Mittwoch, 25. November 2020
Freitag, 20. November 2020

TORGAU

Das Motiv bleibt weiterhin im Unklaren

Der Tatort.Foto: TZ/Nick Leukhardt

von unserem Chefredakteur Sebastian Stöber

Torgau/Leipzig. Zu acht Jahren Gefängnis hat das Landgericht Leipzig den Mann verurteilt, der in der Nacht vor dem 31. Dezember 2019 den Torgauer Werkstattbetreiber Johann S. getötet hat. Der Torgauer Rechtsanwalt Dr. Carsten Pagels vertrat vor Gericht die Familie des Opfers, die als Nebenkläger auftrat. Er sagt: „Diese Strafe ist nicht angemessen.“ Warum, das erklärt Dr. Pagels im Interview mit der TZ.

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Herr Dr. Pagels, in Torgau hat dieses Verbrechen für viel Aufmerksamkeit  gesorgt. War es auch für Sie außergewöhnlich?
 
Mord oder Totschlag sind in Torgau nicht an der Tagesordnung, das machte diesen Fall hier natürlich außergewöhnlich. Ich selbst arbeite in Strafsachen normalerweise als Strafverteidiger, also auf der anderen Seite und bin daher robuste Fälle gewöhnt. Als Vertreter der Nebenklage zu agieren hieß für mich aber,  Sensibilität und Empathie für die Angehörigen zu entwickeln.
 
Wie kam es, dass Sie diesmal auf der Nebenkläger-Seite aktiv waren?
Ich kannte Herrn S. seit vielen Jahren.
 
Ist es üblich, dass die Familie in einem solchen Fällen als Nebenkläger auftritt?
Bei Kapitalverbrechen ist das durchaus üblich. In diesem Fall ging es der Witwe darum zu erfahren, wie das Verbrechen passiert ist. Sie wollte Klarheit.
 
Hat sie an allen zwölf Verhandlungstagen teilgenommen?
Ja, sie hat beginnend im August durchgehend und mit großer Würde teilgenommen. Und das will ich unterstreichen. Denn die Informationen, mit denen sie dabei konfrontiert wurde, waren stellenweise schwer erträglich. Tatsächlich habe ich ihr aber geraten, bei der Ansicht der Videos und Fotos, den Saal zu verlassen. Das sind Bilder, die man sonst nie wieder aus dem Kopf bekommt.
 
Wie sich der Abend abgespielt haben muss, an dem Herr S. sein Leben verlor, ist in vielen schrecklichen Details beschrieben worden, die TZ hat dazu in einem Gerichtsbericht informiert. Offen geblieben ist aber das Warum?
Es wird vor dem Schwurgericht immer intensiv nach dem Motiv gesucht. Doch hier blieb es im Unklaren. Der Täter ist 53 Jahre alt, ist kein Gewohnheitsverbrecher und weder in Polen noch in Deutschland vorbestraft. Er kannte das Opfer seit Jahrzehnten.
 
Was hat er selbst zum Verlauf des Abends gesagt?
Er hat berichtet, dass beide etwas getrunken hätten, er wütend wurde und das Opfer geschlagen und getreten habe, danach wisse er angeblich nichts mehr – Amnesie als Schutzbehauptung.
 
Dabei hat er doch selbst Fotos und sogar ein Video angefertigt, das den Schwerstverletzten zeigt … 
… ich empfinde das als pervers und abstoßend. Bei Gewaltverbrechen gibt es in der Regel einen Affektschub, also einen Gewaltausbruch, der innerhalb weniger Minuten vorüber ist. Hier sprechen wir von zwei Stunden, in denen der Täter sein sterbendes Opfer gefilmt und fotografiert hat und damit übrigens auch die Beweise für seine Schuld lieferte – sich aber an nichts erinnern will.
 
Im Lauf der Verhandlung sind zahlreiche brutal detaillierte Fakten zur Tat präsentiert worden. Wie hat der Angeklagte darauf reagiert?
Er hat überhaupt nicht reagiert. Nur als das Video gezeigt wurde, das das sterbende Opfer zeigte, hat er seinen Blick abgewendet.   
 
Ist es so ungewöhnlich wie es klingt, dass ein Täter den Ermittlungsbehörden selbst die Beweise für seine Tat liefert?
Tatsächlich nimmt dieses Phänomen sogar zu. Das Smartphone ist für viele Menschen bereits ein so selbstverständlicher Bestandteil des Lebens, dass sie über seine Nutzung und die Konsequenzen in keiner Form nachdenken. 
13 Jahre Freiheitsstrafe hatten Sie gefordert. Acht Jahre wurden verhängt.
 
Werden Sie in Revision gehen?
In Anbetracht der stundenlangen Dauer der Tatausführung und der Kaltschnäuzigkeit, Bilder vom Sterbenden zu machen und über Whatsapp zu versenden, finde ich diese Strafe in der Tat nicht angemessen. Acht Jahre bedeutet, dass  nach zwei Dritteln der verbüßten Haft, also nach fünfeinhalb Jahren, die restliche Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden kann.
 
Abgezogen wird auch das Jahr Untersuchungshaft, er wurde bereits eine Woche nach der Tat festgenommen, dann können wir damit rechnen, dass er unter Umständen in viereinhalb Jahren wieder auf freiem Fuß ist. Und das erscheint mir sehr wenig. Von einer Revision vor dem Bundesgerichtshof habe ich meiner Mandantin dennoch abgeraten, allerdings hat der Verteidiger Revision eingelegt. 
 
Wird der Fall jetzt komplett neu aufgerollt?
Davon gehe ich nicht aus. Meistens erfolgt die Revisionsentscheidung im Beschlussweg, also schriftlich ohne Verhandlung. Das wird wahrscheinlich ungefähr ein Jahr  dauern.
 
Rückblick: Das Jahr 2020 begann für die Torgauer mit einer schlimmen Nachricht. Vom 30. zum 31. Dezember 2019 war  Werkstattbesitzer Johann S. auf seinem Firmengrundstück ums Leben gekommen. Am Neujahrstag sicherten die Ermittler den Tatort. Schnell war klar, dass es sich um ein Verbrechen handeln musste. Der inzwischen verurteilte Täter wurde am 8. Januar festgenommen. Die Ergebnisse der Verhandlung in Leipzig förderten einen verstörenden Tathergang zu Tage. Demnach schlug der inzwischen 53-jährige Tomasc G. den Torgauer erst so lange brutal zusammen, bis dieser das Bewusstsein verlor, filmte und fotografierte ihn dann, verschickte die Fotos an Freunde und legte sich anschließend schlafen, während das Opfer an den Folgen seiner Verletzungen starb. Hätte der Täter zuvor Hilfe geholt, so der rechtsmedizinische Gutachter, hätte das Opfer sehr wahrscheinlich überlebt. Der Fall wurde von August an vor dem Leipziger Schwurgericht verhandelt. Das Urteil, acht Jahre Haft, fiel nach zwölf Verhandlungstagen am 11. Oktober 2020. 
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