Montag, 13. Juli 2020
Dienstag, 2. Juni 2020

NORDSACHSEN

In Zeiten von Corona…#59

In Zeiten von Corona…Foto: Repro: TZ

von unserem Chefredakteur Sebastian Stöber

…lässt sich darüber streiten, ob wir  nun einen Entschleunigung erleben, oder eine Beschleunigung. Es hängt von der Perspektive ab. So verhält es sich auch mit der Betrachtung Torgaus. Heute blickt ein Freiburger Unternehmer auf unsere Stadt.

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…lässt sich darüber streiten, ob wir  nun einen Entschleunigung erleben, oder eine Beschleunigung. Wer am Wochenende durch den Belgeraner Döhner spaziert ist, wird der Entschleunigung das Wort reden.

Dort, wo zu Pfingsten zig Jahre in mit viel Drumherum und Tausenden Menschen gefeierte wurde, hörte man sogar die Bienen summen.

Aber: Wer heute auf den Kalender blickt und feststellt, dass wir inzwischen den 2. Juni haben, wer sich daran zu erinnern versucht und bewusst macht, welche Entwicklungen unser Land, die ganze Welt seit dem März genommen hat, wer das tut, dem wird schwindelig ob des rasanten Tempos.

Es ist, wie so oft, eine Frage der Perspektive und Perspektivwechsel helfen uns, mehr zu erkennen, mehr zu verstehen. Um mehr über Torgau zu lernen habe ich deshalb für die heutige Ausgabe ein Interview mit dem Freiburger Unternehmer Gerhard Kempter geführt.

Wir haben uns kennengelernt, als es um den Verkauf des Schlachthofgeländes an die Stadt ging und wieder getroffen, als es im Husarenpark eine ganz besondere Übergabe zu feiern gab. Dort verabredeten wir das Gespräch.

Die Große Kreisstadt hat sich in den zurückliegenden Jahren deutlich verändert. Ein eindrucksvolles Beispiel ist die Entwicklung des Husarenparks, den viele Torgauer bis in die 90er Jahre zunächst nur als abgeschottetes Militärareal und dann als altlastenverseuchte Brachen kannten.

Inzwischen ist dort ein attraktives Quartier entstanden, das die Kernstadt mit dem Stadtteil Nordwest verbindet. Maßgeblich vorangetrieben haben die Entwicklung zunächst die inzwischen verstorbenen Dr. Robert und Dr. Ulrich Strasser. Seit rund zehn Jahren engagiert sich ihr Schwager, der Freiburger Dr. Gerhard Kempter an dieser Stelle.

Torgau sei ein durchaus emotionales Thema für ihn, bekannte Dr. Kempter  unlängst, als er eine besondere Husarenpark-Immobilie ihrer Nutzung als komfortables Wohnhaus übergab.

Die Sanierung des ehemaligen Stalls für Offizierspferde in der heutigen Hausnummer 13 war für den Unternehmer ein Meilenstein seines Wirkens, das in Torgau durchaus Würdigung findet. OBM Romina Barth, Krankenhaus-Chefarzt Dr. Joachim Müller und Wohnstätten-Chef Andreas Huth gaben sich zur Eröffnung die hochwertige Klinke in die Hand.

Ein paar Tage später stand Gerhard Kempter der TZ für ein Interview Rede und Antwort. Themen waren natürlich sein Engagement an der Elbe, aber auch der Blick auf die Entwicklung dieser Stadt in den zurückliegenden zehn Jahren und die Analyse eines nicht mehr ganz außen Stehenden zu den Potenzialen Torgaus. Gerhard Kempter, soviel vorab, präsentierte sich als Mann der leisen Töne aber klaren Beschreibungen.

TZ: Wie haben Sie Ihren ersten Besuch in Torgau erlebt?

Gerhard Kempter: Als ich Ende 2008 das erste Mal geschäftlich nach Torgau kam, war ich von der Komplexität des Vorhabens überwältigt, das mein inzwischen leider verstorbener Schwager Dr. Robert Strasser und sein ebenfalls leider verstorbener Bruder Dr. Ulrich Strasser initiiert hatten.

