Mittwoch, 12. August 2020
Dienstag, 28. Juli 2020

TORGAU

"Ohne Corona würden wir jetzt wahrscheinlich auf dem Zahnfleisch kriechen"

Aus insgesamt sechs Musikern besteht die Band „100 Kilo Herz“: Rodi (Gesang/Bass), Falk (Drums), Flecki (Trompete), Claas (Saxophon), Marco (Gitarre) und Clemens (Gitarre). Foto: Michael Bomke

von unserem Redakteur Nick Leukhardt

Torgau. Clemens und Rodi von „100 Kilo Herz“ im Interview zum neuen Album „Stadt, Land, Flucht“, den Pandemie-Auswirkungen darauf und die schleichende Entwicklung der Punkband mit Bläsern.

Facebook Twitter WhatsApp Mail Drucken

Ihr Debüt-Album „Weit weg von Zuhause“ war vor zwei Jahren ein echter Szene-Hit, verkaufte sich wie geschnitten Brot und sorgte letztes Jahr auch in Torgau für einen prall gefüllten Torgauer Brückenkopf. Die Rede ist von „100 Kilo Herz“, einer Leipziger Band mit Wurzeln in der sächsischen Provinz, die ihre politischen Texte mit einer gehörigen Portion traditionellem Punkrock und mit eingängiger Blasmusik garnieren. Ihr zweites Album „Stadt, Land, Flucht“ steht bereits in den Startlöchern und ist ab dem 7. August überall verfügbar. Im Vorfeld des Releases kam die TZ mit Gitarrist Clemens und Sänger Rodi zusammen, um über  den Fluch und Segen von Corona, das Erwachsenwerden und das Abnabeln von der provinziellen Heimat zu sprechen.

Hallo Clemens, hallo Rodi, wie geht es Euch jetzt, zwei Wochen vor Eurem  Album-Release?
Clemens:
Einfach nur aufgeregt. Es fühlt sich gerade alles irgendwie surreal an und ich kann es kaum noch abwarten, bis unser neues Album auf die Leute losgelassen wird.

Rodi: Bei mir steht im Moment vor allem Stress an. Ich bin voll damit beschäftigt, die kleinen Texte, die wir unseren Deluxe-Boxen beilegen, zu schreiben. Das sollen insgesamt 300 Stück werden, eine Menge Arbeit also.

Eine Menge Arbeit liegt ja nicht nur vor Euch, sondern ja in erster Linie auch hinter Euch. Das neue Album ist fertig und steht in den Startlöchern. War es denn Zufall, dass es gerade jetzt, wo Ihr sowieso keine Konzerte spielen könnt, kommt?
Clemens:
Ja, das war es tatsächlich. Der Plan, unser neues Album aufzunehmen und dann am 7. August zu veröffentlichen wurde schon gemacht, da wusste man noch überhaupt nichts von Corona.

Rodi: Auch die Aufnahmen wurden vor dem großen Lockdown aufgezeichnet. Anfang Januar waren wir für zwei Wochen dafür im Studio.

Hatte denn Corona dann überhaupt einen Einfluss auf die Arbeit am Album?
Clemens:
Indirekt. Also bei der Produktion selbst nicht, da die, wie Rodi schon sagte, bereits vor Beginn des Lockdowns passierte. Aber Corona hatte insofern Einfluss, dass wir ein bisschen geschont wurden. Denn eigentlich wären von März bis Mai jede Menge Konzerte und im Sommer dann viele Festivals geplant gewesen, nebenher hätten wir dann noch am Album arbeiten und unseren eigentlichen Jobs nachgehen müssen. Ohne Corona und die dadurch abgesagten Konzerte würden wir jetzt wahrscheinlich nur noch auf dem Zahnfleisch kriechen.

Bald habt Ihr es ja geschafft und steht dann sogar wieder auf der Bühne. Am 7. und 8. August feiert Ihr in Leipzig vor jeweils über 250 Leuten eure Release-Party, wie geht es dann mit den Live-Shows bei Euch weiter?
Clemens: Das muss man sehen. Im Moment hangeln wir uns von Woche zu Woche und schauen, was geht und was nicht. Vieles passiert im Moment spontan, da man als Künstler kaum planen kann. Da ruft dann einfach ein Festival-Planer an und fragt, ob man nicht in zwei Wochen dort und dort spielen möchte. Und dann hofft man, dass das Konzert nicht doch noch abgesagt wird.

