Mittwoch, 5. August 2020
Dienstag, 21. Juli 2020

MOCKREHNA

Darüber wird heute gesprochen

Darüber wird heute gesprochenFoto: Repro: TZ

von unserem Chefredakteur Sebastian Stöber

Warum Corona vieles zum Besseren verändern kann, erklärt Unternehmerin Monique Kötz im TZ-Interview. Außerdem geht die Sächsische Verfassungsmedaille nach Schildau und auch heute hat die TZ-Redaktion einen Ferientipp parat - wir schreiben Dienstag, den 21. Juli und darüber wird heute gesprochen.

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"Corona ist die Chance, das Hamsterrad, in dem wir alle uns in den letzten Jahren immer schneller gedreht haben, auf den Sperrmüll zu stellen." Das sagte die Mockrehnaer Unternehmerin Monique Kötz. Die Chefin des kleinen aber feinen Automobilzulieferers Kötz&Kötz hatte der TZ-Redaktion während der Lockdown-Zeit einen Brief randvoll mit spannenden Gedanken geschickt, wie sich unsere Welt durch die gesellschaftsübergreifenden Corona-Erfahrungen zum Besseren entwickeln könnte und das Ganze mit konkreten Vorschlägen garniert. Auf dieser Grundlage haben wir ein Interview geführt, das ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser heute besonders ans Herz legen möchte. Lassen Sie sich überraschen und inspirieren!

Auf einem ganz anderen Gebiet hat sich Heinz Galle verdient gemacht. Der Schildauer setzt sich seit Jahren vehement für die Aufarbeitung von DDR-Unrecht ein. Am Wochenende hat der dafür die Sächsische Verfassungsmedaille erhalten. Nick Leukhardt versorgt uns dazu mit den nötigen Fakten.

Für den heutigen Ferientipp ist mein Kollege Nico Wendt in einen Bunker hinabgestiegen. Was er dort fand, ist nicht nur für Fans der DDR-Geschichte interessant.

„Das Hamsterrad auf den
Sperrmüll stellen“

TZ-Interview mit der Mockrehnaer Unternehmerin Monique Kötz

Seit fünf Generationen steht die Firma Kötz für Erfindergeist und Fleiß. In Mockrehna werden seit jeher Produkte aus Metall gefertigt.
Heute entstehen Präzisionsteile für die Industrie. Geleitet wird das Unternehmen von Monique Kötz. Sie lebt, was ihre Firma seit mehr als 100 Jahren erfolgreich macht: Ein wacher Blick auf die Veränderungen in der Welt und das Erkennen der Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Mit der TZ teilt sie heute ihre Gedanken über die Auswirkungen von Corona auf Wirtschaft und Gesellschaft.
 
TZ: Frau Kötz, die große Frage dieser Tage ist, wie wir die Zeit nach Corona gestalten werden.
Monique Kötz:
Die Zeit nach Corona ist schon angebrochen. Für mich ist Corona lange nicht mehr nur die Infektion. Corona ist etwas Größeres und wir werden irgendwann etwas anderes als eine Krankheit damit verbinden.
 
Womit verbinden Sie es?
Zum Glück ist niemand in meinem Familien- und Bekanntenkreis von der Infektion betroffen gewesen. Deshalb verbinde ich Corona mit der Chance, das Hamsterrad, in dem wir alle uns in den letzten Jahren immer schneller gedreht haben, auf den Sperrmüll zu stellen.
 
Wie ist dieser Gedanke bei Ihnen entstanden?
Viele Menschen sind zwangsläufig zu Hause geblieben. Mit der Zeit haben sie das schätzen gelernt und auch gelernt, mit anderthalb Monatsgehältern auszukommen. Vielleicht stellen die Menschen fest, dass sie gewisse Dinge nicht mehr brauchen, um zufrieden zu sein und überdenken ihre Ansprüche ans Leben neu. Die Gewichtung von Zeit und Freiheit auf der einen Seite sowie Konsum und Statussymbolen auf der anderen Seite wird neu ausgehandelt. Bis hin zur Frage, ob ich einen Arbeitsplatz brauche, um gesellschaftlich anerkannt zu sein.
Denkt man das weiter, werden die Leute ruhiger, werden weniger krank. Die Kosten für das Gesundheitssystem sinken. Wer nicht so unter Druck steht, ist sogar produktiver. Vielleicht ist auch die Arbeit, die es heute gibt, nicht für jeden das Richtige.
 
Das klingt nach einem Plädoyer für das bedingungslose Grundeinkommen als Chance, die Arbeit nach ihrem Grad der Sinnstiftung auszuwählen.
Es wäre o. k., wenn es das Grundeinkommen gäbe. Mein Ziel ist es jedoch nicht. Mir geht es darum, aufeinander achtzugeben. Pflege oder Kinderbetreuung sollen nicht dazu führen, dass man sich gegen oder für etwas entscheiden muss. Die Arbeit muss so gestaltbar sein, dass beides geht.
 
