Mittwoch, 12. August 2020
Montag, 27. Juli 2020

TORGAU

1810 - Torgau ist Keimzelle einer neuen Weltmedizin

Das Ölgemälde wurde 1835 von Dr. Samuel Hahnemanns Ehefrau Mélanie gemalt. Foto: Privat

Von Siegfried Letzel

Torgau. Im letzten Teil der großen TZ-Serie beleuchtet Siegfried Letzel, wie die Homöopathie von Dr. Samuel Hahnemann sich in der Welt verbreitete.

Facebook Twitter WhatsApp Mail Drucken

„1810 – Torgau ist Keimzelle einer neuen Weltmedizin“. Das klingt recht übertrieben, ist es allerdings nicht. Die Homöopathie breitete sich von hier in recht kurzer Zeit über Deutschland, Frankreich, Europa, USA, Kanada, Brasilien, Indien aus und selbst in Hongkong gibt es heute eine sehr aktive Gruppe an Homöopathen. Homöopathie wurde wie selbstverständlich in Universitäten gelehrt und in großen Krankenhäusern praktiziert. Die Koexistenz mit der sogenannten Schulmedizin schwächte sich aber ab dem frühen 20. Jahrhundert zunehmend ab.

Trotz inzwischen qualitativ hochwertiger positiver Studien in der Grundlagenforschung, in klinischen Untersuchungen und sogenannten Outcome-Studien wird die Homöopathie aus Richtung der hochkommerzialisierten konventionellen Medizin hart angegriffen. Goliath drängt David mit mehr und weniger fairen Mitteln in eine Nische, in der sie allerdings durch ihre sanfte Effektivität durchhält und von Therapierenden, Ärzten und Patienten sehr geschätzt wird.

Wahrheit

Was aber hat es nun mit dem Jahre 1810 auf sich? Nun, die Forscherarbeit Dr. Samuel Hahnemanns während der Torgauer Zeit wird mit der Veröffentlichung seines „Organon der rationellen Heilkunde“ gekrönt. Er fasst dieses Ereignis mit folgenden Worten zusammen:

„Ich rechne mirs zur Ehre, in neuern Zeiten der einzige gewesen zu seyn, welcher eine ernstliche, redliche Revision der Heilkunst angestellt und die Folgen seiner Überzeugung theils in namenlosen, theils in namentlichen Schriften dem Auge der Welt vorgelegt hat. Bei diesen Untersuchungen fand ich den Weg zur Wahrheit, den ich allein gehen mußte, sehr weit von der allgemeinen Heerstraße der ärztlichen Observanz abgelegen. Je weiter ich von Wahrheit zu Wahrheit vorschritt, desto mehr entfernten sich meine Sätze, deren keinen ich ohne Erfahrungsüberzeugung gelten ließ, von dem alten Gebäude, was, aus Meinungen zusammengesetzt, sich nur noch aus Meinungen erhielt... Die Resultate meiner Überzeugungen liegen in diesem Buche.“

Im ersten Teil dieses Werkes stellte er der herkömmlichen Heilbehandlung seine neu gefundenen Heilregeln gegenüber und belegte seine Lehren mit zahlreichen Beispielen. Vor allem kritisierte er die palliativen Behandlungsansätze der bisherigen Medizin (contraria contrariis curentur). Seine, von ihm als ‚echter Heilweg‘ beschriebene Wahrheit lautete: „Wähle, um sanft, schnell und dauerhaft zu heilen in jedem Krankheitsfalle eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden vor sich erregen kann, als sie heilen soll (similia similibus curentur)!“

Diesen homöopathischen Heilweg lehrte bisher niemand. Zwar hatte Hippokrates lange zuvor geraten: „Durch Anwendung eben desselben, was die Krankheit hervorbringt, genest man auch wieder von der Krankheit.“ – was Hahnemann fairerweise auch zitierte – aber vor ihm hat niemand eine ‚Reine Arzneimittellehre‘ (Materia medica pura) erschaffen, die diese pathogenetischen Eigenschaften von Arzneisubstanzen beschreibt und sie nach diesem Prinzip anwendbar machte.

