Montag, 8. März 2021
Donnerstag, 21. Januar 2021

HIT-Chef: "Glaube nicht, dass Unternehmen ein Corona-Herd sind"

Christian Pospiech, Geschäftsführer HITFoto: Dirk Heinze

von unserem Chefredakteur Sebastian Stöber

Torgau. Mit rund 820 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist die HIT Holzindustrie Torgau das größte Industrieunternehmen der Stadt. Wie die Firma der Corona-Herausforderung begegnet, die Mitarbeiter und damit das Geschäft schützt, erfuhr die TZ im Interview mit Geschäftsführer Christian Pospiech.

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TZ: Starten wir politisch: Aktuell wird über einen Firmen-Lockdown diskutiert. Unternehmen sollen 14 Tage den Betrieb einstellen, um auch an dieser Stelle jede Infektion auszuschließen. Was halten Sie von dieser Idee?

Christian Pospiech: Angesichts der verzweifelten Lage, in der sich die Politik befindet, kann ich diesen Vorschlag zwar aus deren Sicht nachvollziehen, halte ihn im wahren Leben aber für absolut unrealistisch. Schon jetzt stehen viele Unternehmen infolge der Corona-Maßnahmen an der Grenze des wirtschaftlich Machbaren.

Jetzt für zwei Wochen oder auch nur für einige Tage die Unternehmen zwangsweise zu schließen, würde eine Welle von Firmenpleiten auslösen. Darüber hinaus glaube ich nicht, dass die Unternehmen in Deutschland der Hauptherd für Ansteckungen innerhalb dieser Pandemie sind. Dafür sind bei uns, aber auch in den allermeisten anderen Firmen sehr umfangreiche Maßnahmen ergriffen worden. 

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hatte die Pandemie bislang auf die HIT Torgau?

Uns geht es gut. Das Unternehmen wurde in der Vergangenheit als systemrelevant eingestuft. Paletten, die wir herstellen, sind Grundlage für die gesamte Logistik: Pharma, Industrie, Lebensmittel – wir helfen, all das zu bewegen. Hinzu kommt, dass kleinere Wettbewerber weniger produziert haben. Das ganze Jahr 2020 hat uns gezeigt, wie hoch der Stellenwert der Palette ist und nach diesem, für uns tatsächlich guten Jahr, versuchen wir 2021 eine Mengensteigerung.

Wirtschaftlich steht HIT Holz zudem inzwischen auf einem äußerst stabilen Sockel. Durch den Einstieg von Deutsche Bank und Orchard Global Asset Management konnte die finanzielle Sanierung abgeschlossen werden. Alles in allem ist das ein gutes Signal für Torgau. 

Hat der Brexit Auswirkungen auf den führenden Hersteller von Euro-Paletten?

Nein. Wir haben erstens keine direkten Kunden in Großbritannien und zweitens erfüllen unsere Paletten alle Standards, die für den Handel auch mit Großbritannien wichtig sind.

Die Produktionsmenge soll wachsen, gilt das auch für den Personalbestand?

Neben der durchaus normalen Fluktuation im Bereich Produktion suchen wir weiterhin händeringend Fachpersonal. Vor allem im Bereich der technischen Instandhaltung gibt es Vakanzen.

Sie gehen davon aus, dass nicht Unternehmen die Orte für Corona-Übertragungen sind. Was macht Sie da so sicher?

Ich bin mir deshalb so sicher, weil alle Maßnahmen zur Vorbeugung eines Ausbruchs in einem Unternehmen eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit sind. Wenn Sie so wollen, ist es purer Egoismus. Denn das Schlimmste was uns passieren kann, ist doch, dass sich Mitarbeiter infizieren und wir daraufhin ganze Bereiche oder sogar das Unternehmen schließen müssten.

Wir arbeiten so weit integriert, dass schon der Ausfall einer einzelnen Schicht gravierende Auswirkungen auf den gesamten Ablauf hätte. Es gibt auch einen gesellschaftlichen Aspekt. Wenn die Firma in Schieflage gerät, geraten auch Arbeitsplätze in Gefahr. Hier sind wir als Unternehmen in der Verantwortung – genauso, wie beim Schutz der Gesundheit unserer Mitarbeiter.

Wie sehen die Corona-Maßnahmen in Ihrem Unternehmen konkret aus?

