Montag, 30. November 2020
Sonntag, 15. November 2020

NORDSACHSEN

"Die Auswirkungen auf jedes Gewerk sind anders"

Für junge Menschen, die hoch hinaus wollen, bietet das Handwerk eine Reihe von spannenden Perspektiven.Foto: Handwerkskammer

von unserem Chefredakteur Sebastian Stöber

Das Handwerk hat Corona ganz gut überstanden, so zumindest der erste Eindruck. Im Interview erklärt Claus Gröhn, Präsident der Handwerkskammer zu Leipzig, warum dieser Eindruck nicht vollständig ist, welche Hausaufgaben die Politik nun hat und wie die Kammer Unternehmen unter Druck hilft.  

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Corona hat das Handwerk ganz unterschiedlich getroffen. Wie fällt Ihre Bilanz zum aktuellen Zeitpunkt aus?
Claus Gröhn: Aktuell liegen uns keine Zahlen vor, die Betriebsaufgaben über den normalen Werten dokumentieren. Für eine umfassende Bilanz ist es dennoch zu früh. Unter der Überschrift Handwerk steckt eine riesige Bandbreite von Angeboten und die Auswirkungen auf jedes einzelne Gewerk sind anders. Bis Ende September galten zudem noch großzügigere Insolvenzregeln, vielfach wirken auch noch Soforthilfen nach.

Nehmen wir das mal auseinander. Können Sie kurz erklären, wie sich die Auswirkungen unterscheiden?
Sehr hart getroffen wurde beispielsweise das Frisör- und Kosmetikhandwerk. Über mehrere Monate durften keine Kunden bedient werden. Das hat zu massiven Umsatzeinbrüchen geführt, während Kosten wie Mieten weiterliefen. Und auch jetzt arbeitet dieser Bereich unter enorm gestiegenen Sicherheitsauflagen, die eine Auslastung wie vor Corona nicht ermöglichen. Besonders betroffen sind auch alle Handwerksbetriebe, die im Bereich Messebau und Veranstaltungen aktiv sind, zum Beispiel Tischler und Fleischer mit Cateringservice. Auf der anderen Seite ist die Nachfrage für Handwerker im Bau- und Ausbaubereich nach wie vor enorm, Auftrags- und Ertragslage sind positiv …

… und das, obwohl während des Lockdowns viele Menschen selbst mit Hammer oder Pinsel tätig geworden sind?
Ganz ehrlich, ich glaube, das hat unseren professionellen Handwerkern eher zusätzliche Arbeit beschert und die Erkenntnis, dass gute Handwerker „ihr Geld wert sind“.

Zurück zu den Gewerken, die besonders hart betroffen sind. Mit welcher Unterstützung durch die Handwerkskammer können diese rechnen?
Ich breche es mal auf drei Schlagworte herunter: Fördermittel, Knowhow und Lobbyarbeit. Die Experten der Kammer wissen genau, welche Töpfe für welche Herausforderung passen und wie die Anträge zu stellen sind. Ich kann nur empfehlen, diese Beratungsangebote anzunehmen. Das Gleiche trifft auf die Beratungsmöglichkeiten hinsichtlich der Betriebsführung zu. Wir können hier mit einem enormen Erfahrungsschatz arbeiten. Und weil wir alle abhängig sind von den Rahmenbedingungen, verschaffen wir den Forderungen unserer Mitglieder bei jeder Gelegenheit Gehör bei Politik und Verwaltung, damit diese bei ihren Entscheidungen immer auch das Handwerk im Hinterkopf haben.

Dann lassen Sie uns an dieser Stelle den zweiten Versuch einer Bilanzierung starten. Wie schätzen Sie das Krisenmanagement der Politik ein – welche Auswirkungen hat es auf das Handwerk?
Überraschend war es schon, wie unvorbereitet die Pandemie unser Land getroffen hat. So eiskalt darf es uns nicht wieder erwischen. An dieser Stelle rückblickend über die Maßnahmen zu urteilen, wäre aber unfair. Zum damaligen Zeitpunkt sind alle auf Sicht gefahren.
Grundsätzlich bin ich froh, in Sachsen zu leben. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern hat unsere Staatsregierung sehr maßvoll und unaufgeregt agiert. Das hat der sächsischen Wirtschaft geholfen. Für viele unserer Mitgliedsunternehmen sind Ländergrenzen allerdings nicht viel mehr als Striche auf einer Karte. Sie haben Kundschaft in mehreren Bundesländern und stoßen überall auf andere Vorschriften und Vorgaben, die es ihnen schwer machen, ihrer eigentlichen Tätigkeit nachzukommen. Nicht nur als Handwerker ist solch ein Flickwerk für mich ein Greuel.

