Montag, 13. Juli 2020
Montag, 8. Juni 2020

TORGAU

Hahnemann - Der Arzneikundige

Das Ölgemälde wurde 1835 von Dr. Samuel Hahnemanns Ehefrau Mélanie gemalt. Foto: Siegfried Letzel

Von Siegfried Letzel

Torgau. Wie der berühmte Homöopath die Wirkung reiner Arzneimittel untersuchte.

Facebook Twitter WhatsApp Mail Drucken

Die Arzneikunde war bis zum Erscheinen von Samuel Hahnemann eine reine Erfahrungswissenschaft mit zum Teil überlieferten Kenntnissen aber auch viel Imaginärem. Die Vorgänge, die sich im menschlichen Körper abzuspielen schienen, wurden in Systeme gezwängt, welche von einzelnen Köpfen nach deren Beobachtungen ausgedacht waren.

Bei L. Hoffmann entstanden die meisten Krankheiten durch faule und saure Säfte, die entfernt werden mussten. Laut Kämpf hatten Krankheiten ihren Sitz im Unterleib und wurden durch ‚Infarkte‘ verursacht. Sehr verbreitet war John Browns Philosophie. Er beanspruchte für sich, als erster die Arzneikunde als ‚Lehre der Natur‘ wissenschaftlich gemacht zu haben. Jeder Mensch hatte bei ihm einen bestimmten Grad der Erregbarkeit. Ein richtiges Maß davon versprach Gesundheit. Ein Übermaß (Sthenie) oder Mangel (Asthenie) bedeutete Krankheit.

Der Arzt musste die Erregbarkeit regulieren und tat dies mit sthenischen und asthenischen Arzneimitteln. Reizreduzierend waren Aderlass, Kälte, Erbrechen, Abführen, Schwitzen. Sthenische Mittel waren Fleisch, Wärme, Verhinderung des Erbrechens, Purgierens und Schwitzens durch Fleischkost, Gewürze, Wein, Bewegung oder für stärkere Maßnahmen mit Moschus, Kampfer, Äther und Opium. Anatomiekenntnisse waren von geringerer Bedeutung. Ein Arzt musste demnach am Krankenbett nur drei Dinge wissen: Ist die Krankheit örtlich oder allgemein? Wenn allgemein, dann sthenisch oder asthenisch? Wie stark ist die Ausprägung der Krankheit? Und jetzt braucht es nur noch den Behandlungsplan mit der entsprechenden Arznei/Therapie. Eine Diagnose war überflüssig.

Ärzte waren verstritten

Zeitgleich hatten die Naturphilosophen Hochkonjunktur. Sie erklärten Dinge wie „Magnetismus ist Verwandlung des Sauerstoffs und Wasserstoffs in Kohlenstoff und Stickstoff“, oder „Sauerstoff ist das Prinzip der Elektrizität“. Selbst Alexander von Humboldt war unter den Naturphilosophen.

Mitte des 18. Jahrunderts (Hahnemann war erst geboren) schrieb der Gelehrte Haller: „Das Blut besteht aus gleichen Theilen, ist gerinnbar, umso röther, je besser das Tier genährt ist; in einem schwächlichen, hungrigen Thiere ist es gelblicht …“. 1789, Blumenbach: „Das Blut ist eine Flüssigkeit seiner Art, von bekannter, bald stärkerer, bald schwächerer Farbe, beim Befühlen klebricht, warm und ist unter die Geheimnisse der Natur zu rechnen.“ 1803: „Das Blut besteht aus 9 Theilen: Dem riechbaren Stoff, dem fadenartigen Theile, Eisweißstoff, Schwefel, Gallerte, Eisen, Laugensalz, Natrum und Wasser. Die Grundstoffe sind Wasserstoff, Kohlenstoff, Salpeterstoff, Grundstoff der Salzsäure, Phosphor, Schwefel, Oxygene, Kalkerde und Eisen.“Dies war ein aus heutiger Sicht bescheidener, für die damaligen Verhältnisse dennoch enormer Fortschritt in die richtige Richtung.

Ein Prof. Reich erpresste sich vom König von Preußen eine jährliche Pension von beachtlichen 500 Talern, indem er erst dann sein Geheimmittel gegen Fieber verriet. Eine fünfköpfige Familie brauchte damals um die 180 Taler im Jahr. Das Fieber sollte durch das Mittel ‚plötzlich abgeschnitten‘ werden. Im Herbst 1800 wurde es bekannt: Das Fiebermittel bestand aus Schwefelsäure und Salzsäure. Unter Umständen ginge aber auch Salpetersäure … Eine Kommission von Ärzten in der Charité fanden dies ‚probat in einer Anzahl von Fällen‘.

Es gab es zahlreiche bunte Behandlungsmethoden: stärkende, schwächende, antagonistische, restaurierende, adstringierende, relaxierende, derivierende, deobstruierende, resolvierende, antimiasmatische, antiseptische, antigastrische unter anderem – mit entsprechenden Arzneimitteln: versüßende, verdünnende, auflösende, verdickende, blutreinigende, kühlende, ausleerende, schleimeinschneidende und so weiter. Oft wurden acht bis zehn davon in einem Rezept vermischt. So waren Ärzte untereinander sehr verstritten, frustriert und fühlten sich in ihrer Kunst im Stich gelassen. Warum wirkten Arzneien nicht? Und wenn doch, was an der Medizin war heilsam? Warum war die Wirkung des Mittels immer unterschiedlich und unberechenbar?

