Mittwoch, 25. November 2020
Freitag, 20. November 2020

NORDSACHSEN

"Das ist, wofür ich gemacht bin"

Christine Jentzsch: „Jeder Sterbende oder Pflegebedürftige könnte doch auch zu meiner Familie gehören. Da würde ich doch auch wollen, dass sich gut um ihn oder sie gekümmert wird.“Foto: SWB

von unserer Redakteurin Julia Sachse

Oschatz. Christine Jentzsch über eine Spendenaktion, Sterbebegleitung und Schicksal

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Im SonntagsWochenBlatt-Gespräch gibt Pflegehelferin Christine Jentzsch eine verblüffend  einfache Antwort auf die Frage, warum sie neben dem schweren Job auch in ihrer Freizeit am liebsten etwas für diejenigen tut, die an der Schwelle vom Leben zum Tod stehen und verrät, was ihr die Kraft dazu gibt.

SWB: Frau Jentzsch, Sie haben bei Frau Hanel gerade einen Box-Dummy und ein Paar Stoßbratzen geschenkt bekommen. Haben Sie ein Aggressionsproblem zu bewältigen?
Christine Jentzsch:
Nein, ich nicht! Zu meiner großen Freude hat Frau Hanel vom gleichnamigen Sportgeschäft diese Dinge dem Kinderhospiz „Bärenherz“ gespendet, für das ich mich seit neun Jahren engagiere.

Gibt es einen besonderen Grund, warum das gerade um diese Zeit passierte?
Ja, den gibt es. Ich habe zum fünften Mal einen Partner gesucht, um den Kindern im „Bärenherz“ einen Weihnachtswunsch zu erfüllen. Neben Geldspenden, die ich dafür sammle, lasse ich mir vom Team des Hospizes auch gern ein besonderes Anliegen mitteilen, welches zu verwirklichen ich mir dann vornehme. In diesem Jahr möchten die Therapeuten gern diesen Raum einrichten. Er soll sowohl den eigentlich dort wohnenden Kindern als auch ihren Geschwistern dazu dienen, sich ein bisschen auszutoben, wenn ihnen mal alles zu viel wird.

Sie sagen „eigentlich dort Wohnenden“ – was bedeutet das?
Im Hospiz in Markkleeberg  leben normalerweise  bis zu zehn Kinder, die so krank sind, dass es keine Hoffnung auf eine Heilung mehr gibt. Sie und ihre Familien werden vom Team des „Bärenherz“ auf diesem letzten gemeinsamen Weg begleitet, sowohl palliativmedizinisch als auch pädagogisch und therapeutisch. Durch Corona hat sich die Situation nun allerdings so verändert, dass die Familien vorläufig zu Hause betreut werden. Darum „eigentlich“.

Ich verstehe. Sie sind durch einen familiären Impuls zur Arbeit mit Kranken und zur Begleitung von Sterbenden gekommen. Was war die Initialzündung?
Als ich einst meine Mutti zu Hause bis zu ihrem Tod gepflegt habe, da ging es mir wie ganz vielen anderen auch: Ich habe funktioniert, aber war mit vielen Dingen überfordert. Deshalb habe ich mich entschieden, anderen Familien diesen Druck abzunehmen, immer für ihre Lieben da sein zu müssen. Als Sterbebegleiterin der Caritas komme ich dahin, wo man mich braucht. Als Zuhörerin am Sterbebett oder als Gesellschaft, wenn man als Angehöriger mal eine Besorgung machen oder einfach Zeit für sich haben möchte. Man muss kein schlechtes Gewissen haben – sondern auch als Angehöriger auf sich selbst achtgeben, seine Kräfte nicht überschätzen. Entscheidend ist, dass die Sterbenden nicht allein gelassen werden. Ich bleibe auch über Nacht, damit man mal ein paar Stunden schlafen kann, ohne sich Sorgen um den Vater oder die Ehefrau machen zu müssen.

Sie haben außerdem eine Ausbildung zur Pflegehelferin gemacht – um unter Umständen auch bei der hygienischen Versorgung Ihrer Patienten unterstützen zu können. Arbeiten Sie auch in diesem Bereich?
Ja, ich war die Erste in meiner Einrichtung, die die Ausbildung zur Sterbebegleitung hatte. Das war für meinen Chef ein Grund sich zu freuen, denn ich bin im geschützten Bereich tätig, wo vor allem Senioren mit demenziellen Erkrankungen betreut werden. Viel von dem, was ich bei der Caritas gelernt habe, kann ich dort auch den Angehörigen unserer Patienten zukommen lassen. Für sie ist es zuweilen schwer, ihre Eltern oder Ehepartner sich so verändern zu sehen, die Kontrolle über den Körper entgleitet ihnen auch zunehmend – das ist sehr herausfordernd für jemanden, der jahrzehntelang ein ganz anderes Bild vom Partner oder Vater hatte.

Warum kommen Sie damit so gut zurecht? Immerhin verbringen Sie scheinbar einen Großteil Ihrer wachen Zeit in diesen  von anderen als belastend wahrgenommenen Umgebungen?
Das ist, wofür ich gemacht bin. Ich glaube, jeder sollte tun, was er gut kann. Und mir macht es nichts aus, beispielsweise bettlägerige Menschen zu waschen oder Demenzkranken auch mal hinterherzuwischen, wenn der Weg zur Toilette heute plötzlich woanders langführte. Ich mache das gern. Ich habe aber auch die Distanz zu ihnen, die mich davor bewahrt, jede Erfahrung mit nach Hause zu nehmen. Aber es stimmt: Nicht jeder schafft das.

Was gibt Ihnen die Kraft?
Meine Familie und die Gewissheit, das Richtige zu tun.


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