Sonntag, 20. September 2020
Freitag, 21. August 2020

OSTELBIEN

"Noch nie in dem Ausmaß"

Remo Springer mit der Karte, die die vier Einsatzabschnitte im Wald bei Beilrode zeigt. Foto: Nico Wendt

von unserem Redakteur Nico Wendt

Beilrode. Am Samstag vor 14 Tagen kam es zum größten Waldbrand in der Region seit 20 Jahren. Mit etwas zeitlichem Abstand blickt der stellvertretende Beilroder Gemeindewehrleiter Remo Springer auf das Ereignis zurück. 

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Beilrode. Am Samstag vor 14 Tagen kam es zum größten Waldbrand in der Region seit 20 Jahren. Mit etwas zeitlichem Abstand blickt der stellvertretende Beilroder Gemeindewehrleiter Remo Springer auf das Ereignis zurück und gibt über bislang unveröffentlichte Details Auskunft. 

 

TZ: Herr Springer, es geisterten sehr unterschiedliche Zahlen durch die Medien. Von bis zu 40 Hektar war die Rede. Welche Dimension hatte der Waldbrand denn nun wirklich?

R. Springer: Wir haben die privaten Waldbesitzer und den Staatsbetrieb Sachsenforst um eine Einschätzung gebeten. Im Ergebnis lässt sich sagen, dass rund 17 Hektar Waldfläche vernichtet wurden. Die Einsatzstelle umfasste rund 30 Hektar mit Aufstellungsflächen und Rückhalteräumen. Es ist uns zum Glück gelungen, ein weiteres Ausbreiten der Flammen zu verhindern. 

 

Dank eines stattlichen Aufgebotes an Feuerwehren! 

Ja und da möchte ich gleich die Gelegenheit nutzen, ein riesiges Dankeschön an alle Helfer zu richten. An die Kameraden der Feuerwehren, die unermüdlich gekämpft haben. An die Landwirte, die Technik und Wasser zur Verfügung stellten. An die Hilfsorganisationen, die die Versorgung absicherten. Aber auch an Bürger, die spontan Essen und Getränke vorbei brachten und Freiwillige, die uns zum Beispiel das Gerätehaus sauber hielten. Ein großes Lob an alle. Die Zusammenarbeit von Feuerwehren, Einsatzleitung und Hilfsorganisationen hat hervorragend und ohne Probleme geklappt. 

 

Gab es mal eine gemeinsame Übung, bei der genau diese Abläufe trainiert wurden?

Der Landkreis hatte 2018 auf dem Truppenübungsplatz Annaburger Heide eine Waldbrandübung organisiert. Das war eben geplant. Aber beim Ernstfall am 8. August  stellte sich die Situation doch komplett anders dar. Als großen Vorteil konnten wir daraus ziehen, dass wir über die Waldbrand-Tanker des Katastrophenschutzes genaue Kenntnis hatten und diese schnell aktivierten konnten. 

 

Was war denn anders?

Die Einsatz- und Führungsstrukturen gestalteten sich völlig anders. Wir wurden als Orts- und Gemeindefeuerwehren alarmiert. Dann kamen viele weitere Wehren hinzu und der Stab der Kreisbrandmeister unterstützte die Einsatzleitung abwechselnd. Aus meiner Sicht funktionierte das gut. 

 

Wo lag die größte Herausforderung bei diesem Waldbrand?

Problem war, dass sich das Brand-Geschehen über die ganze Bahnstrecke von sieben bis neun Kilometern zog – von der Elbwiese bei Torgau bis nach Rehfeld. Es gab unzählige kleine Brände, die sich in die Felder fraßen oder an Grundstücke heran reichten. Ursache war ein Heißläufer der Bahn – also eine blockierte Bremse an einem Rad, die den Funkenflug auslöste. 

 

Konnte man den betreffenden Zug feststellen?

Ja. Wie ich gehört habe, handelte es sich um einen Güterzug eines privaten Schienentransportunternehmens. Er wurde dann gestoppt. 

 

Ahnten Sie schon bei der Alarmierung, was da auf Sie zukommt? 

Nein. Es war ein Bahndammbrand im Schienenweg in Beilrode in der Nähe des Flugplatzes gemeldet. Wir haben dann unser Löschfahrzeug in Richtung Kreischau geschickt, weil dort die größte Rauchentwicklung auftrat. Unser Tanker ist in Richtung Wald gefahren, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen. Wir haben schnell erkannt, dass die Sache umfangreicher wird und sofortige Nachalarmierungen veranlasst. Ausgerückt waren wir anfangs mit 18 Kameraden. Das Zusammenspiel mit der Leitstelle hat meines Erachtens gut geklappt. 

Wissen Sie, wie viele Brandstellen sie genau löschen mussten?

Die kleinen Flächen will ich hier nicht aufzählen. Im Verlauf des Einsatzes kristallisierten sich vier große Brandstellen heraus – die dann auch in vier Abschnitte unterteilt wurden. Zwei im Bereich des Triftweges nördlich der Bahn, zwei in der Falkenstruth. Hier hatte das Feuer jeweils auf den Wald übergegriffen. In Richtung Rehfeld auf brandenburger Seite waren schon die Wehren aus dem Bereich Falkenberg/E. und Uebigau aktiv, die uns später unterstützten. 

