Dienstag, 26. Mai 2020
Montag, 18. Mai 2020

NORDSACHSEN

In Zeiten von Corona…#50

In Zeiten von Corona…Foto: Repro: TZ

von unserem Chefredakteur Sebastian Stöber

…ist es die 50. Folge dieser Kolumne. Zum Jubiläum geht es um das schönste Hobby der Deutschen, das Reisen. Über die Gefühlslage unserer Reisebüros und der Kunden habe ich mit Ivonne Sachert vom Torgauer Reisebüro Günstiger Reisen gesprochen.

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In Zeiten von Corona…

…war es, Stichwort Ischgl, vernünftig, die Genzen zu schließen und das Reisen zu begrenzen. Denn nicht nur Deutschland, alle Länder standen vor der Herausforderung, die Pandemie zu bewältigen. Für die gerne urlaubenden Deutschen ist das freilich eine riesige und ärgerliche Einschränkung.

Für die Industrie, die den Tourismus sonst möglich macht, ist es viel mehr als ärgerlich, es ist existenzbedrohend. Ende vergangener Woche hatte ich Besuch von Ivonne Sachert, die sonst in Torgau Urlaubsträume erfüllt. Die junge Frau hat beschlossen, nicht zu resignieren, sondern Lobbyarbeit für ihre Branche zu betreiben – unter anderem am Brandenburger Tor in Berlin.

Für die heutige 50. und damit Jubiläums-Kolumne "In Zeiten von Corona…" habe ich mit ihr gesprochen.

 

TZ: Die Reisebranche ist in diesen Tagen nicht gerade vom Glück verfolgt. Corona ist ja nicht der erst Tiefschlag.

Ivonne Sachert: Die Pleiten von Air Berlin und Germania waren noch zu verkraften. Doch dann kam Thomas Cook. Das war ein Riesenschnitt. Mit Thomas Cook sind sehr viele Reisen ausgefallen ausgefallen. Und jetzt auch noch Corona.

Hatten Sie Kunden, die von der Bundesregierung aus dem Urlaub zurückgeholt werden mussten?

Gott sei Dank sind die Torgauer nicht eingestiegen. In zwei Fällen waren sie quasi auf den Weg zum Flughafen, wollten eigentlich nicht und wir haben gekämpft, damit sie ohne Stornogebühren die Reise absagen konnten.

Wie sieht Ihre Arbeit aus, seitdem die Pandemie unser Leben beherrscht?

Stornos, Stornos, Stornos von Seiten der Veranstalter. Für unsere Kunden bedeutet das, sie bekommen je nach Veranstalter das Geld zurück oder einen Gutschein. Einige Veranstalter versuchen derzeit, die Gutscheinvariante noch mit einer Prämie zu versüßen.

Wir in den Reisebüros arbeiten also für nichts. Im Gegenteil! Unser Problem ist, dass wir den Reiseveranstaltern die Provisionen zurückzahlen müssen, die wir bei der Vermittlung von den Reisen verdient haben, die wegen Corona storniert werden mussten. Wenn Sie jetzt den Zeitraum betrachten, seit wann keine Reisen mehr möglich sind, sehen Sie, welche Welle da über uns zusammengeschlagen ist.

Wir sind die ersten die von Corona stark betroffen waren und werden leider auch die letzten sein, die aus dieser Krise herausgehen.

Was benötigen die Reisebüros, um diese Durststrecke zu überstehen?

Wir benötigen den Rettungsfond für Tourismus, um zu überleben.

Also Cash, um flüssig zu bleiben. Dafür gibt es doch auch die Soforthilfe-Programme von Bund und Ländern.

Die Soforthilfen können helfen, die laufenden Kosten abzufangen, aber nicht die massiven Verluste der Provisionsausfälle und -rückzahlungen. Außerdem sind die je nach Bundesland unter sehr unterschiedlichen Voraussetzung ausgezahlt worden.

Manche Büros haben sie bekommen, andere nicht. Diese Unterschiede kann ich nicht nachvollziehen. Warum gibt es da keine einheitliche Struktur?

Sie haben sicher viele Stammkunden. Wie reagieren die auf die aktuelle Situation?

Für unsere Kunden sind wir aktuell im Homeoffice stundenweise telefonisch und per Mail erreichbar und es gibt tatsächlich einen regen Kontakt. Wenn es neue Informationen gibt, dann rufen wir sie an.

Dass in Deutschland oder Österreich wieder Urlaub gemacht werden kann, ist ok. Aber will das der Kunde in der jetzigen Zeit überhaupt?

