Samstag, 28. November 2020
Mittwoch, 10. Juni 2020

DOMMITZSCH

"Schlaflose Nächte erlebt, dann gab die Ehefrau den Anstoß"

Jan Ulrich auf der Fähre Prettin. Foto: Nico Wendt

von unserem Redakteur Nico Wendt

Dommitzsch. Seit Pfingstmontag hat die Fähre Prettin einen neuen Pächter. Es ist ein altbekanntes Gesicht: Jan Ulrich. Seit zehn Jahren bedient er die "schwimmende Brücke" zwischen Sachsen und Sachsen-Anhalt. Warum er jetzt die Chefrolle übernahm? TZ sprach mit ihm. 

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Dommitzsch/Prettin. Kaum hat die Fähre auf ostelbischer Seite angelegt, wird es hektisch. Ein Auto nach dem anderen kommt den Hang hinunter gerollt. Alle Fahrer möchten nach Dommitzsch übersetzen. Zum Schluss muss sogar noch rangiert werden, damit ein Transporter ebenfalls  Platz findet.

Schwere Entscheidung 

Der TZ-Redakteur schaut auf die Uhr und staunt: 14.30 Uhr. „Ist das immer so....?“ Jan Ulrich lacht los. „Na das wäre aber schön!“ Dann hätte er nicht die schlaflosen Nächte im April und im Mai gehabt. Der Prettiner hat sich mit seiner Entscheidung sehr schwer getan. „Wer macht sich schon mitten in der Corona-Krise selbständig?“, fasst sich der neue Fährpächter selber an den Kopf. Lange hat er gezögert, gezweifelt und nachgedacht. Schließlich setzte Jan Ulrich seine Unterschrift doch unter das Papier mit der Stadt Annaburg. Seit Pfingstmontag ist er  nun sein eigener Chef. Zwei Mitarbeiter hören ab sofort auf sein Kommando. Der 48-Jährige winkt ab. Den großen Boss wird er ganz sicher nicht heraushängen lassen. Auch das „große Geld“ wittert er nicht. Das sei mit dem Pendelverkehr auf der Elbe ohnehin nicht zu verdienen.

 Jan Ulrich ging es nur um eins: dass es weitergeht. Und dass sein eigener Arbeitsplatz gesichert ist. Nachdem klar war, dass Jürgen Kollin als Pächter hinschmeißt, begann bei allen Beteiligten das große Grübeln. Wo sollte so schnell ein Nachfolger herkommen? Ulrich versuchte sich mit dem Gedanken anzufreunden, nochmal eine neue berufliche Herausforderung zu suchen. Der gelernte Kfz-Mechaniker, der erst in Annaburg und dann 20 Jahre in Prettin geschraubt und repariert hat, streckte seine Fühler bis  Leipzig aus. Tagelang durchforstete er das Internet. DHL auf dem Flughafengelände bietet beispielsweise gute Jobs. Aber natürlich schwang da diese Wehmut mit. Die Fähre – das ist schon ein Traum. 

Viele Stammkunden 

„Man hat immer mit Leuten zu tun. Viele Stammkunden erkenne ich von weitem. Immer ist auch ein kleines Schwätzchen drin. Und man ist ständig an der frischen Luft und auf dem Wasser. Was gibt es Schöneres?“ Der Prettiner gerät ins Schwärmen. Seit zehn Jahren manövriert er die Gierseilfähre Prettin von West nach Ost oder umgekehrt. Zwei Schichten sichert das dreiköpfige Fährteam ab. Von 5 bis 20 Uhr beziehungsweise von 8 bis 19 Uhr am Wochenende ist die „schwimmende Brücke“ zwischen den Ländern Sachsen und Sachsen-Anhalt unterwegs. „Da weiß man, wie es läuft. Da steckt viel Herzblut drin.“ 

Jan Ulrich schloss schon unter Pächterin Kerstin Kluge Bekanntschaft mit der Fähre. Allerdings nur, um bestimmte Schlosserarbeiten an dem Boot vorzunehmen. Als er dann gefragt wurde, ob er nicht eine Ausbildung zum Fährmann machen möchte, sagte er Ja. 

„Probezeit“ 

Der gebürtige Jessener, der seit 2002 ein Häuschen in Prettin bewohnt, hat den Wechsel nie bereut. Umso mehr traf ihn die Ungewissheit im März diesen Jahres. „Meine Frau war schuld. Die hat mich dann angestupst und gesagt: Lass es uns probieren“, erklärt der neue Fährpächter, warum er sich dennoch gegen DHL und für die Arbeit am Ort entschied. „Meine Frau arbeitet im Steuerbüro, macht die ganze Abrechnung. Das ist ein riesiger Vorteil.“ 

Er habe in den bestehenden Fährvertrag von Jürgen Kollin „hineinspringen“ können, der noch zwei Jahre gilt. Damit gibt es eine gewisse Bedenkzeit. Und das Fährboot sei frisch von  der Revision zurück. Also sollte die Technik eine Weile halten. Für diverse Dinge gab die Bank eine Anschubfinanzierung. 

Seitdem Jan Ulrich ein weiteres Mal „Ja“ zur Fähre Prettin gesagt hat, fühlt er sich besser. Er ist seiner Partnerin dankbar für den Anstoß. Und er bekommt so manchen Schulterklopfer und Anerkennung in Prettin und Umgebung. „Schön, dass du es machst.“ Vor allem Berufspendler sind auf die Verbindung angewiesen. „Wenn ich kurz vor 5 Uhr komme, werde ich schon erwartet“, schildert er den Tagesbeginn. Berufskraftfahrer, Handwerker, Paketdienstleister, Handelsreisende gehören zu den festen Stammkunden. Noch fehlen viele Ausflügler. „Es gibt keine Konzerte in Leipzig, keinen Fußball, keine Reha-Besuche. Aber es ist schon besser als mitten in der Corona-Zeit“, sieht der Vater einer Tochter (7) Luft nach oben. Auch der Radtourismus läuft eher schleppend. 

Namensvetter 

Die Hauptroute des Elberadweges führt ohnehin über Dommitzsch nach Pretzsch an der Fähre Prettin vorbei, was Jan Ulrich überhaupt nicht verstehen kann. „Der riesige Bogen in Richtung Laußiger Teiche... Da wäre die östliche Strecke am Imbiss und am Campingplatz Prettin sowie an der Kiesgrube vorbei nach Mauken viel schöner“, zuckt er mit den Schultern. Diese Strecke fährt Ulrich auch privat gerne mit seiner Familie, wenn mal Zeit ist. 

Und natürlich werde er regelmäßig auf seinen berühmten Namensvetter, den Weltmeister-Radfahrer, angesprochen. „Ich bin ärmer. Ich hab nur ein „l“„, sagt er dann lächelnd mit Verweis auf den Nachnamen. 

Ein bisschen Angeln, mal in den Urlaub an die Ostsee fahren, das heimische Grundstück in Ordnung halten – damit sind die wichtigsten Hobbys schon erwähnt. Jan Ulrich liebt seinen Platz auf der Fähre, auch wenn es mal nicht so läuft. Seit drei Minuten steht er nun wartend am ostelbischen Ufer. Die vielen Autos und der Transporter sind längst weg, neue Kunden nicht in Sicht. Aber das kann sich sofort wieder ändern. Langweilig werde es in dem Job trotzdem nie.


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