Montag, 13. Juli 2020
Freitag, 26. Juni 2020

TORGAU

Hahnemann, der junge Arzt

Das Ölgemälde wurde 1835 von Dr. Samuel Hahnemanns Ehefrau Mélanie gemalt. Foto: Siegfried Letzel

von Siegfried Letzel

Torgau. TZ-Homöopathie-Serie: Bereits in jungen Jahren machte Dr. Samuel Hahnemann beeindruckende medizinische Erkenntnisse

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In diesem Teil unserer Artikelserie beginnen wir, Hahnemann in seiner ärztlichen Praxis zu begleiten.

Mit zwanzig Jahren beendete Hahnemann seine Schulbildung in Meißen mit der in Latein verfassten Arbeit „Über den wundervollen Bau der menschlichen Hand“. Er begann alsdann sein Medizinstudium in Leipzig. Dort wurde ihm allerdings keine praktische Heilkunde gelehrt, denn ein der Uni angeschlossenes Krankenhaus gab es nicht. Nur graue Theorie konnte er erlernen. Daher zog er schon bald nach Wien, um unter Dr. Quarin, dem Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia und Kaiser Joseph II., auch die ärztliche Tätigkeit am Krankenbett zu studieren. Geldmangel machte es aber erforderlich, dass Hahnemann zu Baron von Brukenthal nach Hermannstadt in Siebenbürgen zog, um dort ab 1777 dessen ansehnliche Bibliothek und Münzsammlung zu ordnen – und gleichzeitig als Hausarzt zu arbeiten. 1779 kam Hahnemann nach Erlangen und schloss dort sein Medizinstudium mit dem Erwerb des Doktortitels ab.

Pionier in Sachen Diätetik

Schon 1784 verfasste der junge Arzt seine erste größere medizinische Schrift, eine „Anleitung, alte Schäden und faule Geschwüre gründlich zu heilen“. Diese Leiden wurden damals wegen der ekelerregenden Wunden gewöhnlich nur indirekt von Ärzten behandelt. Sie wendeten Aderlässe, Schröpfen, Schwitzen an und applizierten Bleisalben und -pflaster als Hauptmittel. Hahnemann kommentierte dieses Tun mit den Worten: „Das gewöhnliche Ende solcher Kurarten machen alte Weiber, der Scharfrichter, der Vieharzt, der Schäfer und der Tod. Viehärzte sind in der Heilung alter Wunden geschickter als oft der schulgerechteste Professor und Mitglied aller Akademien.“

Hahnemann entwickelte bereits schon jetzt sein selbstständiges Denken und ärztliches Handeln, wobei er immer noch auch althergebrachte Therapien anwendete. Aber er wurde sich seiner Arbeit immer unsicherer, da die Behandlungen seiner und anderer Kollegen Patienten das Leid selten besserten, sondern leider eher verschlimmerten.

Um seine Therapien erfolgreicher zu gestalten, bediente er sich unterschiedlicher „Stellschrauben“: „Bewegung ist nächst der Nahrung das nothwendigste Bedürfniss der thierischen Maschine, durch sie wird das Uhrwerk aufgezogen. Bewegung und gesunde Luft nur allein treibt jeden Saft unsres Körpers zu dem ihm bestimmten Ort, …verstärkt die Schläge des Herzens, bringt allein gehörige, gesunde Verdauung zuwege und ladet am besten zur Ruhe, zum Schlafe ein, der Zeit der Erquickung und Erschaffung neuer Lebensgeister.“ Hahnemann war Pionier in Sachen Diätetik. Dazu mehr in einem gesonderten Artikel.
Hahnemann sprach auch in kerniger, überzeugender Weise über den Einfluss der Lebensweise, der beruflichen Tätigkeit, der Tageseinteilung und den Wohnverhältnissen auf die Gesundheit. Obwohl es diesen Begriff noch gar nicht gab – Hahnemann war bereits Hygieniker!

Innovatives Vorgehen

Zurück zu den Geschwüren: Hahnemann verbannte Bleipflaster und -salben aus seiner Praxis. Er verband Wunden unter Anwendung von Alkohol zur Desinfizierung und sehr stark verdünntem Sublimatwasser, Höllenstein, Arsenikwasser und Perubalsam. Aber immer verwendete er nur EIN Mittel zu gegebener Zeit. Er ging auch chirurgisch vor, zum Beispiel durch Ausschaben der Wunde. Baldinger, Professor in Jena, Göttingen und Marburg schrieb: „Hahnemann hat seinen Gegenstand sehr gründlich und richtig abgehandelt. Er zeigt, wie verkehrt die bisherige, meist gewöhnliche Behandlung gewesen ist – und lehrt dafür eine bessere.“ Ähnlich positiv wurden noch weitere Schriften Hahnemanns bewertet.

