampft hatte, kamen kurioserweise verschiedene Stellen mit Fördermöglichkeiten auf mich zu. Und noch während das Unternehmen arbeitete, hatte ich Kontakt zum Landratsamt. Dort fand man die Idee gut und wollte das Anliegen unterstützen. Doch in allen Fällen war der bürokratische Aufwand dafür so hoch, dass ich abgelehnt habe.

Dann war es das also endgültig?
Nein. Nach wie vor bin ich aber der Überzeugung, dass es eines Tages diesen Dienst geben wird, denn die Bevölkerung wird definitiv älter und weniger mobil. Das eigentliche Problem ist nur, dass wir in Deutschland immer noch nicht verstehen, dass eine Dienstleistung auch ihren Preis hat.

Ein Grundgedanke hinter der Idee war auch, die Leute dazu zu bewegen, wieder regional zu kaufen. Prinzipiell: egal ob beim Bäcker um die Ecke, beim Handwerker um die Ecke. Egal ob es die Post aus der Region ist oder die Zeitung. Das muss in die Köpfe rein und ich habe große Bedenken, dass das funktioniert.

Denn der Einkaufsweg führt viele Menschen gerade jetzt verstärkt zu Amazon, der seinen Gewinn im ersten Quartal dieses Jahres um zig Milliarden gesteigert hat. Aber Jeff Bezos zahlt hier keine Steuern, schafft hier keine Arbeitsplätze, unterstützt keine Vereine, kauft hier nichts, macht Null für unsere Region! Das müssen die Leute endlich verstehen!

Zum Abschluss eine Frage an den Torgauer Stadtrat Theobald: Die Gewerbesteuern werden ziemlich sicher zurückgehen, es wurden Kitagebühren erlassen, dazu kommen die Kosten für Krisen-Unterstützung – ist Ihnen Bange, dass die finanziellen Möglichkeiten der Stadt künftig stark schrumpfen?
Das kann ich unmöglich abschätzen, zumal wir beim städtischen Haushalt sehr stark auf Zuweisungen von oben angewiesen sind und keinen direkten Einfluss darauf haben. Meine Befürchtung ist im Moment vielmehr die, dass uns das „Aufräumen“ nach der Krise verwaltungstechnisch über Jahre lähmt.

Ganz sicher wird jeder mit deutscher Gründlichkeit überprüft, der Hilfsgelder beantragt und bekommen hat. Es wird Klagen gegen Regelungen geben, die wegen der neuen Situation getroffen wurden. Das alles mit dem Ergebnis, dass für die Zukunft wichtige Vorgänge nicht bearbeitet werden können, weil unsere städtischen, aber auch die übergeordneten Behörden dafür gebunden werden. Ich erinnere mich daran, wie lange es gedauert hat, bis die letzten Förderbescheide nach der Flut abgerechnet waren. Hoffentlich ersticken wir nicht an unserer Verwaltung.


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