Montag, 30. November 2020
Donnerstag, 12. November 2020

OSTELBIEN

Das Filmschloss an der Alten Elbe

Filmdreh an der Alten Elbe 1994 Foto: Archiv Nico Wendt

von unserem Redakteur Nico Wendt

Kamitz/Arzberg. Post aus New York bekommt die TZ eher selten. Dass ein renommierter Filmregisseur schreibt, ist wahrscheinlich noch nie passiert. Andrey Nitzschke persönlich reagierte auf einen Zeitungsartikel, der schon vor fünf Jahren im Blatt stand.

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Kamitz/Arzberg. Post aus New York bekommt die TZ eher selten. Dass ein renommierter Filmregisseur schreibt, ist wahrscheinlich noch nie passiert. Andrey Nitzschke persönlich reagierte auf einen Zeitungsartikel, der schon vor fünf Jahren im Blatt stand. „Ein Schloss mit filmreifer Vergangenheit“ – lautete die Titelzeile am 29. November 2015. 

 

Bekannte Schauspieler 

Reinhard Müller-Schönau sprach in jenen Tagen mit der Torgauer Zeitung darüber, wie er Mitte der 90er- Jahre nach Kamitz kam, wie er den alten Familienbesitz in der Gemeinde Arzberg zurück erwarb und dem verfallenen Gutsgemäuer mit einer gewaltigen Kraftanstrengung wieder zu neuem Glanz verhalf. Und natürlich spielte auch die Tatsache eine Rolle, dass sich das Schloss im Sommer 1994 mal kurzzeitig in eine Filmkulisse verwandelt hatte. Damals gaben sich hier bekannte Schauspieler die Klinke in die Hand. Der schon verstorbene Bruno Ganz wirkte in der Hauptrolle. 

Reinhard Müller-Schönau sah das Ergebnis aber kritisch. „Sicherlich verstaubt der Film ,Heller Tag’ in irgend einem Archiv. Die wenigsten Nordsachsen haben den Streifen je zu sehen bekommen“, sagte er damals. 

Für Preis nominiert 

Sätze, die Regisseur Andrey Nitzschke so nicht stehen lassen mag. Selbst wenn sie vor fünf Jahren gefallen sind.  Denn „Heller Tag“ sei weltweit in Wettbewerben der bekanntesten Filmfestivals gelaufen, zum Beispiel in Tokio und Chicago. In einer zweiten E-Mail erklärt der Filme-Macher aber auch ausführlich, warum die meisten Nordsachsen das Werk gar nicht kennen können. „Wir haben den Film damals in Deutschland nicht starten lassen – aufgrund der damaligen Situation in der Filmbranche und der teilweise berechtigten Vorurteile und Kritiken gegen den deutschen Autorenfilm – zu dem wir als junge ,Oststudenten’ mit diesem Erstlingsfilm nicht gehörten. Ich hatte deshalb als Regisseur einen offiziellen Start in den Programmkinos und auf DVD untersagt“, schreibt Andrey Nitzschke. 

Dafür erinnert sich der Filme-Macher noch bestens an Hauptaufführungen in Japan beim Internationalen Tokio-Filmfestival 1994, beim Internationalen Filmfestival in Chicago 1994, an verschiedene Aufführungen in Schweden und in Cannes (Frankreich). Dabei gab es zum Beispiel auch eine Nominierung für den Hauptpreis  „Goldener Hugo“ (Sparte Kinospielfilm) und  gute bis sehr gute Kritiken in der Fachliteratur. 

Schon ein kurzer Trailer, den Andrey Nitzschke der TZ zur Verfügung stellt, zeigt: Das Machwerk in schwarz/weiß besitzt atmosphärisch dichte Tiefe, die Dialoge regen zum Nachdenken an, die Szenen sind kunstvoll gestaltet. Rauschendes Meer, Nacht und Sterne, die Elbwiesen im Nebeldunst … Dazu das Kamitzer Schlossgemäuer. Passend zum Inhalt! 

Der Film „Heller Tag“ erzählt in Form einer Metapher über die letzten Tage eines sterbenden Menschen. An das Krankenbett gefesselt, verlässt Georg in seinen Träumen und Wahnvorstellungen das Krankenhaus und kehrt im Geiste zurück in das Haus seiner Kindheit. Prägende Erlebnisse aus den Kindertagen werden lebendig. Traum und Realität scheinen gleichzeitig zu existieren. Am Ende des Filmes übergibt Georg sich dem Meer, einem Raum von unendlicher Einsamkeit und Hoffnung. 81 Minuten dauert der Streifen. Der Zuschauer bleibt in der Regel doch betroffen und nachdenklich zurück, wenn die letzten Szenen vorbei sind. Ein Happy End gibt es nicht. Neben Bruno Ganz wirken auch bekannte Schauspieler wie Werner Dissel, Lotte Loebinger, Christian Bluemel, Sophie Loewe und Christoph Engel mit, die sehr ausdrucksstark agieren. 