Hahnemann machte sich früh einen Namen in der Ärzteschaft. Innovativ war sein Vorgehen bei sexuell übertragbaren Krankheiten, Typhus, Krätze und mehr.
Hahnemann hatte unter seinen Kollegen den Ruf, ein „umsichtsvoller, glücklicher Praktiker zu sein, dem viele ausgezeichnete Kuren gelangen“. Hufeland bezeichnete ihn als einen der vorzüglichsten Ärzte Deutschlands. Im Jahre 1791 erwählte ihn die Leipziger ökonomische Gesellschaft, dann die Kurfürstlich-Mainzische Akademie der Wissenschaften, später die physikalisch-medizinische Sozietät in Erlangen zu ihrem Mitglied.

Enthusiastischer Reformator

Jedoch tat sich Hahnemann aus der Sicht seiner ärztlichen Kollegen zunehmend als Nestbeschmutzer hervor. Schon 1784 spricht er verächtlich von den „Modeärzten“. 1786 eifert er in seinem Buch über Arsenik gegen den damaligen elenden Zustand der Arzneikunde, gegen die „Pfuscherärzte, der fruchtbarsten Quelle des Todes, welche unter anderem Arsenik in Substanz auf Geschwüre aufpulverten, dadurch oft den Tod der Kranken herbeiführten, und welche dieses Mittel in leicht tödlichen Gaben gegen Wechselfieber gäben“. 1790 tritt er kräftig gegen die damaligen Dozenten in Arzneikunde auf: „Die alten Arzneimittellehrer sind mit ihren Seichtheiten, Unbestimmtheiten, Weibermährchen und Unwahrheiten bis in die neueste Zeit nachgebetet worden. Wir müssen uns mit Gewalt von diesen vergötterten Gewährsmännern losreissen, wenn wir in einem der wichtigsten Theile der practischen Arzneikunst das Joch der Unwissenheit und des Aberglaubens losschütteln wollen. Nun ist es hohe Zeit.“

Um aus dem Gewirr von „Beobachtungen“ und „Erfahrungen“ die Wahrheit herauszufinden, vermied er das geschäftige Handeln am Krankenbette, wie es seine Zeitgenossen übten, und er trat seinen arzneimischenden Kollegen gegenüber schon recht feindlich auf. Hahnemann wurde zu einem enthusiastischen Reformator des medizinischen Systems seiner Zeit. Und damit begann eine völlig neue Ära seiner wissenschaftlichen Arbeit … 

 

Der Kunststich aus dem Jahre 1910 zeigt eine ärztliche Konsultation im Sinne Samuel Hahnemanns.

 

Info:

Dr. Samuel Hahnemann und die von ihm ins Leben gerufene Heilkunde der Homöopathie sind ein wichtiger Teil von Torgaus Geschichte. Mehrere Jahre seines Lebens verbrachte er in der Elbestadt, verfasste hier zahlreiche Artikel über die Homöopathie und gab im Jahr 1810 auch die erste Ausgabe des „Organon“ heraus. In diesem hielt er die Prinzipien seiner neuen Heilmethode fest, das Werk ist heute in seiner erweiterten 6. Auflage auf jedem Schreibtisch eines Homöopathen zu finden.

Seit 2014 beherbergt Torgau außerdem den Verein „Internationales Hahnemann- Zentrum Torgau“, der das gleichnamige Zentrum in der Wintergrüne betreibt und dort in einer Ausstellung zahlreiche Exponate aus der Zeit Hahnemanns präsentiert.

Der Kurator dieser Ausstellung, Siegfried Letzel, wird Ihnen, liebe Leser in den kommenden Wochen regelmäßig Geschichten aus dem Leben und Wirken Hahnemanns näherbringen und Sie so über die Geschichte der Homöopathie und damit auch die Geschichte Torgaus, aufklären. Letzel ist Bachelor of Science in Biologie, nicht mehr praktizierender Heilpraktiker und war Mitglied der Gründungsredaktion der heute mit 65 000 Abonnenten am weitesten verbreiteten Homöopathiezeitschrift „Homeopathy4Everyone“.


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