 

Sänger Rodi und Gitarrist Clemens standen der Torgauer Zeitung im Interview Rede und Antwort.
Foto: privat

 

Und nichtsdestotrotz versucht Ihr, obwohl live gerade kaum etwas geht, den Kontakt zu Euren Fans nicht zu verlieren. Eure Facebook-Seite steht in den letzten Wochen kaum still, fast so, als würdet Ihr richtig professionelle Promo für das Album betreiben. Fühlt sich das ganze Projekt jetzt, im Gegensatz zu Eurer ersten Platte vor zwei Jahren, auch professioneller an?
Rodi:
Also, wenn ich ehrlich sein soll, eigentlich nicht. Auch wenn das immer wieder Leute überrascht, wir machen das Ganze nach wie vor nebenher, haben unter der Woche noch richtige Jobs und albern dann eben nach Feierabend oder am Wochenende im Proberaum oder auf der Bühne herum.

Also ist die Musik für Euch nach wie vor nur Hobby?
Clemens:
Ja, auf jeden Fall. Ich habe mal ein Zitat gehört, dass an dieser Stelle wunderbar passt: Solange man Geld hineinsteckt, ist es ein Hobby, solange Geld herauskommt, ist es ein Beruf. Und in dieser Hinsicht ist es für uns nach wie vor ganz klar ein Hobby.

Für Eure Produktion habt Ihr Euch trotzdem niemand Geringeres als Kurt Ebelhäuser in seinem Koblenzer Tonstudio45 mit ins Boot geholt.
(In dem Studio nahmen unter anderem schon Szenegrößen wie die Donots, Adam Angst oder Pascow ihre Alben auf; Anm. d. Red.).
Wie kam es denn dazu?
Clemens:
Wir haben uns einfach ein bisschen umgesehen, welche Produzenten und Studios uns zusagen und bei welchen es für uns auch machbar wäre. Da sind wir dann auch ein bisschen nach unseren Lieblingsplatten gegangen. Wir haben dann einfach angefragt und dann hat das geklappt.

Und finanziell habt Ihr das auch einfach hinbekommen? Eine Produktion in einem so namhaften Studio ist doch bestimmt nicht gerade billig?
Clemens (lacht):
Ja, das stimmt allerdings. Wir hatten da vorher überhaupt keine Vorstellung und haben   bei dem Angebot wirklich große Augen bekommen. Aber dank der staatlichen Kulturförderung der Initiative Musik, die uns bei der Produktion unterstützen, konnten wir unser Album dann bei Kurt in Koblenz aufnehmen.

Was dabei rausgekommen ist, werden wir dann in voller Länge in zwei Wochen zu hören bekommen. Vorab gefragt: Was macht die neue Platte für Euch zu etwas Besonderem?
Rodi:
Ich finde, sie ist erwachsener als unser Debütalbum zuvor. Vor allem inhaltlich. Wir beleuchten jetzt nicht mehr nur unsere kleinen, persönlichen Themen, sondern öffnen den Blick und setzen uns auch mit größeren Dingen auseinander. Während bei der letzten Platte noch alle Songs eine politische Botschaft haben, geht es jetzt auch mal um andere Dinge.

Passierte diese Entwicklung bewusst?
Rodi:
Nein, ich denke nicht. Wir sind eben einfach erwachsener geworden, obwohl wir bei der letzten Platte auch schon Ende 20 waren. Aber jetzt haben wir alle die 30 überschritten und damit hat sich auch der Fokus einfach verändert.

Clemens: Ein Stück weit haben wir aber trotzdem versucht, uns im Gegensatz zum letzten Album zu entwickeln. Denn jetzt haben wir noch die Chance, unseren eigenen Stil zu definieren und auch mal aus Mustern auszubrechen. Hätten wir unsere zweite Platte genau so gemacht wie die erste, dann wären wir nahezu schon festgefahren und hätten uns nur schwer von dem Gewohnten lösen können.

