Mittwoch, 12. August 2020
Donnerstag, 16. Juli 2020

TORGAU

Hahnemann - Der Ur-Homöopath

Gleich mehrere wichtige Erfahrungssätze brachte Dr. Samuel Hahnemann in seinem Buch „Heilkunde der Erfahrung“ zusammen.Foto: Siegfried Letzel

von Siegried Letzel

Torgau. TZ-Homoöopathie-Serie: Wie Dr. Samuel Hahnemann im 19. Jahrhundert völlig neue Pfade betrat.

Facebook Twitter WhatsApp Mail Drucken

Während Dr. Samuel Hahnemanns Aufenthalt in Torgau begann eine neue Ära in seiner wissenschaftlichen Forschung: er wollte weg von einer Vermutungs- und Glaubensmedizin hin zu einer rationellen Medizin, die die ärztliche Behandlung voraussehbarer und verlässlicher machte. Hierbei betrat er völlig neue Pfade.
Vorbereitend dafür waren seine Arbeiten, die er bereits 1796 für seine Schrift „Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen“ anstellte.

Es war das Geburtsjahr der Homöopathie, auch wenn dieser Begriff zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existierte. Damals begann er „die Arzneien zu beobachten, wie sie auf den menschlichen Körper einwirken, wenn er sich auf dem ruhigen Wasserspiegel der Gesundheit befindet“. Das bedeutete, er prüfte Arzneimittelwirkungen am Gesunden und notierte sich alle erkennbaren Veränderungen am Probanden. Hieraus entstand ein erster Grundsatz für die sich nun weiter entwickelnde neue Heilmethode: „Jedes wirksame Arzneimittel erregt im menschlichen Körper eine Art von eigner Krankheit, eine desto eigenthümlichere und heftigere Krankheit, je wirksamer die Arznei ist. Man ahme die Natur nach, welche zuweilen eine chronische Krankheit durch eine andere hinzukommende heilt.“

Diese Beobachtung war nichts Neues. Schon oft hatte man neue Leiden ältere ‚überdecken‘ oder ‚auslöschen‘ sehen. Weiter: „Man wende in der zu heilenden Krankheit dasjenige Arzneimittel an, welches eine andre, möglichst ähnliche Kunstkrankheit (= Arzneimittelkrankheit) zu erregen imstande ist, und jene wird geheilt werden; Similia similibus.“ Dem wurde viel später noch das Wort curentur hinzugefügt. Dieses Ähnlichkeitsprinzip zwischen Krankheitssymptomen und solchen, die von Arzneien hervorgerufen werden, hatten Ärzte ebenfalls schon lange vor Hahnemann entdeckt. Dies erwähnt Hahnemann mit Beispielen auch in seinen Schriften. Selbst die hier beschriebene Arzneimittelprüfung am Gesunden wurde schon lange vor Hahnemann ausprobiert. Aber ihm gelang es als Erster, beides, zusammen noch mit der Arzneimittelpotenzierung, in ein geschlossenes medizinisches System zusammenzuführen und wesentlich weiter zu ent- wickeln. Dies ist die wahre wissenschaftliche Leistung Hahnemanns bei der Schaffung der Homöopathie.

1806 veröffentlichte Hahnemann seine in Torgau verfasste „Heilkunde der Erfahrung“. Hier brachte er wichtige Erfahrungssätze zusammen:

1.    Wenn zwei ungleichartige, widernatürliche, allgemeine Reize zu gleicher Zeit auf den Körper wirken, so wird die Wirkung des schwächeren Reizes von der des stärkeren zeitweilig aufgehoben.
2.     Wenn beide Reize große Ähnlichkeit miteinander haben, so wird die Wirkung des schwächeren von der analogen Kraft des stärkeren gänzlich ausgelöscht und vernichtet.
3.     Um also heilen zu können, müssen wir lediglich eine in ihrer erregenden Wirkung zu den Krankheitssymptomen passende Arznei entgegensetzen.

In einer Torgauer Hauschronik steht: „1805 kaufte Dr. Samuel Hahnemann das auf der Pfarrgasse gelegene Wohnhaus mit Einfahrt, um seine homöopathischen Kuren an Kranken und Leidenden zu versuchen. Da man noch unbekannt mit dieser Kurmethode war, so erregte dies Aufsehen, daß die winzig kleinen Kügelchen mehr helfen sollten als ganze Löffel Medizin. Der Glaube that aber auch hier das Seinige; es wurde vielen geholfen, aber auch vielen nicht. Er bekam Feinde und Neider.“ Hahnemanns medizinischer Neubeginn war denkbar schwer umzusetzen. Vieles passte noch nicht.

Nun hatte er ein neues Heilgesetz entdeckt und es musste an Kranken erprobt, weiterentwickelt und auch noch gegen Anfechtungen verteidigt werden. Um sich ein präzises Bild der Krankheiten zu machen, befragte er seine Patienten und dessen Angehörige/Begleitpersonen eingehend. Dann wandte er seine Erfahrungssätze an und verschrieb nur ein einziges, individuell ausgesuchtes Arzneimittel. Dabei experimentierte er ständig mit der Optimierung der Dosierung.
In seiner Schrift „Was sind Gifte? Was sind Arzneien?“ (1806) schreibt Hahnemann: „Unpassende Wahl, unrechte Form und übermäßige Menge machen Arzneien verderblich. Dadurch werden sie zu Giften. Die Unwissenheit tötet mit dem Übermaße am unrechten Ort während der behutsame Gebrauch der kraftvollsten Arzneien die gefahrvollsten, seltensten Krankheiten häufig rettet. Sapere aude (Habe den Mut zur Einsicht; wage es, weise zu sein)!“

