Dienstag, 26. Mai 2020
Montag, 11. Mai 2020

NORDSACHSEN

In Zeiten von Corona…#44

In Zeiten von Corona…Foto: Repro: TZ

von unserem Chefredakteur Sebastian Stöber

…muss niemand in Watte gepackt werden. Wir wollen wissen, wie es weitergeht. Ich habe deshalb mit der Geschäftsführerin der Stadtwerke Torgau über die Arbeit ihres Unternehmens unter Corona-Bedingungen, über wirtschaftliche Auswirkungen der Pandemie und die nähere Zukunft des Aquavitas gesprochen.

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In Zeiten von Corona…

…muss niemand in Watte gepackt werden. Denn selbst dem größten Optimisten ist klar, dass die drastischen Einschränkungen der vergangenen Wochen nicht spurlos an der Wirtschaft und damit auch an der Gesellschaft, die eng an die Wirtschaftskraft gekoppelt ist, vorbei gehen wird.

Dabei geht es nicht um die Bewertung der Maßnahmen.

Wir werden wahrscheinlich noch viele Jahre darüber streiten, ob die ganz große Katastrophe an uns vorüber gegangen ist, WEIL Deutschland die Reaktion der zurückliegenden Wochen gezeigt hat, oder TROTZDEM. Egal, wer am Ende Recht behält, die Folgen sind real und werden nicht so spurlos an unserer Region vorbeigehen, wie bislang die Pandemie selbst.

Darauf müssen alle gefasst sein und sich ehrlich machen.

Die Torgauer Stadtwerke versorgen sowohl die Unternehmen als auch die privaten Haushalte in unserer Region mit Strom. Dort ist sehr früh spürbar, wie sich die Situation verändert.

Das zumindest war meine Hypothese, und um sie zu überprüfen, habe ich mit Geschäftsführerin Renate Mühlner telefoniert. Unter dem Strich stand eine gemischte Bilanz.

Positiv festzuhalten bleibt, dass wir uns um die Energieversorgung nicht sorgen müssen. Anders als es zunächst beim Bund den Anschein hatte, sind Energieversorger wie die Torgauer Stadtwerke durchaus auf Pandemien vorbereitet, haben aktuelle Pläne und können die umsetzen. Die wirtschaftliche Lage des Unternehmens ist stabil – sein gesellschaftliches Engagement für die Region sieht der Versorger als Verpflichtung an, die aufrecht erhalten werden muss.

Ganz folgenlos geht Corona an den Stadtwerken, die vor allem ein Wirtschaftsunternehmen sind, aber auch nicht vorbei. Und das ist der potenziell negative Teil der Bilanz: Denn in den zurückliegenden Jahren resultierte der wirtschaftliche Erfolg der Stadtwerke immer auch in einem (Geld-)Segen für die Stadt Torgau, der das Unternehmen gehört.

Wird das auch nach 2020 der Fall sein? Dem Stadtrat werden am Mittwoch die Wirtschaftspläne der Torgauer Unternehmen vorgestellt. Auf der städtischen Internetseite sind sie für jedermann nachzulesen.

Geplant ist, dass die Stadtwerke von ihren 2020er Gewinnen eine Million Euro ausschütten. Alles, was darüber liegt, soll das Eigenkapital stärken, heißt es in dem Dokument.

Die Frage stellt sich, was das Corona-Jahr mit diesem Plan macht, der im Dezember 2019 aufgestellt worden ist und welche Folgen die wahrscheinlich niedrigeren Ausschüttungen in Verbindung mit weiteren erwartbaren Mindereinnahmen beispielsweise im Gewerbesteuerbereich für den Torgauer Haushalt haben werden?

Das Interview mit Renate Mühlner lesen Sie jetzt.

Renate Mühlner

TZ: Frau Mühlner, der Strom ist da. Offenbar haben die Stadtwerke in den letzten Wochen alles richtig gemacht.
 

Renate Mühlner: Energienetze gehören weltweit zu den kritischen Infrastrukturen. Wenn auch auf unterschiedlichem Niveau sind die Betreiber für Krisen gerüstet. In Deutschland und Europa ist der Standard sehr hoch. Wir haben schon seit Jahren Pandemiepläne in der Schublade, die regelmäßig aktualisiert werden.

Laut Energiewirtschaftsrecht sind wir als Versorger verpflichtet, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Dafür sind alle Maßnahmen zu ergreifen, um im Krisenfall Anlagen weiter betreiben zu können. Bei uns ist es theoretisch sogar so, dass jemand, der positiv auf Corona (Covid-19) getestet ist, aber keine Symptome zeigt und wichtig für den Betrieb eines Netzes ist, hier vor Ort in einem separaten Büro arbeiten kann und nach Feierabend zurück nach Hause in die Quarantäne geht.

