Montag, 21. Juni 2021
Freitag, 22. Januar 2021

"Wir müssen in der Praxis umsetzen, was in der Theorie funktionieren soll"

Bürgermeister Holger Reinboth. Foto: TZ-Archiv

von unserem Redakteur Nico Wendt

Arzberg. Im großen Bürgermeister-Interview spricht das Arzberger Oberhaupt Holger Reinboth über ein außergewöhnliches Jahr 2020. 

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Im großen Bürgermeister-Interview spricht das Arzberger Oberhaupt Holger Reinboth über ein außergewöhnliches Jahr 2020, über die Corona-Krise und deren Begleiterscheinungen sowie über Bauvorhaben und ehrgeizige Pläne. 

Herr Reinboth, mit welchen Gefühlen blicken Sie auf 2020 zurück? 

Es war kein normales Jahr, in dem man sich auf die kommunalen Schwerpunkte konzentrieren konnte. Seit Mitte März ging es nur noch um Corona, um Ursachen und Bewältigung der Pandemie. Das reichte von allgemeinen Informationen an die Bevölkerung bis hin zur Umsetzung von Maßnahmen, die uns der Freistaat immer wieder auferlegte. Am meisten beschäftigten uns die Kindereinrichtungen. Hygiene, Notbetreuung, Systemrelevanz: Es gab ständig neue Herausforderungen. Aber ich denke, wir haben alles sehr gut hinbekommen, was Hygiene, Abstand und Betreuung betrifft. Bislang trat weder in der Kita noch in der Grundschule ein positiver Corona-Fall auf. 

Wie viele Kinder nehmen aktuell die Notbetreuung in Anspruch? 

In der Kita sind es etwa 40 Kinder, in der Grundschule 13. Wir haben in der Region viele Eltern, die in der Landwirtschaft oder in der Pflege arbeiten und kein Homeoffice nutzen können. Der Freistaat hatte bei der Notbetreuung auf 28 Prozent orientiert, wir liegen also mit etwa 35 Prozent leicht darüber. 

Wie sind sonst die Kinderzahlen in den Arzberger Einrichtungen? 

Normalerweise besuchen 62 Mädchen und Jungen die Grundschule, im Hort sind 53 gemeldet, in der Krippe und in der Kita 60.

Blicken wir auf Corona zurück. Wie schlimm ist denn das Krankheits-geschehen in der Gemeinde? 

Wir hatten im Frühjahr fast keine Infizierten. Da hieß es schon spaßhaft: Das Virus traut sich nicht über die Elbe oder über die Landesgrenze. Davon können wir seit November nicht mehr reden. Wir hatten in dieser zweiten Welle rund 60 positiv Getestete, die meisten sind aber wieder genesen. Wir bekommen ja jeden Tag die Zahlen. Todesfälle sind mir nicht bekannt. 

Wie ordnen Sie die Statistik ein? Ist die Gemeinde stärker oder schwächer betroffen? 

Ich gebe auf die Zahlen nicht ganz so viel, weil sie manchmal wenig glaubhaft sind. Manchmal werden Meldungen erst Tage später nachgereicht, dann springt der Inzidenzwert plötzlich nach oben oder er sinkt überraschend. Auf jeden Fall gilt Arzberg nicht als Hotspot. Da kommt uns zugute, dass wir keine Pflegeheime haben, die offensichtlich stark betroffen sind, oder andere Örtlichkeiten, in denen sich viele Menschen täglich treffen. Die Vereinsarbeit ruht, das O-M-A-Haus bietet keine Veranstaltungen an und im Einkaufsmarkt gelten strenge Hygiene-Vorschriften. 

Bekommen Sie als Bürgermeister nicht oft den Frust der Einwohner zu spüren, wenn Regeln und Einschränkungen immer schärfer und strenger werden? 

Natürlich gibt es Anfragen an den Bürgermeister und man spürt teilweise die Emotionen. Zum Beispiel, als es um Feuerwerk zu Silvester ging oder um die Rückerstattung von Elternbeiträgen. Manche Leute reagierten ziemlich ungehalten. Man kann dann nur ruhig bleiben und alles sachlich erklären. Schließlich haben wir uns die Vorschriften nicht ausgedacht, sondern sie kommen vom Freistaat. Wir an der Basis müssen  täglich versuchen, diese umzusetzen und das ist teilweise eine echte Herausforderung. Es sind ja auch viele Widersprüche dabei. In der Kita arbeiten zwölf Erzieherinnen zusammen, zu Hause darf man nur einen weiteren Hausstand empfangen. Aber irgendwo muss der Staat ansetzen. 

Fühlen Sie sich auf Gemeinde-Ebene gut informiert?

Unter Bürgermeistern und Landrat funktioniert die Kommunikation sehr gut. Wir erhalten alle Informationen zeitnah, bekommen rasch Antworten auf Fragen. Auch vom Sächsischen Städte- und Gemeindetag fühle ich mich gut informiert. Ich würde einschätzen, dass die Kommunikation in Nordsachsen mit den 30 Gemeinden besser klappt als anderswo. 

Nun gab es aber auch Kritik Ihrer Kollegen, dass sie sich mit den ständigen Anordnungen des Freistaates oft allein gelassen fühlen und es ausbaden müssen? 

Ich denke ebenfalls so. Wir müssen auf unterster Ebene das in der Praxis genauso umsetzen, wie es in der Theorie funktionieren soll. Das geht nicht immer 1:1. Wir sind eine ländliche Region. Ob Mundschutz in Einkaufsstraßen und auf öffentlichen Plätzen usw. Wir können mit 18 Ortsteilen auch nicht alles kontrollieren. 