1807 ist er schon bedeutend weiter und schließt einen Artikel mit folgenden Worten: „Wie wenig bedarf es jetzt noch um einzusehen, dass der einzige Weg, Krankheiten leicht, schnell und dauerhaft zu heilen, in der Erforschung des ganzen Inbegriffs der Symptome der Krankheit liegt und in der Aufsuchung des für jeden Fall passenden Mittels, welches am vollständigsten diesen Inbegriff der Symptome [am Gesunden] erregen kann?“ Dieses Mittel sollte bei der homöopathischen Anwendung nur in kleinsten Gaben verabreicht werden, da nicht „die volle krankmachende Kraft, sondern nur seine Tendenz dazu“ benötigt wird.

Hahnemann: „Ich schätze mich glücklich, auf diesen rationellsten und vollkommensten aller Heilwege zuerst aufmerksam gemacht zu haben.“
Das Internationale Hahnemannzentrum Torgau e. V. bietet noch einige Exemplare eines Nachdrucks (2010) von S. Hahnemanns „Heilkunde der Erfahrung“ aus dem Jahre 1805 an, der in Torgau herausgegeben wurde. Das Büchlein kann in der Geschäftsstelle des IHZT erstanden werden. Hier lässt sich großartige Medizingeschichte, wie sie sich in Torgau abspielte, nachlesen und sogar nachvollziehen.

Ab jetzt beginnt das Finetuning der homöopathischen Arzneitherapie, dem sich Dr. Hahnemann bis zu seinem Tode widmete …

 

Info:

Dr. Samuel Hahnemann und die von ihm ins Leben gerufene Heilkunde der Homöopathie sind ein wichtiger Teil von Torgaus Geschichte. Mehrere Jahre seines Lebens verbrachte er in der Elbestadt, verfasste hier zahlreiche Artikel über die Homöopathie und gab im Jahr 1810 auch die erste Ausgabe des „Organon“ heraus. In diesem hielt er die Prinzipien seiner neuen Heilmethode fest, das Werk ist heute in seiner erweiterten 6. Auflage auf jedem Schreibtisch eines Homöopathen zu finden.

Seit 2014 beherbergt Torgau außerdem den Verein „Internationales Hahnemann- Zentrum Torgau“, der das gleichnamige Zentrum in der Wintergrüne betreibt und dort in einer Ausstellung zahlreiche Exponate aus der Zeit Hahnemanns präsentiert.

Der Kurator dieser Ausstellung, Siegfried Letzel, wird Ihnen, liebe Leser, in den kommenden Wochen regelmäßig Geschichten aus dem Leben und Wirken Hahnemanns näherbringen und Sie so über die Geschichte der Homöopathie und damit auch die Geschichte Torgaus, aufklären.

Letzel ist Bachelor of Science in Biologie, nicht mehr praktizierender Heilpraktiker und war Mitglied der  Gründungsredaktion der heute am mit 65 000 Abonnenten am weitesten verbreiteten Homöopathiezeitschrift „Homeopathy4Everyone“.


Das könnte Sie auch interessieren

TZ-ePaper

ePaper lesen

Lesen Sie das ePaper der Torgauer Zeitung bequem zu Haus oder unterwegs.

Jetzt 14 Tage lang unverbindlich testen!

 
Sommerakademie 2020: Mehr Umsatz leicht gemacht
24.08.2020, 08:00 Uhr - 25.08.2020, 14:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Fit am Telefon
25.08.2020, 08:00 Uhr - 26.08.2020, 15:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Crashkurs Arbeitsrecht von A-Z
25.08.2020, 17:00 Uhr - 26.08.2020, 20:15 Uhr
Sommerakademie 2020: Mehr Umsatz leicht gemacht
26.08.2020, 09:00 Uhr - 14:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Crashkurs Umsatzsteuer
26.08.2020, 15:30 Uhr - 19:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Business-Knigge
27.08.2020, 08:00 Uhr - 16:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Crashkurs Buchführung
27.08.2020, 08:00 Uhr - 28.08.2020, 15:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Das Schiff richtig steuern
28.08.2020, 08:00 Uhr - 12:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Betriebsprüfung im Lohn
31.08.2020, 16:00 Uhr - 18:00 Uhr
ÖPNV-Mobilitätsangebote für Unternehmen
01.09.2020, 14:00 Uhr - 17:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
02.09.2020, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
5G Roadshow – 1. IHK-Mobilfunkforum
02.09.2020, 13:30 Uhr - 17:00 Uhr
Gründerabend
16.09.2020, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Die Jagd nach dem Geld
17.09.2020, 13:00 Uhr - 15:00 Uhr
Spezielle Anforderungen der Funkanlagen-Richtlinie
05.10.2020, 14:00 Uhr - 15:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
07.10.2020, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
14.10.2020, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
04.11.2020, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
11.11.2020, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
ÖPNV-Mobilitätsangebote für Unternehmen
01.12.2020, 14:00 Uhr - 17:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
02.12.2020, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
09.12.2020, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr

Weitere Veranstaltungen unter:
www.leipzig.ihk.de
 

Aktuelle Bildergalerien

AKTIONEN

epaper

TZ-Probelesen

Torgau-Plus

Wanderführer

Feste und Gäste

INFOS & EMPFEHLUNGEN

laga