Mittwoch, 12. August 2020
Dienstag, 12. Mai 2020

TORGAU

"Völlige Neutralität gibt es nicht"

Was denkt ihr eigentlich?! Das fragen sich zur Zeit viele beim Scrollen durch ihre Social Media-Feeds. Foto: pixabay

von unserer Redakteurin Julia Sachse

Torgau. Unsere Redakteurin hatte die Nase voll von Verschwörungstheorien – und dachte, sie habe eine Lösung gefunden, sich einige davon in den sozialen Netzwerken vom Leibe zu halten, ohne dabei Freunde zu verlieren. Das war ein Irrtum. Ein Gespräch gegen den „einfachen Weg“.

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Torgau. Vor genau zwei Wochen habe ich auf meiner Facebookseite meine Freunde darum gebeten, mich auszuschließen. Nicht aus ihrem Freundeskreis, sondern dann, wenn sie Beiträge mit verbundenen Nutzern teilen, die Theorien zu alternativen Wahrheiten in puncto Corona-Bekämpfung enthalten und aus Quellen stammen, die ich persönlich aus verschiedenen Gründen zweifelhaft, manche sogar für gefährlich halte. 

Als ich dann am Montagvormittag per Facebook-Mail eine Freundin danach fragen wollte, wie es ihr und ihrer Familie gerade geht, musste ich feststellen, dass sie mir auf der Internetplattform die Freundschaft komplett gekündigt hatte. Und das, obwohl wir uns stets – persönlich – angeregt, aber sachlich und einander spürbar wohlgesonnen über jegliche Entwicklungen innerhalb und außerhalb unserer eigenen Filterblasen unterhalten konnten. Was war da los?
Wie es unsere Art schon immer war, entschieden wir, offen darüber zu reden - virtuell, wiederum via Facebook. Und wir beide finden es wichtig, dass das andere auch tun, wenngleich wir wissen, welche Überwindung das kosten kann. Darum veröffentlichen wir unseren Gesprächsverlauf. Da mein Gegenüber bei der Verwendung ihres Klarnamens allerdings berufliche Benachteiligung fürchten muss, nenne ich sie Freya M.

 

Julia Sachse: Frei raus: Hast du mich entfreundet?

Freya M.: Huhu, Julia! Du hattest auf Facebook deutlich gemacht, dass dich Beiträge zur aktuellen Lage nerven. Da ich dieses soziale Netzwerk vorrangig nutze, um diesbezüglich Infos zu teilen, habe ich dich entfernt. Das hat aber nichts mit unserer Freundschaft zu tun. Ich respektiere das und kann es nachvollziehen. Uns stehen ja genügend andere Kanäle zur Verfügung, um kommunizieren zu können. Ich hoffe, du verstehst, wie ich das meine und nimmst es mir nicht übel... Was uns verbindet, ist doch mehr als eine  virtuelle Freundschaft. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder!

J. S.: Das hoffe ich auch sehr! Mir ging es nicht darum, gar nichts mehr über dein Leben zu erfahren - ich muß bei bestimmten Beiträgen, die ich sehr subjektiv verfasse, inzwischen auch schon Freunde per Privatsphäre-Einstellung ausschließen, die sich allein durch meine Äußerungen sonst leider persönlich angegriffen fühlen. Aber das selektiere ich von Beitrag zu Beitrag, weil mich - wie du ja auch so lieb sagst - mit ihnen viel viel mehr verbindet als dieses Thema. Wie geht es dir? Nimmt dich die Situation stark mit?

F. M.: Und dieses Selektieren von Beitrag zu Beitrag ist mir irgendwie zu viel. [...] Ja, mich beschäftigt die momentane Situation sehr und ich mache mir Sorgen. Nicht nur darum, dass ich den Wahrheitsgehalt der uns zur Verfügung stehenden Infos infragestelle, sondern darum, dass es eine Spaltung in der Gesellschaft gibt, die durchaus auch mein privates Umfeld betrifft und mich auch beruflich in Konfliktsituationen bringt. Das ist schon belastend, aber auch eine Zeit in der man herausgefordert wird und wachsen darf.
Ist das bei dir ähnlich?

