Sonntag, 9. August 2020
Freitag, 19. Juni 2020

NORDSACHSEN

Zukunftstrends der Mobilität: Alle Zeichen auf Strom?

Es sind Bilder wie dieses, die zeigen, dass die größten Hürden des Mobilitätswandels oft nur in den Köpfen vorhanden sind. Für die Zukunft verheißt das viel Gutes.Foto: stock.adobe.com ©David Fuentes

Torgau. Mobilitätswandel ist das große Schlagwort der Zeit. Und dabei ist Torgau bzw. die ganze Region vielleicht archetypisch dafür, dass es vielfach nicht so stringent laufen kann, wie es medial oft scheint …

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denn vieles, was in allerjüngster Zeit postuliert wird, ist primär für Großstädte geeignet, weniger für jene weitläufigeren, dünner besiedelten Regionen, wie sie in Deutschland die Majorität darstellen – zwar leben i tatsächlich etwa 77% der Deutschen in Städten; allerdings nur etwa 32 Prozent in Großstädten ab 100.000 Einwohnern. Dieser Artikel geht deshalb der Frage nach, wie zukünftige Mobilität auch unter diesem Gesichtspunkt aussehen könnte.

1. Elektrofahrzeuge auf Augenhöhe

Momentan scheint es so, dass viele damit rechnen, dass sich der gesamte Verkehr in nur sehr wenigen Jahren vollständig elektrifiziert haben wird. Doch so wünschenswert dies auch aus einem Umweltaspekt heraus wäre, es ist unrealistisch. Wahr ist, dass das Elektroauto in den kommenden Jahren einen enormen Verbreitungsschub erleben wird. Dazu tragen mehrere Faktoren bei:

  1. Die neuen Förderungen, die jüngst von der Bundesregierung im Rahmen des Konjunkturpaketes beschlossen wurden. Zusammen mit der verringerten Mehrwertsteuer bedeutet sie einen immensen Nachlass für das, was schlussendlich noch aus eigener Kundentasche zu zahlen ist.
  2. Die steigende Modellvielfalt. Elektrofahrzeuge werden immer vielfältiger, sind in unterschiedlichsten Klassen erhältlich. Das spricht mehr und unterschiedlichere Geschmäcker an.
  3. Die Ladesäulen-Infrastruktur. Sie wird, ohne Übertreibung, von Tag zu Tag besser, hat längst die Zahlen von Tankstellen überholt. Damit wird ein Hauptkritikpunkt batteriebetriebener E-Mobilität, die vergleichsweise lange „Auftankdauer“ immer schwächer, da es immer mehr Möglichkeiten gibt, Phasen des Stillstandes an der Steckdose sinnvoll zu nutzen.
  4. Die weiterhin drohenden Fahrverbote für Verbrenner, auch wenn sie sich vor allem auf Großstädte und Metropolregionen fokussieren. Sie sorgen generell für eine Unsicherheit, die sich immer weniger Menschen antun möchten – Elektrofahrzeuge bieten als praktisch einzige Fahrzeugform eine echte Sorglosigkeit.

An diesem Punkt kommt die Region Torgau ins Spiel: So wie bei uns sieht es in vielen Regionen der Republik aus. Eine Stadt als Mittelzentrum, dazwischen viele kleinere Gemeinden und in etwas weiterer Entfernung ein Oberzentrum.

Viele Verbraucher haben mittlerweile verstanden, dass die Reichweite bestehender batteriebetriebener Elektrofahrzeuge auch für derartige Regionen vollkommen ausreichend ist – lediglich echte Stadtflitzer wie der Renault Twizy mit seinen nur etwa 100 Kilometern fallen durch dieses Raster. Damit wird das Batterieauto immer attraktiver für alle, die täglich typisch semi-ländliche Distanzen wie bei uns absolvieren – und das sind deutschlandweit sehr viele Menschen.

Aber: Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Bedeutet, das Elektroauto wird sich in den kommenden Jahren höchstwahrscheinlich „nur“ als gleichwertiger Partner zu Verbrennern etablieren. Bis es diese ganz ersetzt hat, wird hingegen wohl noch viel Wasser die Elbe hinabfließen.