Ich gebe zu, ich hatte danach Kopfschmerzen, so sehr hatten mich die toll sanierten Gebäude auf der einen und die Ruinen auf der anderen Seite beeindruckt. Das Vorhaben war enorm und hat mich auf vor dem Hintergrund beeindruckt, dass ich den Husarenpark als Symbol empfand – als Zeichen für 50 Jahre, in denen einem Volk erst der Nationalsozialismus und dann der Kommunismus nicht nur die Freiheit genommen haben, sondern auch die Möglichkeit, sich wirtschaftlich zu entwickeln.

Klar war, dass es sehr viel Geduld brauchen würde, dieses Vorhaben erfolgreich weiterzuführen. Meinen Geschwistern sagte ich damals, dass wir vier bis fünf Jahre brauchen würden. Am Ende brauchten wir zehn. Dafür ist das gesamte Projekt jetzt auf einem Stand angelangt, der auch Sanierungen wie den Husarenpark 13 möglich macht.

Mehr als 30 Mal waren sie in den vergangenen 10 Jahren in Torgau. Damit erleben Sie Torgau öfter als ein Tourist, aber mit mehr Distanz als ein Einheimischer. Wie hat sich die Stadt für Sie in dieser Zeit verändert?

Wenn ich mir meine vielen Spaziergänge durch die Stadt bewusst mache, gab es von Mal zu Mal weniger Lücken der Unansehnlichkeit. Das Stadtbild hat sich in der zurückliegenden Dekade spürbar verbessert.

Und dann ist da noch das Ankommen. Das erste Mal bin ich mit dem Auto angereist, danach fast ausschließlich mit dem Zug. Nun ja, der Bahnhof von Torgau atmet noch den Charme der Vergangenheit. Auch dies wird sich ändern und mit der S-Bahn-Anbindung gab es einen merklichen Zuwachs an Komfort – die geplante Verkürzung des Taktes wäre ein weiterer guter Schritt. Für Torgau ist es eine große Chance näher an Leipzig heranzurücken und sich noch mehr als Bestandteil dieses Großraums zu begreifen.

Welche Chancen sehen Sie darüber hinaus für diese Stadt?

Ich würde noch vier weitere nennen. Zunächst, ganz ohne Pathos gesprochen, sind es die Menschen. Ich durfte viele Torgauer kennenlernen, die fleißig sind, zielstrebig und Willens, ihre Stadt nach vorne zu bringen. Fleißige Menschen, die richtige Wirtschaftsordnung und etwas Geduld sind die besten Voraussetzungen dafür, dass etwas wachsen und gedeihen kann. Auch eine Stadt.

Eine weitere Chance bietet aus meiner Sicht das Krankenhaus. Es ist die Basis dafür, dass Torgau in der Region eine zentrale Funktion in der Krankenversorgung ausüben kann. Damit einher gehen beispielsweise auch Angebote für altersgerechtes Wohnen und weitere wichtige Infrastrukturen, die es erlauben, in Torgau zu arbeiten und sein Leben zu verbringen.

Ich erwarte, dass es einen weiteren Zuzug nach Torgau aus dem Umland gibt. Bei allen Bemühungen für den ländlichen Raum kann diese Stadt im Alter einen besseres Umfeld bieten.

Der nächste Punkt ist die Landesgartenschau als Sprungbrett, um Torgau als kulturelles Zentrum auszubauen. Wenn es gelingt, auf dem Schlachthofgeleände eine Stadthalle, ein Kongresszentrum zu errichten, möglicherweise mit einem Hotel kombiniert, würde das auch aufs Umland ausstrahlen.

Der letzte Punkt ist resultiert aus meinen Erfahrungen an Abenden in der Torgauer Innenstadt. Blende ich die vereinzelten Radtouristen aus, ist es dort sehr schön, aber auch sehr leer. Aus meiner Sicht muss Torgau, neben den Bemühungen um die Ansiedlung von Industrie und Gewerbe auch zu versuchen, eine Hoch- oder Fachschule zu gewinnen. Wenn Sie an einem Sommerabend durch Freiburg laufen, dann ist die Stadt belebt von jungen Menschen. Dieses Leben fehlt Torgau noch.