Ist das die zentrale Corona-Lehre für Unternehmen?
Homeoffice, verkürzte Wochen durch Kurzarbeit werden bereits praktiziert. Die Unternehmen müssen jetzt überprüfen, wo sie effektiver geworden sind, wo Stunden dauerhaft reduziert werden können.
Ich habe das Beispiel in der eigenen Firma in der Vergangenheit umgesetzt. Weil die 40 Stunden pro Woche dem ein oder anderen zu viel waren, haben wir die Arbeitszeit gemeinsam reduziert, bei gleichem Lohn. Die Produktivität hat sich dadurch erhöht. Es ist eine große Motivation zu wissen, dass man mehr Freizeit für sich gewinnt. Der Druck war raus, der Kopf war freier. Das macht viel aus.
 Das ist eine gravierende Änderung zum Jetzt.

Die Frage ist, ob man es sich traut. Wie gesellschaftsfähig wäre es zu sagen, ich gehe jetzt weniger Stunden arbeiten? Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssten aufeinander zugehen. Aber das kommt.

Auch der Glaube an die globalisierte Wirtschaft muss hinterfragt werden. Es kann nicht sein, dass ganze Produktionsketten hier stoppen, weil ein kleines Teil auf dem Ozean festhängt. Der erste Schritt wäre es, wieder mehr Produktion nach Deutschland zu holen. Natürlich haben wir gar nicht die personellen Ressourcen, um die industriellen Produktionsmengen von heute hier abzubilden. Der zweite Schritt ist deshalb ein neues Verständnis für industriell gefertigte Werte: Produkte müssten generell für eine lange Lebensdauer gefertigt werden und nicht für den schnellen Konsum. Dann hätten wir doch viel gekonnt.
 
Ist das auch realistisch?
Ich bin nicht naiv und erwarte nicht, dass alle Menschen von jetzt auf gleich ihr Leben ändern. Es reicht, wenn 30 Prozent der Bevölkerung so denken und handeln. Wenn der Kollege weniger fehlt, weil es ihm einfach besser geht, dann habe ich nicht so oft seine Arbeit auf dem Tisch. Damit wirken diese 30 Prozent auch auf die übrigen.
 
Sehen Sie die Politik in der Verantwortung, diesen Weg zu unterstützen?
Von der Politik hätte ich mir zunächst zu Beginn der Corona-Zeit mehr Kommunikation gewünscht. Anfangs mussten wir die Entscheidungen hinnehmen, ohne die Chance, sie zu hinterfragen. Das hat viele, auch mich, verunsichert. Durch mehr Kommunikation hätten die Entscheider ein besseres Bild davon bekommen können, wie sich die Entscheidungen auswirken. Niemand hat doch erwartet, welche Ausmaße die Folgen des Lock-Downs haben würden.
 
Mit welchen Folgen hatten Sie es zu tun?
Wir hatten tatsächlich eine Zeit, in der alle Aufträge abgearbeitet und keine neue Aufträge da waren. Das ist nicht schön. Aber in der Krise 2009 habe ich gelernt, dass es weitergeht. Ich habe gelernt, die Ruhe zu bewahren und dass man nicht jeden billigen Auftrag annehmen muss und darf, sondern sich auf das verlässt, was man kann. Wir haben sehr gute Kunden, die so denken und handeln wie wir. Das hilft in diesen Zeiten.
 
Mussten Sie Kurzarbeit einführen?
Nein. Mir war wichtig, dass die Kollegen ein sicheres Gefühl haben. Ich habe aber auch einen Blick auf die Automobilbranche geworfen, für die wir zuliefern. Dort war es die Regel, dass die Netto-Gehälter auf 100 Prozent aufgestockt wurden. Die Unternehmen sparten massiv Personalkosten. Die Mitarbeiter blieben zu Hause. In der Zeit hätten die Mitarbeiter aber auch geschult werden können. Oder sie hätten ihre Freiheit nutzen können, dorthin zu gehen, wo gerade Mitarbeiter gebraucht werden. In den Lebensmittelbereich zum Beispiel.
 
Das konnte doch jeder tun.
Das stimmt, Ernte und Pflege waren in der Zeitung sehr präsent. Aber es gab noch ganz andere Bereiche, wo kurzfristig Personal gefehlt hat. Unternehmen, die normalerweise Lebensmittel an Großküchen liefern, mussten auf kleinere Chargen umstellen, weil mehr von Einzelpersonen gekauft wurde. Das erhöht den Aufwand.
Wenn Auszeiten, wie die durch Corona, jetzt häufiger werden, wären Patenschaften zwischen Unternehmen, die dann nicht arbeiten können, und denen, die dann einen höheren Aufwand haben, eine Idee.
 