Immer mehr Verbraucher nehmen batteriebetriebene Elektroautos als tragfähige Alternative wahr. Bis „Stromer“ aber die Majorität sind, wird es noch dauern.
stock.adobe.com © hedgehog94

 

2. Mehr Lust auf Gebrauchte

Die aktuelle Krise ist auch eine der Automobilindustrie – sie und ihre zigtausenden Arbeitsplätze sind Mitgrund für die enormen Höhen der Konjunkturpakete. Zwar postulieren Umfragen, dass es die Branche wahrscheinlich nicht so hart treffen wird, wie ursprünglich befürchtet – viele Deutsche, die vor Corona einen Neuwagen kaufen wollen, hegen aktuell nach wie vor diesen Plan.

Dennoch zeigte bereits eine Studie aus dem vergangenen Jahr, dass künftig Gebrauchtfahrzeuge aller Altersklassen mutmaßlich stärker in den Fokus rücken. Das würde auch einen neuen Aufschwung für den Autokredit bedeuten – wo das Neuwagensegment seit einigen Jahren in immer stärkerem Maß durch das Leasing bestimmt wird, bleibt der Gebrauchtwagenmarkt beinahe schon eine Bastion des klassischen Kaufens (auch wenn es durchaus Leasinggeber für junge Gebrauchte gibt).

Auch ein Grund dafür ist es, dass es mittlerweile ein sehr Leichtes geworden ist, die notwendigen Informationen und Rechenbeispiele im Netz zu finden, Kredite auch dort abzuschließen, sich nicht mehr nur auf Bankberater verlassen zu müssen. Dazu gehört auch die Tatsache, dass die Niedrigzinsphase bei vielen dazu geführt hat, dass sie ihr Geld nicht ansparen, sondern ausgeben möchten – und es ist bei einem selbstbesessenen Fahrzeug im Fall finanzieller Engpässe leichter, Zahlungsstopps zu vereinbaren oder im Extremfall das Fahrzeug auch ganz zu veräußern; beim Leasing in der Regel deutlich schwieriger.

Immer mehr Menschen sind bereits dafür, den Mobilitätswandel als gemeinschaftliches, von Ehrenamt geprägtes Projekt gemeinsam anzugehen.
stock.adobe.com © mjowra

 

3. Kreativere, kommunale Herangehensweisen mit Bürgerbeteiligung

Ein großes Anliegen des Mobilitätswandels ist es, zumindest den klassisch motorisierten Individualverkehr wegzubringen von der seit Jahrzehnten gültigen Maxime „Eine Person, ein Auto“. Ein zentrales Element dieser Bestrebungen ist der öffentliche Nahverkehr. Der jedoch kostet Geld, viel Geld – und muss vielfach, um bezahlbar zu sein, steuerlich subventioniert werden.

Allerdings zeigt nicht zuletzt der Arzberger Bürgerbus und sein geplantes Pendant ein Elsnig, dass bereits die Gegenwart und noch mehr die Zukunft auch kreativere Herangehensweisen erblühen lässt. Das klassische Problem des ländlichen ÖPNV, wonach er sich wegen der wenigen Fahrgäste besonders schlecht rechnet und deshalb teuer ist, ist mittlerweile auch vielen Bewohnern bekannt.

Und immer mehr von ihnen sind bereit, dies nicht schulterzuckend abzutun, sondern sich selbst einzubringen, um daran etwas zu ändern. Die Zukunft wird noch mehr solcher Modelle hervorbringen – schlicht, weil immer mehr Einsicht vorhanden ist, dass eine Abkehr von klassischen Mobilitätskonzepten nicht nur Sache der Regierenden sein sollte, die vorgeben, was der Bürger nachzumachen hat.

