Freitag, 29. Mai 2020
Freitag, 8. Mai 2020

TORGAU

Cybermobbing: "Im Internet gibt es kein Vergessen"

Dr Anne Melzer ist Dozentin für Sozialwissenschaften an der Fachhochschule für Öffentliche Verwaltung, Polizei und Rechtspflege M-V in Güstrow. Foto: Privat

von unserem Redakteur Nick Leukhardt

Torgau. Dr. Anne Melzer im Vorfeld der 6. Schlossvorlesung im TZ-Interview zu den Gefahren von Cybermobbing und den richtigen Umgang damit.

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Ein gutes Drittel, genauer gesagt 31 Prozent, aller deutschen Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren haben jemanden in ihrem Bekanntenkreis, der schon einmal über das Internet oder das Handy fertiggemacht wurde. Das geht aus einer aktuellen Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest hervor. 21 Prozent der befragten Jugendlichen gaben außerdem an, dass sie selbst schon einmal das Ziel von falschen oder beleidigenden Aussagen im Internet wurden.

Das weiß auch Dr. Anne Melzer. Sie ist Dozentin für Sozialwissenschaften an der Fachhochschule für Öffentliche Verwaltung, Polizei und Rechtspflege M-V in Güstrow und bildet dort unter anderem die Polizisten des Landes Mecklenburg-Vorpommern aus. Dabei spielt auch das Cybermobbing seit vielen Jahren eine entscheidende Rolle. Und so wird sie am kommenden Montag, 11. Mai, ab 17 Uhr zu genau diesem Thema im Rahmen der 6. Schlossvorlesung referieren. Nicht wie gehabt persönlich im Schütz-Saal des Schlosses Hartenfels, sondern diesmal in einer reinen Online-Veranstaltung. Die TZ unterhielt sich bereits im Vorfeld mit Anne Melzer über die Gefahren von Cybermobbing und wie man am besten dagegen vorgehen kann.

TZ: Hallo Frau Melzer, am besten erklären Sie noch einmal ganz kurz, was Cybermobbing eigentlich ist.
A. Melzer:
Mobbing an sich ist ein gruppenbezogener Prozess, bei dem entweder gegen eine Einzelperson oder gegen Gruppen rhetorisch oder physisch vorgegangen wird. Und übertragen auf den Online-Bereich bedeutet das, dass virtuell im Internet versucht wird, Menschen auszugrenzen, zu beleidigen oder zu bedrohen.

Unterscheidet sich dabei das Cybermobbing, abgesehen von der Plattform auf der es sich abspielt, vom „normalen“ Mobbing?
In seinen Grundprozessen nicht, nein. Jedoch bringt die Anonymität eine ganz neue Tätergruppe hervor. Während man im realen Leben ja doch ein gewisses Selbstvertrauen und eine bestimmte Gruppenposition braucht, können beim Online-Mobbing auch ganz andere Persönlichkeitstypen mitmischen.

Also ist das Cybermobbing schlimmer als die „reale“ Variante, weil dort mehr Mobber unterwegs sind?
Das würde ich so nicht sagen. Beide Arten sind ein wirkliches Problem und das aus ganz unterschiedlichen Gründen. Was jedoch stimmt, ist dass es für den Umgang mit klassischem Mobbing auf dem Schulhof mittlerweile gut etablierte Vorgehensweisen gibt, die Lage im Internet jedoch deutlich schwieriger zu bewältigen ist. Das Cybermobbing ist wie eine Hydra. Wenn man ein beleidigendes Bild löscht, dann wird es an zwei anderen Stellen neu hochgeladen. Es ist ein Fass ohne Boden.

Wie geht man denn dann gegen Cybermobbing vor?
Am besten natürlich mit Prävention. Und hier kann man dann auch an ganz verschiedenen Stellen ansetzen. Man kann den potentiellen Tätern erklären, was Mobbing in ihrem Gegenüber eigentlich auslöst und welche Folgen das hat. Man kann die Opfer unterstützen und darin bestärken, sich gegen ihre Peiniger zu wehren. Und man kann natürlich Eltern und Lehrer aufklären und ihnen klarmachen, wie diese Online-Welten, in denen sich ihre Sprösslinge Tag für Tag aufhalten, funktionieren und welche Gefahren dort lauern.

Ist nicht die wirksamste Methode, sich vor Cybermobbing zu schützen, das Abschalten des Computers?
Nein, so einfach ist es leider nicht. Denn auch wenn ich mich komplett aus dem Internet zurückziehe, hört das Mobbing ja nicht auf. Es findet dann nur hinter meinem Rücken statt und wenn ich dann doch irgendwann wieder auf Facebook oder Instagram zurückkehre, dann trifft es mich umso härter. Das ist auch einer der schlimmsten Aspekte des Cybermobbings, dass es eben nicht aufhört. Heutzutage ist man immer erreichbar und damit auch immer angreifbar. Außerdem gibt es im Internet auch kein Vergessen und so kriegt man das, was dort einmal drin ist, fast gar nicht mehr raus.

Ist Cybermobbing denn ein Phänomen, was sich ausschließlich bei Jugendlichen abspielt?
Nein, auf keinen Fall. Es ist zwar vermehrt bei Jugendlichen und vor allem Schülern zu bemerken, aber auch Erwachsene leiden unter Cybermobbing. Das kann im Familien- oder Kollegenkreis sein, wenn man aus irgendwelchen Gruppen ausgegrenzt wird. Aber auch im größeren Rahmen, zum Beispiel im öffentlichen Leben, wo sich zum Beispiel Politiker Tag für Tag mit beleidigenden Kommentaren und dergleichen im Netz konfrontiert sehen.

 

Info:

Dr. Anne Melzer (FH Güstrow) gibt in der sechsten Schlossvorlesung Einblicke in das Phänomen „Cybermobbing“ und wie eine Kontrolle und Kompetenzvermittlung durch Polizei und Zivilgesellschaft erfolgen kann.

Die Schlossvorlesung findet am Montag, 11. Mai, ab 17 Uhr das erste Mal ausschließlich online über das Videokonferenztool „Jitsi“ statt. Eine Installation oder Registrierung ist dabei nicht nötig! Sie benötigen lediglich einen PC/Laptop oder ein Smartphone/Tablet mit einem Internetanschluss. Im Browser (am besten Chrome oder Firefox) rufen Sie zur Teilnahme einfach folgende Adresse auf:

https://meet.golem.de/Schlossvorlesung

Im Anschluss an den Vortrag besteht die Möglichkeit, mit der Referentin zu chatten oder zu diskutieren. Möchten Sie sich mit einem Redebeitrag einbringen, so benötigen Sie zusätzlich eine Webcam mit Mikrofon.

Die „Schlossvorlesungen“ auf Schloss Hartenfels (Torgau) sind ein Veranstaltungs- und Diskussionsformat des Medienpädagogischen Zentrums+ (MPZ+) unter der Leitung von Dr. Benjamin Bigl. Das MPZ+ versteht sich als Kompetenzzentrum für Medienbildung im ländlichen Raum.


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