Hoher Verdienst

Um Hahnemanns Verdienst an dieser Erforschung einer ‚berechenbaren‘ Heilbehandlung Kranker korrekt zu würdigen möchte ich Dr. Richard Haehl, früherer Besitzer der meisten Hahnemannschen Handschriften, aus dessen Hahnemann-Biografie (1922) zitieren: „Die Wahrheit einer zuverlässigen naturgemäßen Heilmethode war von Urbeginn der Schöpfung und der Menschheit an vorhanden; die Homöopathie ist ein untrennbarer Bestandteil der Schöpfung selbst.

Diese Tatsache wurde schon im Altertum von hellen Geistern erkannt; sie ist, verschüttet unter den Trümmern der zusammengebrochenen griechischen Kultur, in die dunkelsten Ecken gefegt durch Roms kriegerische Weltmachtgelüste, völlig übersandet durch die sintflutartigen Sturzwellen der Völkerwanderung immer wieder bei diesem oder jenem erleuchteten Geiste zum Vorschein gekommen; sie hat also bis in die Zeit Hahnemanns selbst immer wieder einzelne Aufsehen erregende Heilerfolge gezeitigt; aber es waren und blieben immer nur Sonnenblicke durch den Jahrtausende alten Nebel der herkömmlichen Vorurteile und Lehrmeinungen, Einzelergebnisse ohne Zusammenhang und nähere Begründung, Augenblickseingebungen ohne ein auf Erfahrung gegründetes, wissenschaftliches Lehrgesetz.

Hahnemann fand in seiner großen umfassenden Belesenheit da und dort zerstreut die Goldkörner; er schürfte weiter, rastlos, mit fast leidenschaftlicher Selbstverleugnung und Aufopferung, und so stieß er endlich auf die volle Goldader im festen Quarz. Und dann begann seine eigentliche Arbeit, sein Lebenswerk: die bergmännische Erfassung und der planmäßige Abbau. Er stellte feste Wege her, führte nach seinem wohlüberlegten Plane die ganze Neuanlage aus, sie immer wieder erweiternd und festlegend und im Innern ausbessernd; und er wurde so tatsächlich der Schöpfer und Vater einer neuen Heilkunst, der Heilkunst der Homöopathie: das ist und bleibt sein Verdienst und sein kulturgeschichtlicher Ruhm, der ihm von niemand mehr geraubt und geschmälert werden kann.“

Kein Superman

Dr. Samuel Hahnemann war weder Heiliger, Prophet noch Superman. Aber er war ein brillanter Wissenschaftler, der souverän auf der Welle der Aufklärung surfte. Er veränderte unser Weltbild in vielen Facetten und hat damit bis auf den heutigen Tag Einfluss auf unser modernes Leben genommen.

Er hat beträchtlich dazu beigetragen, die Grundsteine der neu entstehenden Wissenschaften in ihren Mauern zu verankern. Er, der Übersetzer, Chemiker, Pharmazeut, Arzneikundige und Arzt hat sein Wissen zur Schaffung einer gesünderen Welt genutzt.

Es ist an uns, ob wir seiner Heilkunst offen gegenüberstehen oder nicht. Ihm dürfte es ziemlich egal sein. Für uns kann seine wissenschaftliche Arbeit jedoch beträchtlich zu einer verbesserten Lebensqualität beitragen. Vergessen wir nicht: Dieser Mann wurde 88 Jahre alt und betrieb bis kurz vor seinen Tod am 2. Juli 1843 eine überaus erfolgreiche Arztpraxis in Paris und er verbesserte und vervollständigte sein Organon der Heilkunst bis zu einer 6. Auflage, wofür er 1842 die letzten Worte schrieb – und selbst dabei deutet sich an, dass er noch nicht fertig war...

Fragen beantworten

Hiermit darf ich diese Artikelserie zu Samuel Hahnemann, für die ich der Torgauer Zeitung und der freundlichen und qualifizierten Unterstützung ihres Redakteurs Nick Leukhardt sehr dankbar bin, beenden. Bei Interesse können wir künftig vielleicht das Thema Homöopathie aufgreifen und auch Ihre Fragen dazu versuchen zu beantworten. Bis dahin bedanke ich mich für Ihr interessiertes Mitlesen. Hoffentlich hat es auch Ihnen Spaß gemacht. 

