Sonntag, 25. Oktober 2020
Freitag, 25. September 2020

TORGAU

Den "Vergessenen Schatz" ans Licht geholt

Sammler Chagas Freitas in seiner Wohnung in Brasilia im Gespra¨ch mit Regisseur Tom Ehrhardt. Foto: Gustavo Hiroyuki Almeida

von unserem Redakteur Nick Leukhardt

Torgau. Kulturbastion zeigt einen Dokumentarfilm über Brasilianer, der über 1500 nonkonforme Bilder aus der DDR sein Eigen nennt.

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1500 abstrakte Bilder  aus einer Zeit, in der es eigentlich nur eine einzige erlaubte Stilrichtung gab: den sozialistischen Realismus. Ein geheimer Ort in Brasilia, an dem diese lagern. Und ein Mann, der diese ohne große Ahnung einfach gekauft hat und sie seitdem hütet wie seinen Augapfel. Das klingt wie eine völlig verrückte Story direkt aus Hollywood, ist aber eine wahre Geschichte. Und zwar die des brasilianischen Diplomaten Chagas Freitas. Dieser besitzt nicht nur die weltweit größte private Sammlung nonkonformer DDR-Kunst, sondern wurde wegen eben dieser jüngst auch von dem deutschen Filmemacher Tom Ehrhardt begleitet. Dieser hat Chagas, seiner Sammlung und den Geschichten dahinter den Dokumentarfilm „Der Vergessene Schatz“ gewidmet, den er am kommenden Sonntag, 4. Oktober, in der Kulturbastion Torgau zeigt.

Eine völlig neue Welt

Begonnen hat die gemeinsame Geschichte von Tom Ehrhardt und Chagas Freitas im Jahr 2014. Ehrhardt war während der Fußball-Weltmeisterschaft als freischaffender Radio-Reporter in Brasilien unterwegs und auf der Suche nach spannenden Themen, die sowohl eine Verbindung zu Deutschland und Brasilien zugleich haben. „So bin ich dann auf Chagas gestoßen. Der hat zu diesem Zeitpunkt einen Teil seiner Sammlung in Rio ausgestellt, wo ich ihn dann auch besucht habe. Die Art der Kunst hat mich total fasziniert, weil ich so etwas aus meiner Kindheit in der DDR einfach nicht kannte und so habe ich ihn dann gefragt, ob wir nicht einen Beitrag zusammen machen wollen.“

Schnell wurde Ehrhardt klar, dass in der  Geschichte von Chagas Freitas und seiner nonkonformen DDR-Kunstsammlung mehr steckt als einfach nur Futter für einen normalen Radio-Beitrag. Er entschied sich dafür, eine Dokumentation zu drehen und investierte in diese dann nicht nur fünf Jahre seines Lebens, sondern auch fast sein gesamtes Erspartes. Nach dem ersten Kontakt mit dem Sammler folgten nicht nur zahlreiche Interviews mit dem Kunstsammler selbst, sondern durch dessen Vermittlung traf Tom Ehrhardt auch Dutzende Künstler, von denen Freitas in seiner Zeit als brasilianischer Diplomat in der DDR Kunstwerke gekauft hatte.

Keine Ahnung von Kunst

„Chagas galt damals in der DDR mit seinen 4000 Dollar Gehalt als wirklich reicher Mann und hat fast sein ganzes Geld in die Kunst investiert. Und das, obwohl er damals eigentlich gar keine Ahnung von Kunst hatte“, erzählt Tom Ehrhardt, den mittlerweile eine innige Freundschaft mit dem brasilianischen Sammler verbindet. „Er hatte viele befreundete Künstler damals und ist dann einfach wie in eine Art Kaufrausch gefallen. So hat er dann einfach, wenn ihm ein Bild gefiel, dieses gekauft und eingelagert.“ Mit der Wende brachte Chagas, der bis dahin seine erworbenen Kunstwerke in der DDR gelagert hatte, in sein Heimatland Brasilien, wo sie sich auch nach wie vor befinden.

Dabei ist es jedoch nur ein sehr kleiner Teil, den Chagas  in seiner Vier-Zimmer-Wohnung in Brasilia hängen hat. Etwas mehr als 100 Bilder sind an den Wänden, der Rest im Lager. „Ich glaube, von manchen Dingen weiß er gar  nicht, dass er sie besitzt. Wir haben teilweise noch original in den 80er-Jahren verpackte Bilder gefunden, die er einfach nur gekauft und dann einfach irgendwo hingelegt und vergessen hat.“ Und trotzdem ist seine Sammlung für Chagas der größte Schatz. Nicht unbedingt finanziell, sondern vielmehr emotional. Zwar hat er teilweise auch Werke in seiner Sammlung, die auf fünfstellige Beträge geschätzt werden; der Gesamtwert beläuft sich immerhin auf rund zwei Millionen Euro, trotzdem sind es vor allem die Erinnerungen an die damalige Zeit und an die Freundschaften, die Chagas Freitas auch heute noch mit den Künstlern verbinden, die den Wert ausmachen. Und genau das machte die Arbeit an der Dokumentation für Tom Ehrhardt auch so interessant.

Geschichten stehen im Fokus

So waren es vielmehr die Geschichten hinter den Bildern als die Kunstwerke selbst, die den deutschen Filmemacher fünf Jahre lang am Ball blieben ließen und ihn bis zur Veröffentlichung seiner Dokumentation getragen haben. Von illegalen Galerien über das Leben der nonkonformen Künstler in der DDR bis hin zu Geschichten von Gerichtsprozessen gegen die Stasi. „Natürlich kann man viele der Hintergründe im Film noch anreißen, aber trotzdem ist die komplette Sammlung und die Menschen dahinter für mich ein echter ,Vergessener Schatz’. Daher auch der Name des Films.“

Erzählt wird die Dokumentation aus drei Perspektiven. Die von Tom Ehrhardt, der als unbedarfter Laie von außen auf den künstlerischen Kosmos blickt, in dem Chagas sich bewegte und auch heute noch bewegt. Die Perspektiven von Schriftstellerin Gabriele Stötzer und von Maler Eberhard Göschel, die sowohl über die damalige Zeit, als auch über den Kontakt zu Chagas viel zu erzählen haben. Und dann natürlich auch aus der des passionierten Sammlers Chagas Freitas, die den ganzen Film wie ein roter Faden zusammenhält. Dabei sind es jedoch nicht nur diese Figuren, die in dem Film zu Wort kommen. Insgesamt führte Regisseur Ehrhardt über 60 Interviews mit Künstlern, Sammlern und mehr, aus denen er dann seinen 80-minütigen Film zusammengebaut hat.

Das Ergebnis dieser fünfjährigen Mammut-Aufgabe gibt es dann am kommenden Sonntag, 4. Oktober, 17 Uhr auf der großen Leinwand im Kino der Kulturbastion zu sehen. Dabei lohnt sich ein Besuch nicht nur für Kunstkenner. „Es war auf jeden Fall auch meine Absicht, keinen Film   zu machen, den außerhalb der Kunst- Szene niemand versteht. Schließlich wurde ich ja auch ganz frisch an das Thema und dessen Faszination herangeführt. Es ist eigentlich kein Film über Kunst, sondern vielmehr über Freundschaft und darüber, wie Freundschaft geschichtsträchtige Dinge retten kann.“


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