Welche Bedeutung haben Investitionen der öffentlichen Hand in dieser Zeit für das Handwerk?
Die öffentliche Hand ist ein wichtiger Taktgeber in dieser Zeit. Würden Bund und Freistaat ihre Zuschüsse an die Kommunen zurückfahren, wäre das ein schlechtes Zeichen und hätte direkten negativen Einfluss auf die wirtschaftliche Lage der Handwerksunternehmen. Übrigens: Damit Firmen der Region gute Chancen bei öffentlichen Vergabeverfahren haben, können sich Unternehmer bei der Handwerkskammer zum Themenfeld Vergabe beraten lassen.

Wenn man versucht, Corona etwas Positives abzugewinnen, fällt in der Regel der Begriff Digitalisierung. Gab es hier auch im Handwerk einen Schub?
Dass ohne digitale Technik in Zukunft kein Gewerk mehr auskommen wird, war schon vor Corona ein breiter Konsens. Die Pandemie hat ihn allerdings noch einmal deutlich ins Bewusstsein gerückt. Wir müssen uns eingestehen, dass hier noch ein ordentliches Stück Weg zu gehen ist. Wenn ich heute ins Handwerk schaue, dann ist Cloud Computing, das 27 Prozent der Betriebe nutzen, am weitesten verbreitet. Jeder achte Handwerksbetrieb – 13 Prozent – verwendet smarte Software, die zum Beispiel Arbeitszeiten automatisch nach Projektstatus einteilt, 12 Prozent nutzen Trackingsysteme, mit denen sich Maschinen oder Betriebsmittel nachverfolgen lassen.

Was hemmt die Digitalisierung, immerhin fließen zig Millionen jedes Jahr in die Infrastruktur?
Tatsächlich ist ein Punkt die bislang noch fehlende Infrastruktur im Breitband- und Mobilfunkbereich. Das hat zuletzt die gemeinsam mit der IHK erhobene Befragung zur Standortzufriedenheit gezeigt. Ich sehe aber die aktuellen Initiativen zur Breitbanderschließung und das stimmt mich optimistisch. Etwas ratlos machen mich die vielen Initiativen gegen den Bau von Mobilfunkmasten, denn unsere Betriebe im ländlichen Raum brauchen auch hier eine flächendeckende Versorgung.
Ein weiterer Punkt, der die Digitalisierung des Handwerks bremst, ist das Geld. Bevor sich die Digitalisierung betriebswirtschaftlich auszahlt, müssen Unternehmen investieren: in neues Wissen für die Belegschaft, in Technik, IT-Sicherheit und vielleicht sogar in eigene IT-Fachkräfte. Ich kann verstehen, dass so mancher Handwerksbetrieb deshalb zögert.

Was können Sie gegen dieses Zögern tun?
Wir können dazu beitragen, das finanzielle Risiko klein zu halten. Für kleine und mittlere Unternehmen hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie das Programm „Digital Jetzt – Investitionsförderung für KMU“ auf den Weg gebracht. Einzelunternehmen können bis zu 50 000 Euro Zuschuss für Hard- und Software sowie die Qualifizierung der Belegschaft beantragen. Bei Unternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitern beträgt die maximale Förderquote 50 Prozent. Die Kammer kann im Fördermittelverfahren aktiv unterstützen.

Trotz allem hat sich das Handwerk als krisenfest herausgestellt. Merken Sie, dass die Attraktivität von Handwerksberufen bei jungen Leuten steigt?
Es ist auf jeden Fall ein handfestes Argument und wir haben zuletzt beim Tag des Handwerks gemerkt, dass sich junge Menschen fürs Handwerk begeistern können. Dennoch wurden die Ausbildungsverträge später abgeschlossen als gewöhnlich, was sicherlich mit einer durch Corona bedingten Unsicherheit zu tun hat. Leider hat auch das Förderprogramm ‚Ausbildungsplätze sichern‘ der Bundesregierung dazu beigetragen, dass gezögert wurde, Azubis schnell unter Vertrag zu nehmen. Zwar sind die Zuschüsse ein wichtiges Signal der Wertschätzung, aber leider war das Antragsverfahren lange unklar und stellte sich jetzt als bürokratisch heraus. Dennoch sind wir stolz, dass die Zahl der Ausbildungsverträge im gesamten Kammerbezirk jetzt das Vorjahresniveau erreicht hat. Im Landkreis Nordsachsen ist das noch nicht ganz gelungen.
Noch ein Tipp für Unternehmen, die gerade auf Lehrlingssuche sind: Unter  werbemittel.handwerk.de können die Motive der Imagekampagne mit eigenem Logo, Firmenangaben und Beschreibungstext individualisiert werden. Anschließend lassen sich die Motive kostenfrei als Druckvorlage herunterladen. Somit können Betriebe zum Beispiel ein Plakat für ihr Schaufenster oder Flyer drucken. Oder sie nutzen die Motive digital für Social-Media-Postings oder als Header für die eigene Facebook-Seite.

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