Gutes Stichwort: Wie setzen Sie denn die Ausgangsbeschränkung ab 22 Uhr durch?

Es gibt Streifenfahrten der Polizei. Aber wie gesagt: Wir wollen die Einwohner nicht 24 Stunden am Tag kontrollieren. Wichtig ist die Einsicht und das Verständnis der Bevölkerung, dass es um die Bekämpfung der Pandemie geht. Da müssen alle mithelfen. Derzeit wird den Menschen in ganz Deutschland sehr viel zugemutet. Es ist ein schmaler Spagat bezogen auf die Gemütslage. Man kann nur hoffen, dass sich der Erfolg einstellt, wenn wir das jetzt vier Wochen streng durchziehen. 

Rechnen Sie mit schlimmen wirtschaftlichen Folgen in der Gemeinde?

Unser Vorteil ist in dem Fall, dass wir mit dem Lehr- und Versuchsgut Köllitsch, dem Landwirtschaftsbetrieb Oberhoff mit der Anlage in Packisch und mit der Agrargenossenschaft Arzberg drei stabile Arbeitgeber haben und sonst keine Industrie. Ein Großteil der vielen Solo-Selbstständigen und Kleinstunternehmen hat im Bereich Handwerk sogar derzeit eine gute Auftragslage. Natürlich werden auch für uns Steuerausfälle in den nächsten Jahren prognostiziert. Ich hoffe aber, dass diese im Rahmen bleiben und dass der Freistaat hilft, diese Einbußen abzufangen. Bei unserem kleinen 2,5 Millionen-Haushalt zählt jeder Euro. Wir werden jedenfalls keine Steuern erhöhen, weder Gewerbesteuern, Hundesteuern noch Grundsteuern. Wir wollen nicht noch mehr auf die Bürger abwälzen.

Wie sieht es mit Baumaßnahmen in diesem Jahr aus? 

Wir möchten drei LEADER-Projekte umsetzen: die Sanierung der Kegelbahn in Triestewitz mit rund 70 000 Euro Fördermitteln. Des Weiteren die Sanierung der Arzberger Verkaufsstelle und Erneuerung von Dach, Fenster, Türen im O-M-A-Haus 2 in der Pfarrstraße. Beide Maßnahmen kosten jeweils rund 150 000 Euro und werden zu 75 Prozent gefördert. Wir warten noch auf die Bewilligung. Sollte es Zuschüsse für Straßenbau geben, wollen wir gerne Straßen in Heidehäuser und Piestel instand setzen. Auch in Arzberg wollen wir drei kleinere Straßen sanieren. 

Wie geht es mit der Huckelpiste Staatsstraße S 25 weiter? 

Das Landesamt für Straßenbau und Verkehr Sachsen will in den nächsten zwei Jahren die Ortsdurchfahrten Packisch und Stehla ausbauen. Dazu finden derzeit Baugrunduntersuchungen statt. Letzter Abschnitt wäre die Strecke Packisch–Kaucklitz, sodass 2025 alles fertig ist. 

Welche Investitionen plant die Gemeinde noch? 

Sehr wichtig ist, unsere drei Wehren einsatzbereit zu halten – auch wenn Ausbildung und Qualifizierungen derzeit nur eingeschränkt möglich sind. Wir haben letztes Jahr in Löschbrunnen, Bekleidung und Ausrüstung bis hin zum Atemschutz investiert. Dazu gab es die Neuanschaffung eines Mannschaftstransportwagen (MTW) im Dezember. Solche Investitionen wollen wir 2021 fortsetzen. Wir haben in der Region viele Waldgebiete, die Bundesstraße, landwirtschaftliche Einrichtungen, Felder und stehen damit vor besonderen Herausforderungen. Stolz sind wir auf die 16-köpfige Jugendwehr unter Leitung von Tanja Grabein. 

Was macht der Breitbandausbau? 

Die Bodenarbeiten sind soweit durch. Die Telekom will jetzt mit allen Hauseigentümern Termine vereinbaren. Ich hoffe, dass bis Jahresmitte das schnelle Internet abrufbar ist. Damit können dann auch Schulkinder die digitalen Vorzüge zu Hause in Anspruch nehmen und es sind große Möglichkeiten für Homeoffice geboten. Vielleicht kann der eine oder andere, der in Leipzig arbeitet, die Büroarbeit dann künftig zu Hause erledigen. 

Wie hat sich die Einwohnerzahl entwickelt? Können Sie Bauplätze in der Gemeinde anbieten? 

Mit 1899 Einwohnern zum 31. Dezember blieb die Zahl fast konstant. Eigenheimstandorte haben wir nicht. Aber wir können auf die Wohnblöcke in Triestewitz verweisen und freuen uns, wenn gerade junge Familien zuziehen. Das ist auch für die Entwicklung der Schule immens wichtig. Wir benötigen wieder insgesamt 60 Grundschüler für das neue Schuljahr und sind derzeit gerade so an der Grenze. Interessant dürfte sein, dass Arzberg eine Inklusionsschule besitzt für benachteiligte Kinder. Davon gibt es nur 16 in Sachsen, zwei im Landkreis. Das können Eltern gerne auch aus anderen Schulbezirken in Anspruch nehmen. Es handelt sich um ein sächsisches Modellprojekt.


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