Ein 1976 entstandener Nachdruck von Samuel Hahnemanns eigener Ausgabe des „Organon der rationellen Heilkunde“. Auf den Seiten trug Hahnemann seine Anmerkungen ein, die er dann in seine zweite Auflage mit aufnahm.

 

Info:

Dr. Samuel Hahnemann und die von ihm ins Leben gerufene Heilkunde der Homöopathie sind ein wichtiger Teil von Torgaus Geschichte. Mehrere Jahre seines Lebens verbrachte er in der Elbestadt, verfasste hier zahlreiche Artikel über die Homöopathie und gab im Jahr 1810 auch die erste Ausgabe des „Organon“ heraus. In diesem hielt er die Prinzipien seiner neuen Heilmethode fest, das Werk ist heute in seiner erweiterten 6. Auflage auf jedem Schreibtisch eines Homöopathen zu finden.

Seit 2014 beherbergt Torgau außerdem den Verein „Internationales Hahnemann- Zentrum Torgau“, der das gleichnamige Zentrum in der Wintergrüne betreibt und dort in einer Ausstellung zahlreiche Exponate aus der Zeit Hahnemanns präsentiert.

Der Kurator dieser Ausstellung, Siegfried Letzel, wird Ihnen, liebe Leser, in den kommenden Wochen regelmäßig Geschichten aus dem Leben und Wirken Hahnemanns näherbringen und Sie so über die Geschichte der Homöopathie und damit auch die Geschichte Torgaus, aufklären. Letzel ist Bachelor of Science in Biologie, nicht mehr praktizierender Heilpraktiker und war Mitglied der  Gründungsredaktion der heute am mit 65 000 Abonnenten am weitesten verbreiteten Homöopathiezeitschrift „Homeopathy4Everyone“.


Das könnte Sie auch interessieren

TZ-ePaper

ePaper lesen

Lesen Sie das ePaper der Torgauer Zeitung bequem zu Haus oder unterwegs.

Jetzt 14 Tage lang unverbindlich testen!

 
Sommerakademie 2020: Mehr Umsatz leicht gemacht
24.08.2020, 08:00 Uhr - 25.08.2020, 14:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Fit am Telefon
25.08.2020, 08:00 Uhr - 26.08.2020, 15:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Crashkurs Arbeitsrecht von A-Z
25.08.2020, 17:00 Uhr - 26.08.2020, 20:15 Uhr
Sommerakademie 2020: Mehr Umsatz leicht gemacht
26.08.2020, 09:00 Uhr - 14:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Crashkurs Umsatzsteuer
26.08.2020, 15:30 Uhr - 19:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Business-Knigge
27.08.2020, 08:00 Uhr - 16:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Crashkurs Buchführung
27.08.2020, 08:00 Uhr - 28.08.2020, 15:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Das Schiff richtig steuern
28.08.2020, 08:00 Uhr - 12:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Betriebsprüfung im Lohn
31.08.2020, 16:00 Uhr - 18:00 Uhr
ÖPNV-Mobilitätsangebote für Unternehmen
01.09.2020, 14:00 Uhr - 17:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
02.09.2020, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
5G Roadshow – 1. IHK-Mobilfunkforum
02.09.2020, 13:30 Uhr - 17:00 Uhr
Gründerabend
16.09.2020, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Die Jagd nach dem Geld
17.09.2020, 13:00 Uhr - 15:00 Uhr
Spezielle Anforderungen der Funkanlagen-Richtlinie
05.10.2020, 14:00 Uhr - 15:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
07.10.2020, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
14.10.2020, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
04.11.2020, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
11.11.2020, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
ÖPNV-Mobilitätsangebote für Unternehmen
01.12.2020, 14:00 Uhr - 17:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
02.12.2020, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
09.12.2020, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr

Weitere Veranstaltungen unter:
www.leipzig.ihk.de
 

Aktuelle Bildergalerien

AKTIONEN

epaper

TZ-Probelesen

Torgau-Plus

Wanderführer

Feste und Gäste

INFOS & EMPFEHLUNGEN

laga