Montag, 13. Juli 2020
Montag, 8. Juni 2020

NORDSACHSEN

In Zeiten von Corona…#64

In Zeiten von Corona…Foto: Repro: TZ

von unserem Chefredakteur Sebastian Stöber

…habe ich mit dem Torgauer Hotelier Gerhard Schumann über die Auswirkungen von Corona auf sein Gewerbe gesprochen und dabei auch erfahren wie er sich die Finanzierung der Milliarden-Hilfspakete vorstellt.

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In Zeiten von Corona…

…hat es sich am zurückliegenden Freitag angefühlt, wie in Zeiten vor Corona. Beinahe unbeschwert haben die Torgauer ihren Abendmarkt genossen, eingekauft und sich unterhalten (lassen).

Masken? Nirgendwo.

Abstände? Symbolisch bis gar nicht.

War das schlimm? Nein.

In der Region Torgau gibt es seit Wochen keine Corona-Fälle, im ganzen Landkreis Nordsachsen mal einen, mal zwei. Ebenfalls seit Wochen. Gewiss, der Abendmarkt nutzte alle Freiräume, die die aktuell geltenden Vorschriften bieten, bis aufs letzte Jota aus.

Aber das war es wert: die Torgauer konnten ihre sozialen Kontakte wieder auffrischen und außerdem die Speisekammern. Die regionalen Händler hatten endlich wieder massiven Kundenkontakt. Nicht nur ich wünsche mir, dass die bürgerfreundliche Linie im Umgang mit Pandemie und Folgen weitergeführt wird.

Um Bürgerfreundlichkeit im weiteren Sinne geht es auch im großen Montagsinterview auf dieser Seite. Gerhard Schumann ist ganz sicher nicht unumstritten. Doch egal ob Fan oder Gegner, seine Thesen geben eine wunderbare Grundlage für weitere Diskussionen.

Torgau/Dröschkau. Politik, Volkswirtschaft oder die Hotel-Branche – Gerhard Schumann ist in vielen Bereichen zu Hause. Während in Torgau der Goldene Anker, geführt von seiner Tochter, langsam wieder anläuft, bereitet Schumann den Neustart des Ritterguts Dröschkau vor. Ab 14. Juni öffnet die Küche des idyllisch gelegenen Herrenhauses wieder für Gäste. Die TZ traf ihn deshalb dort zum Interview, in dem es um die Lehren aus Corona, Spaziergänge und die Finanzierung der Krisenpakete ging –


TZ: Wir sitzen im Garten des noch geschlossenen Ritterguts. Was beschäftigt Sie in diesen Zeiten?
Gerhard Schumann:
Corona zwingt alle Unternehmer, also auch Gastronomen, darüber nachzudenken, wo ihr Platz im System ist. Sie hatten Luft um sich zu fragen, ob ihre Gastronomie effektiv ist, oder nicht.

Viele werden zu der Erkenntnis gelangen, dass sie selbst für weniger als den Mindestlohn arbeiten. Wenn wir ehrlich sind, gibt es diese Entwicklung seit 20 Jahren, umgesetzt durch die Landgastronomen, die ohne Nachfolge in den Ruhestand gegangen sind. Ich erwarte also auf der einen Seite ein Umstrukturieren und auf der anderen Seite ein noch schnelleres Schließen von Gaststätten.

Was meinen Sie mit Umstrukturierung?
Erste Studien zeigen, dass sich die großen Ketten weiter entwickeln werden, weil sie die Freiräume nutzen können, die das Aus kleinerer Häuser bietet. Die Konzentration nimmt zu. Auch die Systemgastronomie wird profitieren, weil sie effektiv ist und gleichzeitig ein Angebot ins Feld führt, das fast alle Ernährungsgewohnheiten abdeckt.

Daraus muss ein Gastronom seine betriebswirtschaftliche Entscheidung ableiten. Am Ende steht bestenfalls die Entscheidung, das zu tun, was man gut kann und anderen das zu überlassen, was sie besser können – unterhält ein kleines Hotel sein Restaurant um jeden Preis, oder beschränkt es sich aufs Frühstück?