 

Die Alarmierung erfolgte kurz nach 12.30 Uhr am Sonnabend: Bis wann waren die Brände vollständig gelöscht?

Auch Dank des einsetzenden Regens bis Montag früh. Es gab aber immer noch Glutnester bis zu 40 Zentimeter tief im Boden, die bekämpft werden mussten. Vier Tanklöschfahrzeuge waren im Pendelverkehr bis Mittwochabend aktiv. Am Sonntag darauf gab es nochmal eine Alarmierung, weil eine neue Rauchentwicklung auftrat. 

 

Können Sie konkrete Zahlen nennen, wie viele Kameraden mitwirkten?

Entsprechend einer Auflistung waren 495 Kameraden von 75 Feuerwehren aus drei Bundesländern (Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg) beteiligt, dazu drei Einsatzzüge der Hilfsorganisationen zur Essensversorgung und zur Absicherung der Ersten Hilfe. Die Kräfte waren nicht alle gleichzeitig im Einsatz, sondern wurden regelmäßig abgelöst. 

 

Gab es Verletzte?

Leider ja. Bei der Verpuffung einer Gasflasche wurden zwei Helfer des DRK leicht verletzt. Später  meldeten sich dann viele mit Hautreizungen. Die Anfangsdiagnose lautete Biss durch Sandflöhe, später machte ein Hautarzt den Kiefern-Prozessionsspinner dafür verantwortlich. 70 bis 75 Personen waren betroffen. Feuerwehrleute, die noch Symptome haben, sollten sich behandeln lassen. 

 

Wie wurde bei der Brandbekämpfung vorgegangen?

Wir hatten zeitweise bis zu 35 Tanklöschfahrzeuge im Einsatz. Dazu kamen zwei Hubschrauber mit Packs, die jeweils zwei Tonnen Wasser fassen sowie zwei Wechsellader der Dommitzscher und Oschatzer Wehr mit jeweils 10 000 Liter Wasser an Bord. Ein Highlight war auch der ZT 300 der Authausener Wehr mit 10 000 Liter Wasser-Fass. Dazu unterstützten uns die Landwirte mit Traktoren, Lkw´s und Wasser-Tanks. Insgesamt kamen rund 400 Schläuche zur Anwendung. Die Tanker nutzten zwei Hydranten am Beilroder Gerätehaus und in der Falkenstruth sowie zwei weitere Flachspiegelsaugbrunnen und stellten einen Pendelverkehr her. Hier auch ein Dankeschön an die Einwohner für das Verständnis, denn die Fahrzeuge rollten pausenlos. Im Wald selbst wurden zwei Entnahmestellen genutzt und durch „lange Wegstrecke“ per Schlauch überbrückt. Es gelang uns, einen gefürchteten Wipfelbrand zu verhindern und das Feuer weitgehend am Boden zu halten. 

 

Wo sehen Sie im Rückblick Defizite bei der Brandbekämpfung?

Ein Manko war, dass es im Wald zu wenig Löschwasser-Entnahmestellen gibt. Auch mit der Erreichbarkeit gab es Probleme. Fahrzeuge, die nicht geländegängig sind, hatten auf den sandigen Böden keine Chance. Eine Brandschneise an den Gleisen ist zwar vorhanden, aber schlecht gepflegt und teilweise zugewachsen, so dass die Flammen übergreifen konnten. Der ursprüngliche Weg am Bahndamm zwischen Beilrode und Wald (ehemals Kirschallee) ist nur noch zur Hälfte da. Die Landwirte haben bis an die Bahnstrecke  heran geackert, so dass man nicht mehr an den Bahndamm kommt. Schwierig könnte auch noch die Frage der Finanzierung werden. Wir hatten ja zum Beispiel Lösch- und Räumpanzer einer privaten Firma aus Stendal im Einsatz. Ich hoffe, dass es für die Kosten eine Lösung gibt. Beeindruckt bin ich immer noch von der geballten Schlagkraft, die aufgeboten wurden und vom guten Zusammenspiel der Feuerwehren. Hier zeigte sich echte Kameradschaft. Es rückten auch zwei Tanklöschfahrzeuge aus der Stadt Leipzig und ein Löschzug mit sieben Fahrzeugen aus dem Landkreis Leipziger Land an. 

 

Bestens gepasst hat der Fakt, dass die Gemeinde Beilrode gerade erst Verträge zur länderübergreifenden Zusammenarbeit mit Kommunen in Sachsen-Anhalt und Brandenburg geschlossen hatte! 

Ja das war prima. Wir hatten die Kräfte völlig problemlos zur Seite. Es bleibt mir nur, mein Dankeschön an alle nochmal zu wiederholen. Natürlich war es auch ein bisschen Glück, dass das Feuer gerade zum Wochenende und in der Urlaubszeit auftrat, so dass viele Kameraden zur Verfügung standen. Gut war auch, dass die Getreidefelder abgeerntet sind. 

 

Treten solche Vorfälle mit Heißläufern der Bahn in der Region häufig auf?

Ja das hatten wir in der jüngeren Vergangenheit schon öfter, aber nicht in dem Ausmaß. Zuletzt brannten am 8. April rund 1000 Quadratmeter Bahndamm.


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