Unser Konzept ist seit November in Kraft und wird immer wieder an die sich ändernden Verordnungen angepasst. Einige Vorgaben hatten wir bereits eingeführt, bevor sie durch die Ämter formuliert wurden. Innerhalb der Personalabteilung ist eine Mitarbeiterin komplett für das Corona-Management freigestellt. Sie ist quasi unser Mini-Gesundheitsamt. Sie arbeitet sehr eng mit dem Gesundheitsamt Nordsachsen zusammenarbeitet.

Ebenso kooperieren wir eng mit einer Arztpraxis in Torgau und einem Labor in Leipzig. Denn die Verschärfung der Quarantäne-Vorschriften für Grenz-Pendler hat sehr konkrete Auswirkungen auf uns. Ein Teil unserer Mitarbeiter kommt aus Polen und wird nun vor Arbeitsantritt getestet. Nur wer negativ ist, darf arbeiten.  (Lesen Sie dazu auch das Statement von HIT Holz-Personalchefin Anja Escher am Ende des Beitrags)

Wie stecken die Mitarbeiter die gegenwärtige Situation weg?

Ganz gut. In der Produktion gibt es kaum Einschränkungen. Durch die Weitläufigkeit der Hallen, die gute Belüftung und die Tatsache, dass zwischen den einzelnen Arbeitsplätzen mindestens zwei Meter liegen, muss während der Arbeit keine Maske getragen werden. Überall da, wo Mitarbeiter aufeinandertreffen besteht wiederum Maskenpflicht, z. B. in Gängen oder an den Zeiterfassungsterminals.

Für die externen Lkw-Fahrer, für die wir einen Extra-Wartebereich geschaffen haben, ist es schon eine Zusatzbelastung und für die Kolleginnen und Kollegen, die im Homeoffice oft noch einen Teil der Familie zu betreuen haben, geht es in manchen Fällen schon an die Belastungsgrenze. Für ihr Engagement bin ich sehr dankbar. Positiv zu bemerken ist, dass sich die gesamte Organisation inzwischen ans digitale Arbeiten gewöhnt hat und wir dadurch teilweise sogar effizienter geworden sind.

Gab es bereits Corona-Fälle im Unternehmen?

Wir haben uns auch hier für einen progressiven Ansatz entschieden. Als im letzten Jahr die Fallzahl in einem regionalen Geflügel-Unternehmen etwas erhöht war, haben wir unsere Belegschaft ebenfalls testen lassen. Damals gab es bei uns nur einen einzigen Fall. Auch jetzt fallen immer wieder vereinzelt Mitarbeiter wegen Corona aus – weil sie in Quarantäne müssen oder sich infiziert haben.

Wir gehen aber davon aus, dass die Ansteckungen alle außerhalb von HIT Holz erfolgt sind. Ich befürchte, dass im privaten Bereich sorgloser mit dem Thema umgegangen wird, als wir das im beruflichen Umfeld einfordern und es auch umgesetzt wird. Es gibt immer noch einige, die den Ernst der Lage nicht erkennen. Sicher gibt es Mitarbeiter, die infiziert waren und nichts gemerkt haben. Wir haben leider aber auch Mitarbeiter, die mit ernsten Krankheitsverläufen zu kämpfen haben.

 

Anja Escher, HIT-Personalchefin, ?fasst die Corona-Maßnahmen im Unternehmen zusammen:

Es herrscht Maskenpflicht überall, wo der Abstand von 1,50 Metern nicht eingehalten werden kann. Die Bedingungen in der Produktion lassen Arbeit ohne Masken zu: Alle Arbeitsplätze liegen mehr als zwei Meter auseinander, die Hallen sind groß, sehr gut belüftet und in der Regel ohnehin offen.

Bei Wegen vom und zum Arbeitsplatz herrscht wiederum generelle Maskenpflicht.Die Reinigungszyklen wurden verkürzt, zahlreiche Desinfektionsspender aufgestellt. Für Pausenräume wurden maximale Belegungszahlen sowie eine Maskenpflicht festgelegt, in einigen Fällen wurden sie ganz geschlossen. Pausen wurden darüber hinaus so verlegt, dass es weniger Überschneidungen gibt.

Auch in den Produktionsbereichen wird darauf geachtet, dass sich Kollegen beim Schicht-Ende bzw. -Beginn möglichst wenig begegnen. Für externe Lkw-Fahrer sind gesonderte Wartebereiche eingerichtet worden. Mit Plexiglasscheiben sind die Büroarbeitsplätze geschützt; wo es möglich und sinnvoll ist, wird von zu Hause gearbeitet. Grenz-Pendler werden vor Antritt der Arbeit einem Corona-Test unterzogen.

 

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