Ist die Saison für Sie noch zu retten?
Die Rad-Saison 2020 ist gelaufen. Da kommt nicht mehr viel. Radtouristen planen weit im Voraus und sehr detailliert. Wer 14 Tage mit dem Rad unterwegs ist, verlässt sich nicht nur auf den Zufall. Die Buchungen fürs Jahr kommen im Winter und sind inzwischen so gut wie alle storniert. Ich mache trotzdem ab 14. Juni wieder auf und hoffe auf spontane Stopps.

Ändert sich das Urlaubsverhalten der Deutschen wegen Corona vielleicht doch und die Radlerwelle steht noch bevor?
Zur Zeit spüre ich davon nichts. Der Elberadtourismus kommt nur sehr schwer in die Gänge. Dabei gibt es durchaus strukturelle Probleme. Ein Beispiel: Solange nur wenige Radtouristen die Gepäcktransporte in Anspruch nehmen wollen, lohnt es sich für die Transporteure nicht, also lehnen sie den Transport ab. Das bremst natürlich am Ende noch mehr. Das müsste der Tourismusverband erkennen und reagieren. Das sind Reserven.

Ich wünschte mir auch von unserer Landesregierung mehr Offensive – wenn Herr Söder so unverblümt zu jeder Gelegenheit Werbung für Urlaub Bayern macht, Frau Merkel dagegen hält, dass auch Mecklenburg-Vorpommern ein Reise wert sei, dann muss auch Herr Kretschmer für Sachsen trommeln.

In Torgau und anderswo gehen seit Wochen regelmäßig Menschen spazieren, um gegen die Corona-Politik der Bundesregierung zu protestieren. Ein Termin für Sie?
Nein. Ich halte das für nicht zielführend. Wogegen will ich mich auflehnen, oder wofür?

Dafür, dass die Lockerungen noch schneller vorgenommen werden? Es geht immerhin um Ihr Geschäft.
Ich kann doch keine schnelleren Lockerungen vorschlagen, wenn ich gar keine Ahnung habe, ob das geht? Man muss deshalb Verständnis für getroffene Maßnahmen aufbringen und den Regierenden vertrauen. Sie tragen letztendlich die Verantwortung, auch für Fehlentscheidungen. Bitter nur, dass dann der Steuerzahler die Rechnung zahlen muss.

Was können wir aus diesen Corona-Monaten lernen?
Es ist doch schön, in den Himmel zu schauen und keinen Kondensstreifen zu sehen, man hat das Gefühl, die Natur atmet auf. Unsere Politik kommuniziert, dass sie gelernt hat, sich global weniger abhängig zu machen…aber viel interessanter für die Menschheit ist doch, unser Verhalten zu ändern.

Muss ich mit dem Flugzeug fliegen, wo ich auch mit dem Zug fahren kann? Der Flugpreis sollte so hoch sein, dass ich es mir zumindest überlege, ob ich die ganze Welt beschauen muss, um als Mensch befriedigt in die Kiste zu gehen?

“Bleibe im Lande und nähre dich redlich” – aber nicht nur in Corona-Zeiten.
Die Leute müssen ein Stückchen runter kommen von dem großen Tripp, der uns befallen hat und uns unermüdlich immer weiter drehen lässt. Einfach mal innehalten und das Leben genießen, anstatt immer mehr zu wollen. Mal ein Buch lesen oder 50 Kilometer mit dem Rad fahren und Stellen entdecken, an denen man noch nie gewesen ist, obwohl man in der Türkei jeden Winkel im All-inclusive-Club kennt.

Im übrigen sollte jeder Auslandstourist bei Einreise einen aktuellen negativen Coronatest vorweisen und diesen natürlich auch selbst bezahlen.

Glauben Sie das sich die Menschen so verändern?
Nein, es wird weitergehen wie zuvor. Die Flughäfen öffnen, die Gutscheine werden eingelöst und es wird weitergeflogen. Diesen Wink des Schicksals hat die Gesellschaft nicht verstanden.

Jetzt könnte man anführen, dass der Tourismus für viele Menschen in vielen Ländern die Lebensgrundlage bildet. Reisen als Wirtschaftsförderung quasi.
Es gibt für allen Blödsinn im Leben eine Ausrede. Der Kern ist doch, das grundsätzlich in der Welt etwas nicht stimmt. Ich rette niemanden, wenn ich in Afrika Urlaub mache, sondern spüre die Ohnmacht über die globale Ungerechtigkeit.

