Mittwoch, 12. August 2020
Dienstag, 21. Juli 2020

TORGAU

"Mit Schimpfen schaffe ich keine Veränderung"

Knapp zwei Wochen ist Benjamin Rönsch noch Jungendreferent in Torgau. Danach zieht es ihn nach Wittenberg. Foto: TZ/Leukhardt

von unserem Redakteur Nick Leukhardt

Torgau. Jugendreferent Benjamin Rönsch im Gespräch über die Entwicklung der Jugendarbeit in der Region und die Perspektiven, die sich in der Zukunft bieten können.

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Zehn Jahre lang war Benjamin Rönsch in Torgau in der Jugendarbeit aktiv. Er realisierte Projekte, gründete Gruppen und leitete bis zum Schluss das Jugendcafé Blue Moon in der Puschkinstraße. Am Sonntag wurde der 38-Jährige nun offiziell aus seiner Pflicht enthoben und verabschiedet, zum Ende des Monats wechselt er seinen Arbeitsort und Lebensmittelpunkt von Torgau nach Wittenberg. Vor seinem endgültigen Abgang setzte sich die TZ noch einmal mit dem evangelischen Jugendreferenten zusammen und sprach mit ihm über die Entwicklung der Jugendarbeit in Torgau, die wachsende Kluft in der Gesellschaft und die Relevanz von Streetworkern.

TZ: Zehn Jahre lang waren Sie nun in Torgau als Jugendreferent aktiv und haben in dieser Zeit auch viel mitgemacht. Wie hat sich das Thema „Jugendarbeit“ in dieser Zeit verändert?
B. Rönsch:
Auf ganz vielen Ebenen, sowohl im Positiven als auch im Negativen. Wir haben in den letzten zehn Jahren viele Strukturen entstehen und wachsen sehen, die perfekt in die heutige Zeit passen. Da denke ich zum Beispiel an das Jugendteam, dass mit seiner flexiblen und zeitgemäßen Ausrichtung die Jugendlichen wunderbar abholt. Oder der Jugendstadtrat, der jetzt gerade mit ganz viel Engagement wiederbelebt wird. Negative Veränderung haben wir vor allem in der Schließung von Trägern gesehen. Das Kreativzentrum hier in der Puschkinstraße oder die AWO im Grünen Weg und wir selbst sind dabei nur einige Beispiele. So etwas ist immer bitter mit anzusehen, vor allem, weil sich bei solche Schließungen immer ähnliche Muster abzeichnen.

Die da wären?
Ganz einfach ausgedrückt: Es fehlt an Geld und Personal. Solchen Stellen mangelt es in den meisten Fällen an einer festen Personalstelle. Eben weil  sie nicht besetzt oder finanziert bekommen wird. So wird das ehrenamtliche Engagement ausgereizt bis zu dem Punkt, wo es einfach nicht mehr geht und dann muss ein Schlussstrich gezogen werden.

Oftmals fehlt es solchen Einrichtungen aber auch an der Nachfrage durch die Jugendlichen. Sind solche festen Institutionen  heutzutage dann nicht obsolet?
Nein, das denke ich nicht. Klar, eine Gruppe wie zum Beispiel das Jugendteam ist deutlich näher an den Jugendlichen und ihren Bedürfnissen dran als ein von älteren Leuten geführtes Jugendzentrum, sie ist flexibler und kann schneller reagieren und wird deswegen auch höher frequentiert. Trotzdem halte ich es für enorm wichtig, dass Jugendliche eine feste Institution als Anlaufpunkt haben, die ihnen Sicherheit und Stabilität bietet. Das muss nicht immer unbedingt ein ganz klassischer offener Treff sein, denn dort flaut die Nachfrage tatsächlich beständig weiter ab. Aber durch niederschwellige Projekte oder dergleichen kann man Jugendliche trotzdem auch in eher unflexibleren Strukturen erreichen. Im besten Fall gibt es eine enge Vernetzung zwischen allen Akteuren.

Sofern man sie überhaupt in die Einrichtung bekommt …
Ja, das stimmt und das ist tatsächlich auch ein Problem. Hier hatte ich große Hoffnungen in unseren Streetworker gesetzt, der die Jugendlichen eben direkt dort abgeholt hat, wo sie sich  aufgehalten haben.