Hahnemann begann Reform

Hahnemann erging es ja nicht besser. Aber er suchte selbst nach Lösungen aus dem Dilemma. Aus der Chemie wusste er das Prinzip: zwei Arzneimittel gleichzeitig verabreicht haben nicht zwei Einzelwirkungen, sondern eine dritte gemeinsame. So begann Hahnemann in seiner Praxis eine Reform, die er auch in Artikeln medizinischer Journale vorschlug, nämlich immer nur ein Mittel zu verabreichen. Dies war für die einfachen Menschen mit ihren eigenen traditionellen Hausmittelchen schon lange üblich. Hahnemann formte ein System daraus. Er und andere Bereitwillige nahmen reine, ungemischte Arzneien am gesunden Körper ein (wie schon Dioscorides im 1. Jahrhundert) und beobachteten die Veränderungen an sich. Als Erster in der Medizingeschichte ergründete er so die reine Wirkung von Stoffen am Menschen und sammelte die ‚Vergiftungsgeschichten‘. So schrieb er seine erste zweiteilige, auf lateinisch verfasste Arzneimittellehre in Torgau (1805), in der er seine Ergebnisse systematisch auf 739 Seiten akribisch ordnete. Diesen Datenbestand nutzte Samuel Hahnemann für seine neue, auf den Patienten maßgeschneiderte – also individualisierte – Arzneitherapie, die er zeitgleich in Torgau bis 1810 entwickelte und dann in seinem Organon der rationellen Heilkunde vorstellte.

 

Info:

Dr. Samuel Hahnemann und die von ihm ins Leben gerufene Heilkunde der Homöopathie sind ein wichtiger Teil von Torgaus Geschichte. Mehrere Jahre seines Lebens verbrachte er in der Elbestadt, verfasste hier zahlreiche Artikel über die Homöopathie und gab im Jahr 1810 auch die erste Ausgabe des „Organon“ heraus. In diesem hielt er die Prinzipien seiner neuen Heilmethode fest, das Werk ist heute in seiner erweiterten 6. Auflage auf jedem Schreibtisch eines Homöopathen zu finden.

Seit 2014 beherbergt Torgau außerdem den Verein „Internationales Hahnemann- Zentrum Torgau“, der das gleichnamige Zentrum in der Wintergrüne betreibt und dort in einer Ausstellung zahlreiche Exponate aus der Zeit Hahnemanns präsentiert.

Der Kurator dieser Ausstellung, Siegfried Letzel, wird Ihnen, liebe Leser in den kommenden Wochen regelmäßig Geschichten aus dem Leben und Wirken Hahnemanns näherbringen und Sie so über die Geschichte der Homöopathie und damit auch die Geschichte Torgaus, aufklären. Letzel ist Bachelor of Science in Biologie, nicht mehr praktizierender Heilpraktiker und war Mitglied der Gründungsredaktion der heute mit 65 000 Abonnenten am weitesten verbreiteten Homöopathiezeitschrift „Homeopathy4Everyone“.


Das könnte Sie auch interessieren

TZ-ePaper

ePaper lesen

Lesen Sie das ePaper der Torgauer Zeitung bequem zu Haus oder unterwegs.

Jetzt 14 Tage lang unverbindlich testen!

 
Agiles Prozessmanagement
14.07.2020, 13:00 Uhr - 14:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
05.08.2020, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
19.08.2020, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Sommerakademie 2020: Mehr Umsatz leicht gemacht
24.08.2020, 08:00 Uhr - 25.08.2020, 14:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Fit am Telefon
25.08.2020, 08:00 Uhr - 26.08.2020, 15:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Crashkurs Arbeitsrecht von A-Z
25.08.2020, 17:00 Uhr - 26.08.2020, 20:15 Uhr
Sommerakademie 2020: Mehr Umsatz leicht gemacht
26.08.2020, 09:00 Uhr - 14:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Crashkurs Umsatzsteuer
26.08.2020, 15:30 Uhr - 19:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Business-Knigge
27.08.2020, 08:00 Uhr - 16:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Crashkurs Buchführung
27.08.2020, 08:00 Uhr - 28.08.2020, 15:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Das Schiff richtig steuern
28.08.2020, 08:00 Uhr - 12:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Betriebsprüfung im Lohn
31.08.2020, 16:00 Uhr - 18:00 Uhr
ÖPNV-Mobilitätsangebote für Unternehmen
01.09.2020, 14:00 Uhr - 17:00 Uhr
Aktuelle Entwicklungen im Gewerberaummietrecht
01.09.2020, 17:00 Uhr - 19:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
02.09.2020, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
5G Roadshow – 1. IHK-Mobilfunkforum
02.09.2020, 13:30 Uhr - 17:00 Uhr
Der GmbH-Geschäftsführer
03.09.2020, 17:00 Uhr - 19:30 Uhr
Der GmbH-Geschäftsführer
10.09.2020, 17:00 Uhr - 19:30 Uhr
Gründerabend
16.09.2020, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Die Jagd nach dem Geld
17.09.2020, 13:00 Uhr - 15:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
07.10.2020, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Sächsischer Innovationstag
13.10.2020, 12:00 Uhr - 17:00 Uhr
Gründerabend
14.10.2020, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
04.11.2020, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
11.11.2020, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
ÖPNV-Mobilitätsangebote für Unternehmen
01.12.2020, 14:00 Uhr - 17:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
02.12.2020, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr

Weitere Veranstaltungen unter:
www.leipzig.ihk.de
 

Aktuelle Bildergalerien

AKTIONEN

Azubimesse
TZ-Probelesen

Torgau-Plus

Wanderführer

Feste und Gäste

INFOS & EMPFEHLUNGEN

laga