Lassen Sie Bildung als Fernreisegrund gelten?
Dagegen ist nichts zu sagen und ich bin doch bereit zu differenzieren. Mein Ärger ist dieser Massentourismus in abgeschotteten Anlagen. Die Lösung wäre doch einfach: Kerosin genauso besteuern wie Diesel, und schon steigen die Flugpreise wenigstens aufs Doppelte. Dann werden die Flugreisen weniger und die Stewardessen können in der Gastronomie im Service arbeiten.

Ich kenne übrigens nicht eine Stewardess, die die Zeit genutzt hat, um sich umzuorientieren. Muss sie ja auch nicht, die Gesellschaft gibt keine Anhaltspunkte, dass sich etwas ändert. Dafür sind die Zwänge der Politik zu groß. Es wäre ja fast schon revolutionär, wenn sich der Staat gegen die Großunternehmen wie Lufthansa stellen würde.

Nicht nur für die Lufthansa sondern insgesamt nimmt der Staat gerade viel Geld in die Hand, um die Corona-Folgen abzufangen. Was denken Sie, wie holt er sich das Geld zurück?
Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags hat die Frage, ob eine Vermögensabgabe für diesen Zweck verfassungsgemäß wäre, prinzipiell mit ja beantwortet. Allerdings nicht über eine neue Steuer sondern über eine Einzelmaßnahme. Mehr steht im Bericht des Dienstes nicht drin.

Sie haben aber eine Idee, wie eine solche Maßnahme aussehen könnte?
Man wird sich nicht am Barvermögen vergreifen…es wird nach meiner Meinung  ans Grundvermögen gehen. An das Eigenheim und an die Eigentumswohnung, alle sind im Grundbuch erfasst und die Eigentümer lassen sich leicht ermitteln, anschreiben und festlegen.

Dann wird es so laufen, ein Beispiel: Für ein Eigenheim von x Quadratmeter will der Staat 20 000 Euro vom Eigentümer. Die muss er nicht sofort zahlen, sondern eine Zwangshypothek wie im Lastenausgleich 1952 unter Adenauer wird eingetragen. Ich bin sicher, die Leute werden das mittragen und dabei denken: „Hauptsache, ich habe Corona überstanden.“

Viele werden froh sein, dass es nicht noch schlimmer gekommen ist und die 20 000 Euro in kleinen Raten direkt zurückzahlen. Es wird auch Menschen geben, die keine Belastung auf ihrem Eigentum haben wollen und die  20 000 Euro auf einmal zahlen. Auf diese Weise bekommt der Staat das Geld vom Volk zurück, was er jetzt so großzügig verteilt, als wäre es schon erwirtschaftet. Oh pardon, ich hoffe, dass ich das alles gerade nur geträumt habe.

Wie schätzen Sie die Art und Weise ein, in der das Geld über die Rettungspakete verteilt wird?
Sehr positiv finde ich, dass nur der Kauf von E-Autos gefördert wird. Im Übrigen denke ich, das am Donnerstag beschlossene Paket wird funktionieren. Die Menschen werden das Geld ausgeben und die zeitliche Begrenzung der Mehrwertsteuerabsenkung auf dieses Jahr wird dafür sorgen, dass sie es beizeiten tun. Die Wirtschaft springt dadurch an. Und am Jahresende kommt der Albtraum Vermögensabgabe.

Ganz sicher?
Es muss doch kein Geld bewegt werden, sondern geht um den bilanziellen Ausgleich: Der Staat muss seine Ausgaben durch Eigenkapital decken, dass sich aktuell im Besitz des Einzelnen befindet. Deshalb holt er es sich zurück, um das volkswirtschaftliche Gleichgewicht aufrecht zu halten.

Die andere Möglichkeit wäre, einfach mehr Geld zu drucken und es dadurch zu entwerten.
In diesem Prozess befinden wir uns doch schon seit geraumer Zeit. Ich bezweifle, dass die Inflationsrate in Deutschland bei einem Prozent liegt. Ich bin der Überzeugung, dass die statistische Ermittlung dieser Kennzahl stark subjektiv erfolgt. Jeder von uns kann selbst erkennen, dass der Wert des Euro ständig gesunken ist. Aber, wie kann man sich dagegen wehren?
 

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