Freitag, 29. Mai 2020
Mittwoch, 6. Mai 2020

NORDSACHSEN

In Zeiten von Corona…#40

In Zeiten von Corona…Foto: Repro: TZ

von unserem Chefredakteur Sebastian Stöber

…mache nicht nur ich mir Sorgen um Kinder aus Problemfamilien, die schon in normalen Zeiten am Limit sind. Wie es dort aktuell aussieht, habe ich mit der Leiterin des nordsächsischen Jugendamts besprochen.

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In Zeiten von Corona…

…suchen wir alle Beständigkeit und haben sie in einem Ritual gefunden. Ganz Deutschland blickt mittwochs erwartungsvoll nach Berlin. Denn dort videofoniert die Kanzlerin erst mit den Ministerpräsidenten und verkündet dann, wie sich unser Leben in den folgenden Tagen verändern wird.

Ritualisiert sind auch die Reaktionen. Keinem ist es recht  gemacht …  

Wie schwer das Abwägen sein muss, zeigt der TZ-Beitrag über den nordsächsischen Partnerlandkreis Schwäbisch Hall. Während man hierzulande Corona nur vom Hörensagen kennt,  zählt man dort inzwischen 48 Tote, 1000 Infizierte – und: dem Krankenhaus gehen die Medikamente aus.

Es ist erwartbar, dass jemand in Schwäbisch Hall einen anderen Blick auf die Situation hat als ein Nordsachse. Die Folgen der Pandemie wiederum sind für alle gleich. Sowohl was die wirtschaftlichen Dellen angeht als auch die der Menschen.

Nicht nur ich mache mir Sorgen um Kinder aus Problemfamilien, die schon in normalen Zeiten am Limit sind. Wie es dort aktuell aussieht, habe ich mit der Leiterin des nordsächsischen Jugendamts besprochen.

Erste Überraschung, die Fallzahlen im Bereich der Kindeswohlgefährdung sind nicht gestiegen. Allerdings ist das keine Entwarnung. Warum, das lesen Sie im Interview.

Tagtäglich sind Mitarbeiterinnen des Allgemeinen Sozialen Dienstes, ASD, im Landkreis unterwegs, um Familien bei der Lösung von Problemen zu unterstützen. Zumindest war das so, bevor die Corona-Pandemie den Alltag einschränkte. Wie aber funktioniert diese Arbeit, bei der es sehr stark um persönliche Bezüge geht, jetzt? Mandy Renner ist die Leiterin des Nordsächsischen Jugendamts und damit auch verantwortlich für den ASD.

TZ: Wie arbeitet der ASD in Zeiten von „Social Distancing“ und verschärften Hygieneregeln mit Abstandsgebot und Maskenpflicht ganz praktisch?
Mandy Renner:
Wir sind nach wie vor für unsere Klienten da – hauptsächlich aber telefonisch. Eine der wichtigsten Aufgaben des ASD ist aber die Sicherung des Kindeswohls, weshalb wir auch weiterhin persönlich unsere Familien aufsuchen müssen.

Darüber hinaus prüfen wir auch im Haushalt vor Ort, ob Anzeigen oder Anzeichen zur Kindeswohlgefährdung vorliegen. Dass dabei die gängigen Hygieneregeln eingehalten werden, ist selbstverständlich: Wir achten auf Abstände und tragen Masken.

In anderen Bereichen setzen wir verstärkt auf Telefon- und Videokonferenzen. So stehen wir zum Beispiel mit unserem Freien Träger und allen an der Hilfeplanung Beteiligten in engem Kontakt.

Sie haben Ihren Weg also gefunden. Gibt es Lösungen, die Sie in die Zeit nach Corona gerne mitnehmen wollen, oder wird alles zurückgedreht?
Der persönliche Kontakt zu den Menschen ist die Hauptaufgabe des ASD. Dort werden wir zum alten Umfang zurückkehren. Vorstellen könnte ich mir, dass Telefon- oder Videokonferenzen bei der Erarbeitung von Hilfeplänen gemeinsam mit Träger und Einrichtungen auch künftig gut funktionieren können.

Die allgemeine Wahrnehmung ist, dass der Druck auf Familien wächst. Ist das Arbeitsaufkommen für den ASD in den zurückliegenden Wochen gestiegen?
Der Druck in den Familien wächst, das steht außer Frage. Eltern müssen jetzt Eltern, Lehrer, Betreuer und Koch sein, dazu noch arbeiten. Gleichwohl kann ich entgegen der an vielen Stellen geäußerten Erwartung keine Fallzahlen nennen, die auf einen besorgniserregenden Anstieg von Kindeswohlgefährdungen schließen lassen.

Gibt es typische Corona-Problemlagen?
Ganz viel haben wir es mit Fragen zum Umgang in Trennungsfamilien zu tun. Es ist mitunter vorgekommen, dass Elternteile den Kontakt zu gemeinsamen Kindern mit der Begründung „Corona“ verwehrt haben. Sicher in einigen Fällen auch vorsätzlich, in anderen Fällen waren Eltern aber einfach verunsichert – es gab verfügte Kontaktsperren, es durfte nur mit triftigem Grund das Haus verlassen werden.

Gab es diese Einschränkungen per Gesetz?
Nein. Corona war und ist kein Grund, Umgänge zu verwehren oder auszusetzen. Wir haben natürlich darauf hingewiesen, dass bei Umgangskontakten die Hygieneregeln zu beachten sind.