Gab es etwas, das Sie trotz aller Vorbereitungen überrascht hat?

Schwierigkeiten hat uns die Kinderbetreuung bereitet. Hier mussten zunächst beide Elternteile in der kritischen Infrastruktur tätig sein, um einen Anspruch zu haben. Auf unsere Mitarbeiter trifft das zu, aber nicht unbedingt auf ihre Partner. Das hat die Familien vor Herausforderungen gestellt. Wir haben zum Glück zuverlässige und sehr engagierte Mitarbeiter, die Wege gefunden und notfalls am Abend ihre Aufgaben erledigt haben.

Zu Beginn der Krise wurde politisch festgelegt, dass die Kunden von Versorgern unter bestimmten Voraussetzungen die Aussetzung ihrer Abschläge fordern können, um Liquidität zu sichern. Gibt es viele solcher Fälle?

In der Tat kamen Fragen, die Abschläge für die Energielieferungen zu stunden. Damit verschiebt sich das Problem aber nur, denn die Zahlungen sind bis 1. Juli 2020 vollständig nachzuholen. Wir raten in diesen Fällen zur Absenkung der Abschläge, damit der Berg an Verpflichtungen nicht zu hoch wird.

Die Zahl der Kunden, die diese Möglichkeit genutzt haben, ist bislang erfreulicherweise sehr überschaubar. Das kann sich natürlich noch ändern. Sicher ist, wir werden unseren Kunden entgegenkommen. Wer ein Problem hat, kann sich gern an uns wenden und wir finden gemeinsam einen Weg.

Gibt es auch Mitnahmeeffekte?

Es gibt Kunden, die regelmäßig durch Nichtzahlung auffallen, auch schon öfter gesperrt waren und nun versuchen, aus der Corona-Pandemie einen Vorteil für sich zu ziehen, indem sie u.a. nach einer Aussetzung der Zahlungen fragen. Hier sind wir aber aufmerksam und steuern gegen.

Der aktuelle Energieverbrauch dürfte ein ganz guter Spiegel der wirtschaftlichen Entwicklung sein. Wie geht es der Wirtschaft in der Region demnach?

Es gibt einige große Abnehmer, bei denen Kurzarbeit herrscht. Der Verbrauch dort ist auf Null und das merken wir – dazu kommen natürlich noch die Zulieferer. Schon jetzt ist klar, dass der Rückgang im gewerblichen Bereich nicht mehr nachzuholen ist.

Welche Auswirkungen hat der Ausfall größerer Industriekunden auf die Stadtwerke selbst?
Damit sinken nicht nur unsere Umsätze. Wir müssen auch den Strom, den wir vorher beschafft haben, wieder verkaufen. Vor diesem Dilemma stehen wir nicht alleine, deshalb sind die Preise an den Strombörsen weltweit im Sinkflug.

Wovon die Kunden aber nichts merken, weil?

Erstens, weil der Beschaffungspreis für den Strom nur rund 23 Prozent der Kosten ausmacht, die der Endkunde bezahlen muss. Die restlichen 77 Prozent sind Steuern, Abgaben und Umlagen.

Zweitens, weil wir, wie gesagt, den Strom im Voraus kaufen und ein Jahresbudget haben, das auf die Viertelstunde genau gerechnet ist. Was nicht abgenommen wird, muss zurück an die Börse. Wir verkaufen die Mindermengen derzeit zwangsläufig deutlich unter unserem Einkaufspreis und verlieren so viel Geld.

Das ist der Stand jetzt.

Ja, aber wir wissen nicht, was noch kommt. Natürlich versuchen wir auch, an allen Ecken und Enden zu sparen. Aber es wird uns nicht gelingen das Verlorene wieder aufzuholen.

Das geht vielen anderen Unternehmen genauso. Die Kapazitäten lassen sich nicht verschieben, die Menschen können nur arbeiten. Deutschlandweit wird es zu Umsatz- und Gewinneinbrüchen kommen. Gewerbesteuereinnahmen werden zurückgehen, die Einnahmen aus der Einkommenssteuer werden sinken – das trifft deutschlandweit, aber eben auch auf unsere Region zu. Den Umfang kann momentan noch niemand abschätzen.

Gibt es Szenarien, aus denen hervorgeht, wie lange eine kritische Infrastruktur wie die Stadtwerke eine solche Lage durchsteht?

Lange. Die Struktur wird aufrecht erhalten. Die Stadtwerke sind gut aufgestellt, wir haben gut vorgesorgt, vorsichtig gearbeitet und werden immer reagieren können. Wir sichern die Versorgung ab.