J. S.: Absolut! Es ist auch schwer,  eine Strategie zum Umgang damit zu finden und diese durchzuziehen. Weil man ja weiß, dass es ein Grund zum Kontaktabbbruch sein könnte, je nachdem, wie stark man sich mit dem Thema auch persönlich identifiziert. Ich versuche ganz viel zu verstehen und vor allem die dahinter stehenden Bedürfnisse im Gespräch auszumachen, denn die einen ja ganz viele über die Themengrenzen hinaus. Was das mit den Menschen macht, hat was von einem Trigger - von einem Funken, der ein Schwarzpulverfass hochgehen ließ. Zumal ja oftmals erwartet wird, dass abseits der Wahrheitsdiskussion die Angst ausgeschaltet wird. Völlig verrückt. Keiner weiß, wie das alles bewertet werden kann, denn egal was da ist, der Blick darauf wird erst hinterher klar, wenn die Auswirkungen den abgeschlossenen Statistiken zum tatsächlichen Verlauf der Pandemie gegenüber stehen. Wie soll man vor dieser Ungewissheit keine Angst haben?

F. M.: Ganz genau! Zumal mittlerweile jede Quelle zweifelhaft ist... Seien es die offiziellen Studien, die uns gezeigt werden, oder die einzelner Wissenschaftler/Virologen et cetera. Derzeit ist die Frage: „Aus welcher Quelle hast du die Info?“, immer mit „Aus einer anzweifelbaren“ zu beantworten. Das ist schon erschreckend und jeder begibt sich so gewissermaßen notgedrungen auf seine eigene „Wahrheitssuche“. Das triggert, das provoziert jeden, sich mit sich selbst und seinem Blick auf die Welt auseinanderzusetzen. Wenn man keinem mehr glauben kann, muss man sich selbst vertrauen und kann sich an nichts anderem mehr festhalten, außer an eben sich selbst. In dieser, nennen wir es mal „Selbstentdeckungsphase“ kommen viele vorher unbemerkte Dinge ans Licht, die sich entladen. Ich denke auch, dass die „Wahrheit“, sofern es diese überhaupt gibt, da sie ja auch immer subjektiv ist, erst im Rückspiegel auszumachen ist. Und doch hat dies ja auch viel Gutes: Im Chaos ordnen sich die Dinge neu. Ich mag den kritischen Austausch sehr, aber eben unabhängig von den Faktendarstellungen, denn davon hat jede Seite mehr als genug. Der Blick dahinter ist viel wichtiger. Worum geht es jedem einzelnen wirklich? Was fehlt jedem einzelnen? Wo sind unbefriedigte Bedürfnisse und wie geht man damit um, wenn man voll im Feuer steht. Das ist produktiv und bringt uns eher voran als die Frage danach, wer „Recht“ hat. Wir sind Zeuge von Symptomen, deren Ursachen es herauszufinden gilt.

J. S.: So ist es! Und ich bin sehr froh, dass du das so differenzierst. Wenn Videos geteilt oder Websiteeinträge unkommentiert weiterverbreitet werden, fehlt mir persönlich auch einfach der Blick auf die Beweggründe des Teilenden, meines Bekannten, meiner Kollegin oder eben von so engen Freundinnen wie dir, um es nicht als „willkürlich“ wegen einer reizenden Headline geteilten Spam abzutun. Vor allem an sowas richtete sich ja auch meine Bitte, mich davon auszunehmen. An die, die missionieren wollen, und das auch noch, ohne eigene Worte dafür zu bemühen. Ich will die Grautöne erkennen können, weißt du, was ich meine?

F. M.: Ja, verstehe ich voll...aber diese Grautöne möchte nicht jeder mit den Sozialen Medien teilen – schließlich sind das schon sehr private Themen. Ich bin auch beruhigt zu lesen, wie du das siehst.

J. S.: Gehst du eigentlich zu den Protesten? Ich war letzten Donnerstag überrascht, wie viele Menschen da in der Stadt zusammen kamen. Hatte das total unterschätzt.

