Sonntag, 25. Oktober 2020
Montag, 21. September 2020

TORGAU

Werbung für einen Funkmast versus dörfliches Schönheitsideal

Steffen Branse (stehend) erläutert das geplante Bauvorhaben für einen Funkmast. Foto: Thomas Keil

von unserem Volontär Thomas Keil

Graditz. Vor einer Woche informierte die Deutsche Funkturm GmbH die Graditzer über den in ihrer Ortslage geplanten Funkmast. Dabei entwickelte sich die Diskussion doch anders als erwartet.

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Gemeinsam wollte man eine Lösung finden. Deshalb trafen sich am Montag Graditzer Bürger, nordsächsische Politiker und zwei Vertreter der Deutschen Funkturm GmbH in Graditz im Gemeindezentrum zu einem Informationsabend. Thema: Ausbau des Funknetzes im Bereich um Graditz. Dazu will die Deutsche Funkturm GmbH im Dorf einen neuen Funkmast errichten.

Die Versammlung
Eigentlich waren die Erwartungen Steffen Branses von der Deutsche Funkturm hinsichtlich des Besucherzuspruchs niedrig, doch mit Veranstaltungsbeginn hatten sich tatsächlich insgesamt circa 30 Personen im Gemeindezentrum eingefunden. Normalerweise passen diese alle in den großen Besprechungsraum, doch durch die Abstandsregeln mussten acht Besucher im Flur Platz nehmen.
Als Politker waren Torgaus Oberbürgermeisterin Romina Bart, Stadtrat Henry Goldammer, die Sächsische CDU-Landtagsabgeordnete Dr. Christiane Schenderlein, der AfD-Kreistagsabgeordnete René Bochmann und der Graditzer Ortsvorsteher Nico Dolatkiewicz anwesend.
Für einen geordneten Ablauf sollte Sebastian Stöber als Moderator sorgen.

Selbst auf dem Flur saßen interessierte Bürger.

Am Anfang etwas Theorie
Zu Beginn erläuterte Steffen Branse in einem fünfundzwanzigminütigen Vortrag die technischen Grundlagen des Mobilfunks und damit der Masten, die rechtlichen Rahmenbedingungen zur Auslegung eines Funkmastes und die zu erwartenden Empfangsqualiäten im Ostelbischen durch den neuen Mast. Insbesondere mögliche Fragen zum ominösen 5G erstickte er schon hier im Keim. „Der Mast wird 2G- und 4G-Techologie enthalten. Zusätzlich ist er 5G-ready“, sagte Steffen Branse. Bei Bedarf könne 5G jederzeit per Software-Update eingespielt werden. „Grundsätzlich funken die Antennen im Frequenzband von 700 bis 3800 Megahertz. Dabei ist es egal, ob GSM, LTE oder 5G gewünscht ist – alle Techniken sind auf allen Frequenzen möglich“, führte Steffen Branse sehr deutlich aus. So sei die heiß diskutierte 5G-Technologie auch mit 700 Megahertz machbar und das gute, alte GSM, also 2G, auch bei 3800 Megahertz.
Danach folgte die Diskussion mit einer Vielzahl der Wortmeldungen aus dem Publikum.

Des Pudels Kern
Die Grundsatzfrage der Dorfbewohner lautete: Verbesserter Empfang ist schön und gut, aber muss man dafür die Dorfansicht verschandeln? „Ja, wenn man funktechnisch das Optimum möchte“, lautete darauf Steffen Branses ebenso grundsätzliche Antwort. Er bekomme von seinen Auftraggebern, den Mobilfunkanbietern, Suchkreise vorgegeben. Dieser umfasse in Graditz eben genau die Ortslage. „Wenn es eine Lücke zwischen den Funkzellen gibt, dann ist der beste Standort für einen neuen Funkmast im Mittelpunkt der Lücke“, begründete Steffen Branse die Standortwahl. Außerdem müsse der Mast erreichbar und dort wenigstens eine Stromleitung vorhanden sein. „Die Internetanbinung kann auch via Richtfunk zu einem anderen Funkmast erfolgen“, stellte er klar.

Vorteile des Mastes
Verbesserter Empfang im Dorf, geringerer Akkuverbrauch wegen geringerer Sendeleistung des Telefons und Abdeckung der Zufahrtsstraßen, vor allem der B183, mit Handynetz – das waren Steffen Branses Argumente für den geplanten Mast. „Naja, mein Akku hält auch jetzt schon bis abends durch“, entkräftete ein Anwohner die Prämisse mit dem Stromverbrauch.