Nun gibt es unter dem wirtschaftlichen Dach der Stadtwerke das Aquavita Sport- und Freizeitbad. Das gehört nicht zur kritischen Infrastruktur. Steht das Bad zur Disposition?

Das Bad ist Bestandteil der Lebensqualität unserer Region. Die Entscheidung über seine Zukunft liegt bei der Politik. Will man diese Lebensqualität erhalten, und davon gehe ich aus, dann werden auch wirtschaftliche Verluste akzeptiert. Natürlich gibt es auch hier Grenzen.

Die Stadtwerke sind bekannt für ihr vielfältiges soziales Engagement. Wird es an dieser Stelle Einschnitte geben müssen?

Wir werden alles tun, um unser Engagement für die Region aufrecht zu erhalten – sicher in einem engeren Rahmen. Als lokales Unternehmen, das seine Kunden hier vor Ort hat, fühlen wir uns dazu verpflichtet. Leider werden es immer weniger Unternehmen, die das können beziehungsweise die das tun.

Konkret heißt das für uns, dass wir bei unserem Sponsoring-Programm noch genauer hinschauen, wo Unterstützung wichtig ist. Geplant ist beispielsweise auch, sofern das Fest „Torgau leuchtet“ stattfindet, in diesem Rahmen gemeinsam mit der Sparkasse Leipzig und der Torgauer Zeitung die ausgefallene Kinderparty in kleinerem Rahmen im Rosengarten nachzuholen.

Noch einmal zurück zum Aquavita. Gibt es schon Anzeichen dafür, dass eine Wiedereröffnung naht?

Die gibt es noch nicht. Aber selbst wenn: Unter den aktuell diskutierten Auflagen dürften nur wenige Gäste hinein. Die, die reinkommen, müssten Abstand halten und weitere Hygieneregeln befolgen.

Die Einhaltung der Auflagen muss abgesichert werden, das verlangt nach mehr Personal. Wer soll betriebswirtschaftlich verantworten, dass eine ohnehin nicht kostendeckend arbeitende Einrichtung künftig höhere Fixkosten und geringere Besuchereinnahmen verkraften soll?

Natürlich hoffen wir, dass in absehbarer Zeit das Bad wieder unter vertretbaren Bedingungen geöffnet werden kann.

Liegt die Entscheidung also auch hier bei der Politik?

Selbstverständlich. So wie die staatlich angeordnete Schließung wird auch die Öffnung nur unter bestimmten Auflagen möglich sein. Zumindest sind wir auf alles vorbereitet, weil es uns gelungen ist, die jährliche Revision vom Sommer auf den April vorzuziehen. Wenn also das Bad wieder öffnen kann, müssen wir es nicht wieder wegen der planmäßigen Revision schließen.

Sieht es beim Freibad Mehderitzsch anders aus?

Nein. Die Situation ist ganz ähnlich. Ein Schwimmmeister reicht nicht, um das Geschehen im Wasser zu überwachen und aufzupassen, dass überall die Abstandsregeln eingehalten werden. Außerdem müssten zusätzliche Hygienemaßnahmen ergriffen, Desinfektionsmittel bereitgestellt werden. Wie sollen die zusätzlichen Aufwendungen finanziert werden?

Gab es bislang auch positive Entwicklungen in der Corona-Zeit?

Die Digitalisierung geht voran. Es gab bestimmte Partner, da musste man bis vor Kurzem noch mit Papier und Originalunterschrift hantieren. Die haben es in den vergangenen vier Wochen immerhin geschafft, auf eingescannte Dokumente umzustellen. Das erleichtert die Arbeit enorm.

Wir selbst haben wichtige Erfahrungen mit dem Arbeiten von Zuhause gesammelt – mit dem Wermutstropfen, dass die digitale Infrastruktur noch nicht auf dem Stand ist, dass man von überall aus effektiv arbeiten kann. Gerade bei anspruchsvolleren Arbeiten mit den Anforderungen der Datensicherheit bricht öfter mal die Verbindung zusammen.

Darüber hinaus erfährt die pädagogische Betreuung der Kinder momentan eine höhere Wertschätzung. Was bestimmt alle Eltern und inzwischen auch die Kinder herbeisehnen, ist die Öffnung der Schulen und Kindertagesstätten für alle. Denn Arbeit, selbst im Homeoffice, und Kinderbetreuung bzw. Homeschooling sind nur schwer miteinander vereinbar. Diese Doppelbelastung zehrt bei den meisten Berufstätigen schon an den Nerven.
 

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