F. M.: Ja. Ich war bei drei Spaziergängen dabei. In Torgau, Berlin und Oschatz. Allerdings werde ich davon nun Abstand nehmen. Für mich ist es ein Zuviel an „dagegen“ protestieren. Ich möchte mir nicht anmaßen, gegen etwas zu demonstrieren, sondern eher für etwas. Das macht einen großen Unterschied. Ich möchte nicht anprangern, sondern einen Impuls dafür geben, wie ich mir eine Zukunft wünsche. Das gerät langsam außer Kontrolle. Es wird Gegendemos geben und es wird an Aggression zunehmen. Es ist nicht lösungsorientiert und dafür halte ich meinen Kopf nicht hin. Ich gehe so schon ein großes Risiko als Beamtin ein...
 

J. S.: Das dachte ich gerade auch - wenn dich da jemand sieht und anschwärzen will, könnte das doch bestimmt eine Abmahnung mit sich bringen. Ich glaube, viele gehen da einmal hin und müssen dann ähnlich wie du zusehen, wie ganz andere Interessen in die Debatte gemischt werden, um die Demos parteipolitisch instrumentalisieren, also nutzen zu können. Das finde ich schade, denn damit geraten die eigentlichen Beweggründe der, ich sage mal, proaktiv und konstruktiv kritischen Demonstranten wieder in den Hintergrund und sie werden mit „Pöbel-Antis“ oder ganz plump „Systemgegnern“ oder „Rechtspopulisten“ über einen Kamm geschert.

F. M.: Ja, das regt mich auch auf. Gerade die Demo in Berlin hat mir die Augen geöffnet. Das war noch vor zwei Wochen: alle total friedlich.Bis leider die Polizisten grundlos auf einige von uns mit Steinen warfen – es war brutal. Und in den Medien hieß es dann, dass die Demonstranten aggressive Rechte gewesen wären. Diese Berichterstattung ist – mit Verlaub – unter aller Sau. Bekommt man halt nur nicht mit, wenn man nicht wirklich dabei gewesen ist. Auch hier: nicht allgemein gegen Polizisten – nur in dieser Situation halt. Na ja, als Privatperson darf ich schon an Demos teilnehmen, aber ich habe meinen Handlungsspielraum ausgeschöpft. Da höre ich auf mein Bauchgefühl, was mir gerade eindeutig „VORSICHT“ zuschreit.  Noch sind die Pöbler die Minderheit, aber sie sind halt auffällig und die Medien, auch die TZ, suchen hierüber ihre „Aufhänger“. Neutrale Berichterstattung ist das leider nicht. Auch in Torgau waren 95 Prozent nicht diesen [Rechten] zuzuordnen und „an die 100 Demonstranten“ [Zitat TZ] war auch realitätsfern berichtet. Diese Diskrepanz zwischen meiner subjektiven Wahrnehmung und der medialen Darstellung weckt natürlich auch Zweifel.

J. S.: Ginge mir genauso und da muss ich sagen, haben uns [der TZ, Anm. d. Red.] vor allem Fotos aus ganz verschiedenen Perspektiven der Demonstranten, die diese selbst oder Beobachter im Nachhinein veröffentlicht haben, das Eingeständnis abverlangt, versäumt zu haben, wertfrei  näher ran gegangen zu sein, um direkt mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Wir diskutieren ja auch intern, jeder Redakteur denkt natürlich selbstständig und hat seine Meinung, die wiederum aber nie Teil der Berichterstattung sein sollte. Das betrifft sowohl die Auswahl von Motiven, Gesprächspartnern als auch Forrmulierungen. Andernfalls träge ja auch unsere Zeitung zur Spaltung bei, statt den Diskurs zu fördern und Tellerränder nach außen hin zu neigen. Egal auf welcher Seite: Jede Gesprächsposition ist gerade unglaublich unbequem. Aber da müssen wir wohl durch... Ohne Freundschaften zu killen.

F. M.: Eine völlige „Neutralität“ gibt es nicht. Nur leider gibt es momentan oftmals den offenen Diskurs nicht mehr, beiderseits. Da möchte ich auch nicht mit euch tauschen. Es ist schwierig. Aber hey: „Wir schaffen das.“. Und das meine ich auch so.

 

 

Julia Sachse ist seit 15 Jahren in sozialen Netzwerken unterwegs, seit 2009 auch auf Facebook. Was sie dort gerade jetzt als problematisch ansieht, ist das Verkürzen von Diskussionen auf eine Art Posting-Ping-Pong mit zum Teil ungeprüften Fremdbeiträgen statt eigenen Meinungen.


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