Was sich dann ja als ein eher kurzes Kapitel herausstellte.
Ja, aber das lag nicht am Streetworker per se. Wir brauchen dringend wieder so eine Stelle, wenn nicht sogar mehrere. Für eine Person sind die Erwartungen an solch eine Stelle einfach zu hoch, eigentlich bräuchte man ein Team von zwei bis drei Streetworkern. Aber die zu finden, ist eben alles andere als einfach, schließlich ist die Stelle schon eine ganze Weile ausgeschrieben, ohne Erfolg.

Sobald in Torgau etwas Schlimmes, wie zum Beispiel Vandalismus im Strandbad, passiert, wird zuallererst auf die Jugend geschimpft. Diese könne sich nicht an Regeln halten und sei im Gegensatz zu früher sowieso total verkommen. Wie ist Ihre Einschätzung?
Wenn ich so etwas höre, sage ich immer „Jugend ist Jugend“. Vor zehn Jahren wurden auch schon Dinge kaputt gemacht. Natürlich ist es ärgerlich, wenn Sachen zerstört oder geklaut werden, aber da muss man sich immer fragen, warum das so ist. Torgau bietet Jugendlichen wenig Perspektiven und die Schere zwischen den verschiedenen Bildungsschichten wird immer größer. Jugendliche mit höherem Schulabschluss verlassen oft nach der Schule die Stadt, während Jugendliche mit einfachem bis keinem Schulabschluss bleiben und schauen müssen, wie sie hier klarkommen. Für sie ist der Einstieg in die Berufswelt enorm schwer. Wenn dann diese Perspektivlosigkeit, Langeweile und womöglich noch ein relativ leichter Zugang zu Drogen zusammenkommen, dann passieren eben schlimme Dinge.

Kann Jugendarbeit hier die Lösung sein?
Ich denke, nicht allein, denn das Problem ist struktureller Natur. Aber die Jugendarbeit kann Ansätze bieten, wenn auch nur eingeschränkt. Denn gerade die Jugendlichen, die für solche Probleme wie eben Vandalismus und Diebstahl sorgen, die erreicht man auch mit den klassischen Angeboten der Jugendarbeit nicht. Das mag nur ein kleiner Teil sein, aber der sticht dann trotzdem immer heraus.

Wie kann man dagegen also vorgehen?
Mit klassischer Streetwork zum Beispiel. Damit werden die Angebote zu den Jugendlichen gebracht, niedrigschwelliger geht es also kaum. Und ich halte, auch wenn diese Meinung kontrovers ist, faktisch eine erhöhte Polizeipräsenz für wichtig. Zwar löst natürlich auch die das Problem nicht komplett, aber so kann man den Jugendlichen demonstrieren, wie die Regeln sind und dass auch sie sich daran halten müssen.

Zwei Wochen sind  Sie noch in Torgau aktiv, danach geht es nach Wittenberg. Was würden Sie sich abschließend für die Elbestadt wünschen, damit die hiesige Jugendarbeit eine positive Zukunft hat?
Es fällt wirklich schwer, sich hier auf eine Sache festzulegen, denn Sozialarbeit ist wahnsinnig vielschichtig. Aber wenn ich mir eines aussuchen müsste, dann wäre es wahrscheinlich die Gründung eines Streetworkerteams. Das ist bestimmt nicht das objektiv Wichtigste, aber meines Erachtens ist es genau das, was Torgau jetzt gerade braucht. Mein allergrößter Wunsch ist aber, wenn ich auch mal ein bisschen utopisch denken darf, ein generelles Umdenken in der Gesellschaft. Weg vom Denken, dass sich nur um das eigene Wohl dreht, hin zu mehr gesellschaftlichem Engagement aller. Viele schimpfen über die Jugend, über die Jugendlichen. Mit Schimpfen allerdings  schaffe ich aber keine Veränderung, sondern nur, indem ich vorlebe und selbst anpacke, ganz nach dem Motto: Nicht meckern, sondern machen. Denn daran mangelt es heutzutage wirklich am meisten.


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