Apropos lösen. Sowohl der neue Fokus auf die größeren Themen als auch der Album-Titel „Stadt, Land, Flucht“ selbst lassen ja vermuten, dass Ihr mit der Provinz abgeschlossen habt. Ist das so? Habt Ihr Euch abgenabelt?
Clemens:
Nein. Und das geht auch gar nicht so einfach, schließlich sind unsere Verbindungen in die Dörfer durch Freunde und Verwandte nach wie vor da und auch die Erinnerungen an unsere Kindheit und Jugend haben wir ja. Abnabeln können und wollen wir uns nicht. Aber trotzdem haben wir uns und damit auch unsere Musik weiterentwickelt.

Wie geht diese Entwicklung denn weiter? Habt Ihr vor, aus dem Hobby in naher Zukunft einen Beruf zu machen?
Clemens:
Das können wir beim besten Willen nicht sagen. Einen Masterplan gibt es nicht, erst recht jetzt nicht in diesen Corona-Zeiten. Wie auch schon in den letzten Jahren lassen wir es einfach auf uns zukommen. Wenn es klappt, super, wenn nicht, dann ist es auch nicht so schlimm.

Und nun noch die wichtigste Frage zum Schluss: Wann kommt Ihr wieder in den Brückenkopf?
Clemens:
Ich fürchte, das wird noch eine ganze Weile dauern. Zumindest in diesem Jahr – und eigentlich auch im nächsten Jahr – ist kein Konzert im guten, alten Torgau geplant. Auch wenn ich persönlich mal wieder richtig Bock auf Brückenkopf hätte. Aber wer weiß, vielleicht ergibt sich ja doch noch was …


Das könnte Sie auch interessieren

TZ-ePaper

ePaper lesen

Lesen Sie das ePaper der Torgauer Zeitung bequem zu Haus oder unterwegs.

Jetzt 14 Tage lang unverbindlich testen!

 
Sommerakademie 2020: Mehr Umsatz leicht gemacht
24.08.2020, 08:00 Uhr - 25.08.2020, 14:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Fit am Telefon
25.08.2020, 08:00 Uhr - 26.08.2020, 15:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Crashkurs Arbeitsrecht von A-Z
25.08.2020, 17:00 Uhr - 26.08.2020, 20:15 Uhr
Sommerakademie 2020: Mehr Umsatz leicht gemacht
26.08.2020, 09:00 Uhr - 14:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Crashkurs Umsatzsteuer
26.08.2020, 15:30 Uhr - 19:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Business-Knigge
27.08.2020, 08:00 Uhr - 16:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Crashkurs Buchführung
27.08.2020, 08:00 Uhr - 28.08.2020, 15:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Das Schiff richtig steuern
28.08.2020, 08:00 Uhr - 12:00 Uhr
Sommerakademie 2020: Betriebsprüfung im Lohn
31.08.2020, 16:00 Uhr - 18:00 Uhr
ÖPNV-Mobilitätsangebote für Unternehmen
01.09.2020, 14:00 Uhr - 17:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
02.09.2020, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
5G Roadshow – 1. IHK-Mobilfunkforum
02.09.2020, 13:30 Uhr - 17:00 Uhr
Gründerabend
16.09.2020, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Die Jagd nach dem Geld
17.09.2020, 13:00 Uhr - 15:00 Uhr
Spezielle Anforderungen der Funkanlagen-Richtlinie
05.10.2020, 14:00 Uhr - 15:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
07.10.2020, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
14.10.2020, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
04.11.2020, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
11.11.2020, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
ÖPNV-Mobilitätsangebote für Unternehmen
01.12.2020, 14:00 Uhr - 17:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
02.12.2020, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
09.12.2020, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr

Weitere Veranstaltungen unter:
www.leipzig.ihk.de
 

Aktuelle Bildergalerien

AKTIONEN

epaper

TZ-Probelesen

Torgau-Plus

Wanderführer

Feste und Gäste

INFOS & EMPFEHLUNGEN

laga