Dass Sie Torgau mit Freiburg vergleichen, schmeichelt den Torgauern sicher, zeigt aber, dass Sie sich mit ihnen unterhalten. Denn auch der Torgauer neigt dazu, sich beim Anspruch an seine Stadt an größeren Städten zu orientieren. Hand aufs Herz: Glauben Sie, dass es einer Stadt wie Torgau irgendwann gelingen wird, in Sachen Wirtschaftsstärke und Lebensqualität zum Süden des Landes, sagen wir zu Ihrem Geschäftssitz Emmendingen, aufzuschließen?

Auf jeden Fall! Torgau hat das Schloss, die Lage an der Elbe, ist eine wunderschöne Stadt in einer wunderschönen Region. Nehmen wir zum Vergleich den Schwarzwald, der Menschen aus der ganzen Welt anzieht.

Torgau kann da aufschließen. Dieser touristische Aspekt ist im Übrigen ein weiterer Punkt auf der Chancen-Liste. Ich bin sicher, dass in 10 bis 20 Jahren Torgau mit einer Stadt wie Emmendingen auf Augenhöhe sein wird.

Es braucht also Geduld.

Ja, die wird oft unterschätzt. Helmut Kohl musste das eingestehen, nachdem er blühende Landschaften in wenigen Jahren versprochen hatte. Jetzt, nach 30 Jahren, können wir sehen, was er meinte. Aber diese Zeit hat es einfach gebraucht.

Wie geht es für Sie in Torgau weiter?

Die Fertigstellung des Husarenparks 13 war eine wichtige Wegmarke nach zehn intensiven Jahren. Viele notwendige Arbeiten sind erledigt, der Bestand gut geordnet. Ich werde wohl etwas seltener nach Torgau kommen, aber wir halten die Augen offen und wenn etwas passt, dann investieren wir. Es gibt noch einige spannende Immobilien.

Es wird in diesen Tagen kein Gespräch geführt, ohne das Thema Corona wenigstens zu streifen. Hätten Sie etwas anders gemacht, als die tatsächlichen Entscheider?

Es ist extrem schwierig, jetzt das richtige zu tun, weil man erst später weiß, was das Richtige gewesen wäre. Mein Gefühl ist, dass wir in einem gut regierten Land leben – und zwar auf allen Ebenen. Ich bin froh, dass es uns gelungen ist, so viele leere Krankenhausbetten zu haben und die vielleicht auch etwas übertrieben großen Kapazitäten nicht nutzen mussten.

Es ist eine Binse, dass die Welt nach Corona anders aussehen wird, als wir sie bisher kannten. Aber man darf eins nicht vergessen: Unsere Großeltern und Eltern haben zwei Weltkriege überstanden, sie würden über unsere Probleme wahrscheinlich schmunzeln. Corona ist bewältigbar.

Sie sind jemand, der Werte schafft und vermehrt. Deshalb die Frage an Sie: Wie sollen die enormen Kosten der Krisenbewältigung bezahlt werden?

Ich glaube, unser Land wurde von dieser Krise zu einem günstigen Zeitpunkt erwischt. Die Kassen sind voll, es gab Vollbeschäftigung und wir standen am Ende eines fast zehnjährigen Aufschwungs. Wir sind also einigermaßen fit in diese Krise gerutscht. Insofern sind die Voraussetzungen dafür, dass wir die Kosten der Krise bewältigen können, nicht schlecht.

Wenn es gelingt, die Finanzierung sicherzustellen und wir ein starkes Jahr 2021 hinlegen, können wir in den darauffolgenden Jahren wieder auf den Wachstumspfad zurückkehren und die jetzt entstehenden finanziellen Belastungen verdauen. Damit verbindet sich die Hoffnung, dass dies nicht mit höheren Steuerbelastungen einher geht.
 

 

 

 


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