Freitag, 30. Oktober 2020
Mittwoch, 14. Oktober 2020

BELGERN-SCHILDAU

Spurwechsel vor erfolgreichem Abschluss

Familie Bucolli hat sehr gute Chancen, in Deutschland bleiben zu dürfen.Foto: TZ/C. Wendt

von unserem Redakteur Christian Wendt

Belgern. Die Bucollis aus Belgern haben gute Chancen auf einen Verbleib in Deutschland. Alles hängt nun an einer Person: Sachsens Innenminister Roland Wöller.

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Frauke Thierbach muss längst nicht mehr nach dem passenden Klingelknopf suchen. Mit einem leichten Surren öffnet die Haustür. Thierbachs Handgepäck sieht am vergangenen Dienstag jedoch deutlich bunter aus als gewohnt. Statt Wörterbüchern hat die Frau aus Kaisa diesmal einen Blumenstrauß dabei. Den überreicht sie nur wenige Augenblicke später mit einem freudigen Lächeln Nebije Bucolli, denn die junge Frau aus dem Kosovo hat mit ihrer Familie sehr gute Chancen, nun dauerhaft in Deutschland bleiben zu können.

 

Empfehlung

 

Noch im Juni sah alles ganz anders aus. Drohte der vierköpfigen Familie doch die Abschiebung.

Grund des freudigen Empfangs in Belgern war am Dienstag eine bereits am Freitag getroffene Entscheidung der Sächsischen Härtefallkommission, auf die seit Monaten hingearbeitet worden war. Demnach spricht die Kommission die Empfehlung aus, an Familie Bucolli einen Aufenthaltstitel zu vergeben. Adressat jener Empfehlung ist der sächsische Innenminister Dr. Roland Wöller. Dass mit der breiten Unterstützung im Rücken jetzt noch etwas schiefgehen könnte, glaubt der CDU-Bundestagsabgeordnete Marian Wendt nicht. Auch er, die CDU-Landtagsabgeordnete Christiane Schenderlein sowie der CDU-Stadtverband Belgern-Schildau hatten sich für den Verbleib der Familie in Deutschland starkgemacht. 700 Unterschriften, die Freunde der Familie in und um Belgern in kurzer Zeit gesammelt hatten, waren ein starkes Argument. Selbst die Arbeitgeber von Nebije und Muhamat Bucolli gehörten dazu, werden die beiden doch dringend an ihrem jeweiligen Arbeitsplatz benötigt. Auf Nebije, die in der Pflegeeinrichtung „Weisses Ross“ in Belgern arbeitet, wartet nun sogar ein Ausbildungsvertrag zur Altenpflegerin – vorausgesetzt, Minister Wöller macht dem Vorhaben keinen Strich durch die Rechnung.

 

Klare Regelung

 

„Auch wenn die rechtliche Einordnung durch den Status des Kosovo klar ist – nämlich, dass es im Land sicher ist –, verstehen wir die Fluchtgründe und die Hoffnung der Familie, im für sie sicheren Deutschland bleiben zu können“, ergriff Marian Wendt auch für die am Dienstag nicht anwesende Christiane Schenderlein das Wort. Wendt ist nicht nur Bundestagsabgeordneter. Der Torgauer ist auch Vorsitzender des Petitionsausschusses des Deutschen Bundestags. In dieser Funktion sind ihm vergleichbare Schicksale nicht fremd. In Belgern erläuterte er nochmals die Schwierigkeiten, die im Falle der Bucollis aus dem Weg geräumt werden mussten. Problem sei nämlich gewesen, dass die Familie nach ihrer Flucht Asyl in Deutschland beantragt habe. Weil aber die politische Situation des Kosovo dies nicht erlaube, habe man in kürzester Zeit nach Möglichkeiten eines sogenannten „Spurwechsels“ Ausschau halten müssen, wie ein Aufenthalt über die Migrationsschiene erlangt werden könne.

 

Westbalkanregelung

 

Genau dieses werde jährlich von etwa 25000 Personen vom Westbalkan ganz offiziell getan. Der Unterschied zu den Bucollis sei jedoch, dass der offizielle Weg – über die in diesem Jahr auslaufende, vom Bundestag jedoch verlängerte sogenannte Westbalkanregelung – ein bis zwei Jahre in Anspruch nimmt und die einen Arbeitsvertrag ihr eigen nennenden Antragsteller erst nach der Erteilung eines Visums nach Deutschland kommen.

Die Bucollis waren jedoch vor fünf Jahren aus ihrer Heimat, einem kleinen Dorf bei Kamenica, geflüchtet. Bis zum Bürgerkrieg habe man sich dort untereinander sehr gut verstanden. Nationalistisches Denken gab es zuvor nicht. Doch der Krieg veränderte alles. „Durch unsere guten Kontakte zu den serbischen Nachbarn wurden wir plötzlich für unsere eigenen Landsleute zu Aussässigen“, blickte Nebije Bucolli bereits im Mai dieses Jahres zurück. Morddrohungen hätten ihnen keinen anderen Ausweg gelassen, als das Land zu verlassen.

Ein Leben in Deutschland verhieß einen Neuanfang und vor allem eine Zukunft. Von den Behörden geduldet führte der Weg über Hamburg dann eines Tages nach Belgern, wo die Familie unter anderem auch auf Frauke Thierbach traf. Die Lehrerin, die mittlerweile im Ruhestand ist, hatte sich mit weiteren Mitstreitern vor etwa 5 Jahren stark um zusätzliche Sprachangebote für Flüchtlinge bemüht. Doch während Asylbewerber beispielsweise aus Afghanistan verstärkt in Torgau Sprachkurse bekamen, blieben die Bucollis auf Grund ihres nicht geklärten Status außen vor. Anfangs zwei Mal pro Woche sorgte Frauke Thierbach aber dafür, dass sich die Bucollis schnell in der ihr ungewohnten Umgebung zurecht fanden.

Die Verbindung zwischen den Bucollis und der ehemaligen Biologie- und Geografielehrerin ist mittlerweile zu einer echten Freundschaft geworden. „Meine Oma!“, hätte Nebije die mit Blumen an der Haustür stehende Kaisaerin gerne umarmt. Doch Corona machte dem einen Strich durch die Rechnung. Nun hoffen alle Beteiligten, dass nicht auch noch der Minister einen Strich durch die ganz große Rechnung macht.


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