Montag, 30. November 2020
Donnerstag, 29. Oktober 2020

TORGAU

"Wir dachten, der spinnt!"

Mirko Gotthardt an der Stelle, von der er die Brückensprengung am 16. Juni 1994 filmte. In seiner Hand die originale Videokamera der Marke JVC.Foto: Nico Wendt

von unserem Redakteur Nico Wendt

Torgau. Als er diese Woche das Foto von der Brücken-Sprengung in der Torgauer Zeitung sah, kamen bei ihm die Erinnerungen mit einem Schlag sofort wieder hoch. Mirko Gotthardt ist der Torgauer Hobbyfilmer, der das Weltereignis zufällig festgehalten hat, wie es unter dem TZ-Bild im Jubiläums-Rückblick stand. 

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Torgau. Als er diese Woche das Foto von der Brücken-Sprengung in der Torgauer Zeitung sah, kamen bei ihm die Erinnerungen mit einem Schlag sofort wieder hoch. Mirko Gotthardt ist der Torgauer Hobbyfilmer, der das Weltereignis zufällig festgehalten hat, wie es unter dem TZ-Bild im Jubiläums-Rückblick stand. 

Schnell reagiert 

Ganz so zufällig sei es aber nicht gewesen, schmunzelt Mirko Gotthardt. Sein Vater und er hätten etwa eine halbe Stunde vorher von dieser Nacht-und-Nebel-Aktion Wind bekommen und blitzschnell reagiert. So entstand ein wohl einzigartiger Video-Mitschnitt. Denn in der Bevölkerung wusste von der geplanten Sprengung seinerzeit niemand etwas. 

Selbst in der Redaktion des NTK war der Termin völlig unbekannt. In den Büroräumen der Heimatzeitung in der Elbstraße lief an jenem Tag das Alltagsgeschäft. Die Lokal-Redakteure arbeiteten an „normalen“ Beiträgen, schrieben zum Beispiel, dass das „Königsbad“ in der Friedrich-Naumann-Straße in Torgau bald Obdachlosenheim werden soll. Oder dass der Unterricht am kreislichen Gymnasium wegen Lehrermangel gefährdet ist. Auch der Spätdienst in der Redaktion hatte sich bereits auf einen ruhigen Donnerstagabend eingestellt. Aber es kam anders. 

Manfred Gotthardt und Sohn Mirko versuchen, das Ereignis für die TZ noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. „Klar war die Bogenbrücke weltbekannt. Man brachte sie mit der historischen Begegnung zwischen Russen und Amerikanern zu Kriegsende in Torgau in Verbindung. Auf den Trümmern hatten sich die Soldaten am 25. April 1945 symbolisch die Hände gereicht“, so Manfred Gotthardt. Und weiter:  „Der Abriss war eigentlich kein Thema. Es hieß immer, die alte Brücke bleibt stehen.“ Zwar sei der neue Übergang schon im Jahr zuvor feierlich übergeben worden und der Verkehr über die Elbe rollte emsig. Aber als Fußgänger-Brücke und Denkmal hätte das Bauwerk noch viele Jahre bleiben können, so Manfred Gotthardt. 

Verrückt 

Umso mehr wollten er und sein Sohn ihren Ohren nicht trauen, als an jenem späten Nachmittag des 16. Juni 1994 ein westdeutscher Dozent die bevorstehende Sprengung fast beiläufig erwähnte. „Wir wollten die Waffenbesitzkarte erlangen. Dazu gab es drüben in den Räumen am Brückenkopf einen Lehrgang. Der Ausbilder sagte dann plötzlich, dass wir heute früher Schluss machen müssen, weil die alte Elbbrücke gesprengt wird. Ich dachte gleich: der spinnt, der ist verrückt. Aber als ich merkte, dass er es ernst meint, habe ich sofort meinen Sohn losgeschickt“, schildert der Torgauer Pensions-Betreiber, der im Pestalozziweg in Elbnähe wohnt, seine Erinnerungen. Ihm sei noch durch den Kopf geschossen: Das ist, als ob man den Eiffelturm sprengt. Ebenfalls so ein Wahrzeichen! 

