Montag, 28. September 2020
Dienstag, 19. Mai 2020

TORGAU

"Ich fühle mich in Finnland sehr heimisch"

Felix Loß in seiner neuen Heimat. Foto: Foto: privat

H. Landschreiber

Der ehemalige Torgauer Felix Loß fand im finnischen Jyväskylä ein neues Zuhause

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Jyväskylä/Torgau. Seit fast sechs Jahren wohnt und arbeitet der ehemalige Torgauer Felix Loß in Jyväskylä – eine Universitäts- und Schulstadt in Mittelfinnland, die  270 Kilometer nördlich von Helsinki am Nordufer des Päijänne-Sees liegt. Der mittlerweile 30-Jährige ist vielen Zeitgenossen aus seiner Zeit als Volontär bei der Torgauer Zeitung bekannt: Seine aufgeschlossene Art sowie seine begeisternden und charmanten Texte haben Spuren hinterlassen. Bei einem einstündigen Telefonat fühlte die Torgauer Zeitung dem „Neu-Finnen“ zu Corona-Zeiten auf den Zahn, schaut zurück und blickt auch nach vorn.

Angebot aus Finnland

Nachdem sein Leben in Deutschland nach dem Studium der Sozialwissenschaften in Magdeburg und der Arbeit als Buchhändler in Leipzig ein wenig drohte, dahin zu mäandern, erhielt er 2014 das Angebot, an der Universität Jyväskylä seinen Master im Fach Musiktherapie zu absolvieren. Und Felix Loß musste nicht lange überlegen, um seine Siebensachen zu packen und sich in das „Abenteuer Finnland“ zu stürzen – einem Land, wozu einem Deutschen auf Anhieb wohl nur weniger als fünf Schlagworte einfallen würden. „Ich hatte schon immer eine Affinität zu Finnland, aufgrund verschiedener Bands wie Nightwish oder Apocalyptica. Die wunderschöne Natur und das Klima, die Zurückhaltung und Höflichkeit der Menschen gepaart mit der finnischen Lebensweise sind Pluspunkte, die dafür gesorgt haben, dass ich mich hier sehr heimisch fühle. Kulturell unterscheiden sich beide Länder nur wenig“, sagt Felix Loß, der als Customer Success Manager internationale und deutsche Kunden in Sachen Herzfrequenz-Analyse – sowohl beim betrieblichen Gesundheits-Management als auch im Profisport – betreut. Zu den Kunden seiner Firma gehören auch deutsche Fußball-Bundesligisten. Die Analyse-Software seiner Firma wird auch in Uhren namhafter Hersteller verwendet.

Neue Wohnung in der Natur

Felix Loß lebt  zusammen mit seiner finnischen Freundin Saana. „Wir sind gerade erst in eine neue Wohnung gezogen: Hinter dem Haus beginnt gleich der Wald, in unmittelbarer Nähe befindet sich ein See – wir wohnen inmitten der traumhaften, fast unberührten  Natur. Ich habe sogar schon einen Elch gesehen“, gerät er regelrecht ins Schwärmen. Obwohl Jyväskylä die siebtgrößte Stadt des Landes ist, gefällt der ländlich anmutende Charakter, ohne allerdings auf Lebensqualität verzichten zu müssen. „Mir gefällt es, dass hier nur sehr wenige Menschen auf dem Quadratkilometer wohnen“, stellt er lächelnd fest. Ein Vergleich. Leben in Mittelfinnland durchschnittlich soviele Menschen wie in Mecklenburg-Vorpommern auf dem Quadratkilometer, sind es im Norden – also in Lappland – gerade einmal soviel wie in Sibirien. Wie kommt er mit dem finnischen Klima klar? „Ironischerweise war der diesjährige Winter nicht so lang und hart wie gewohnt. Allerdings benötigt der Frühling etwas länger, um in die Gänge zu kommen. Die Bäume beginnen gerade erst, grün zu werden.“ In den letzten Sommern hatten auch die Finnen mit einer großen Hitze und Trockenheit zu kämpfen, das machte insofern weniger aus, weil die Winter doch sehr schneereich waren und deshalb das Wasser nicht knapp wurde.