Wer soll diese Idee umsetzen?

Große Unternehmen halten ihre Werte nach außen und innen sehr hoch. Warum soll es nicht Teil dieses Anspruchs sein, gemeinsam mit den eigenen Mitarbeiter für die Gesellschaft da zu sein, wenn diese Unterstützung braucht? Bei Schichtwechsel verlassen 2000 junge Menschen das BMW-Gelände und 2000 junge Menschen betreten es. Wenn so ein Unternehmen Netzwerke in die Landwirtschaft oder in die Pflege entwickelt und in Ausnahmesituationen über diese Netzwerke mit Manpower hilft, wäre das enorm wertvoll. Im privaten Bereich haben doch auch viele angeboten, für ihre Nachbarn einkaufen zu gehen.
 
Lassen Sie uns noch über Digitalisierung sprechen. Ihr Unternehmen arbeitet bereits hochdigital. Gab es dennoch in dieser Zeit einen Schub?
Die zentrale Investition in diesen Bereich haben wir bereits vergangenes Jahr vorgenommen. Allerdings hatten wir jetzt die Zeit, das in Ruhe umzusetzen und alle Daten einzupflegen.
Ich habe die Zeit aber auch genutzt, um mir unser Energiemanagement und das Thema Photovoltaik anzuschauen. Ich habe mich gefragt, wie Energie, die nur zu bestimmten Zeiten verfügbar ist, sinnvoll genutzt werden kann. Wie lässt es sich sinnvoll managen, dass energieintensive Tätigkeiten genau dann stattfinden, wenn viel Energie anliegt. Dazu denke ich an ein Speichersystem, mit dessen Hilfe der Energiefluss vom Versorger auch bei Verbrauchsspitzen stabil gehalten werden kann. Mir geht es nicht nur darum, dass ich einen Cent pro Stunde verdiene, sondern dass es gesamtwirtschaftlich Sinn macht – denn je mehr der Versorger in die Stabilität seines Netzes investieren muss, desto teurer wird der Strom für alle.
In diesem Bereich ist tatsächlich ein größeres Projekt denkbar, inklusive einer Ladesäule für Elektrofahrzeuge, die es in Mockrehna bekanntlich nicht gibt.
 
Fahren Sie ein E-Auto?
Nein. Ich kann trotzdem nicht verstehen, dass die Infrastruktur nicht zumindest vorgerüstet wird. Klar werden wir in naher Zukunft nicht alle Elektro fahren. Aber die Autohersteller bauen doch und damit ist es absehbar, dass die Zahl dieser Fahrzeuge auf unseren Straßen steigen wird. Auf den Bahnhofsparkplatz gehört meiner Meinung nach eine E-Ladesäule. Ich verstehe nicht, warum man sich in einer so großen Gemeinde wie Mockrehna so dagegen sträubt. An den 10 bis 20 000 Euro wird es doch nicht liegen, schließlich geht es um etwas Dauerhaftes.
 
Wir haben jetzt über mehr Gelassenheit gesprochen, über den Mut, weniger zu arbeiten, über Patenschaften. Alles nicht unbedingt Themen, die von einer Unternehmerin zu erwarten sind. Ihr Ziel mit dem Unternehmen müsse doch sein …
… schöne Produkte zu fertigen …
 
… aber gleichzeitig doch sicher auch, um den einen oder anderen Euro zu verdienen.

Weil das so im Lehrbuch steht? Es geht nicht darum, immer mehr zu verdienen. Muss ich immer wachsen oder sind nicht die Qualität des Produkts und die Qualität der Arbeitsplätze wichtiger? Für jeden zusätzlichen Gewinn, den ich erwirtschafte, muss ich das Geld jemandem wegnehmen: dem Mitarbeiter, dem Staat, dem Lieferanten oder dem Kunden. Wenn ich jetzt aber einen fairen Preis mache, der für alle auskömmlich ist, dann habe ich das Geld, um meinen Kapitaldienst zu decken und auch für die Zukunft vorzusorgen. Aber ich brauche nicht so und so viel Gewinn, nur damit es schön ist. Was hab‘ ich denn davon?
 
Gegenfrage: Was treibt Sie an?
Ich führe ein Unternehmen, in dem mehrere Generationen immer wieder etwas geschaffen haben. Meine Aufgabe ist es, diese Werte zu erkennen, zu erhalten, weiterzuentwickeln, um es einmal weiterzugeben. Und das fordert: Da Entwicklungszyklen immer kürzer werden und Maschinen keine zwei Generationen, sondern nur noch 10 – 15 Jahre halten, viel Kreativität.
Ich biete werthaltige Produkte an, habe Spaß an der Arbeit und sehr nette Menschen im Team.

 

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