Gespurtet 

Mirko Gotthardt wiederum wusste genau, was er zu tun hat. Er schnappte sich die vor zwei Monaten neu gekaufte Videokamera und postierte sich an einem Dachfenster im Pestalozziweg. „Ich merkte jedoch, dass der Blick nicht optimal ist. Also bin ich die Treppen hinuntergerannt und zur Elbmauer gespurtet.“

Wie lange er gewartet habe, könne er nicht mehr sagen. „Ein paar Spaziergänger wunderten sich noch, was ich da mache. Ich sagte: Die sprengen gleich. Da schüttelten sie den Kopf und gingen weiter.“

Der Fahrschullehrer, damals 26 Jahre alt, zeichnet mit den Händen nach, wie die Explosionswolke kurz danach in die Lüfte stieg und wie sich die Säule aus Staub fächerartig ausbreitete. Erst Bruchteile von Sekunden später habe ihn ein gewaltiger Donnerschlag zusammenzucken lassen. Nur auf der neuen Elbbrücke auf der gegenüberliegenden Seite hätten ein paar Personen gestanden. Sonst gab es keine Schaulustigen. „Ich weiß nicht, ob die auch Kameras oder Fotoapparate dabei hatten. Auf jeden Fall aber zog die Rauchwolke genau in diese Richtung.“ Mit dem Gefühl, die besseren oder vielleicht sogar die einzigen Bilder auf seinem Gerät zu haben, kehrte Mirko Gotthardt heim. 

Beeindruckt 

Noch ganz beeindruckt von den  Geschehnissen fuhr er zum Volleyballtraining. In der Turnhalle im Röhrweg trainierten damals jeden Donnerstag die Männer der SGV 84. „In der Umkleidekabine traf ich NTK-Redakteur Thomas Manthey, der es ebenfalls kaum glauben konnte. Wir sind dann zu mir und haben am Fernseher Bilder aus meinem Video für die Zeitung abfotografiert.“

Die Motive der Sprengung wurden aber erst zwei Tage später in der Samstagausgabe des NTK gedruckt. Am Freitag war erst einmal nur ein Trümmer-Bild auf der Titelseite zu sehen. Das aber sorgte für gewaltiges Aufsehen. Auch überregionale Medien berichteten eifrig. Viele Torgauer und auch der Verein Europa-Begegnungen zeigten sich hingegen sehr überrascht. Es wurde darüber spekuliert, warum der Termin der Sprengung geheim bleiben sollte. Nachweislich hatten alle beteiligten Mitarbeiter die Auflage, Stillschweigen zu bewahren, wie das NTK enthüllte. Wollte man mit dem Überraschungsakt irgendwelche Gegenaktionen verhindern? Immerhin lief sogar eine Klage beim Verwaltungsgericht, um den Brückenabriss zu verhindern. 

Das Straßenbauamt dementierte  übrigens auf Nachfrage der Presse: Die Sprengung sei weder heimlich, noch blitzartig erfolgt. Sie war normaler Bestandteil des Rückbaus, nachdem schon der Fahrbahnbelag abgefräst wurde, lautete ein Statement. 

Offizieller Termin 

Am 3. August, einem Mittwoch, gab es schließlich einen groß angekündigten Sprengtermin für weitere Teile der Brücke, der von vielen Torgauern live mitverfolgt wurde. Zahlreiche Hobbyfilmer nutzten die Gelegenheit, ebenfalls bewegte Aufnahmen zu bekommen. „Somit war das Interesse für mein Material gesunken.“ 

Den Originalfilm – die Vermarktungsrechte konnte er vorher noch veräußern – hat Mirko Gotthardt bis heute aufgehoben. Das Band liegt in irgendeiner Kiste, lacht er. Auch die JVC-Videokamera existiert noch, obwohl sie nicht mehr funktioniert. Der 52-Jahrige ließ es sich nicht nehmen, das Gerät beim gestrigen TZ-Termin mitzubringen und sie an originaler Stelle für die Leser zu präsentieren.


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