Die Hauptdrehorte für „Heller Tag“ waren Kamitz (Gemeinde Arzberg) und Heiligendamm (Ostsee). „Ich stehe noch heute zu diesem Film“, so Andrey Nitzschke rückblickend. Als Abschlussfilm seines Studiums sei ihm und seinen Mitstudenten ein Werk gelungen, das bei den internationalen Aufführungen Anerkennung erhielt und von Tausenden Besuchern gesehen wurde. Davon konnte  man aber in Deutschland nichts mitbekommen. 

Mit Salzstangen und Cola 

„Ich erinnere mich an eine Aufführung in Japan, da lief im Festival der kommerzielle  US-Film ,Speed’ mit Keanu Reeves. Die Leute saßen mit Salzstangen und Coladosen im Kino“, beschreibt Nitzschke. „,Speed’ war ein Kracher an Tempo und Action … gleich danach kam unser kleiner Film ,Heller Tag’ – mir schlotterten die Beine. Ein kleiner Schwarz-Weiß-Film. Langsame, spröde Kunstbilder mit einem solch bedrückenden Thema … Ich dachte:  Oh je, die Leute werden reihenweise aus dem Kino rennen. Doch nein, die blieben still und nachdenklich bis zum Schluss sitzen. Stille, kein Kauen der Salzstangen war zu hören, nichts.“ Der Macher von „Heller Tag“ ist noch immer stolz darauf. 

Für den Panzerschrank 

„Ich traf in Japan und in den USA die Studiodirektoren der größten US-Studios. Die zeigten sich beeindruckt von ,Heller Tag’ und bezeichneten den Film mehr als eine Art Gemälde für den Panzerschrank. Sie reichten mir ihre Visitenkarten, ab und zu waren diese Kärtchen auch für die Entwicklung sehr weniger Projekte, die ich langfristig verfolge, von großer Hilfe“, so Andrey Nitzschke. Sein Ziel sei es jedoch nie gewesen, eine Filmkarriere zu machen, legt er gegenüber TZ dar. „Meinem besten Freund Jörn Rettig, dem Producer des Filmes ,Heller Tag’, sagte ich damals in Japan, ich plane bis an mein Lebensende nur  zwei bis drei Filme zu machen. Wenn das ginge, wäre ich froh … glücklich und dankbar. Gemeint sind: einen zweiten Teil ,von ,Heller Tag’, einen anspruchsvollen Thriller mit dem Namen ,TWO UP’ und einen aktuellen Thriller namens ,Broken Desert’. Neben meiner Filmarbeit würde ich gern in der Krisenintervention national und international arbeiten. Er schaute mich erstaunt an … Jahre später erhielt er für ,Zugvögel’ von Peter Lichtefeld den Deutschen Filmpreis, Jahre später zog er sich aus dem Filmgeschäft für immer enttäuscht zurück“, lässt Andrey Nitzschke seinen Gedanken freien Lauf. 

Finaler Versuch 

Eine deutsche Unterstützung für den zweiten Teil von „Heller Tag“ sei ihm bis heute verwehrt geblieben. Dieses Jahr starte er den finalen Versuch. Ein anderes kommerzielles Thriller-Projekt  wurde nach 15-jähriger entbehrlicher Vorarbeit nicht realisiert. Er habe dabei mit den US-Studios Miramax, 20th Century Fox, Fine Line Features und dem renommierten internationalen Produzenten Wieland Schulz-Keil verhandelt. Unterdessen sei er auch bei deutschen Produzenten unter Vertrag gewesen. „Ich denke, bis zum Ende meines Lebens werde ich meine wenigen Filmvorhaben realisiert haben. Bis dahin und zusätzlich dazu versuche ich Not leidenden Menschen in der Welt Gutes zu tun“, schreibt Nitzschke. Was „Heller Tag“ betrifft, würde er sich über eine bessere Darstellung sehr freuen – auch mit Respekt auf die Leistung des ehemaligen Schweizer Schauspielers Bruno Ganz, dem er viel zu verdanken habe. Einen neuen Kino-Programmstart in Deutschland könne er sich nicht vorstellen. Dafür sei der Film zu alt. Vorstellbar wäre lediglich eine DVD-Erstauflage. Im Moment hüte auf seine Bitte hin die Deutsche Kinemathek in Berlin das Negativ von „Heller Tag“. Das Werk werde nur zu speziellen Zwecken auf direkte Nachfrage verliehen. 


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