In meinen Gesprächen habe ich zudem darauf hingewiesen, an weitere Familienmitglieder, die ggf. zur  Risikogruppe gehören, z. B. die im Haushalt mitwohnenden Großeltern, zu denken und vorher darüber zu sprechen, ob das Kind und alle am Umgang Beteiligte gesund sind.

Welche Resonanz hat das Corona-Beratungstelefon des Jugendamts?
Wir haben diese Hotline eingerichtet, weil Familien plötzlich vor ganz neuen Herausforderungen standen und wir für sie da sein wollten. Parallel dazu haben wir auch unsere Internetseite um ganz viel Material erweitert.

Insgesamt gab es bis Ende April 118 Anrufe von Menschen aus allen sozialen Schichten. Das ist zwar keine riesige Zahl, aber wir haben damit 118 Familien weiterhelfen können, haben uns ihre Probleme angehört, haben Tipps und Ratschläge geben können.

Vor Corona hat der Pflegekinderdienst eine Initiative zur Gewinnung von Pflegefamilien gestartet. Ist diese Initiative durch Corona beeinflusst worden?
Eine von vier in diesem Jahr geplanten Informationsveranstaltung mit potenziellen Bewerbern mussten wir bisher absagen. Sie wird aber nachgeholt. Meine Mitarbeiter des Pflegekinderdienstes sind aber weiter zu diesem Thema erreichbar. Direkte Auswirkungen sind bisher nicht spürbar.

Neben der Unterbringung bei Pflegeeltern ist die Betreuung von Kindern auch in Heimen möglich. Welche Auswirkungen hat Corona auf diese Einrichtungen?

Als Jugendamt stehen wir in sehr engem Kontakt zu den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, die ihr Angebot natürlich aufrecht erhalten. Entsprechend der Allgemeinverfügungen des Freistaates Sachsen und den Festlegungen des Jugendamtes gibt es auch dort Einschränkungen.

Besuchsverbote wurden erlassen, die Beurlaubung von Kindern in die Häuslichkeit von Familienangehörigen ausgesetzt. Damit sollte der Betrieb der Einrichtung, die Kinder und Jugendlichen sowie das Personal geschützt werden, denn es weiß niemand, mit wem die Kinder außerhalb der Einrichtung wirklich in Kontakt kommen.

Das ist natürlich ein massiver Einschnitt. Doch die Einrichtungen bewältigen die Situation sehr gut. Die Kinder und Jugendlichen sind rund um die Uhr zusammen. Das Personal ist 24 Stunden am Tag da, weil die Kinder weder in die Schule, noch in den Hort gehen. Da aber so gut wie alle äußeren Einflüsse fehlen –  dieses Signal senden ganz viele Einrichtungen –  vollzieht sich dort ein neuer Prozess des Zusammenwachsens.

Nichtsdestotrotz stoßen die Mitarbeiter an ihre Grenzen und wir werden die Umgangsregeln auch wieder lockern müssen – gerade wenn es um die Rückführung in die Familien oder um die Anbahnung eines Pflegverhältnisses geht.

Das klingt unter dem Strich fast nach einem positiven Corona-Aspekt.
Naja, natürlich gibt es auch Widrigkeiten, mit denen die Einrichtungen zu kämpfen haben. Beispielsweise dort, wo überwiegend fast Volljährige betreut werden. Denen mitzugeben, dass sie sich an Kontaktbeschränkungen halten und die Einrichtung am besten gar nicht verlassen sollen, war mehr als schwierig.

Aber ja, aus mehreren Einrichtungen habe ich gehört, dass die Kinder nun ganz anders Rücksicht aufeinander nehmen und dass ein Grund dafür vorwiegend der fehlende Einfluss von außen ist. Ich habe daraufhin unseren ASD gefragt, ob dieser Effekt auch in Familien auftritt …

… mit welcher Antwort?
Eher nicht. Über den dort entstehenden Druck haben wir ja schon gesprochen. Ich hoffe nur,  dass nach weiteren Lockerungen und der Normalisierung nicht allzu viel bekannt wird, was wir jetzt nicht mitbekommen.

Sie sprechen da die Früherkennung von Kindeswohlgefährdungen an. Die ruht auf einem breiten Netzwerk. Kann das in der Corona-Zeit überhaupt aufrechterhalten werden?
Dieses Netzwerk besteht unter anderem aus Schulen, Kitas, Ärzten, Vereinen. Sie alle sind Hinweisgeber, wenn sie Auffälligkeiten bei Kindern feststellen – das gehört zu ihrem Schutzauftrag, da auch sie mit Kindern arbeiten bzw. Kontakte haben. Diese Hinweisgeber fehlen aktuell aufgrund der corona- bedingten Schließzeiten von Kita, Hort, Schule und Freizeitangeboten.

Deshalb appellieren wir an alle Bürger, aufmerksam zu sein – die Nachbarn, die Verkäuferin im Supermarkt. Kein Kind muss alleine sein, bitte schaut nicht weg.
Das gleiche Problem gibt es ja mit der häuslichen Gewalt. Alle haben erwartet, dass die Fälle steigen. Auch dies können wir aktuell so nicht für Nordsachsen bestätigen.

An unserer Hotline gab es dazu auch einen Hinweis: Wenn alle die ganze Zeit gemeinsam zu Hause sind, dann trauen sich die Betroffenen  nicht, zum Telefon zu greifen und wegen häuslicher Gewalt anzurufen.

Ich hoffe in beiden Fällen nicht, dass wir nach den Lockerungen hier eine Welle erleben.


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