Sagen Sie es mir.

Ich kann nur für unseren Kundenstamm sprechen. Niemand will an die Ostsee. Fernreisen, Flugreisen, Busreisen sind ok, aber niemand sagt, ich verzichte auf die Malediven und mache Urlaub auf Rügen.

Die Ostseeorte verbuchen schon eine enorme Nachfrage vor allem nach Ferienwohnungen…

…die in der Regel online gebucht werden. Dafür geht kaum noch jemand ins Reisebüro, obwohl wir das auch anbieten.

Das Reisebüro um die Ecke kennt also auch schicke Ferienwohnungen auf Usedom und kann helfen, wenn es an der Küste eng wird?

Na klar!

Wie viel Raum für Optimismus bieten die ersten Öffnungen also für die Reisebüros?

Nur wenig. Auch weil die klaren Regeln fehlen. Österreich sagt, dass es die Grenzen für Touristen öffnet. Horst Seehofer sagt nein. Sogar innerhalb Deutschlands gelten unterschiedliche Vorschriften.

Wem nützt es, wenn ich einen Kunden nach Bayern schicke und dort hat keine Gaststätte auf und die Kultur ist geschlossen. Wem nützt es, wenn mein Kunde an der Ostsee nur zwei Stunden am Tag an den Strand darf, weil dort Abstands- mit Zeitregelungen verknüpft werden.

Dafür gibt es keine konkreten Regelungen. Insgesamt ist mein Eindruck, dass vieles einfach nicht durchdacht ist. Unter dem Strich gehe ich davon aus, dass das Sommergeschäft durch ist.

Mal ehrlich, seit die Buchungsportale im Internet Fahrt aufgenommen haben, lässt die Bedeutung der klassischen Reisebüros nach. Wer geht dort noch hin?

Täuschen Sie sich nicht. Unser Kundenkreis reicht vom jungen Single-Reisenden bis zum rüstigen Pärchen, das die Welt sehen will.

Was motiviert junge Menschen zum Gang ins analoge Reisebüro?

Die Beratung. Im Reisebüro sind Erfahrungswerte und Wissen aus vielen Jahren versammelt. Denn viele  – nicht nur Jugendliche – haben abends einfach keine Bock mehr, sich stundenlang durch Bewertungen hindurchzuarbeiten.

Und natürlich geht es um Vertrauen. Das merken wir gerade in diesen Tagen, wenn es eben Probleme mit Reisen gibt. Wie sind da und kümmern uns.

Glauben Sie, dass alle Reisebüros die Corona-Zeit überstehen?

Nein. Auf den Demos habe ich mit zahlreichen Kollegen gesprochen. Nicht wenige haben signalisiert, dass sie es nicht mehr lange schaffen.

Wie steht es um Ihr Unternehmen?

Von ehemals fünf Filialen betreibt das Unternehmen, bei dem ich angestellt bin noch drei. Zwei in Berlin und die in Torgau. Seit März hatten wir Einbußen von 1,5 Millionen Euro.

Gibt es in der jetzigen Zeit einen Austausch zwischen den Torgauer Reisebüros?

Leider nicht, das finde ich schade.

Wie sind Sie ins Orga-Team für die Demos in Berlin gerutscht?

Vor vier Wochen ist die Initiative „Wir zeigen Gesicht! Rettet die Reisebüros – rettet die Touristik!“ gestartet. Aus Verzweiflung entstand bei 2 Kolleginnen die Idee, warum zeigen die Reisebüros nicht das 1. Mal in der Geschichte Gesicht und gehen auf die Straße?!

Innerhalb von 1 Woche wuchs die Facebook-Gruppe auf 7000 Mitglieder an aus denen sich deutschandweit die Orga Teams bildeten. Ich bin sehr zeitig dazugestoßen und war gleich bei der ersten Demo in Berlin dabei.

Jetzt gehöre ich zu denen, die sich überlegen, wie wir die Politik auf unser Anliegen aufmerksam machen können: Denn die Tourismusbranche ist wichtig für Deutschland. Nicht nur, dass den Deutschen das Reisen sehr wichtig ist. Auch wirtschaftlich: In Deutschland gibt es rund Reisebüros 10 000 in denen fast 100 000 Menschen arbeiten.

Und wir kämpfen nicht nur für die, sondern für die gesamte Branche: Busunternehmen, Guides, Hotellerie. Nach Zahlen des Deutschen Reiseverbands hängen in unserem Land insgesamt rund 2,9 Millionen Arbeitsplätze am Tourismus.

 

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