November-Depression

„Allerdings wirkt der November ein wenig traumatisierend“, bekennt Felix Loß. „Der Monat hat nur sehr wenige Sonnenstunden, dazu regnet es fast die ganze Zeit horizontal. Aber sobald der Schnee liegenbleibt, es windstill und trocken wird, ist alles wunderschön.“ Bis zu Minus 30 Grad kann es kalt werden. Die Landschaft  wirkt dann wie aus dem Bilderbuch mit einer dicken Schneeschicht auf den Bäumen und gefrorenen Seen. Im Sommer ist es fantastisch, weil es kaum dunkel wird. „Man kann ein Uhr nachts Grillen, ohne zu merken, wie spät es ist. Die Vögel zwitschern. Das sind die Momente, wo man die Zeit vergessen kann.“ Nach der Arbeit ist Felix Loß sehr aktiv, läuft, fährt Rad und spielt Frisbee-Golf. Zudem spielt er Geige im Universitäts-Orchester und in einer klassischen Irish-Folk-Band. Und wie kommt er mit der Sprache klar? Immerhin zählt Finnisch zu den am schwersten zu erlernenden Sprachen der Welt. „Für meine Begriffe spreche ich nach sechs Jahren kein gutes Finnisch. Das liegt zum einen daran, dass ich ein wenig Scham habe, etwas falsch zu sagen und zum andern daran, dass ich zu wenig Zeit und Energie dafür aufwende. Es ist sehr anstrengend, die Sprache zu erlernen“, erklärt er selbstkritisch. „Aber ich mache gute Fortschritte, und praktisch gesehen, spricht jeder Finne passabel Englisch.“

Corona auf Finnisch

Kleiner Wermutstropfen im Loßschen Freudenbecher: Aufgrund der Corona-Pandemie wurde die für den 1. August geplante Hochzeit verschoben. Apropos Corona. Welche Auswirkungen hat die weltweite Pandemie auf das Leben in Finnland? „Es war eine absurde Situation“, beginnt Felix Loß zu erzählen. „Als Mitte März in Helsinki die ersten Fälle bekannt wurden, haben viele Menschen ihre Sachen gepackt und sind in ihre Landhäuser in den Norden gefahren, wo sich dann in den Supermärkten ähnliche Szenen wie in Deutschland abspielten. Gerade in Lappland gibt es wohl weniger als zehn Intensivbetten.“ Erst später empfahl die finnische Regierung Home-Office, Reisebeschränkungen und von Restaurant-Besuchen abzusehen. Mittlerweile gab es durch den Produktionsstopp in den Unternehmen erste Entlassungen. „Persönlich bin ich nicht betroffen“, atmet Felix Loß auf. „Ich arbeite seit März  allerdings im Home-Office.“ Die Besuche bei den Eltern seiner Verlobten wurden spärlicher, ansonsten gab es für ihn lediglich Einschränkungen bei den Orchesterproben.  Eine Maskenpflicht besteht nicht, lediglich eine Empfehlung. Viele Dinge sind lokal geregelt. In Helsinki gibt es die meisten Einschränkungen. „Viele Leute weltweit sind weitaus härter betroffen: ich befinde mich persönlich in einer komfortablen Situation.“

Kontakt nach Hause

Felix Loß hält regelmäßig Kontakt zu seiner Familie und zu seinen Freunden via sozialer Medien. Dass er seine Familie nicht häufiger sieht, bedauert er. Aber 2000 Kilometer Entfernung lassen sich nicht so einfach überbrücken. Er liest nach wie vor die Torgauer Zeitung, interessiert sich für deutsche- und finnische Nachrichten – ohne allerdings über jede Meldung in Deutschland in helle Aufregung zu geraten. In ihm wohnt schon ein großer Teil der finnischen Gelassenheit, die er so zu schätzen weiß. Wie geht er nun mit dem Klischee um, Finnen seien unnahbar, verschwiegen und verschlossen? „Da muss ich energisch widersprechen“, erklärt Felix Loß. „In Finnland sind die Bekanntschaften intensiver und die Beziehungen tiefer. Ist einmal das Eis gebrochen, nehmen sich die Leute die Zeit, um viel Zeit miteinander zu verbringen. Was nutzt es, wenn ich in Deutschland hunderte Bekannte habe, aber alles nur oberflächlich und unpersönlich vonstatten geht?“ Aktuell kann er sich überhaupt nicht vorstellen, Finnland wieder zu verlassen. „Ich habe hier als EU-Bürger unbegrenztes Bleiberecht, fühle mich rundum wohl und habe mein Glück gefunden“, so Felix Loß abschließend. „Zurückkommen ist für mich keine Option. Jyväskylä ist eine fantastische Stadt in Sachen Menschen, Größe, Natur und Kultur. Ich fühle mich hier sehr Zuhause.“


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