Alternativen und Hausaufgaben
Unisono forderten die Graditzer zu wissen, welche alternativen Standorte es gäbe. „Müssen wir gucken“, meinte Steffen Branse lapidar. Das war ein Fehler. Nun schlug Sophia Noacks Stunde: „Aber genau das war doch Ihre Hausaufgabe, die Sie vor einigen Wochen beim Treffen mit der Bürgermeisterin aufbekamen.“ Mit offenem Mund auf ihrem Stuhl sitzend, stand der Ortschaftsrätin die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. Ortschaftsrätin Kathrin Schneider hätte ihm nun am liebsten eine Sechs als Note gegeben.

Meist ruhig, aber gestenreich: Steffen Branse argumentiert.

Stemmers Mast
Von den Dorfbewohnern wurde der nur circa anderthalb Kilometer entfernte Funkmast auf dem Gelände des Landwirtschaftsbetriebs Stemmer in Beilrode ins Spiel gebracht. „Kann man den nicht aufrüsten?“, lautete immer wieder die Frage. „Beilrode? Das ist erstens zu weit weg und zweitens ist der Mast nicht tragfähig genug für weitere Antennen“, antwortete Steffen Branse. „Dann ertüchtigt den Mast halt in Sachen Statik“, scholl es ihm aus dem Publikum entgegen. Auch das Argument der Entfernung wollten die Graditzer nicht gelten lassen. Zumal sie nicht den Mast direkt in Beilrode meinten, sondern den südlich an der Einmündung der Straße nach Eulenau in die Graditzer Straße, also quasi am Kuhstall. Die Bürger bewiesen mit ihrer Idee sogar Weitsicht im Sinne der Funkturm GmbH, die schließlich vor allem Lücken auf Verkehrswegen, wie zum Beispiel Bundesstraßen, abdecken will. „Dort wäre der Funkmast doch top – er stört nicht und deckt gleich noch die kommende Ortsumgehung ab, die zwischen Graditz und Beilrode verlaufen soll“, so die Graditzer. Nun riss Steffen Branse der bis dato sorgsam gepflegte Geduldsfaden kurzzeitig und er erinnerte an solch „zügig“ umgesetzte Vorhaben wie die B87n oder auch den Flughafen BER. Dennoch verfehlte das Insistieren auf dem Stemmerschen Mast seine Wirkung nicht. Wieder sachlich versprach er: „Ich nehme das mit. Wir werden das prüfen“. Weiterhin zeigte er Verständnis für das Unverständnis der Bürger hinsichtlich der harten Standortvorgaben und lud Interessenten gerne ein, die Standortplanung einmal selbst in Leipzig zu besichtigen.

Ein bißchen Politik
Mehr Bürgerbeteiligung bei solchen Infrastrukturprojekten – das war der Wunsch der Graditzer an die Politik. „Wir fragen bei der Kommune an“, so Steffen Branse. Weitere Pflichten gebe es nicht. „Solche Anfragen gehen fast täglich bei uns ein“, antwortete Barth und sah hier wiederum den Investor in der Pflicht. „Die Kommune entscheidet das über das Baurrecht – mehr ist es nicht“, erläuterte schließlich Christiane Schenderlein. Was sie aber nach Dresden mitnehme, sei der Wunsch, dass die Bürger frühzeitig eingebunden werden wollen.

Finale Furioso
Gerade als die Veranstaltung einigermaßen versöhnlich zu Ende zu gehen schien, meldete sich Steffen Branses Kollege Sören Rost zur Wort. Er verhandelt die Mietverträge für die Funkmast-Standorte mit den Grundstückseigentümern. Aus ihm brach nach anderthalb Stunden aller Frust heraus – erst habe der angefragte Gundstücksbesitzer ewig nicht geantwortet, dann nicht zugestimmt und zu guter Letzt sei ihm ein sogenanntes Hubschraubergrundstück (nur durch die Luft erreichbar) vorgeschlagen worden. „Ich will nicht streiten“, machte er klar. Der vorgegebene funktechnische Suchkreis sei einfach zu klein. Außerdem habe man doch einen staatlichen Versorgungsauftrag. Eigentlich hätte er das so stehen lassen können, vielleicht sogar etwas Mitleid bekommen. Doch Eins musste noch raus: „Ich alter Sack habe zwei Kinder. Ich muss hier nicht sitzen“, ordnete er die Veranstaltung offenbar anders ein, als die übrigen im Raum. Punkte hat er damit wohl keine gesammelt.


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