 

4. Größere Partizipation von Wasserstoff

Es dürfte aktuell wohl nur sehr wenige Techniken geben, bei der durch die Diskussion tiefere Gräben verlaufen als dem Wasserstoffantrieb über die Brennstoffzelle:

  • Für viele Verfechter bedeutet er alle Vorteile von Elektromobilität ohne sämtliche Nachteile der Batterie, namentlich dem langwierigen Aufladen, weil Wasserstofffahrzeuge ganz ähnlich wie Verbrenner betankt werden.
  • Für Gegner hingegen ist die notwendige Herstellung des Wasserstoffs Verschwendung, weil der Strom nicht direkt in eine Batterie eingespeist, sondern den Umweg über Elektrolyse nimmt, was den Wirkungsgrad verringert. Natürlich ist das auch mit grünem Strom möglich, es bleibt jedoch die Kritik, dass dieser Umweg überflüssig sei, weil längst genügend Stromtankstellen zur Verfügung stünden.

Tatsache ist jedoch, dass es viele Entscheider gibt, die an Wasserstoff glauben – unter anderem Toyota, größter Autohersteller der Welt und auch BMW. Auch die Bundesregierung hat jüngst einen Strategieplan Wasserstoff auf den Weg gebracht, um dem Element künftig eine viel größere Rolle beizumessen.

Zwar wäre es völlig vermessen, zu behaupten, dass langfristig Wasserstoff gegenüber der Batterie die Oberhand gewinnen wird; dazu befinden wir uns derzeit in einer zu unsicheren Phase ständiger Veränderung. Was aber realistisch ist: Wasserstoff wird in den kommenden Jahren zu einem zweiten wichtigen Standbein der Elektromobilität werden.

  1. Weil es, aller Batterieentwicklung zum Trotze, immer genügend Kreise geben wird, die ein temperaturunabhängiges, sekundenschnell aufgeladenes Fahrzeug höchster Reichweite benötigen werden.
  2. Weil die Natur von Wasserstoff in einem mobilen Umfeld beim Verbraucher weniger Umdenken erfordert und somit auch jene überzeugen kann, die bislang am Verbrenner festhalten.
  3. Weil die Brennstoffzelle derzeit nur einen kleinen Entwicklungsrückstand zur Batterie hat. Der wird aber wahrscheinlich nicht dauerhaft verbleiben.

Gut möglich, dass wir künftig auch bei den elektrischen Antrieben eine ähnliche (bestens funktionierende) „Doppelspitze“ erleben werden wie derzeit bei Benzin und Diesel.

Brennstoffzellen mögen wegen der Wasserstoffproduktion ein Umweg sein, ihre Vorteile werden jedoch dem Wasserstofffahrzeug eine große Zukunft bescheren.
stock.adobe.com © science photo

 

5. Die Rückkehr des Fahrrads

Bevor in Deutschland die automobile Massenmotorisierung begann, war das Fahrrad für viele die einzige finanziell tragbare Möglichkeit, individuell mobil zu sein, ohne zu Fuß gehen zu müssen. Tatsächlich sind nicht wenige der Ansicht, dass die zurückliegenden Monate sich in der zukünftigen Retrospektive als diejenigen erweisen werden, die diesem „rückschreitenden Fortschritt“ in Deutschland zum Durchbruch verhalfen.

Während Corona wandten sich enorm viele Deutsche dem Fahrrad zu – vor allem diejenigen, die sich nicht im ÖPNV einem Infektionsrisiko aussetzen wollten. Dem Mobilitätswandel spielt das in die Hände. Schon seit Jahren verknappen Städte künstlich das Parkplatzangebot, verkleinern Fahrzeug- zugunsten von Fahrradspuren. Auch hier gab die Krise einen Schub.

Zudem scheint sich auch, abermals abseits der Großstädte, ein genereller Wandel in den Köpfen breitgemacht zu haben: Allein in Torgau fahren mehr als die Hälfte aller Einwohner wöchentlich mindestens einmal Rad; in vielen anderen Regionen und Gemeinden sieht es ähnlich aus. Das hat nur zum Teil mit Elektrofahrrädern zu tun – bei uns ist die überwältigende Mehrheit von 96% der Fahrräder klassisch angetrieben. Viel mehr steckt dahinter eine sich immer stärker verbreitende Einsicht: Dass der Glaube, dass man mit dem Auto auf allen Wegen am besten fährt, vielfach nur eine liebgewonnene, aber nicht endgültige Ansicht ist. 


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